Rez. CD-ROM: Heil ueber ""Reise durch die deutsche Geschichte..."

Titel
"Reise durch die deutsche Geschichte. 0 - 1914. Von den Anfaengen unserer Zeitrechnung bis zum ersten Weltkrieg"..


Hrsg. v.
Verlag von Rheinbaben und Busch GmbH
Erschienen
Preis
98.00 DM
Rezensiert für H-Soz-Kult
Heil, Dr. Werner, Neckartenzlingen

"Dummheit oder gezielte Irrefuehrung ...?"
Die CD zur deutschen Geschichte von den Anfaengen bis zum Ersten Weltkrieg der v. Rheinbaben und Busch GmbH ist von so grotesker inhaltlicher Schwaeche gepraegt, dass man nicht weiss, ob man es bloss mit Dummheit oder mit gezielter Irrefuehrung zu tun hat. Dieser inhaltlichen Leere steht eine aufwendige technische Gestaltung der CD gegenueber, die fuer sich genommen Aufmerksamkeit verdiente, da sie manche Funktionen bietet, die man sich bei einer CD wuenscht. Aber was nutzt die beste Technik, wenn der Inhalt nichts taugt...?

Dennoch sei versucht, Technik und Inhalt sine ira et studio zu wuerdigen.

Unter vier Gesichtspunkten moechte ich die CD betrachten:

1. Die technische und handwerkliche Seite der CD.
2. Die Nutzung der spezifischen multimedialen Moeglichkeiten, die das Medium CD-ROM bietet.
3. Die inhaltliche Darstellung der Geschichte.
4. Besondere Funktionen der CD.

1. Die technische und handwerkliche Seite der CD
Die CD laeuft nach Herausgeberangaben unter Windows 3.1 und hoeher sowie unter Windows 95, verlangt mindestens 8 MB RAM, ein Zweifach-CD-ROM-Laufwerk und eine 16-bit-Soundkarte. Getestet habe ich sie auf einem 233er Pentium mit 64 MB RAM und 12fach Laufwerk unter Windows 95 sowie auf einem 486er Rechner mit 8 MB RAM. Die Installation verlief problemlos, ebenso die Anwendung: alle angebotenen Funktionen arbeiteten fehlerfrei. Lediglich der 486er Rechner und die 8 MB RAM erwiesen sich als zu schwach, um die Videos in technisch sauberer Weise darzustellen.

Eine kurze Einfuehrung im Hilfe-Menue erleichtert die Benutzung der CD, verraet aber nicht alle Funktionsgeheimnisse; manche kann man nur durch Probieren herausfinden.

Beim Start der CD schlaegt den Betrachter eine getragene, feierlich-dramatische Musik in Bann, waehrend sich auf dem Hintergrund einer Universum-Simulation zuerst der Firmenaufmacher, dann der "Startbildschirm" aufbaut: Spiralfoermig ordnen sich um die im Universum rotierende Erde zwoelf Stationen der deutschen Geschichte, die ihrerseits wieder in je einem rotierenden Kubus repraesentiert werden. Faehrt man mit der Maus ueber einen solchen Kubus, verraet er durch eine Textanzeige seinen Inhalt, z.B. "Germanien"; durch Anklicken der Kuben gelangt man zum "Hauptbildschirm". Technisch ist das alles eindrucksvoll; aber die Frage, warum gerade zwoelf Stationen deutscher Geschichte als kosmischer Spiralnebel um die gesamte Erde kreisen, draengt sich natuerlich auf. Haben die Autoren ueber der technischen Faszination nicht bemerkt, welchen Unsinn sie hier produzieren, oder ist diese kosmisch-gigantische Inszenierung der deutschen Geschichte womoeglich Absicht?

