H. Miard-Delacroix: Willy Brandt

Cover
Titel
Willy Brandt.


Autor(en)
Miard-Delacroix, Hélène
Erschienen
Paris 2013: Fayard
Umfang
312 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Bernd Rother, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung

Zu seinem 100. Geburtstag hatte Willy Brandt Konjunktur. 23 neue Bücher über ihn, außerdem neun Wiederauflagen, mehrere CDs mit Reden, Theaterstücke, Dokumentarfilme, Themenausgaben von Zeitschriften und auch eine erneute Sonderbriefmarke tragen den Ruhm des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers in die letzte Ecke der Republik. Hélène Miard-Delacroix, Professorin für deutsche Zeitgeschichte an der Sorbonne, steuert die erste französische Biographie des Nobelpreisträgers bei. Willy Brandt ist in Frankreich bekannt, aber Genaueres über seinen Werdegang bisher doch eher Wissen von wenigen Spezialisten gewesen.

Miard-Delacroix nimmt das ganze Leben Willy Brandts in den Blick, nicht nur (wenn auch weit überwiegend) seine Politik, sondern in gebührendem Maße auch Privates. Sie berücksichtigt zuverlässig alle bedeutsamen Daten und Ereignisse. Ihr Werk ist unterteilt in sieben Abschnitte: Jugend in Lübeck und Exilzeit, Berlin, Kanzlerkandidatur und Große Koalition, Kanzler der Ostpolitik, Innere Reformen, Nach der Regierung und schließlich die Deutsche Einheit. Vorrangig geht es ihr darum, Willy Brandt einem französischen Publikum vorzustellen, weniger um einen innovativen Beitrag zur Brandt-Forschung, obwohl es auch solche Passagen gibt.

Die wichtigsten Lebensstationen entlang des Buches hier zu rekapitulieren, dürfte sich angesichts der Bekanntheit Brandts und der umfangreichen medialen Resonanz auf den 100. Geburtstag vor einigen Wochen erübrigen. Ich will mich auf die Aspekte beschränken, in denen sich die Darstellung von Miard-Delacroix von anderen Brandt-Biographien unterscheidet, was natürlich besonders für den ausgeprägten Bezug zu Frankreich zutrifft. Der Blick von außen ist eine der Stärken des Buches. Französische, aber auch andere ausländische Stimmen werden immer wieder zitiert.

Die Exiljahre sind aus der Sicht von Miard-Delacroix die Grundlage der weiteren politischen Karriere Willy Brandts. Darin stimmt sie mit der großen Mehrheit der anderen Brandt-Biographen überein. In einem Punkt urteilt sie deutlich schärfer: dass seine endgültige Wende zum Antikommunismus erst 1948 unter dem Eindruck des Prager Putschs kommt, beweise einige Naivität. Habe Brandt denn nach den Erfahrungen in Barcelona 1937 wirklich etwas anderes von den Kommunisten erwartet? Aber nun ist er eins mit der überwältigenden Mehrheit der Westberliner, die durch die sowjetische Blockade innerhalb weniger Tage von Mitverantwortlichen der Nazi-Verbrechen zu Opfern der kommunistischen Aggression werden. Dennoch ist sein Start in der Berliner SPD schwierig. Selbst in seiner Partei stößt er auf Vorbehalte gegen Emigranten und der junge Mann von Ernst Reuter zu sein, ist nicht hilfreich, denn die Parteimehrheit verfolgt eigentlich eine andere Linie als der Bürgermeister.

1957 ist es geschafft. Brandt wird nun selbst Stadtoberhaupt. Im folgenden Jahr ist er mit dem Chruschtschow-Ultimatum konfrontiert. Die Einzigen unter den Alliierten, die vorbehaltlos an seiner Seite stehen und es rundweg ablehnen, sind die Franzosen. Generell verteidigen sie, so Miard-Delacroix, den in Potsdam festgelegten Status Berlins am stärksten. Zum Leidwesen Brandts schließt dies aber auch ein, dass sie nichts von intensiveren Bindungen Westberlins an die Bundesrepublik halten. Die zunehmend Frankreich-feindliche Stimmung in der SPD Ende der 1950er-Jahre liegt aber nicht hieran, sondern an de Gaulles Machtübernahme. Brandt, der frankophiler als viele andere in der SPD ist, kämpft immer wieder gegen diese Stimmung. Auch in seiner letzten Rede, am 4. Mai 1992 in Luxemburg, kommt er daher auf die Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen für Europa zurück.

