K. Kempter: Die Jellineks 1820 - 1955

Titel
Die Jellineks 1820 - 1955. Eine familienbiographische Studie zum deutschjüdischen Bildungsbürgertum


Autor(en)
Kempter, Klaus
Erschienen
Düsseldorf 1998: Droste Verlag
Umfang
VIII, 631 S.
Preis
€ 50,10
Rezensiert für H-Soz-Kult
Johannes Mikuteit, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder

Unter dem Titel "Die Jellineks 1820 - 1955" widmet sich Klaus Kempter der Biographie dieser bemerkenswerten deutschjüdischen Familie. Auf über 630 Seiten entsteht auf breiter Quellengrundlage das flüssig geschriebene Porträt einer Familie, die Kempter als Teil des deutschen Bildungsbürgertums vorstellt.

Zu Recht charakterisiert er die Jellineks als "keine vollkommen extraordinäre und somit von vornherein nicht-repräsentative, aber eben auch keine unbedeutende Familie" (S. 9). Die beruflichen Erfolge und die öffentliche Bekanntheit waren überdurchschnittlich groß, lagen aber noch im Rahmen dessen, was Gelehrte, Intellektuelle und Akademiker üblicherweise erreichen konnten.

Drei Familienangehörige stellt er in den Mittelpunkt seiner Untersuchung: Adolf (Aron) Jellinek (1820 - 1893), Georg Jellinek (1851 - 1911) und Walter Jellinek (1885 - 1955). Während Adolf Jellinek als Prediger der Wiener Kultusgemeinde Prominenz erlangte, verhinderten antisemitische Kräfte die akademische Karriere seines Sohnes Georg in Österreich, der erst in Deutschland als Rechtswissenschaftler glanzvoll reüssieren konnte.

Ein selbständiges Kapitel widmet der Autor Camilla Jellinek (1860 - 1940), der Frau des Heidelberger Staatsrechtlers Georg Jellinek, die auf dem linken Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung mutig und engagiert für die Rechte der Frauen stritt. Als Autodidaktin erwarb sie sich eine bedeutende juristische Kompetenz, die 1930 öffentlich durch Verleihung der Ehrendoktorwürde der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg Anerkennung fand. Ihr Sohn Walter gewann in der nächsten Generation als Rechtswissenschaftler gleichfalls hohes wissenschaftliches Ansehen und wurde in der Weimarer Zeit auf den Heidelberger Lehrstuhl seines Vaters berufen.

Der Autor erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ an einzelnen Individuen "die Geschichte des deutschen Judentums in seiner ganzen Vielgestaltigkeit und Heterogenität" (S. 3/4) darstellen zu wollen. Er versteht seine Studie vielmehr als ein Fallbeispiel. Sein Ziel ist es, auf diese Weise "in einem historischen Längsschnitt über knapp eineinhalb Jahrhunderte den Interaktionsprozeß zwischen Juden und ihrer nichtjüdischen deutschen Umwelt" (S. 4) zu untersuchen.

Knapp erläutert er eingangs die zentralen Fragen und Begriffe der historischen Forschung über die Geschichte des deutschen Judentums als primären Forschungskontext seiner Arbeit. Ohne theoretische Ambitionen konzentriert er sich in seiner Dissertation, die in leicht überarbeiteter Fassung als Band 52 der Schriften des Bundesarchivs vorliegt, auf Fragen der deutsch-jüdischen Identität und Integration. Subjektive Assimilationsbemühungen setzt er in Bezug zur tatsächlich erfolgten Integration. Ausdrücklich hält er an dem Begriff der "Assimilation" fest.

Ins Zentrum seines Interesses rückt er die Frage nach der Position der Familienangehörigen im Spannungsfeld von jüdischem Selbstverständnis und Bekenntnis zum Deutschtum.

Während des "nicht immer kontinuierlich verlaufenden familiengeschichtlichen Assimilationsprozesses" (S. 546) über mehrere Generationen dominierte bereits beim 1851 geborenen Sohn von Adolf (ursprünglich Aron) Jellinek (1820 - 1893), der noch im mährischen Ghetto aufwuchs, das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit zur deutschen Nation. Besondere Bedeutung mißt Kempter dabei dem starken Streben nach (weltlicher) Bildung und Gelehrsamkeit unter den Familienangehörigen bei. Hierin sieht er zu Recht das "wichtigste Medium ihres persönlichen Emanzipations- und Integrationsprozesses, des Heraustretens aus dem physisch-realen und kulturellen Ghetto" (S. 546/547) als Teil des deutschen Bildungsbürgertums.