Ueber den Hauptbildschirm gelangt man ins "Innere" der CD, d.h. an die geschichtlichen Inhalte. Dieser Hauptbildschirm bietet eine sphaerisch gewoelbte Draufsicht auf ein reliefartiges Europa, was die technische Brillanz der CD unterstreicht, aber die Erkennbarkeit des Dargestellten behindert. Die sphaerische Karte ist zweifach, aber auch stufenlos zoombar, ohne dass damit ein wesentlicher Erkenntnisfortschritt verbunden waere - technique pour technique. Am oberen Rand des Hauptbildschirms wird die Bezeichnung des jeweiligen historischen Zeitraums eingeblendet - einschliesslich der ihn begrenzenden Jahreszahlen, z.B. "1269 - 1492 Das Deutsche Reich im Spaetmittelalter". Zwischen Erdkugel und Ueberschrift sind ca. 8 - 10 Icons angeordnet, durch deren Anklicken man zu einem Unterthema gelangt. Fuer den Zeitraum bis 1648 finden sich solche Icons auch auf der Karte; die meisten wiederholen die darueber befindlichen Themen, manche bieten aber auch ein neues Thema. Wünscht man einen vollstaendigen Ueberblick ueber die vorhandenen Unterthemen zu einem jeweiligen Hauptthema, dann sollte man sich nicht auf die Icons verlassen, sondern im chronologischen Ueberblick, der als eigenes Fenster zu und mit jedem Hauptthema erscheint, das Menue "Marksteine" anklicken. Dort erscheinen tatsaechlich alle Unterthemen - als Hyperlink zum Anklicken.

Faehrt man mit der Maus an den unteren Rand des Hauptbildschirmes, dann oeffnet sich eine technische Wundertuete: Eine sog. Taskleiste mit sechzehn Programmen wird ausgefahren, die neben weniger Wichtigem eine Reihe sehr sinnvoller Funktionen enthalten. Neben einem Ueberblick ueber die dargestellten Geschichtszeitraeume, Tondokumenten und Videosequenzen, Vor- und Rueckschaltfunktionen, Index- und Volltextsuche etc. finden sich Kopier- und Druckfunktionen, mit denen der jeweilige Text (bzw. markierte Stellen daraus) wie auch die Abbildungen in die Zwischenablage kopiert und dann in andere Programme uebernommen oder auch direkt ausgedruckt werden koennen. Besondere Erwaehnung verdient das Taskleistenmenue "Extras": Mit ihm kann man auf Lehrplaene zugreifen, Lesezeichen anbringen und eigene Notizen in den Text einfuegen, den Text vergroessern und eine eigene Praesentation - "Show" genannt - zusammenstellen. Solche Funktionen sollten zum Standard einer Geschichts-CD gehoeren!

Klickt man Unterthemen des jeweiligen Hauptbildschirms an, oeffnet sich ein Textfenster mit einer entsprechenden Darstellung des Themas, ergaenzt durch eingelagerte Bilddarstellungen. An linken oberen Rand der Textfenster findet man weitere Icons, die den Nutzer zu Videos und ueber- oder untergeordneten Fenstern - wie z.B. bestimmten Jahren - fuehren. Jeder Klick (ausserhalb des Videoicons) auf oder unterhalb der Ebene des Hauptbildschirms oeffnet ein Textfenster, das Geschichtsinformationen vermittelt - unterlegt mit ein paar Bildern.