Berlin wird zu dem Ort, von dem aus Brandt die Welt betrachtet, und es formt seine Analysekategorien. Nicht jede seiner Einschätzungen aber ist angemessen. Nach dem Mauerbau protestiert er bei US-Präsident Kennedy gegen westliche Untätigkeit und verlangt Taten. Aber was konkret erwartet er? Eine bewaffnete Intervention der USA? Das wäre Wahnsinn. Brandts Konsequenz daraus ist die Neue Ostpolitik, für die Egon Bahr (nicht aber Willy Brandt, wie Brigitte Seebacher nicht müde wird zu betonen) auch die Formel „Wandel durch Annäherung“ verwendet. 1969 verkörpert Brandt damit das dynamische Deutschland; Miard-Delacroix vergisst aber nicht darauf hinzuweisen, dass Karl Schiller für den Wahlsieg der SPD noch wichtiger war. Nach Brandts Wahl zum Kanzler ist das internationale Presseecho einhellig positiv. In Frankreich tauchen aber bald Befürchtungen auf, die Ostpolitik könne zu einem neuen Rapallo führen. Dass Oreanda, wo sich im September 1971 Willy Brandt mit Leonid Breschnew trifft, nur wenige hundert Meter vom Liwadija-Palast, dem Ort der Jalta-Konferenz 1945, liegt, befeuert solche Spekulationen.

Auch der Aufstieg von François Mitterrand erst an die Spitze der französischen Sozialisten und dann ins Präsidentenamt beendet nicht die Reihe von gegenseitigen Missverständnissen. Zu unterschiedlich sind die politischen Kulturen. Dabei spricht doch manches dafür, dass sich beide näher kommen könnten. Brandt wie Mitterrand streiten für die Erneuerung ihrer Partei und ihrer Gesellschaft, haben die Fähigkeit zu begeistern. Aber Mitterrand bleibt viel geheimnisvoller als Brandt, und dies sieht auch Brandt so. Brandt lehnt das Bündnisses mit den Kommunisten zwar nicht so aggressiv ab wie Helmut Schmidt dies tut, aber Mitterrands öffentliche Auftritte gegen die Berufsverbote und seine rhetorischen Attacken gegen die schwächlichen Sozialdemokraten belasten das Verhältnis. Brandt ist an einer Verbesserung der Beziehungen gelegen; Mitterrand wirkt ebenfalls in diese Richtung, bekennt aber an seinem Lebensende, dies nicht energisch genug betrieben zu haben. In der Debatte um die Nachrüstung verfolgen beide diametral entgegengesetzte Ziele. Der Tiefpunkt ist erreicht, als Mitterrand am 20. Januar 1983 im deutschen Parlament für Helmut Kohls Politik, gegen die der SPD Partei nimmt, und dies während eines Bundestagswahlkampfs.

Dem Forschungsstand entsprechend fallen die Ausführungen zu Brandts sechzehn Jahren an der Spitze der Sozialistischen Internationale und seiner Arbeit als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission eher knapp aus. Aber immerhin: Beides ist berücksichtigt; andere Neuerscheinungen des Jubiläumsjahres gehen über diese wichtige Phase von Brandts politischem Wirken, nun als „Staatsmann ohne Staatsamt“, mit Schweigen hinweg.

Durch das Buch zieht sich als roter Faden für die (französischen) Leser, dass es nicht nur das Deutschland Hitlers, sondern auch ein anderes Deutschland gegeben hat. Der Aufstieg von Willy Brandt, diesem aus dem Linksradikalismus kommenden Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur, an die Spitze der Bundesrepublik habe gezeigt, dass es ein neues Deutschland gibt. Dies ist sicherlich auch der Grund, warum Miard-Delacroix der chronologischen Darstellung einen Prolog „Berlin, octobre 1936“ voranstellt. Im Herbst des Olympiajahres hält sich Willy Brandt in der Tarnung des (mit ihm befreundeten) norwegischen Studenten Gunnar Gaasland mehrere Wochen in der Reichshauptstadt auf. Sein Auftrag lautet, mit den Resten der örtlichen SAP-Gruppe Kontakt aufzunehmen. Gleichzeitig gewinnt er einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung der Bevölkerung und unterzieht sich auch der Last, im Lesesaal der Staatsbibliothek die Nazi-Propaganda zu studieren. Eine seiner wichtigsten Schlussfolgerungen lautet, dass „für den einfachen Menschen das Leben nicht aus ‚Ismen‘ besteht, sondern aus Essen, Schlafen, Fußballspiele […] und anderen schönen Dingen“.[1]

Miard-Delacroix zeichnet sich durch eine große Sicherheit im historischen Urteil und durch das Gefühl für das treffende Beispiel, die erhellende Anekdote aus. Sie bewegt sich souverän auf der Höhe der Forschung und rekurriert breit auf die zehnbändige Auswahledition „Berliner Ausgabe“. Die Kontextualisierung von Brandts Politik gelingt durchgängig; sie wird auch für ein ausländisches Publikum nachvollziehbar gemacht. Die handelnden Personen werden angemessen charakterisiert. Bei aller erkennbaren Sympathie für Brandt wahrt Miard-Delacroix die nötige Distanz. Ergebnis ist ein gut lesbares, lebendiges Bild von Willy Brandt und seiner Zeit.

Anmerkung:
[1] Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Band 1, Bonn 2002, S. 290.

Zitation
Bernd Rother: Rezension zu: Miard-Delacroix, Hélène: Willy Brandt. Paris 2013, in: H-Soz-Kult, 10.02.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21749>.
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Veröffentlicht am
10.02.2014
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