Württembergisches Urkundenbuch Online

Titel
Württembergisches Urkundenbuch Online.


Rezensiert für H-Soz-Kult
Klaus Graf, RWTH Aachen

Mit dem im März 2008 vorgestellten Angebot "Württembergisches Urkundenbuch Online" (WUB Online) nimmt das Landesarchiv Baden-Württemberg für sich in Anspruch, ein zentrales Quellenwerk der historischen Landesforschung für die moderne digitale Recherche erschlossen zu haben.[1] Das "Wirtembergische Urkundenbuch" (WUB) erschien in elf Bänden von 1849 bis 1913 und umfasst die Urkunden (bis zum Jahr 1300), die sich auf württembergische Orte beziehen: „alle, in welchen in Beziehung auf irgend einen Bestandteil des Landes in seinem heutigen Umfange eine (rechtliche) Bestimmung sich findet“.

Das WUB Online bietet den E-Text der 6148 Urkunden (Vollabdrucke oder – in den jüngeren Bänden häufig – Regesten) samt aktualisierten Überlieferungs- und Literaturangaben sowie Sachanmerkungen. Eingearbeitet ist eine überwiegend maschinenschriftlich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart geführte Nachtragskartei. Die dort registrierten 416 Neufunde, präsentiert als Kurzregesten, wurden zu einem virtuellen zwölften Band vereint.

Die Volltextrecherche in den überwiegend lateinischen Texten ist ohne jeden Zweifel ein großartiger Schritt nach vorn. Die manuelle Texterfassung ist anscheinend sehr sorgfältig erfolgt. Man kann in den Bänden blättern oder eine Suchanfrage stellen. In der Expertensuche können die einzelnen Suchfelder durchsucht und die Treffer auf eine Zeitspanne eingegrenzt werden. Ein besonderes Lob verdient die Ortssuche, bei der man in Baden-Württemberg über die verschiedenen Verwaltungsebenen, vom Regierungsbezirk bis hinunter zu den einzelnen Wohnplätzen, suchen kann. Dies ermöglicht es, nach benachbarten Orten Ausschau zu halten.

Wichtig ist auch die Möglichkeit, die Lagerorte der meisten Urkunden nunmehr sofort verifizieren zu können. Gelegentlich wird sogar ein Link zum jeweiligen Findbuch im Internetangebot des Landesarchivs gegeben. Dankbar werden nicht nur Heimatforscher für die vielfältigen Aktualisierungen sein, die einen gegenüber dem alten WUB neueren Forschungsstand einbringen.

Das WUB ist mehr als nur eine Sammlung von Urkundentexten. Als eines der besten territorialen Urkundenbücher des 19. Jahrhunderts, um das viele deutsche Länder Württemberg beneidet haben, ist es zugleich ein wissenschaftsgeschichtliches Monument. Geboten werden online aber nur die reinen Urkundentexte. Vorworte, Register, andere Verzeichnisse und Nachträge fallen weg. Bereits diese Entscheidung ist nicht nachvollziehbar, denn damit erfährt der Benutzer des WUB Online nichts über die Auswahlkriterien und die Editionsrichtlinien des WUB. Es gibt auch keine Editionsrichtlinien für die Textwiedergabe und die Kommentargestaltung des WUB Online. Beispielsweise erfährt man nicht, dass sich die Bearbeiter entschieden haben, die Kennzeichnung des Wechsels der ersten drei Zeilen bei Ausfertigungen durch zwei senkrechte Striche einfach wegzulassen.

Wer wissenschaftlich mit dem WUB arbeiten will, muss nach wie vor die dickleibigen Bände der Buchausgabe wälzen. Leider verzichtet das WUB Online auf jeglichen Hinweis auf die unentbehrliche "Konkurrenz" der Google-Digitalisate des WUB.[2] WUB Online verzichtet ebenso darauf, den Seitenwechsel der Vorlage zu markieren. Was an Beiwerk weggelassen wurde, liefert nicht selten unentbehrliche Informationen und zwar auch solche, die nicht nur aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen von Interesse sind.