2. Werden die spezifischen multimedialen Moeglichkeiten, die das Medium CD-ROM bietet, optimal genutzt?
Die CD bietet dem Betrachter darstellende Texte, in diese integrierte Bilder, Videos und die Karte des Hauptbildschirms. Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf der textlichen Vermittlung von Geschichte; die Bilder spielen nur eine untergeordnete, naemlich illustrierende Rolle. Als selbstaendige Geschichtsquelle werden sie nicht genutzt. So wird ein wichtiges Medium der Geschichtsvermittlung marginalisiert und entwertet und die Leistungsmoeglichkeit des Mediums CD nicht ausgeschoepft. Auch die Qualitaet der Bilder laesst sehr zu wuenschen uebrig: sie sind zu unscharf, vieles ist nur schwer, manches gar nicht erkennbar. So verkommt der Einsatz von Bildern, der sinnvoll und notwendig ist, zur vagen Illustration, zu einem fluechtigen Reiz. Auch die Uebernahme in ein Bildbearbeitungsprogramm schafft hier keine entscheidende Besserung. Das Regelbildmass dieser CD von 217 x 300 Pixel bei 30 - 50 000 Farbstufen ist qualitativ unbefriedigend; true color und Bildschirmgroesse sollten Standard sein. Auch sollten die Bilder in einen sinnvollen historischen Zusammenhang eingeordnet und mit Informationen ueber Entstehung, Adressierung usw. versehen sein; d.h. sie sollten als Geschichtsquelle aufbereitet werden. Selbstverstaendlich sollten sie in einem richtigen Kontext stehen und mit richtigen Untertiteln versehen sein. Was soll z.B. eine Abbildung der Artemis von Ephesos im Kapitel ueber Bonifazius? Oder die "Mutter Gottes von Wladimir" bei der Bannung Heinrichs IV.? Hier wird der Bildeinsatz zum sinnlosen Selbstzweck. Und warum steht bei Scharnhorst "Gerhard David" als Vornamen, wenn er nun mal "Gerhard Johann" heisst? Oder wieso erscheint, wenn von Humboldt die Rede ist, ein Bildnis von Hardenberg, dessen gleiches Bild gerade einige Zeilen vorher schon zu sehen war? Hier muss man neben einer unzureichenden Nutzung der Moeglichkeiten des Mediums CD-ROM auch mangelnde Sorgfalt der Autoren beklagen.

An eine Streuung verschiedener Bildarten haben die Autoren nicht gedacht: Karikaturen, Graphiken, Statistiken, Karten usw. sucht man vergebens. Dominant ist und bleibt die textliche Vermittlung von Geschichte - und damit kommt das spezifische Leistungsvermoegen des Mediums CD nicht zur Geltung.

Auch die Technik der Textpraesentation bleibt hinter dem Moeglichen und Wuenschenswerten zurueck. Die Besonderheit einer CD-ROM in der Textpraesentation liegt in der Hypertextpraesentation, d.h. in der Moeglichkeit, Texte untereinander zu verknuepfen. Diese Möglichkeit wird nur ungenuegend wahrgenommen, naemlich nur bei Jahreszahlen. Verweis- und Rueckverweismoeglichkeiten werden ganz ausser acht gelassen. So ist man darauf verwiesen, Zusammengehoeriges selbst herauszusuchen und herauszufinden. Die Index- und Volltextsuche, die zuverlaessig funktioniert, ist hierbei eine gute Hilfe. Aber ein entsprechendes Link waere eben einfach praktischer und dem Medium angemessener.

