G. G. Iggers: Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem

Titel
Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem.


Autor(en)
Iggers, Georg; Jarausch, Konrad H.; Middell, Matthias; Sabrow, Martin
Erschienen
München 1998: Oldenbourg Verlag
Umfang
VIII + 450 S.
Preis
€ 79,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Ilko-Sascha Kowalczuk, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Die politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten um die DDR-Geschichtswissenschaft haben ihre Schärfe aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre längst verloren. Das Feld ist geräumt worden für Ethnologen und Anthropologen. Das ist auch gut so. Jedes Schlachtfeld verliert irgendwann seine Brisanz. Nach all dem Krach, dem menschlichen Leid und der materiellen Verwüstung ist ohnehin kaum noch zu erkennen, wer gegen wen und warum kämpfte. Dann ist die Zeit gekommen für die Analytiker, für die Freunde alles Fremden. Sie haben nun unter Beweis zu stellen, daß sie mit ihrem Scharfsinn und ihrem ungetrübten Sachverstand in der Lage sind, die bislang nicht gestellten Fragen zu lösen und den bisher aufgeworfenen Fragen die "richtigen" Antworten zu geben.

Das vorliegende Beiheft der "HZ" stellt zunächst eine kuriose Nummer dar. Weil der verstorbene Osteuropahistoriker Alexander Fischer in kurzen Rezensionen renommierte amerikanische Kollegen wegen deren Einschätzungen der DDR-Geschichtsschreibung in der "HZ" kritisierte, bekamen diese kurzerhand die Möglichkeit eingeräumt, darauf zu antworten. Da diese Antworten nicht ähnlich in der Flut von Publikationen wie die Rezensionen Fischers untergehen sollten, wurde 1996 eine dreitägige internationale Tagung in Göttingen organisiert und anschließend nach Absprache mit dem Hauptherausgeber der HZ ein Beiheft dieser wohl renommiertesten und bekanntesten deutschen fachhistorischen Zeitschrift gefüllt. Mit der Zusicherung, im Flaggschiff der deutschen Geschichtswissenschaft publizieren zu können, organisierten die Herausgeber eine hochkarätig besetzte Tagung. Allerdings hatten sie übersehen, daß sich neben den Zeitzeugen aus der DDR-Historiographie und den westlichen Beobachtern auch östliche Kritiker in den Jahren zuvor vehement zu Wort gemeldet hatten und als die eigentlichen Verursacher der Debatten um die DDR-Geschichtswissenschaft gelten müssen. Diese sollten aber weitgehend fern gehalten werden, um die gemütliche Atmosphäre im behaglichen Göttingen nicht zu gefährden, so daß zwar auf deren Intervention hin Nachnominierungen erfolgten, sie selbst aber nicht geladen wurden oder aber bewußt fern blieben.

An dieser Stelle muß ich eine persönliche Bemerkung vorbringen, die der Redlichkeit dienen soll. Als die Herausgeber des Beiheftes die Tagung in Göttingen organisierten, bin auch ich von ihnen mit der Bitte angesprochen worden, ein Referat zu übernehmen. Nach reiflicher Überlegung lehnte ich ab, weil mir wichtige potentielle Referenten bewußt ausgegrenzt schienen, weil wiederum andere ihres guten Namens wegen immer erscheinen und weil schließlich noch andere reden dürfen, ohne daß deren aufhellende Vergangenheit überhaupt noch interessiert. Mein Argument war damals, man könne doch nicht die einstigen Hauptumweltverschmutzer nun auf einmal zu Umweltschutzaktivisten und Direktoren der Stadtreinigung küren bzw. bei dieser Selbsternennung behilflich sein. Nun gut, dieses Argument wird freilich als moralisch und "evaluierend" von der seriösen Wissenschaft abgelehnt. Aber immerhin gab es damals noch einige Nachnominierungen, die der angestrebten Vielfalt dienlich waren.

Doch zurück zum Produkt dieser Tagung.

