A. F. Isaacman u.a.: Dams, Displacement and the Delusion of Development

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Titel
Dams, Displacement, and the Delusion of Development. Cahora Bassa and Its Legacies in Mozambique, 1965–2007


Autor(en)
Isaacman, Allen F.; Isaacman, Barbara S.
Erschienen
Umfang
324 S.
Preis
€ 26,91
Rezensiert für H-Soz-Kult
Julia Tischler, IGK "Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive", Humboldt-Universität zu Berlin

Viele der rund 50.000 Großstaudämme, die im letzten Jahrhundert im Namen von Wirtschaftswachstum und Modernisierung gebaut wurden[1], belegen, dass Staudämme keine „unschuldigen“ Entwicklungsmaßnahmen sind. Vielmehr ziehen derartige Großprojekte meist schwerwiegende soziale und ökologische Folgen nach sich. Der trotz alledem fortdauernden Staudamm-Euphorie setzen Allen und Barbara Isaacman eine „alternative Geschichte“ (S. 7) des Cahora Bassa Damms, dem wohl bekanntesten Entwicklungsprojekt Mosambiks, entgegen. In der Monographie sollen diejenigen zu Gehör kommen, die für den vermeintlichen Fortschritt bezahlten – ausgebeutete Arbeiter, zwangsumgesiedelte Bewohner des Zambezi-Flusstals sowie Fischer- und Bauernfamilien stromabwärts, deren Lebensweise enorm beeinträchtigt wurde. Dieses Beispiel für eine „engagierte Wissenschaft“ (S. 187) beruht auf Archivstudien in Mosambik und Portugal sowie einer beeindruckenden Oral History-Forschung mit über 300, größtenteils von den Autoren und ihren Forschungsteams selbst geführten Interviews.

Das Cahora-Bassa-Projekt ist ein besonders extremes Beispiel für die ohnehin nicht gerade ruhmreiche „Staudamm-Revolution“ (S. 7), die den afrikanischen Kontinent während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfasste. In den 1970er-Jahren, der Endphase der portugiesischen Kolonialzeit, vor dem Hintergrund wachsender Sicherheitsprobleme und knapper Finanzen errichtet, entwickelte sich der Staudamm rasch zu einem „single-purpose hydroelectric scheme“ (S. 64). War Cahora Bassa ursprünglich als Teil eines weitaus umfassenderen Modernisierungsprogramms vorgesehen worden, so diente er später ausschließlich dazu, billigen Strom für den Apartheidstaat Südafrika, den Nachbarn und Verbündeten des kolonialen Mosambiks, zu produzieren. Das Projekt wurde von der Widerstandspartei Frelimo (Frente de Libertação de Moçambique) und anderen anti-kolonialen Gruppen scharf kritisiert. Nach Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1975 jedoch taten sich die neuen Machthaber der Frelimo alles andere als schwer damit, Cahora Bassa in ihre sozialistischen und später neoliberalen Modernisierungsprogramme zu einzubinden.

Die sieben Kapitel des Buches laufen auf drei Hauptargumente hinaus. Erstens habe das Projekt schwere ökologische, wirtschaftliche und soziale „Traumata“ (S. 4) für die Bewohner des Flusstals mit sich gebracht und war, zweitens, von extremer physischer und epistemischer Gewalt gekennzeichnet. Drittens betonen die Autoren die Kontinuitäten zwischen der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen – oder „neokolonialen“ (S. 6) – Gegenwart. Im Anschluss an das erste einleitende Kapitel wird der Untersuchungszeitraum von 1965 bis 2007 in der langen Geschichte der Entwicklungsplanungen im Flusstal kontextualisiert. Während stereotype Erzählungen vom „wilden“, „gefährlichen“ und „unproduktiven“ Zambezi schon für das 16. Jahrhundert nachzuweisen sind, zeichnen lokale Erinnerungen an die Zeit vor Cahora Bassa ein völlig anderes Bild. Obwohl einige Bewohner des Flusstals auch auf seine zerstörerische Seite und unberechenbaren Fluten verwiesen, wurde der ursprüngliche Zambezi vor allem als eine Quelle des Lebens erinnert. Anhand einer überzeugenden Verflechtung von Umwelt- und Sozialgeschichte skizzieren die Autoren im letzten Teil des Kapitels die an das Ökosystem des Flusses angepasste sozio-ökonomische Organisation der Bauern- und Fischergemeinschaften. Das dritte Kapitel widmet sich den Bauarbeiten für den Staudamm. Im streng hierarchischen und diskriminierenden Bauprozess waren Arbeits- und Lebensbedingungen ebenso wie Aufgaben und Entlohnung maßgeblich von der Hautfarbe des jeweiligen Arbeiters abhängig. Während die vor allem aus Europa eingeflogenen Fachkräfte mit hohen Löhnen und komfortabelsten Bedingungen bei Laune gehalten wurden, unterlag die afrikanische Arbeiterschaft einem von Zwang und Ausbeutung gekennzeichneten Arbeitsregime.