Erfreulich ist der Einbau von Videosequenzen. Sie koennen Leben und Dramatik in die Geschichtsvermittlung hineinbringen; hier entfaltet das Medium CD-ROM sein spezifisches Potential. Aber auch hier haengt alles von der Art des Videos und seinem Einsatz ab. Wenn Bebel mit Bismarck im Reichstag ueber die Sozialistengesetze debattiert und beider Ansichten dabei lebhaft und klar vorgetragen und dem Betrachter deutlich werden, so ist dies ein gelungener Videoeinsatz. Wenn hingegen ein paar Leute ueber den Haufen geritten werden und dies als "Ungarneinfall" deklariert wird oder wenn ein Trupp Soldaten marschiert und man dies mit "Preussen geht in den Krieg" ueberschreibt und sowohl im Zusammenhang mit den schlesischen Kriegen Friedrichs II. (trotz des Auftauchens einer Eisenbahn!) als auch beim deutsch-franzoesischen Krieg 1870/71 einsetzt, dann ist die Glaubwuerdigkeit und Ueberzeugungskraft eines Filmeinsatzes dahin. Auch nutzen Filme nichts, bei denen man nicht viel erkennen kann, weil sie zu dunkel sind, oder deren Dialoge unverstaendlich sind. Wenn Filme eingesetzt werden, dann muessen sie bestimmte Kriterien erfuellen: sie muessen eine klare Aussage enthalten, sie muessen - nach Aristoteles - ein Ganzes bilden, d.h. Anfang, Mitte und Schluss haben. Auch Videos sollen eine Quellenfunktion erfuellen und nicht nur der Illustration dienen. Dazu ist ein Minimum an Information noetig, um die Sequenzen in ihr historisches Umfeld einzubetten. Auch sollte darauf hingewiesen werden, um welche Art von Film es sich handelt: Spielfilm oder Originaldokument. Hinweise solcher Art fehlen gaenzlich auf der CD, die nur Spielfilmsequenzen bietet, obwohl Originaldokumente zur Kaiserzeit, dem letzten Kapitel der CD, durchaus verfuegbar sind.

Mit Tondokumenten geizt die CD auffallend; lediglich dreimal kommen sie zum Zuge: einmal bei der lautgeschichtlichen Vorstellung des Vaterunsers, das in neun Varianten seiner Entwicklung vorgetragen wird, bei der Praesentation von 20 Beispielen deutscher Dialekte und bei Hans Clarins Lesung eines historischen Textes zur Voelkerwanderung. Originaltondokumente fehlen. Der lautgeschichtlichen Entwicklung des Vaterunsers koennte man sicher die eine oder andere historische Erkenntnis abgewinnen; die Autoren der CD begnuegen sich aber mit dem blossen Vorlesen der Varianten. Auch geben sie keinen Hinweis darauf, dass die Aussprache der aelteren Varianten nur vermutet, keineswegs gesichert ist. Die Dialektbeispiele stammen alle aus der Gegenwart; ein historischer Bezug wird nicht hergestellt, so dass man sich fragen muss, was sie in dieser Form in einer Geschichts-CD verloren haben. Hier werden die multimedialen Moeglichkeiten zum Selbstzweck und damit unsinnig. Dasselbe gilt fuer Hans Clarins Lesung des Voelkerwanderungstextes; das Vorlesen erfuellt keine besondere Funktion - ausser, dass der Benutzer eben Hans Clarin hoert.

3. Wie wird Geschichte vermittelt?
Mit dieser Frage beruehren wir den problematischsten Aspekt der CD. Eine Geschichts-CD sollte Einsichten in Geschichtsverlaeufe und Verstaendnis fuer Geschichte vermitteln. Eine blosse Zusammenstellung von Fakten reicht dazu nicht aus. Der Stoff muss gegliedert und auf das "Wesentliche" reduziert werden. Was das "Wesentliche" ist, entscheidet das fachwissenschaftliche Urteil, ausgehend von der Zielsetzung und der Zielgruppe, die angesprochen werden soll.

Die Autoren der CD gliedern ihren "Stoff" in zwoelf Kapitel, die ueber den Startbildschirm zugaenglich sind oder aus dem Menu "Zeittafel" der Taskleiste aufgerufen werden koennen.

1. 0 - 371 Germanien
2. 375 - 754 Vor-Deutschland
3. 768 - 887 Das Reich der Karolinger
4. 911 - 1268 Das Deutsche Reich im Hochmittelalter
5. 1269 - 1492 Das Deutsche Reich im Spaetmittelalter
6. 1492 - 1618 Die Neuzeit - Reformation und Gegenreformation
7. 1618 - 1648 Der Dreissigjaehrige Krieg
8. 1648 - 1789 Fuerstenstaaten und Aufklaerung
9. 1789 - 1815 Deutschland im Zeichen der Franzoesischen Revolution
10. 1815 - 1849 Zwischen Restauration und Revolution
11. 1850 - 1870 Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich
12. 1871 - 1914 Das Deutsche Kaiserreich

