Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW)

Titel
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW).


Rezensiert für H-Soz-Kult
Anton Legerer, Abteilung fuer Geschichte und Zivilisation, Europaeisches Hochschulinstitut Firenze

Die rezensierte Internetseite repräsentiert die Archiv- Bibliotheks- und Forschungsinhalte des in Wien lokalisierten Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Das Dokumentationsarchiv wurde, so die Selbstbeschreibung unter der Rubrik „Information“/„Geschichte“ 1963 „von ehemaligen Widerstandskämpfer/inn/en und Verfolgten sowie von einigen engagierten Wissenschaftlern“ mit dem „Bemühen um Selbstdarstellung der Widerstandskämpfer/innen und Verfolgten und deren Selbstbehauptung gegen Ignoranz und Verdrängung“ gegründet.[1] Aus diesen Zitatfragmenten lässt sich bereits ein wesentlicher Auftrag des DÖW ableiten, der, wenngleich mit inhaltlich variierender Schwerpunktsetzung seit seiner Gründung bis in die Gegenwart einen hohen Stellenwert eingenommen hat: die gesellschaftspolitische Positionierung sowohl der Institution selbst als auch der von ihr – zum Teil anwaltschaftlich – vertretenen Positionen zu zeithistorischen und gegenwärtigen Fragestellungen. Diese haben über die mehr als vierzigjährige Existenz der zur wichtigsten außeruniversitären zeitgeschichtlichen Institution gewordenen Einrichtung einen beträchtlichen Wandel erfahren, sodass die Bezeichnung „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ nicht nur selbst antiquiert klingt sondern die Arbeitsschwerpunkte nicht mehr erkennen lässt.

Zur Zeit der Gründung hatte die – vermutlich an das von Simon Wiesenthal 1961 in Wien gegründete „Jüdische Dokumentationszentrum“ angelehnte – Bezeichnung allerdings eine programmatische Funktion. Mit mehr als zehnjähriger Latenzzeit war die bundesdeutsche Debatte um die Bedeutung des Widerstandes gegen das NS-Regime (Stichwort „Remer-Prozess“)[2] auch für die österreichische Gesellschaft relevant geworden. In dem Ringen um die österreichische Geschichtsschreibung wollte das DÖW ein Gegengewicht zur vorherrschenden gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Negierung faktischen Widerstands bilden. Der inhaltliche Schwerpunkt Widerstand und Verfolgung wurde durch eine gleichnamige 13-bändige Dokumentenedition und Tonbandprotokollen mit Interviews von Zeitzeugen aus dem Widerstand umgesetzt.

Das inhaltliche Spektrum wurde im Laufe der Jahrzehnte über den politischen Widerstand hinaus ausgeweitet auf: Holocaust (in Zusammenarbeit mit Yad Vashem die namentliche Erfassung der österreichischen jüdischen Opfer, erste Publikationen über die Verfolgung von Roma und Sinti, zuletzt Schwerpunkt auf die NS-Vernichtungspolitik gegenüber geistig und körperlich Behinderten), Exil (ab den 1980er-Jahren mit Publikationen Österreicher im Exil in Frankreich, Belgien, Spanien, Großbritannien, den USA, der UdSSR und Mexiko), Täterforschung (in Ansätzen seit Mitte der 1980er-Jahre im Zuge der Diskussion um die Wehrmachtsvergangenheit des 1986 in direkter Volkswahl gewählten österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, seit den späten 1990er-Jahren mit Fokus auf die Rekonstruktion und Dokumentation der Volksgerichtsbarkeit gegen NS-Täter), Erinnerungstopographie (Dokumentation von Mahn- und Denkmalen) und schließlich die in Österreich politisch heftig umstrittenen Bereiche Rechtsextremismus und Revisionismus. Die beiden zuletzt genannten Forschungs- und Publikationsthemen, vor allem das 1994 erstmals veröffentlichten Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus mit Jürg Haider auf dem Buchcover[3] brachten dem DÖW mediale und juridische Aufmerksamkeit. Obwohl im Kuratorium des DÖW zu diesem Zeitpunkt alle parlamentarischen Parteien vertreten waren, galt und gilt das DÖW als den Sozialdemokraten nahe stehend.

Das breite Themenspektrum wird mit knappen finanziellen und personellen Ressourcen bewältigt – ehrenamtliche Mitarbeiter, zum Teil Überlebende der NS-Verfolgung sowie private Spenden tragen wesentlich zur materiellen Existenz der seit 1983 von einer Stiftung (getragen vom Wissenschaftsministerium und der Stadt Wien) verantworteten Einrichtung bei. Auf der Ebene des universitären Mittelbaus bestehen personelle Überschneidungen mit Zeitgeschichte-Instituten.