Die Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft scheint interessanter zu sein als die Produkte, die diese Historiographie hervorgebracht hat. Diesen Schluß legen zumindest die Diskussionen seit 1989 und die mittlerweile ansehnliche Zahl von Publikationen über diese Geschichte nahe. Weil einige wenige Historiker aus der DDR nach 1989 ihre eigene Disziplin zur Disposition stellten und sich daran eine, im Prinzip bis heute andauernde, vielschichtige Debatte anschloß, ist die Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft längst zu einem Teilgebiet der Geschichte der SED-Diktatur geworden, das Relevanz über das eigentlich enge Spezialterrain hinaus besitzt. Den Herausgebern ist zuzustimmen, wenn sie die Schärfe der Polemik damit erklären, "daß die Geschichtswissenschaft in der DDR Teil der öffentlichen Diskussion über die Bewertung der ostdeutschen Vergangenheit geworden ist." (S. 1) Insofern ist es auch nicht verwunderlich, daß immer wieder neue Arbeiten erscheinen, die sich der marxistisch-leninistischen Historiographie in der DDR widmen. Diese Diskussionen und Analysen haben in Deutschland mittlerweile eine Breite und Tiefe erlangt, die in den postkommunistischen Gesellschaften keine Pendants kennen. Dies hängt nicht nur damit zusammen, daß die Geschichtswissenschaften in den verschiedenen Ländern Osteuropas ganz unterschiedlichen Formen vor- und ausserwissenschaftlicher Einflußnahmen und Rekrutierungsmechanismen ausgesetzt waren und sich dementsprechend die Qualität ihrer Produkte erheblich unterschied. In Ostdeutschland waren die Auseinandersetzungen zudem von Anfang an von der, auf einem Paradigmenwechsel basierenden Umstrukturierung der Historischen Forschungslandschaft begleitet, so daß es für einen erheblichen Teil der Historikerinnen und Historiker auch um das berufliche Überleben ging. Diese Dimension war in einer solchen Schärfe und in einem solchen Ausmaß woanders nicht gegeben. Insofern liegt darin auch eine weitere Erklärung für die Schärfe der Polemik.

Die Herausgeber des Beiheftes haben sich zum Ziel gesetzt, die emotionalisierte Debatte zu versachlichen und "einer möglichst großen Vielfalt von Perspektiven Raum zu geben." (S. VII) Prüfen wir also, ob ihnen dies gelungen ist.

Der Band gliedert sich in vier Hauptteile sowie eine umfangreiche Einleitung und eine komparatistisch angelegte Nachbemerkung. Insgesamt kommen zwanzig Autoren zu Wort. Davon entstammen elf ihrer Sozialisation nach aus Ostdeutschland (Wolfgang Bialas, Karlheinz Blaschke, Gerald Diesener, Rainer Eckert, Bernd Florath, Frank Hadler, Wolfgang Küttler, Matthias Middell, Jan Peters, Ralf Possekel, Helga Schultz), sechs aus der alten Bundesrepublik (Siegfried Lokatis, Alf Lüdtke, Wolfgang J. Mommsen, Martin Sabrow, Adelheid von Saldern, Wolfgang Schuller) und drei aus dem Ausland (Mary Fulbrook, Georg G. Iggers, Konrad H. Jarausch).

Die Herausgeber betonen in ihrem einleitenden Aufsatz "Störfall DDR-Geschichtswissenschaft. Problemfelder einer kritischen Historisierung" (S. 1 - 50), daß es gegenwärtig drei Ansätze bei der Analyse der DDR-Geschichtswissenschaft gebe: den "evaluierenden" Ansatz, der vor allem von Vertretern des Unabhängigen Historiker-Verbandes und "konservativen" Historikern benutzt werde, die "pragmatisch-entlastende" Position (Altkader) und die "kritische oder reflektierte Historisierung". Der letzte Ansatz, so ist insbesondere in einer Reihe von Zeitschriftenaufsätzen in den letzten Jahren "gezeigt" worden, ist der eigentlich ergiebige, der "wirklich" wissenschaftliche. Es überrascht folglich auch nicht, daß die dem letzten Ansatz zugeschlagenen Anhänger und Vertreter in diesem Band überwiegen. Einige Autoren mögen sich in Grenzbereichen bewegen. Rainer Eckert oder Karlheinz Blaschke etwa wären der Papierform zufolge und wenn man sich der Argumentation der Herausgeber anschlösse, gewiß dem "evaluierenden", sprich: dem moralisch argumentierenden Ansatz zuzuordnen. Andere wiederum, wie etwa Matthias Middell, Wolfgang Küttler oder Helga Schultz, müßten dieser Logik folgend dem "pragmatisch-entlastenden" Ansatz zugeschlagen werden. Wie dem auch sei, der Band selbst legt ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß solche Einteilungen zuweilen der angestrebten Übersichtlichkeit eher abträglich sind.