Bei genauerem Hinsehen ist hier jedoch eine Relativierung notwendig, da von den insgesamt fünf Kindern von Adolf und Rosalie Jellinek zwei Söhne zwar Professoren, aber ein Sohn und ein Schwiegersohn von Beruf Kaufmann waren. Ein zweiter Schwiegersohn betätigte sich als Rechtsanwalt. Emil Jellinek (1853 - 1918), Adolf Jellineks zweitältester Sohn, brachte es als Geschäftsmann zu bedeutendem Reichtum. Er war ein Pionier des Autohandels. Nach seiner Tochter Mercédès wurde die bekannte Automarke benannt.

Kempter beurteilt die Bedeutung des Bildungsbürgertums zweifelsohne richtig "als ein nicht sehr großes, gleichwohl aber bedeutsames Segment der deutschen Gesellschaft des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" (S. 4). Leider unterläßt er es aber, den in seiner Arbeit zentralen Begriff des Bildungsbürgertums definitorisch näher zu bestimmen. Die Quellenlage führt er als Grund dafür an, daß seine Studie zudem nur eingeschränkt als Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte dieser sozialen Formation gelten könne. Neuere Ansätze der Intellektuellenforschung greift er kaum auf, obschon er das politische Interesse und Engagement seiner Protagonisten ausführlich darstellt und in Verbindung zu ihrer jüdischen Herkunft setzt. In einem längeren Abschnitt etwa beschäftigt er sich mit Hermann (ursprünglich Herschel) Jellinek (1823 - 1848) - einem radikalen Linkshegelianer und 1848 hingerichteten Revolutionär. Durch einen systematischen Vergleich hätte hier beispielsweise die Möglichkeit bestanden, näheren Aufschluß über die häufig behauptete Radikalität jüdischer Intellektueller zu gewinnen.

Gleichwohl der Autor an vielen Stellen versucht, die Lebensläufe der einzelnen Familienmitglieder ineinander verwoben darzustellen, überwiegt an vielen Stellen aber doch der Eindruck einer Zusammenstellung von Einzelbiographien. Kempter ist sich dieser Problematik wohl bewußt und hat vermutlich aus diesem Grund sein Schlußkapitel "Familiäre Kontinuitätslinien" benannt. Darin stellt er als wichtigste Kontinuitätslinie das ausgeprägte Streben nach Assimilation heraus, das bei Walter Jellinek schließlich zur vollständigen Selbstidentifikation als christlichem Deutschen führte. Bereits sein Vater Georg Jellinek hatte sich, wenn auch erst im fortgeschrittenen Alter, christlich taufen lassen.

Daß das jüdische Zugehörigkeitsgefühl so stark zurückgedrängt werden konnte, erklärt Kempter unter anderem mit der gelungenen sozialen Integration in die deutsche akademische Welt, speziell in das Heidelberger Gelehrtenmilieu um die Jahrhundertwende. Als weitere wichtige Kontinuitätslinie arbeitet der Autor das Streben nach (weltlicher) Bildung und die in allen untersuchten Generationen zu beobachtende, wenngleich sich modifizierende, Bindung an den Liberalismus heraus.

Diese politischen, sozialen und kulturellen Charakteristika einer assimilierten jüdischen Familie des liberalen deutschen Bildungsbürgertums setzt er in unmittelbaren Bezug zu den jüdischen Wurzeln der Familie: dem monotheistischen Gottesglauben und dem ethischen Universalismus, der ursprünglich religiös motivierten Wertschätzung von Bildung, dem optimistischen Fortschrittsglauben sowie der liberalen Tendenz der meisten Familienangehörigen als Konsequenz ihres "Jüdisch-Seins". In einer relativistisch abgeschwächten Formel kommt Kempter deshalb zu dem Schluß, daß das Judentum "einige Relevanz" (S. 550) für die Familie besessen habe: "In diesem Sinne bildet es, über alle Veränderungen, Brüche, Diskontinuitäten hinweg, ein wesentliches Element der hier vorgelegten Familienbiographie." (S. 550)

Dieses Ergebnis ist in der Sache kaum zu bestreiten, kann andererseits jedoch wenig überraschen. Über den Rahmen der Jellinekschen Familiengeschichte hinaus, hätte Kempters Studie daher einen höheren analytischen Erkenntnisgewinn erzielt, wenn er seine Arbeit stärker an strukturellen Frage- und Problemstellungen auszurichten versucht hätte.

Zitation
Johannes Mikuteit: Rezension zu: Kempter, Klaus: Die Jellineks 1820 - 1955. Eine familienbiographische Studie zum deutschjüdischen Bildungsbürgertum. Düsseldorf 1998, in: H-Soz-Kult, 18.05.1999, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4241>.
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Veröffentlicht am
18.05.1999
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