Ein manuell erstelltes Register kann mit einer Volltextsuche, zumal wenn sie Verknüpfungen von Suchbegriffen wie beim WUB Online (UND wie bei Google voreingestellt) erlaubt, nie konkurrieren. Umgekehrt gilt aber auch, dass traditionelle Register einen erheblichen Mehrwert gegenüber einer bloßen Volltextsuche aufweisen. Die sichtende und zusammenfassende Arbeit des WUB-Herausgebers ist nach wie vor eine Arbeitsgrundlage, auf die der Forscher nicht verzichten kann. Wenn der WUB-Bearbeiter etwa bei einer Stadt wie Esslingen im Bandregister [3] nicht nur die Haupt-Namensformen auflistet, sondern auch die Flurnamen, die Personen und Institutionen und dies zumindest zum Teil mit normalisierten Namensformen, so darf man diese wertvolle Erschließungsleistung dem heutigen Benutzer schlicht und einfach nicht vorenthalten. Alle Ortsnamen in Baden-Württemberg liegen zwar in normalisierter Form im WUB Online vor, aber eben nicht die Personennamen. Wer nach einem Adelsnamen wie Hack sucht, muss im WUB Online die genauen Namensformen kennen. Im gedruckten WUB braucht er lediglich im Register den Buchstaben H zu sichten und erhält dort nützliche Querverweise auf Hoheneck und Wöllstein.

Einige weitere Beispiele sollen die unzureichende Aufbereitung und Erschließung verdeutlichen, zuerst die unechte Urkunde Ludwig des Deutschen aus dem Jahr 856 für Worms. Bereits im Kopfregest greift WUB Online [4] in den Wortlaut des WUB [5] durch den Zusatz zum Herrschernamen "(der Deutsche)" ein. Im Anschluss an den lateinischen Text sind im WUB zwei Zeilen Überlieferungsangaben und 15 Anmerkungen zu finden. Diesen Teil hat WUB Online - teilweise in Anlehnung an die Formulierungen des WUB - neu geschrieben.

Die Überlieferungsangaben zu den Abschriften entstammen offenkundig einem Blick in die maßgebliche Diplomataausgabe, die ja auch online vorliegt.[6] Wie auch bei anderen Urkunden, die aus dem Wormser Chartular in Hannover entstammen, wurde die exakte Fundstelle, also die heutige Signatur, nicht ermittelt. Ob einer derartige „Aktualisierung“ auf dem Stand der MGH-Ausgabe, als die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek noch „Provinzialbibliothek“ hieß, sinnvoll ist, sei dahingestellt.

Über den ebenfalls nicht mit moderner Signatur aufgeführten Liber privilegiorum ecclesiae Wormatiensis heißt es:„Ein Vergleich dieser Abschrift mit der hier abgedruckten Urkunde zeigt mehrere kleinere Wortabweichungen.“ Ein expliziter Hinweis, dass die Varianten in den Nachträgen WUB Bd. 2, S. 445 [7] verzeichnet wurden, fehlt. Den ins Auge gefassten Nutzer haben sie ganz offenkundig nicht zu interessieren. Was aus den Nachträgen in den Kommentarteil übernommen wurde, scheint von den Bearbeitern nach Gutdünken, also ohne nachvollziehbares Konzept entschieden worden zu sein.

Aus den 15 Anmerkungen des WUB wurden neun im WUB Online, indem Ortsnamenidentifizierungen, die im angehängten Ortsindex gegeben werden, nicht mehr als Anmerkungen erscheinen. An Informationen fallen weg: in Anmerkung 1-2: „der Bach bei Biberach führt noch jetzt den gleichen Namen“; Anm. 3 zur Wüstung Eichhausen; in Anm. 4 die Entfernungsangabe 1/8 Stunde.

„Ohnzweifelhaft“ in Anm. 3 scheint ohnzweifelhaft ein archaisierendes Späßchen des Bearbeiters zu sein, denn im WUB steht ohnzweifelhaft „Ohne Zweifel“.