Die "Zeittafel" fuehrt noch weitere Unterkapitel an, die dem ueberraschten Betrachter, der der Annahme war, die CD wuerde mit dem Jahr 1914 enden, als Jahreszahlenchronologien praesentiert werden:

1914 - 1918 Der Erste Weltkrieg
1918 - 1933 Die Weimarer Republik
1933 - 1939 Nationalsozialismus
1939 - 1945 Der Zweite Weltkrieg
1945 - 1974 Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Fachwissenschaftlich stolpert man ueber das Jahr 0, das auf der CD seinen historischen Einstand gibt, ueber die Begriffe "0 - 371 Germanien", "375 - 754 Vor-Deutschland" und die nur sechsjaehrige Dauer des "Nationalsozialismus". Hier ueberrascht die CD den Historiker mit unsinnigen Novitaeten. Ansonsten halten sich die Autoren an die herkoemmlichen Schematisierungen. Warum sie ihre chronologische Zugabe ueber 1914 hinaus bei 1974 enden lassen und nicht bis zur Gegenwart fortfuehren, bleibt ihr Geheimnis.

Ein solcher grossangelegter Ueberblick ueber die deutsche Geschichte beduerfte nun einer klaren didaktischen Reduktion im Hinblick auf eine bestimmte Zielgruppe. Beides leistet die CD nicht: eine spezielle Zielgruppe wird weder genannt noch angesprochen. Die Textmaterialien sind in ihrem Schwierigkeitsgrad so heterogen, dass sie keinen Hinweis auf einen intendierten Benutzerkreis geben. Manche Texte (z.B. zum "Automobil") sind banal; andere wiederum (z.B. der Auszug aus dem "Liber Augustalis") so kompliziert, dass sie nur einem geschulten Historiker verstaendlich sind. Die Textauswahl erweist sich so als undurchdachtes Sammelsurium.

Wie steht es nun mit der Art der Texte und mit der Art der Geschichtsvermittlung? Alle Texte zu den Haupt- und den Unterkapiteln referieren die Geschichte, sind Autorentexte und stellen die Geschichte als so und nicht anders dar. Selbstaendige Quellentexte, die den Benutzer zu eigenem Entdecken auffordern und ihn mit authentischen Materialien konfrontieren, fehlen gaenzlich. An sehr wenigen Stellen sind laengere Quellentexte in die Darstellung eingebaut. Kontroverse Texte findet man keine; das Prinzip der Multiperspektivitaet scheint den Autoren unbekannt. Ebenso der Grundsatz, Sachinformationen und Bewertungen sauber auseinanderzuhalten.

Wie halten es die Autoren in den einzelnen Hauptkapiteln mit der didaktischen Reduktion? Betrachten wir als exemplarisches Beispiel das Kapitel 9: "1789 - 1815 Deutschland im Zeichen der Franzoesischen Revolution". Das Kapitel wird entsprechend den Icons des Hauptbildschirms in folgende Punkte untergliedert:

1. Die Voelkerschlacht bei Leipzig
2. Aufklaerung
3. Deutschland und die Franzoesische Revolution
4. Das Automobil
5. Das Ende des Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation
6. Heinrich Heine
7. Die preussischen Reformen
8. Die Gruendung der Berliner Universitaet 1810
9. Richard Wagner

Was soll man von dieser Gliederung halten?

