CAMENA - Abteilung HISTORICA & POLITICA

Titel
CAMENA - Lateinische Texte der Frühen Neuzeit..


Rezensiert für H-Soz-Kult
Hannes Obermair, Stadtarchiv Bozen/Archivio Storico di Bolzano,

„O Jahrhundert, o Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben, die Studien regen sich, die Geister blühen auf“, ist man mit Ulrich von Hutten auszurufen geneigt, wenn man Online-Angebote wie Camena einer kritischen Würdigung unterzieht. Das Akronym kürzt die etwas sperrige, aber gut frühneuzeitliche Betitelung „Corpus Automatum Multiplex Electorum Neolatinitatis Auctorum“ ab, was man salopp mit „Fundgrube neolateinischer Autoren“ wiedergeben könnte. Kennern der antiken Mythologie erschließt sich ein gelehrter Doppelsinn, wurden doch römische Quellgottheiten bzw. Musen der Dichtkunst als Camenae bezeichnet.

Die „Quellenhoheit“ von Camena liegt beim Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg, geleitet von Prof. Wilhelm Kühlmann. Die Online-Bibliothek wird in Verbindung mit dem Wortschatz-Projekt „Termini“ des Historischen Instituts der Universität Mannheim (Lehrstuhl für Alte Geschichte und Wirkungsgeschichte der Antike) als Projekt der DFG (mit Laufzeit 2004-2006) betrieben.

Als materielle Basis des Auswahlcorpus dienen vorwiegend die Bestände der Universitätsbibliothek Mannheim. Sie sind schon deshalb beachtlich, da die Mannheimer Bibliothek mit den Beständen der ehemaligen Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mannheim auch umfangreiche Literatur zur Kurpfalz seit dem 16. Jahrhundert übernommen hat. Breitet dabei Camenas hier nicht näher vorzustellende Sektion „Poemata“ ein so wenig bekanntes wie reichhaltiges Literaturfeld aus, so liegen die Stärken der Abteilung „Historica & Politica“ – Gegenstand dieser Besprechung – vor allem in der Erschließung bisher nur schwer erreichbaren Streuguts.

Als Nachweisinstrument für frühneuzeitliche Drucke (und die Wissenschaftssprache Latein) ist bekanntlich Dana F. Suttons Neolatin-Bibliographie [1] bislang unerreicht. Die riesige Bibliographie bietet nach wie vor den besten Zugang zu Digitalisaten von frei zugänglichen alten Drucken auch aus dem deutschsprachigen Raum. Gegenüber einem solchen enzyklopädischen Anspruch und totalisierenden Angebot besteht der Mehrwert von Camena in erster Linie darin, gezielt einen Apparat von Autoren aufzubauen, die im Schatten der klassischen Werke des frühen Humanismus vom 15. zum frühen 16. Jahrhundert sowie der Vor- und Frühaufklärung vom 17. zum 18. Jahrhundert stehen.

Das kaum erschlossene bunte Dazwischen der Jahrzehnte vor und nach 1600 repräsentiert einen Kanon historischer und politischer Literatur, der notdürftig mit dem unscharf konturierten Begriff eines spezifisch deutschen „Späthumanismus“ bezeichnet werden kann. Der von Erich Trunz 1931 in die germanistische Literaturwissenschaft eingeführte Epochenbegriff ist seit den 1960er Jahren auch in den historischen Wissenschaften produktiv rezipiert und weiterentwickelt worden, wobei gerade Wilhelm Kühlmann das Späthumanismus-Konzept als Synonym des Barock und des Frühmodernen und damit als Epochensignatur entscheidend etabliert hat.[2] Gegen diese Denkfigur eines um 1600 gleichsam auf seinem Höhepunkt befindlichen Renaissancehumanismus wurden durchaus Einwände erhoben, zuletzt etwa von Notker Hammerstein oder von Aleida Assmann.[3] Sie verwiesen darauf, dass die Begriffsrezeption über den deutschen Sprachraum nicht hinausgewirkt habe, also ein binnennationaler Diskurs vorliege, und sich mit dem glättenden Begriffsfeld des Späthumanismus die divergenten Phänomene der Konfessionalisierung, der Hofkulturen oder des sog. Neuhumanismus nicht ausreichend klar fassen ließen.