Neben den erwähnten Buchpublikationen dient dem DÖW eine Dauerausstellung als Medium und bereits seit Oktober 1997 eine Internet-Homepage.[4] Die Struktur der Homepage ist über die Jahre im Wesentlichen gleich geblieben, allerdings wurde das Angebot für die Nutzer vervielfacht. Als Resultat dieser bald zehnjährigen Entwicklung bietet sich dem Nutzer auf der Einstiegsseite eine Fülle von Informationen, die auf einer Bildschirmseite bei weitem nicht Platz findet, somit das Weiterrollen mit dem Curser erfordert. Die Eingangsseite ist völlig nüchtern gehalten und mangels graphischer Elemente textlastig, wobei sämtliche inhaltliche Kurznotizen über einen Textlink zum jeweiligen Gesamttext, darunter zahlreiche umfangreiche pdf-Dateien, weiterführen. Die Textlastigkeit und der sparsame Einsatz von graphischen Elementen macht die Seite selbst bei überholter technischer Ausstattung seitens des Anwenders rasch und leicht bedienbar.

Die strukturellen Manövrierlinks, die jeweils zu einer weiteren Menuleiste führen, sind auf der linken Seite angebracht, die gemeinsam mit dem Logobalken am Kopf der Seite den auch optisch so dargestellten Rahmen für die Inhalte bilden. Sie umfassen die Online-Serviceleistungen. Dazu zählt der Online-Katalog der gesamten Präsenzbibliothek (knapp 40.000 Monographien, 350 Periodika, Spezialsammlungen), die namentliche Datenbank der 62.000 jüdischen Holocaustopfer (3.900 mit Kurzbiographie und Fotos), und Auswahltexte und Fotos zu den beschriebenen Schwerpunktthemen des DÖW. Die Startseite hat jeweils eine aktuelle zeithistorische Retrospektive im Zentrum. So dominieren im April 2006 Texte und Notizen aus April 1945 über die NS-Gerichtsbarkeit und über ihre spätere gerichtliche Aufarbeitung. Dazu gesellen sich Hinweise zu eigenen und inhaltlich vergleichbaren Veranstaltungen und eine Fülle von unstrukturierten Informationen wie Öffnungszeiten, ein neues Serviceangebot der Bibliothek, etc. Im letzten Teil der Startseite finden sich Auftexte mit weiterführenden Links zum Schwerpunkt österreichischer Rechtsextremismus („Neues von ganz rechts“).

Dem Anliegen des DÖW, zur Aufklärung und Information „insbesondere für Jugendliche und Schüler“[5] beizutragen, wird diese Seite vor allem dann gerecht, wenn bereits Interesse und Aufgabenstellung (etwa als Hausaufgabe) bei den SchülerInnen bestehen. Für SchülerInnen (und LehrerInnen, aber auch JournalistInnen) ist das Angebot an Material beachtlich und leicht zugänglich. Im unwahrscheinlichen Fall eines zufälligen Anklickens wird die Seite schon aufgrund ihrer optischen Aufmachung für Jugendliche wenig anziehend wirken. Für Forscher gibt die Seite einen Überblick über mögliche Fundbereiche. Für eine profunde Vorbereitung eines Forschungsaufenthaltes wäre der alleinige Online-Katalog der Bibliothek zu wenig. Die Datenbanken über die umfangreichen Archivbestände[6] des DÖW sind bislang online nicht zugänglich, auch sind die Bestände zum Teil noch nicht elektronisch erfasst. Wünschenswert für die wissenschaftliche Forschung wäre jedoch, wenn das Online-Angebot des Archivs in diese Richtung ausgebaut werden könnte.

Anmerkungen:
[1]http://www.doew.at/information/geschichte/content.html [20.04.2006]
[2] Überblicksdarstellung siehe Reichel, Peter, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001, S. 97-106.
[3] Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus,. Wien 1994.
[4] Vgl. Mitteilungen des DÖW, Folge 134, Dezember 1997, S. 1f.
[5]http://www.doew.at/information/geschichte/content.html [20.04.2006]
[6] http://www.doew.at/service/archiv/content.html [20.04.2006]

Zitation
Anton Legerer: Rezension zu: Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW)., in: H-Soz-Kult, 28.04.2006, <http://www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-121>.
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Veröffentlicht am
28.04.2006
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