In ihrer Einleitung zeichnen Jarausch, Middell und Sabrow einerseits die Grundlinien der Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft und andererseits die Entwicklung des Forschungsstandes nach. Es geht ihnen darum, die DDR-Geschichtswissenschaft als eine "anormale Normalwissenschaft" (S. 50) darzustellen und damit der DDR-Geschichtswissenschaft das Etikett einer "Legitimationswissenschaft" zu nehmen. Das gelingt nicht ohne intensive Kollegenschelte, die zuweilen - das Buch als Ganzes betrachtet - zumindest den Rand der Seriosität berührt. Passagenweise kann man das Gefühl haben, hier wird intensiv gegen Kollegen mit dem Ziel "angeschrieben", ihnen jede wissenschaftliche Reputation abzusprechen. Es wundert auch nicht, daß mit den Ausnahmen Eckert und Blaschke die anderen Autoren und Autorinnen offenbar ebenfalls erhebliche Zweifel am legitimatorischen Charakter der DDR-Geschichtswissenschaft hegen. Es verwundert ebensowenig, daß Jarausch, Middell und Sabrow neue Ansätze, Ergebnisse und Interpretationen (S. 36 - 50) vor allem bei jenen Autoren und Autorinnen auszumachen in der Lage sind, die ihren eigenen theoretischen und methodischen Ansätzen am nächsten kommen. Die umfangreiche Einleitung hinterläßt zumindest aufgrund ihrer wertenden Einseitigkeit einen zwiespältigen Eindruck.

Im ersten Hauptteil beschäftigen sich fünf Autoren mit dem "Wissenschaftsverständnis der DDR-Historiographie". Martin Sabrow faßt eine Reihe bereits publizierter Beiträge aus seiner eigenen Feder zusammen. Er zeigt einleuchtend, warum die bürgerliche Wissenschaft "für das Selbstverständnis der DDR-Historiographie so bedrohlich wie unentbehrlich zugleich" war (S. 75). In der Konstruktion des "objektiven Gegners" fand die DDR-Geschichtswissenschaft ihre Legitimation, eine Argumentationsfigur, die dem Kommunismus insgesamt inhärent war. Sabrows Analyse ist insofern problematisch, als er "Diskurse" unter den DDR-Historikern auszumachen glaubt, ohne dabei zu erklären, was er unter einem "Diskurs" versteht. Mit einem Diskursbegriff jedenfalls, für den die prinzipielle Offenheit sowohl vom Ergebnis, von theoretischen Vorannahmen als auch von der Teilnehmerschaft Voraussetzung und Bedingung ist, wird man auch im Nachhinein keine "Diskurse" konstruieren können. Hier besteht reflektierter historisierender Nachholbedarf.

Rainer Eckert geht in seinem Aufsatz auf die Westbeziehungen der Historiker im Spiegel der MfS-Unterlagen ein. Seine Studie ist allein schon deswegen verdienstvoll, weil er sich einem Thema widmet, das in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bislang vollkommen unterbelichtet geblieben ist. Eckert hat eine Reihe von IM-Akten ausgewertet und versucht darauf aufbauend zu erklären, warum und mit welchen Zielen und Erfolgen MfS und Historiker (Reisekader) zusammenarbeiteten. Allerdings läßt sein Aufsatz methodische Wünsche offen. Ohne präzise Fragestellung kann Eckert zwar thesenartige Antworten liefern, die aber wegen der geringen Dichte der Analyse eher hypothetischen Charakter tragen. So wird bei Eckert keine Entwicklung sichtbar, weder im Verhältnis von MfS und Historikern noch bei einzelnen Historikern selbst. Diese statische Methode ist seinem Anliegen abträglich.

Wolfgang Küttler setzt sich in seinem Beitrag erneut mit dem Selbstverständnis der DDR-Geschichtswissenschaft auseinander. Bei ihm läßt sich nachvollziehen, wie ein ehemaliger "Cheftheoretiker" (Blaschke S. 364) nach einer längeren Phase der Selbstkritik und Kritik am Wissenschaftsverständnis in der DDR allmählich wieder stärker restaurative Begehrlichkeiten bedient. Ihm erscheint die DDR-Geschichtswissenschaft als ein normaler und legitimer Fall in der "Ökumene der Historiker", dessen marxistisch-leninistische Ausrichtung nicht nur rational begründet war, sondern dessen wissenschaftshistorische und damit politikhistorische Einordnung erst spätere Generationen wirklich vollziehen können. Lenin und Leninismus gelten hier noch immer nicht als erledigt.