Seit geraumer Zeit spricht man in der Diplomatik aus guten Gründen nicht mehr von „Originalen“, was sich in der WUB Online aber nicht niederschlägt! Der bei der vorliegenden Urkunde als „Original“ angegebene Schannat-Druck ist aber nun einmal kein Original, sondern die Druckvorlage. Die Belegung dieses Felds ist völlig inkonsistent. Hier findet man auch Ausfertigungen, die dem WUB gar nicht bekannt waren (z.B. bei Nr. 696). Auch bei den doch häufig schwierigen Ortsnamenidentifizierungen hätte ein methodisch sauberes Vorgehen nahe gelegen, so unter anderem die Dokumentation der Identifizierung(en) des WUB oder Literaturangaben zur Absicherung, insbesondere aus den Ortsnamenbüchern von Lutz Reichardt. Verschlimmbesserungen des WUB Online dürften an dieser Stelle keine extremen Ausnahmen darstellen. So sprechen die Ausführungen von Rainer Jooß [8] doch sehr dafür, dass sich Wito von Gröningen um 1100 nach Gröningen bei Crailsheim nannte. Dies ist auch die Identifizierung in Nr. 264, während die gleiche Person im Komburger Schenkungsbuch (Bd. 1, S. 400f.) „wahrscheinlich Untergröningen, Abtsgmünd, AA“ zugewiesen wird. Das WUB benennt hier das Gröningen bei Crailsheim!

Völlige beliebig scheinen auch Nachträge umgesetzt worden zu sein. Konsequent eingearbeitet wurden anscheinend nur die Diplomata/Regesta Imperii. Obwohl die meisten Urkunden des ersten Bandes aus St. Gallen stammen und die maßgebliche Edition später durch Wartmann im St. Galler Urkundenbuch erfolgte, findet man nur gelegentlich einen Hinweis auf dieses Werk. Auch das „Corpus der altdeutschen Originalurkunden“ wurde beispielsweise nicht berücksichtigt. Darf man nicht erwarten, dass man zur „Gründungsurkunde“ des Klosters Murrhard (Nr. 78) den maßgeblichen Aufsatz von Heinrich Wagner (mit Neuedition) im Deutschen Archiv 2001 zitiert und auswertet? Völlig inakzeptabel ist bei der – seit dem Jahr 2000 im Internet als Text mit hinlänglichen Erläuterungen präsenten [9] – Lorcher Urkunde von 1162 die im Kopfregest nach wie vor befindliche falsche Identifizierung Uttenhofen, die bereits im WUB Bd. 3, S. 495 korrigiert wurde. Eine gründliche Überarbeitung der in einem Band 12 zusammengefassten Nachträge ist ebenfalls nicht erfolgt. Keine glückliche Hand beweist das WUB Online auch bei Regionalbezeichnungen: Rießgau, Mortenau oder Littauen im Ortsindex sind nicht hilfreich. Wenn Bd. 6, S. 429 der Flussname Blies eine Anmerkung „Vielleicht Blesa, Aragonien, Spanien“ erhält, ist dies mehr als peinlich.

Bei genauem Hinsehen erweist sich das WUB Online als Baustelle. Vor der Freischaltung eines solchen Angebots sollten wenigstens Fußnoten ordentlich kodiert, etliche im WUB nur abgekürzt zitierte Werke (z.B. Huillard-Bréholles) in das Literaturverzeichnis aufgenommen, Abbildungen und Übersetzungen der Urkunden nicht nur sporadisch vermerkt sein.