Dieser offene, in zentralen Fragen nicht abgeschlossene Forschungsstand tut freilich der Nützlichkeit des Camena-Angebots keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, das Corpus bietet die Grundlagen für eine künftige vertiefte Befassung mit forschungspraktischen und methodischen Fragestellungen eines zentralen Abschnitts frühneuzeitlicher Entwicklung. Die Mannheimer Bereitstellung von gut 70 Autoren vorwiegend aus der 2. Hälfte des 16. und der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts mit einer Vielzahl von Werken macht einen hervorragenden Bestand an Primärquellen verfügbar. Dreh- und Angelpunkt der Epocheninteressen waren Staatstheorie, Ständelehre und Fürstenspiegel, Ökonomie und Wirtschaftspolitik, Antikenrezeption und Universalgeschichte, ebenso auch Quellenpublikationen und Landeskunde – will man einen gemeinsamen Nenner dieser disparaten Kontexte ausmachen, so liegt er wohl am ehesten in einem umfassenden kulturhistorischen Interesse begründet. Solches „alteuropäisches“ Denken war geradezu fixiert auf das Auffinden von Ursprüngen und tragfähigen Traditionen. Älteste Überlieferungen und ihre Neubelebung im Geiste früher wissenschaftlicher Perspektiven verhieß zugleich, Repräsentationen des kulturellen Gedächtnisses zu erschaffen und zu erfinden („invenire“), festzuhalten und zu dokumentieren. Der blinde Fleck solcher Figurationen, dies macht auch einen Teil ihres aktuellen Reizes aus, liegt in der eurozentrischen Zuspitzung des zugrundeliegenden Kulturmodells, das hier gleichsam in seinem Urzustand auftritt. Man spürt förmlich, wie sich die Wissensmagazine auffüllen, die die europäische Expansion nach innen und nach außen begleiten. Philologisch-theologische Interessen treten nun definitiv hinter die Erfahrung neuer Welten zurück, im Kontext von Naturrecht und Staatslehre erhält die in Büchern repräsentierte Kultur eine erste umfassende moderne Signatur.

Forschungsleistungen und Impulsliteratur der Epoche werden nicht nur in den bekannteren Namen sichtbar, von denen in Camena etwa Jean Bodin (De Republica Libri Sex, 1594), Philipp Melanchthon (Chronicon Carionis, 1561), Konrad Heresbach (De Educandis Erudiendisque Principum, 1592), Giovanni Della Casa (Galateus, 1588), Caspar Schoppe (Paedia Politices, 1663) oder Adam Contzen (Politicorum Libri Decem, 1629) vertreten sind. Auch die breite Fundierung des Epochenportals durch disziplinär weniger präsente Autoren wie Ahasver Fritsch (Tractatus Theologico-nomico-politicus, 1659, und Tractatus Nomico-politicus, 1669), Eberhard Wassenberg (Florus Germanicus, 1641) oder etwa Johann Peter von Vaelckern (Diarium Obsidionis Viennensis, 1683) verdient höchste Beachtung. Gerade an solchen Wissensbeständen und Darstellungsformen lässt sich viel spezialhistorisches Anschauungsmaterial für eine Geschichte frühneuzeitlicher Pluralität gewinnen, und in ihnen reflektiert sich manchmal deutlicher als in den „Klassikern“ die epochenspezifische Ausdifferenzierung der Wissenschaften und die Umformung ihrer inneren Systematiken.

Die Bewertung Camenas vom technischen Standpunkt gewinnt den bestimmten Eindruck, dass das dringlichste Desiderat eines Digitalisierungsangebots sehr gut erfüllt ist: Das Projekt bietet eine einfach benutzbare Datenbank frei verfügbarer Digitalisate mit nach Selbstauskunft über 48.000 Einzelseiten an und nimmt damit die Anliegen einer zusehends auf Open-Access drängenden Wissenschaftsgemeinde auf vorbildliche Weise ernst. Die Suchfunktionen sind sehr einfach gehalten. Der benutzerfreundliche Aufbau präsentiert die erfassten Autoren in alphabetischer Reihenfolge. Steuert man die Namen einzeln an, wird nach dem – offensichtlich den Regeln für Alte Drucke RAK-WB folgenden – Katalogisat eine nach den originalen Werkabschnitten gegliederte Übersicht geboten. Innerhalb dieser Gliederungsebenen sind die Digitalisate zunächst als Thumbnails sichtbar, deren gut auflösende jpg-Versionen beim Anklicken durchwegs exzellente und unverzerrte Lesbarkeit bieten. Bei zahlreichen Werken wird auch eine maschinenlesbare Textversion in html- oder xml-Fassung geboten, die die Bilddateien übersichtlich integriert.

Alles in allem bleiben wohl kaum Wünsche offen. Man kann mit Fug und Recht feststellen, dass die an Camena beteiligten Wissenschaftsorganisationen ihrem Öffentlichkeitsauftrag bestens nachgekommen sind und die ihnen anvertrauten Kulturschätze als das behandeln, was sie sind – ein wichtiges Stück kulturelles Allgemeingut.

Anmerkungen:
[1] <http://www.philological.bham.ac.uk/bibliography/index.htm> (11.12.2007).
[2] Kühlmann, Wilhelm, Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat. Entwicklung und Kritik des deutschen Späthumanismus in der Literatur des Barockzeitalters (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 3), Tübingen 1982.
[3] Vgl. die Beiträge in Hammerstein, Notker; Walther, Gerrit (Hrsg.), Späthumanismus. Studien über das Ende einer kulturhistorischen Epoche, Göttingen 2000.

Zitation
Hannes Obermair: Rezension zu: CAMENA - Lateinische Texte der Frühen Neuzeit.., in: H-Soz-Kult, 14.12.2007, <http://www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-142>.
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14.12.2007
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