Ralf Possekel geht es in seinen Ausführungen über den "Selbstwiderspruch der DDR-Historiker als analytisches Problem" vor allem darum, "informelles Interessenhandeln" darzustellen. Ohne es stringent beweisen zu können, sieht Possekel verschiedene Differenzierungsstrategien innerhalb der DDR-Geschichtswissenschaft, die ihn zu folgender These bringen: "DDR-Historiker haben also in ihrer kognitiven Tätigkeit bestimmte Strategien kultiviert, die es ihnen erlaubten, gegensätzlichen Imperativen zu folgen: die eigensinnige Umdeutung zentraler Thesen, ohne sie in Gänze in Frage zu stellen, den Rückzug auf die empirische Forschung, ohne den Widerspruch ihrer Implikationen zu den geltenden Thesen des Geschichtsverständnisses zu artikulieren, das Erhandeln von Forschungsfeldern gegen den Verzicht auf Einmischung in Kernbereiche des Geschichtsbildes, die verdeckte Distanzierung von Grundthesen durch fortschreitende Differenzierung und Relativierung. Es kann wohl davon ausgegangen werden, daß eine Mehrzahl von in der Forschung tätigen DDR-Historikern auf diese Praktiken zurückgriff und nicht einfach gebetsmühlenartig die Phrasen der SED-Führung nachbetete." (S. 149) Possekel unterläßt es zu untersuchen, wer denn der SED-Führung die historische "Phrasen" schrieb. Es waren, um gleich eine Antwort zu geben, nicht nur in den fünfziger, sondern noch in den achtziger Jahren auch Historiker. Dennoch sind Possekels Thesen nicht einfach von der Hand zu weisen. Er hätte sie aber nicht nur aufstellen, sondern auch empirisch beweisen müssen. Lassen sie sich eventuell gar nicht beweisen?

Wolfgang J. Mommsen resümiert abschließend über die "DDR-Geschichtsschreibung aus westdeutscher Perspektive". Er kann kaum innovative Potentiale entdecken, die von der DDR-Historiographie ausgingen. Dabei wiederholt er all das, was in den letzten Jahren immer wieder ins Feld geworfen wurde: an den Rändern gab es interessante Forschungsleistungen, aber die westdeutschen Historiker hatten sich längst nach Westeuropa und Amerika ausgerichtet, so daß das meiste unbekannt blieb. So sei es für Mommsen zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch zu früh, eine "definitive Würdigung der Leistungen und Verfehlungen" (S. 156) zu geben.

Im zweiten Hauptteil "Ostdeutsche Geschichtswissenschaft in chronologischer Perspektive" kommen je zwei Autorinnen und Autoren zu Wort. Matthias Middell entdeckt eine DDR-Geschichtswissenschaft, die sich wohl nur dem aufmerksamen Betrachter mit intensiven Erfahrungen aus dem Innenleben eröffnen kann. Bei ihm kann man - mit Kopfschütteln begleitet - viel über Milieus, Schulen, "kritische Potentiale", "emotionale Distanz" usw. usf. erfahren. Vor dem Auge des Lesers entsteht eine "normale Historiographie", die jede weitere Spezialforschung erübrigt. Beinahe witzig ist der Hinweis von Middell, daß 1992/93 "definitiv ein neues Kapitel in der ostdeutschen Historiographiegeschichte aufgeschlagen" (S. 204) worden ist. Middells ostdeutsches Sonderbewußtsein übersieht noch immer, daß Wissenschaft eine internationale Veranstaltung ist und sich daraus auch die Bewertungskriterien ableiten. Nun gut, man kann schon jetzt auf den Band "Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft 1990 - 2005" gespannt sein.

Bernd Florath untersucht den Wandel der politischen Vorgaben in den sechziger Jahren und die Entpolitisierung der DDR-Historiker. Auch er versucht darzustellen, wie die Historiker die normativen Rahmenbedingungen unterliefen. Gleichwohl sieht Florath aber, daß diesem Vorhaben enge Grenzen gesetzt waren. Jede wissenschaftliche Nische, so Florath, konnte jederzeit in den politischen Raum zurückgeholt werden - was oft genug auch geschah.

Helga Schultz erklärt die Ende der siebziger Jahre erfolgte nationale Wende in der Historiographie (Erbe und Tradition) zu einer konservativen Wende (S. 231). Insbesondere in der Landesgeschichte und der Biographik sah sie zwei mögliche historische Darstellungsformen und Methoden, um sich den offiziellen Vorgaben zu entziehen. Gleichwohl hatte die DDR den Anschluß an die internationale Wissenschaftsentwicklung verloren.