Drei der neun Punkte (die Punkte 4, 6 und 9) gehoeren nicht zum Thema des Kapitels. Ein Unterpunkt wiederholt die Ueberschrift des Hauptkapitels. Die Reihenfolge der Punkte ist ungeordnet und willkuerlich, die Informationen sind isoliert und ergeben kein Gesamtbild; sie erschoepfen sich in Einzelheiten. Diese didaktische Reduktion und Schwerpunktsetzung ist durch und durch misslungen. Sie stellt leider kein einmaliges Missgeschick dar, sondern ist im wesentlichen charakteristisch fuer die Untergliederung der Hauptkapitel. Sie laesst Zweifel an der fachlichen Kompetenz der Autoren und Bearbeiter aufkommen. Diese Zweifel werden durch die Lektuere der Texte bestaetigt, wie folgende Auszuege verdeutlichen:

- Zum Buendnis des Papstes mit den Karolingern: "Vom Kaiser in Byzanz, dem eigentlichen Oberherrn Italiens, war keinerlei Hilfe zu erwarten, denn neben politischen Problemen gab es eine heftige theologische Auseinandersetzung zwischen Rom und Konstantinopel ueber die Frage der Bilderverehrung. Guter Rat war teuer. Da besann sich der Papst auf seine Freunde noerdlich der Alpen. Stephan II. schlug Pippin vor, ihn aufzusuchen, um die politische Lage zu besprechen. Dies war das erste Mal, dass ein Papst die wilden Germanen aufzusuchen sich anschickte."

- Zu Ferdinand Graf von Zeppelin: "Anschliessend ging er ins Ausland, um seine Kenntnisse zu erweitern. Er kam bis in die Vereinigten Staaten, wo er Beobachter im Erbfolgekrieg (1861-1865) wurde."

- Zum Nationalsozialismus: "30. Juni: Hitler zerstoert die Fuehrungsschichten des alten Deutschland, indem er die Spitzen der SA ausrottet."

Moegen neben solchen Passagen auch Texte mit gehaltvollen Informationen stehen, so stellen sie fuer den Wert der CD doch eine schwere Hypothek dar. Schliesslich handelt es sich bei diesen Fehlern nicht um historische Spitzfindigkeiten, sondern um elementare Dinge. Autoren, die sich solche Urteile leisten, und Bearbeiter, die sie nicht korrigieren, haben ihren fachlichen Kredit verspielt.

Was sich hier in drastischer Weise zeigt, ist bei der Produktion geschichtlicher CDs leider keine Seltenheit, es wird nämlich auf unverantwortliche Weise die methodische, didaktische und fachwissenschaftliche Kompetenz gegenueber der technischen Seite der CD vernachlaessigt. Hier muss seitens der Verlage, Herausgeber und Produzenten ein Umdenken eintreten, sonst ist viel technischer Aufwand sinnlos vertan.

Aber auch in anderer Hinsicht weckt die CD Zweifel. Bei der Lektuere des Kapitels "Nationalsozialismus", das sich im Anhang befindet, entsteht der Verdacht, dass die inhaltliche Unzulaenglichkeit nicht nur mangelnder fachlicher Kompetenz, sondern moeglicherweise gezielter inhaltlicher Desinformation und Irrefuehrung entspringt. Man vergegenwaertige sich folgende Passagen aus dem Kapitel "Nationalsozialismus":

1933
"28. Januar: Beinahe alle Parteien geben in Vorgespraechen zu verstehen, dass sie Hitler gerne in der Funktion des Reichskanzlers saehen.
28. Februar: Politische Vergehen werden anlaesslich einer Notverordnung ab sofort strenger geahndet.
30. Juni: Hitler zerstoert die Fuehrungsschichten des alten Deutschland, indem er die Spitzen der SA ausrottet.
1. Juli: Der Reichspraesident ueberbringt Hitler seine Glueckwuensche fuer die Niederschlagung der SA-Revolte."

