S. Peters (Hg.): Das Forschen aller

Titel
Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft


Hrsg. v.
Peters, Sibylle
Umfang
200 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Katrin Klitzke, HafenCity University Hamburg

Für den vorliegenden Sammelband war die Tagung „Tanz und Theorie“, die 2011 in den Berliner Uferstudios stattfand, impulsgebend. Die Herausgeberin Sibylle Peters nahm die kontroversen Diskussionen, die in dem von ihr moderierten Panel zu „artistic research“ stattfanden, zum Anlass die Möglichkeiten der Teilhabe von Nicht-Künstler/innen und Nicht-Wissenschaftler/innen an (künstlerischen) Forschungsprozessen zu reflektieren. Die Kritik, die im Rahmen der Tagung formuliert wurde und die Peters im Vorwort knapp zusammenfasst, hat sich demnach weniger auf methodische und epistemische Fragen konzentriert als vielmehr auf den Vorwurf, künstlerische Forschung habe sich im Kontext diskursiver und ökonomischer Entwicklungen zu einer „Kunst ohne Publikum“ entwickelt (S. 11). Die Herausgeberin hat nun Beiträge zusammengebracht, die unter dem Titel „Das Forschen aller“ als „Gegenbeweis“ zu dieser Kritik gelesen und diskutiert werden sollen (S. 11). Auch der institutionelle Hintergrund der Herausgeberin ist für die Zusammenstellung des Bands ausschlaggebend: Sie ist in der Leitung des Hamburger FUNDUS THEATERs und im Graduiertenkolleg „Versammlung und Teilhabe. Urbane Öffentlichkeiten und performative Künste“ an der HafenCity Universität Hamburg tätig. Es sollen also auch Erkenntnisse und Diskussionen des Kollegs vorgestellt sowie der Versuch unternommen werden, Fragen von Versammlung und Teilhabe zu systematisieren (S. 18). Daher versammelt die Publikation vorwiegend Autor/innen, die aus dem Umfeld dieser Institutionen stammen und viele von ihnen sind sowohl im akademischen Bereich als auch forschend in den performativen Künsten tätig.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die den Titel aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: grundlegende Fragen, Projekte, Kritik. Zunächst stellt die Herausgeberin jedoch in einem Vorwort ein kollektiv verfasstes Thesenpapier zu künstlerischer Forschung vor und skizziert anschließend knapp ihr darauf basierendes Verständnis von „artistic research“. Als Ausgangspunkt dient Bruno Latours Text „From the World of Science to the World of Research“[1] und die daran anschließende Beobachtung, dass sich eine kategoriale und institutionelle Trennung zwischen Forschung und Anwendung vor allem als Hindernis von Forschung offenbart (S. 11f.). Peters Leitfragen sind daher: „Doch wie lässt sich ein neues, demokratisches Verständnis von Forschung erarbeiten? Wie können wir Forschungsprozesse initiieren, an denen potentiell – je nach Forschungsfrage, Feld der Untersuchung und Art des Problems – alle Mitglieder der Gesellschaft beteiligt sind?“ (S. 12).

Den Auftakt des Bandes machen dann drei Beiträge, die unter der Überschrift „Forschung zwischen Kunst und Wissenschaft – Annäherungen und Dialoge“ zusammengestellt sind. Die Künstler/innen Victoria Pérez, José A. Sánchez und Cristina Blanco schlagen in ihrem dialogisch verfassten Text vor, statt künstlerische Forschung mittels rigider Definitionen erfassen zu wollen, sie vielmehr entlang von drei miteinander verbundenen Schlüsselbegriffen zu charakterisieren: „Problem“, „Subjektivität“ und „Imagination“ (S. 30). Gegen Ende ihrer Diskussion kommen sie auf die Frage nach dem „Wie“ künstlerischer Forschung zu sprechen und reflektieren Unterschiede im Gebrauch von Methoden, Verfahren und „tools“. Für die künstlerische Forschung schlagen sie eine offene und erweiterbare „toolbox“ vor, in die unterschiedliche Künstler/innen ihre Praktiken (tools) einspeisen und damit für andere verfügbar machen (S. 39f.). Offen bleibt allerdings, inwiefern dann Fragen epistemischer Macht berührt und zur Diskussion gestellt werden können. Dies wird im zweiten Beitrag mit der Frage „Wer erforscht wen?“ aufgegriffen, die die Kulturtheoretikerin Gesa Ziemer im Dialog mit der Kulturanthropologin/Volkskundlerin Inga Reimers verhandelt. Beide diskutieren vor dem Hintergrund ihrer Forschungsprojekte methodische Herausforderungen und Effekte von Machtpositionen im Forschungsprozess. Gabriele Brandstetter fordert in ihrem sehr lesenswerten Text „On research. Forschung in Kunst und Wissenschaft – Herausforderungen an Diskurse und Systeme des Wissens“, „artistic research“ als „eine erprobende, ergebnisoffene Grundlagenwissenschaft herauszubilden“ (S. 66), und koppelt dies an eine Kritik aktueller Umstrukturierungen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik.