Zwangsumsiedlungen sind eine Schattenseite fast aller großen Staudammprojekte; im Falle von Cahora Bassa waren sie jedoch, wie das vierte Kapitel herausstellt, von einem besonders hohen Ausmaß an Gewalt gekennzeichnet. Als Teil einer umfassenderen staatlichen Strategie zur Aufstandsbekämpfung wurden Männer und Frauen in mit Stacheldraht umgebene Lager (aldeamentos) gepfercht, wo sie unter dauerhafter Überwachung standen und unter Hunger und Krankheiten litten. Zudem wurde das Flusstal zur Kriegszone, in der die Frelimo-Guerillas und Truppen der Kolonialmacht erbitterte Kämpfe ausfochten. In der Nachkolonialzeit wiederum versuchte die reaktionäre Renamo-Bewegung (Resistência Nacional Moçambicana), die Region durch gewaltsame Eingriffe zu destabilisieren. Im fünften Kapitel wenden sich die Autoren den stromabwärts liegenden Gebieten zu. Durch das radikal veränderte Fließregime geriet die komplexe sozial-ökologische Organisation der am Zambezi lebenden Gemeinschaften unter Druck. Etablierte Praktiken in Landwirtschaft und Fischerei waren nicht länger tragfähig, wodurch die Ernährungssicherheit, Gesundheit, sozialen Institutionen und kulturellen Repertoires der ansässigen Familien unterminiert wurden. Cahora Bassa schadete überdies nicht nur den Bewohnern des Zambezi-Flusstals, wie im siebten Kapitel erläutert wird. Insgesamt zogen die Einwohner Mosambiks keinerlei Vorteile aus dem Projekt; vom produzierten Strom profitierten stattdessen südafrikanische Konsumenten und der portugiesische Staat als Haupteigentümer der Anlage. Erst 2007 gelang es dem mosambikanischen Staat, der ehemaligen Kolonialmacht Portugal wesentliche Anteile an Cahora Bassa abzukaufen. Trotz dieses Zugewinns an „Ressourcensouveränität“ (S. 166) stimmt auch das letzte Kapitel nicht optimistisch. So verweisen die gegenwärtigen Planungen zum Bau eines zweiten Staudamms weiter flussabwärts auf ernüchternde Parallelen zwischen kolonialen und postkolonialen Entwicklungsplanungen, da letztere abermals zu Lasten der verarmten Landbevölkerung und des Zambezi-Ökosystems zu gehen drohen.

Ihr erklärtes Ziel, die Perspektive der Marginalisierten in den Vordergrund zu stellen, lösen Allen und Barbara Isaacman durch umfassende Forschungsarbeit, genaue Analysen und überzeugende Argumente ein. Die starke Verpflichtung gegenüber dieser Perspektive ist jedoch gleichzeitig die größte Einschränkung der Studie. So wird das Leid der betroffenen Gemeinschaften detailliert und im Hinblick auf Geschlecht und Alter differenziert beschrieben, wogegen die Auseinandersetzung mit anderen Akteuren zuweilen etwas holzschnittartig erscheint. Ohne das Leid der Bevölkerung relativieren zu wollen, so lässt sich die fortdauernde Macht der Entwicklungsidee doch kaum erklären, ohne einen Blick auf ambivalente Grauzonen zu werfen – den Verhandlungsraum zwischen den „modernisierenden Tätern“ einerseits und ihren Opfern andererseits, wie etwa nicht übereinstimmende Experten, fürsorglich-paternalistische Kolonialbeamte oder betroffene Kleinbauern, die dem Projekt einen Nutzen für sich selbst abzuringen versuchten. Ungeachtet dessen ist das Buch herausragend in der Art und Weise, wie lokale Perspektiven rekonstruiert und Lücken des Archivs überwunden werden. Ebenso beeindruckend ist die kenntnisreiche Einbindung umwelthistorischer Aspekte in den vor allem sozialgeschichtlich ausgerichteten Analysen. Die Monographie wird sicherlich rasch zum Standardwerk in der kritischen Staudamm- und Entwicklungsliteratur avancieren und verdient eine breite Leserschaft – auch und vor allem über die Wissenschaft hinaus.

An English version of this review appears in the African Studies Quarterly, published by the Center for African Studies, University of Florida (Copyright © 2014 by the University of Florida Board of Trustees, a public corporation of the State of Florida, USA). Permission is granted for individuals to download ASQ articles for their own personal use. For permission for all other uses, please write the ASQ at <africanstudiesquarterly@gmail.com>.

Anmerkung:
[1] Vgl. <http://www.internationalrivers.org/problems-with-big-dams> (24.01.2014).

Zitation
Julia Tischler: Rezension zu: Isaacman, Allen F.; Isaacman, Barbara S.: Dams, Displacement, and the Delusion of Development. Cahora Bassa and Its Legacies in Mozambique, 1965–2007. Athens 2013, in: H-Soz-Kult, 11.02.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21093>.