Adelheid von Saldern untersucht schließlich die Arbeit und die Ergebnisse der Arbeitsgruppe "Kulturgeschichte der deutschen Arbeiterklasse" um Dietrich Mühlberg. Diese Gruppe habe die offizielle Arbeitergeschichtsschreibung herausgefordert und insbesondere mit ihren für ein breiteres Publikum gedachten Publikationen überzeugen können. Hier wie in vielen anderen Beiträgen fällt auf, daß hohe Auflagenzahlen zugleich als Indikator für weite Verbreitung und hohe Leserzahlen angenommen werden. Diese dem Marktsystem entlehnte Annahme müßte für die DDR zunächst bewiesen werden. Dennoch ist ihr zuzustimmen, daß diese Arbeitsgruppe in der DDR innovativ wirkte, wenn ihre Produkte von der politischen Arbeitergeschichtsschreibung auch kaum zur Kenntnis genommen worden sind. Insofern kann die Wissenschaftskonzeption "sowohl in einem die DDR-Gesellschaft legitimierenden, als auch in einem die SED-Kulturpolitik delegitimierenden Sinne interpretiert werden." (S. 258) Die SED-Führung hat die Arbeiten allerdings offenbar allein in einem legitimierenden Sinne interpretiert und deshalb auch eine Reihe von Publikationen im SED-eigenen Dietz-Verlag herausgebracht. Und dies nicht grundlos, wie ein Blick in diese Bücher zeigt.

Vier Autoren widmen sich im dritten Teil den Sprachstilen und Kommunikationsformen in der DDR-Geschichtswissenschaft. Konrad H. Jarausch untersucht "Historische Texte aus der Perspektive des linguistic turn". Er glaubt, daß hinter der normierten Oberfläche "innere, oft spannungsgeladene" (S. 262) Botschaften verschlüsselt sind. So sieht er einerseits in der nichtgenormten Sprache Indizien für "einen begrenzten Prozeß der Verwissenschaftlichung" (S. 274) und andererseits in der uniformen Sprache eine Verengung der "potentiellen Freiräume" (S. 275). Bei Historikern wie Helga Schultz oder Hartmut Zwahr glaubt Jarausch sogar "kreative Interpretationspotentiale eines demokratischen Sozialismus'" (S. 279) zu erkennen. Dies bleibt ebenso unbegründet wie seine These, die DDR-Geschichtswissenschaft habe einen "emanzipatorischen Anspruch" (S. 279) besessen.

Siegfried Lokatis geht auf die verschiedenen Formen von Zensur in der Ulbricht-Ära ein, wobei hier besonders seine Argumentation hervorzuheben ist, nach der es eben nicht nur Zensoren gab, sondern bereits im Vorfeld durch Quellen- und Literaturzugang usw. Formen der Zensur entwickelt und angewendet worden sind.

Gerald Diesener analysiert die von Jürgen Kuczysnki 1981 angeregte Debatte über Kritik in der DDR-Geschichtswissenschaft. Diesener referiert die damalige Diskussion und zeigt, daß veröffentliche Briefe überhaupt nicht oder sinnentstellend publiziert worden sind. Das leninistische Wissenschaftsverständnis hatte sich nicht gewandelt (S. 307).

Schließlich geht Wolfgang Bialas auf historische Diskursformen ostdeutscher Intellektueller ein. Er sieht insbesondere die Weimarer Republik als Bezugsgröße des historischen Selbstverständnisses der DDR-Historiker. Insgesamt ist dem Rezensenten allerdings leider nicht recht deutlich geworden, worin des Autors tiefere Botschaft schlummert.

Abschließend werden in fünf Beiträgen "Erfahrungen", sehr unterschiedliche Erfahrungen abgedruckt. Bei zwei der fünf Artikel leuchtet diese Eingruppierung tatsächlich ein. Jan Peters stellt in einem sehr persönlich gehaltenen Aufsatz den schwierigen Weg zur Mentalitätsgeschichte in der DDR dar. Karlheinz Blaschke geht hart mit den marxistischen Regionalhistorikern ins Gericht und zeigt, wie sie das Fach Landesgeschichte zerstörten und versuchten Regionalgeschichte zu begründen, ohne daß ihnen dies je wirklich gelang. Dieser Beitrag konterkariert sehr präzise die Überlegungen von Helga Schultz. Alf Lüdtke geht anschließend nicht auf Erfahrungen ein, sondern über die Produkte der DDR-Historiographie zur Arbeiterklasse und zum Faschismus. In seinem kenntnisreichen und empirisch abgesicherten Beitrag zeigt Lüdtke, daß historiographische Veränderungen zumeist nachholende Modernisierungen oder Anpassungen darstellten. Wolfgang Schuller setzt sich mit der Alten Geschichte auseinander und zeigt sich vor allem erfreut, daß es sie überhaupt gegeben habe. Allerdings blieb deren Wirkung auf die internationale Wissenschaft gering. Abschließend faßt Mary Fulbrook die Diskussionen zusammen. Sie sieht allerorten ein Sowohl-Als-Auch, und im Westen glänze ja auch nicht alles. Nun gut.