Der zweite Abschnitt ist übertitelt mit „Das Forschen aller – Projekte und Analysen“. Hier stellen Autor/innen ihre künstlerischen Forschungsprojekte zur kritischen Diskussion und liefern aufschlussreiche Analysen ihrer Erfahrungen. Sibylle Peters vollzieht am Beispiel der Kinderbank Hamburg den Prozess nach, wie von heterogenen Akteur/innen Fragen generiert und Erkenntnis gewonnen wird. In einem zweiten Beitrag verhandelt sie Aspekte der Versammlung und das Potential der szenischen Künste für die „Forschung aller“. Die Dramaturgin Elise von Bernstorff analysiert unter Rückgriff auf Benjamins „Programm eines proletarischen Kindertheaters“[2] und Rancières Essay „Der unwissende Lehrmeister“[3] das Projekt „ABC für Aussteiger“. Sie identifiziert sieben plausible Aspekte des pädagogischen Verhältnisses und macht diese für das „Undisziplinierte im Transdisziplinären“ fruchtbar. Zoe Laughlin fragt nach der wechselseitigen Beziehung zwischen Material und Objekt und diskutiert inspiriert von Bourriads „relational aesthetics“[4] die Idee eines Material-Objekt-Kontinuums. Zentrale Verhandlungsgegenstände sind das Projekt „Materials Library“ und die „Löffelforschung“ am Londoner Design Museum. Ole Frahm unternimmt eine analytische Beschreibung der Arbeit der Performance-, Kunst- und Radiogruppe LIGNA (1995–2002), der er selbst angehörte. Daniel Ladnar und Esther Pilkington (random people) fragen anhand ihres Projektes „Live Art Live Blog“ nach den Beziehungen, die diverse Öffentlichkeiten im Kontext der Performancekunst entwickeln (S. 180). Sie knüpfen damit an den Diskurs um liveness in der Performancekunst an und bereichern diesen um den Begriff „account“, den sie inspiriert von Butler und Cavarero verwenden.[5]

Im abschließenden dritten Bereich „Kritik der künstlerischen Forschung“ reflektiert Heike Roms auf der Grundlage ihres Wissens zur politischen Lage der britischen Universitätslandschaft die Möglichkeiten künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung, die sich zunehmend im Spannungsfeld zwischen „excellence“ und „impact-Debatte“ befindet (S. 213). Tom Holert wirft die Frage auf, warum „Kunst als Wissensproduktion behauptet werden kann und warum diese Behauptung strategisch sinnvoll ist“ (S. 233) und fordert unter Rückgriff auf Marx[6] und eine konstruktiv-kritische Sichtweise auf Machlup [7] dazu auf, Wissensproduktion in ihrer „politisch-ökonomischen Tragweite“ und ihren „Subjektivierungseffekten“ zu begreifen (S. 236). Ulrike Bergermann kritisiert – passagenweise sehr humorvoll – das Leitmotiv des Bandes und zieht den naheliegenden Schluss, wenn alle forschen, forscht keiner“ (S. 245). Dennoch nimmt sie die Programmatik des Bandes ernst und formuliert eine fundierte Kritik entlang eines Verständnisses von Forschung als Produktionsweise: „Alle als Forschende zu begreifen, kann auch heißen: alle potentiell unter Produktionsverhältnissen zu betrachten.“ (S. 253).

Kurzum: Der „Gegenbeweis“, den die Herausgeberin anstrebt, ist mit dieser Versammlung anregender Beiträge sicherlich gelungen. Doch scheint mir diese Konstruktion für Leser/innen nur mühsam nachvollziehbar. Zudem werden im einleitenden Thesenpapier wie auch im Titel mehrere Konzepte („das Forschen aller“, artistic research, Wissensproduktion) etwas schnell verknüpft. Doch genau diese Verbindung hätte einleitend tiefergehend diskutiert werden sollen, als es das schlaglichtartig verfasste Vorwort vermag. So hätte ich mir eine dezidiert historische Perspektive gewünscht, nicht um eine Chronologie des Diskurses herzustellen, sondern um der Genealogie der Leitfrage nach dem „neuen, demokratischen Verständnis von Forschung“ (S. 12) im Sinne Foucaults schon zu Beginn des Bandes auf die Spur zu kommen. Diese historischen Einbettungen erfolgen in den einzelnen Beiträgen jeweils fallspezifisch, wodurch die Leitidee des Buches seine Fundierung und/oder plausible Kritik erhält. Daher ein praktischer Vorschlag an ungeduldige Leser/innen: Das Buch von hinten nach vorne lesen.

Anmerkungen:
[1] Bruno Latour, From the World of Science to the World of Research, in: Science, Vol. 280 no. 5361 (1998) S. 208–209.
[2] Walter Benjamin, Programm eines proletarischen Kindertheaters, in: Gesammelte Schriften, Band II.2., hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1999, S. 763–769.
[3] Jacques Rancière, Der unwissende Lehrmeister, Wien 2009.
[4] Nicolas Bourriaud, Relational Aesthetics, Dijon 2002.
[5] Judith Butler, Giving an Account of Oneself, New York 2005; Adriana Cavarero, Relating Narratives. Storytelling and Selfhood, London 2000.
[6] MEW Bd. 42, S. 602.
[7] Fritz Machlup, Knowledge: Its Creation, Distribution, and Economic Significance, Volume 1: Knowledge and Knowledge Production, Princeton 1980, S. xvi–xvii.

Zitation
Katrin Klitzke: Rezension zu: Peters, Sibylle (Hrsg.): Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Bielefeld 2013, in: H-Soz-Kult, 29.10.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21165>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.10.2013
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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