Anm.: Hier werden die wahren Sachverhalte verschleiert, auf groteske Weise verniedlicht und verfaelscht. Hitler war keineswegs der von "beinahe alle Parteien gerne gesehene" Reichskanzler; seit dem 28. Februar wurden nicht "politische Vergehen staerker bestraft", sondern Grundrechte ausser Kraft gesetzt und der willkuerlichen Verfolgung Tuer und Tor geoeffnet; die Spitzen der SA bildeten nicht die Fuehrungsschichten "des alten Deutschland", und der Reichspraesident ueberbrachte Hitler keine Glueckwuensche. Das angebliche Glueckwunschtelegramm war von Hitler selbst verfasst. Nachfolgend weitere Beispiele:

1941
"23. September: In Auschwitz beginnen "probeweise" die ersten Vergasungen."
Anm.: Was ist das fuer eine Sprache? Eine "probeweise Vergasung" atmet den Ungeist der Nazidiktion ...

1942
"10. Juni: Das Dorf Lidice (Tschechoslowakei) wird dem Erdboden gleichgemacht, da dieses den Attentaetern Heydrichs Unterschlupf gewaehrt hatte."
Anm.: Eines der grausamsten Verbrechen der Nazis wird hier als gerechte Strafe entschuldigt ...

1943
"18. Februar: An der Muenchner Universitaet werden von den Geschwistern Scholl Flugblaetter gegen Hitler verteilt. Unter dem Motto "Wollt ihr den totalen Krieg?" haelt Goebbels im Sportpalast zu Berlin eine Rede."
Anm.: Dass die Geschwister Scholl wenige Tage spaeter wegen der Flugblaetter hingerichtet wurden, erfaehrt man nicht; die Ausrufung des "totalen Krieges" erscheint bloss als eine Rede, von denen Goebbels ja bekanntlich viele gehalten hat und hinter der die grausige Wirklichkeit verschwindet oder verschwinden soll ...
"22. Dezember: Einfuehrung des NS-Fuehrungsoffiziers in der deutschen Wehrmacht.

1944
10. Juni: Das franzoesische Dorf Oradour wird von einer SS-Einheit zerstoert, seine Einwohner ermordet.
20. Juli: Verschiedene Widerstandskreise versuchen auf unterschiedliche Art die Herrschaft Hitlers zu unterbinden. Himmler wird Befehlshaber des Ersatzheeres."
Anm.: Das Verbrechen von Oradour wird neben eine Information gestellt, die einerseits banal ist, anderseits dem NS-Fuehrungsoffizier Referenz erweist. Der 20. Juli wird voellig vernebelt, Stauffenberg keines Wortes gewuerdigt ...

Hier wird der Inhalt gaenzlich unertraeglich; der schlimme Verdacht draengt sich auf, dass manches, was zunaechst als blosse Dummheit erschien, gezielte Desinformation aus bestimmten Kreisen sein koennte.

Der hypertrophische kosmische Nebel, als der die deutsche Geschichte um die Erde kreist, die Begriffe "Germanien" und "Vor-Deutschland" erscheinen unter dieser Perspektive in einem neuen, erschreckenden Licht.

Damit hat die CD nicht nur vollkommen ihren historischen Erkenntniswert verloren, sondern man muss vor ihr als einem tendenzioesen Machwerk warnen, das zu Hause sowie an Schulen und Universitaeten nichts verloren hat.

4. Besondere Funktionen der CD
Bleibt zum Abschluss noch die Wuerdigung einiger Sonderfunktionen wie der Einbezug von Lehrplaenen und die Moeglichkeit, eine eigene Praesentation zusammenzustellen.

Beide Funktionen sind zu begruessen und stellen eine wertvolle Bereicherung der CD dar, - vorausgesetzt, dass sie auch inhaltlich das leisten, was sie leisten koennten.

a) Die Moeglichkeit zur Zusammenstellung einer eigenen Praesentation

Diese Funktion erlaubt es, Texte, Bilder, Tondokumente und Videos der CD in einer neuen und beliebigen Reihenfolge aneinanderzureihen und abzuspielen, und ermoeglicht damit einen selbstaendigen und kreativen Umgang mit der CD. Das ist ohne Einschraenkung zu begruessen. Allerdings ist der Rahmen fuer solche eigenen Praesentationen durch die inhaltliche Natur dieser CD sehr beschraenkt, denn sinnvoll zusammenstellen kann man nur, was sachlich zusammengehoert. Und hier sind die Materialien zu den Themen durch den grossen Zeitraum, der von der CD erfasst wird, naturgemaess eng begrenzt. Von daher kann kaum mehr als eine variierte Wiederholung des ohnehin schon Praesentierten erreicht werden.