Trotz der eingangs geschilderten, unbestreitbar positiven Eigenschaften sind in der Gesamtumsetzung des WUB Online an vielen Stellen Fehler und Lücken zu finden, die eine Nutzung zu wissenschaftlichen Zwecken nur bedingt erlauben, was vermutlich einer oberflächlichen „Übertragung“ des originalen WUB geschuldet ist. Für eine wissenschaftlichen Anforderungen entsprechende Retrodigitalisierung sollte es inzwischen selbstverständlich sein, nicht nur den reinen E-Text, der für eine Volltextsuche unentbehrlich ist, noch das digitale Faksimile für sich allein anzubieten. Erst die Kombination beider Darbietungsformen stiftet im wissenschaftlichen Kontext den meisten Nutzen. Das WUB sollte daher als Ganzes im Faksimile und als E-Text der Forschung zur Verfügung stehen. Den einzelnen Urkunden könnten im Lauf der Zeit Quellen-Faksimiles und neu erstellte Transkriptionen [10] zugeordnet werden. Für Transkriptionen und Ergänzungen wäre die Beteiligung von Nutzern im Sinne des „Web 2.0“, die wertvolles lokales Wissen einbringen könnten, denkbar, wie es sich beispielsweise nach dem „Wiki“-Prinzip [11] – erinnert sei noch einmal an das Projekt Wikisource – bewährt hat.

Dass man versucht hat, das WUB an den modernen Forschungsstand heranzuführen, ist überhaupt nicht zu tadeln – im Gegenteil! Es liegt aber weder eine vollständige Neubearbeitung vor, die innerhalb der angegebenen fünf Jahre Projektlaufzeit wohl auch nicht zu leisten gewesen wäre, noch eine Darbietung der historischen Vorlage mit deutlich abgesetzten modernen Änderungen. Geschaffen hat man stattdessen ein wissenschaftlich nur stark eingeschränkt nutzbares Digitalisat, welches den ständigen kontrollierenden Rückgriff auf das originale WUB erfordert und nur ein ärgerliches Fazit zulässt. Eine derartige „Renovierung“ hat das gute alte WUB nicht verdient, ohne erhebliche Reparaturarbeiten wird das WUB Online kein wissenschaftlich brauchbares Werkzeug darstellen können.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Kurzvorstellung in den Archivnachrichten
<http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/25/Archivnachrichten_36.pdf> (15.04.2008).
[2] Die Liste der Google-Digitalisate findet sich im Wikisource-Projekt unter <http://de.wikisource.org/wiki/Wirtembergisches_Urkundenbuch> (15.04.2008). Da deutsche Nutzer nur zwei Bände in der Vollansicht genießen dürfen, hat sich das deutsche Wikisource-Projekt im Juli 2007 entschlossen, die bei Google vorhandenen neun Bände (es fehlen aus urheberrechtlichen Erwägungen Googles die Bände 10 und 11) im Rahmen des Multimedia-Repositoriums der Wikimedia-Projekte "Wikimedia Commons" auch für deutsche Nutzer bereitzustellen.
[3] Für Band 9: <http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:De_Wirtembergisches_Urkundenbuch_9_511.jpg> (15.04.2008).
[4] Noch nicht dauerhafte Adresse: <http://www.wubonline.de/index.php?wubid=210> (15.04.2008).
[5] <http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:De_Wirtembergisches_Urkundenbuch_1_148.jpg> (15.04.2008).
[6] <http://mdz10.bib-bvb.de/~db/bsb00000362/images/index.html?&seite=300> (15.04.2008).
[7] <http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:De_Wirtembergisches_Urkundenbuch_2_421.jpg> (15.04.2008).
[8] Kloster Komburg im Mittelalter, Sigmaringen 1987, S. 39.
[9] <http://www.histsem.uni-freiburg.de/mertens/graf/urk1162.htm> (15.04.2008).
[10] Auf Transkriptionen von den archivalischen Vorlagen setzen die beiden virtuellen deutschen Urkundenbücher im Internet: Virtuelles Hamburgisches Urkundenbuch: <http://www1.uni-hamburg.de/hamburgisches_ub/HambUB.html> (15.04.2008); Virtuelles Preußisches Urkundenbuch <http://www1.uni-hamburg.de/Landesforschung/orden.html> (15.04.2008).
[11] Vgl. etwa Gautier Poupeau, Du livre électronique au wiki. Comprendre les enjeux techniques de l’édition électronique. In: Archiv für Diplomatik 52 (2006), S. 467-478.

Zitation
Klaus Graf: Rezension zu: Württembergisches Urkundenbuch Online., in: H-Soz-Kult, 03.05.2008, <http://www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-151>.
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03.05.2008
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