Am Schluß des Bandes geben Frank Hadler und Georg G. Iggers erste Überlegungen zum Vergleich der DDR-Geschichtswissenschaft mit anderen Historiographien im ehemaligen Machtbereich Moskaus wider. Dieser Ansatz könnte sich als äußerst fruchtbar erweisen. Schon bei Hadlers/Iggers' Ausführungen deutet sich an, daß die DDR-Geschichtswissenschaft auch im kommunistischen Bereich einen Sonderfall darstellte: nirgendwo - außer eben in der DDR - fehlte eine unabhängige Geschichtsschreibung. Als in der DDR ein "Unabhängiger Historiker-Verband" gegründet wurde, haben Vertreter etwa der tschechoslowakischen unabhängigen Historiographie Institute und Lehrstühle übernommen.

Der Band hinterläßt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. Der Anspruch der Herausgeber, mit diesen Beiträgen die Debatte versachlichen, verwissenschaftlichen und differenzieren zu wollen, ist gewiß schon bei Drucklegung überholt gewesen. Schon 1996, im Jahr der Konferenz, hatte sich die Debatte längst versachlicht und verwissenschaftlicht und leider auch "verlangweilt", ja, sie hat mittlerweile den ihr gebührenden Rang auf den Außenpositionen der wissenschaftlichen Diskussionen bezogen.

Die meisten Beiträge hinterlassen einen ambivalenten Eindruck: Hohe theoretische Ansprüche denen in einer ganzen Reihe von Aufsätzen bescheidene empirischen Befunde gegenüberstehen. Und viele Beiträge durchzieht genau das, was anderen vorgeworfen wird: eine merkwürdige Polemik gegen Kollegen in Text und Fußnoten.

Zuweilen wird behauptet, die DDR-Geschichtswissenschaft sei lautlos untergegangen (Sabrow). Dies ist eine empirisch kaum zu haltende These. Wenn man aber theoretische Vorannahmen auch durch die Vetomacht der Quellen nicht zu korrigieren gewillt ist, wird man solche und andere Thesen immer wieder in die Diskussion werfen. Statt dessen wird man Thesen aufstellen und Begrifflichkeiten verbreiten, die zwar schön klingen, aber bei denen wohl nur die Verursacher selbst wissen, was sie eigentlich meinen bzw. warum sie nicht die gängigen benutzen. Zu solchen Begrifflichkeiten der jüngsten Zeit zählen etwa "Konsensdiktatur" (wozu "Diktatur" wenn "Konsens" herrscht?), "einseitiger Parteidiskurs" (was ist "genaugenommen" ein einseitiger Diskurs?) oder auch die vielgerühmte "durchherrschte Gesellschaft" (was unterscheidet sie von der "totalitär verfaßten Gesellschaft" - abgesehen von dem für viele offenbar immer noch als Kampfbegriff mißverstandenen Wort "totalitär"?).

Es ist kaum zu übersehen, daß solche Begrifflichkeiten, Thesen und Vorannahmen trotz beständiger Beteuerungen, es gehe hier um die "reine" und "objektive" Wissenschaft, vor- und außerwissenschaftlichen Abgrenzungsstrategien folgen. Wissenschaft ist eben ein hartes Geschäft, in dem es sich zu behaupten gilt. Das gilt eben nicht nur für "Evaluatoren" (die anklagenden Moralisten) und "Relativierer" (die unverbesserlichen Apologeten), sondern ebenso für "kritische Historisierer" (die von jeder Erfahrung unbeeinflußten objektiven Analytiker).

Zitation
Ilko-Sascha Kowalczuk: Rezension zu: Iggers, Georg; Jarausch, Konrad H.; Middell, Matthias; Sabrow, Martin: Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem. München 1998, in: H-Soz-Kult, 19.05.1999, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-72>.
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19.05.1999
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