b) Der Einbezug der Lehrplaene der Schulen

Die CD bietet ueber das Menu "Extras" einen Zugriff auf die Lehrplaene aller Bundeslaender sowie aller Schularten. Damit waere eine optimale Voraussetzung fuer Schueler und Lehrer geschaffen, die CD im weitesten Sinne zu Unterrichtszwecken einzusetzen, wenn die angebotenen Lehrplaene die Informationen boeten, die die tatsaechlichen Lehrplaene beinhalten. Leider aber muss man hier den irrealen Konjunktiv benutzen, da die angebotenen Informationen weit hinter den notwendigen und tatsaechlichen der Lehrplaene zurueckbleiben.

Betrachten wir als Beispiel den Lehrplan der 8. Klasse Gymnasium des Landes Baden-Wuerttemberg. Die CD gibt dazu folgende Auskunft:

"Entstehung des fraenkischen Grossreiches
Die Herrschaft Karls des Grossen
Das Erbe des Karolingerreiches
Die Ordnung des Reiches
Das Koenigtum der Staufer
Die Reformation und ihre Folgen fuer Europa
Aufgeklaerter Absolutismus in Preussen
Der Siebenjaehrige Krieg (1756 - 1763)"

Der tatsaechliche Lehrplan Baden-Wuerttembergs fuer die 8. Klasse Gymnasium sieht aber so aus:

Jahresthema: Leben und Herrschaft im vormodernen Europa
Lehrplaneinheit 1: Der Anfang des mittelalterlichen Europa (8 Stunden)
Lehrplaneinheit 2: Herrschaftsordnungen und Lebensformen im mittelalterlichen Europa (12 Stunden)
Lehrplaneinheit 3: Aufbrueche im mittelalterlichen Europa (10 Stunden)
Lehrplaneinheit 4: Herausbildung einer neuen Zeit (12 Stunden)
Lehrplaneinheit 5: Absolutismus in Europa (10 Stunden)

Hier erweist sich die Auskunft der CD als unzulaenglich oder schlicht falsch. Die Chance fuer Schueler und Lehrer wurde durch Nachlaessigkeit oder Unwissenheit der CD-Autoren vertan. Es bestaetigt sich die schon gewonnene Erkenntnis: Wenn die Inhalte nicht stimmen, nutzen die besten Funktionen nichts.

Natuerlich muss man den Autoren zugute halten, dass Lehrplaene einem raschen Wandel unterliegen. Aber dann sollte man eine ueber das Internet moegliche Aktualisierung anbieten.

Der tatsaechliche Lehrplan gibt ueber die Themen der Lehrplaneinheiten hinaus noch Hinweise zu deren inhaltlicher Fuellung. Das unterlaesst die CD. Der Schueler erfaehrt nur die grossen Themenbereiche, die er in der 8. Klasse zu lernen hat. Zur ihrer inhaltlichen Fuellung kann er nur vermuten, dass er das, was die CD zu diesen Themenbereichen zu bieten hat, lernen und kennen muss. Das aber waere ein weiterer Irrtum, zu dem ihn die CD verleitet.

Zitation
Werner Heil: Rezension zu: Verlag von Rheinbaben und Busch GmbH (Hrsg.): "Reise durch die deutsche Geschichte. 0 - 1914. Von den Anfaengen unserer Zeitrechnung bis zum ersten Weltkrieg".. München 1997, in: H-Soz-Kult, 24.01.1999, <http://www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-7756>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.01.1999
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)