filmarchives online

Titel
filmarchives online - Finding Moving Images in European Collections.


Rezensiert für H-Soz-Kult
Kersten Schüßler, Redaktion, lizard Medienproduktion

Filme online recherchieren – das ist eine lang ersehnte Internet-Dienstleistung, deren Bedeutung gut ermessen kann, wer jahrelang in Archiven nach Filmkopien gesucht hat. Wie viele Stunden, Tage, Wochen und Reisen hätte man sich sparen können?
Ein wichtiges Pilotprojekt zur Lösung dieses Problems stellt filmarchives-online dar. Gefördert aus dem EU-Mediaplus-Budget zur besseren audiovisuellen Vernetzung werden hier Archivinformationen als Datenbank präsentiert. Dabei geht es, wie angekündigt wird, um Find- und Ausleihmöglichkeiten von hauptsächlich nicht-fiktionalen „Dokumentar- und Unterrichtsfilmen, Wochenschauen, Amateuraufnahmen, Werbe-, Industrie-, Reise- und Sportfilmen sowie Animationsfilmen.“[1] Die Seite richtet sich somit an Filmwissenschaftler, Filmschaffende, aber auch an alle anderen Interessierten in Sachen Film. Schließlich können hier auch private Anbieter ihre Privatarchive anbieten und Bewegtbilder zur Verfügung stellen.
Unter Federführung des Deutschen Filminstituts DIF werden auf <http://www.filmarchives-online.eu> bis Ende 2008 achtzehn Institutionen und Archive vernetzt sein - vom bedeutenden British Film Institute über die Deutsche Kinemathek, die Defa-Stiftung, die 'IWF Wissen und Medien' und Archive wie die Cinemathèque Belgique bis zur Fondazione Cineteca Italiana. Insgesamt sollen dann rund 20.000 filmische Werke in acht Sprachen (deutsch, englisch, französisch, italienisch, litauisch, tschechisch, norwegisch, griechisch) recherchierbar sein; Deutschland, die Benelux-Staaten und Italien stellen dabei das eindeutige Zentrum dar, Archive aus Frankreich, Spanien und Portugal sind leider nicht beteiligt. Eingebunden in andere nationale und internationale Projekte oder auch durch Umbauarbeiten bzw. Inkompatibilitäten der je eigenen Datenbank gehindert, werden sie auch nicht mehr dazu stoßen, finden sich allerdings auf den Seiten des gleichfalls beim Filminstitut in Frankfurt am Main angesiedelten Dachverbandes Association des Cinemathèques Curopéennes <http://www.acefilm.de>.

Wer nun etwa von der Seite des sicherlich ungleich opulenter ausgestatteten British Film-Institutes <http://www.bfi.org.uk> zu <http://www.filmarchives-online.eu> gelangt, der wird allerdings von einer geradezu unfilmischen Schlichtheit des grau-blauen Webdesigns ernüchtert. Das gleichfalls vom Deutschen Film Institut initiierte Projekt für fiktionale Filme unter <http://www.filmportal.de> wirkt da schon etwas bildstärker.
Zentral ist auf filmarchives-online zunächst die Suchfunktion, wobei es sich empfiehlt, die Schnellsuche auf der linken Seite zu ignorieren und gleich über den Reiter im oberen Menü die erweiterte Suchfunktion zu wählen. Wer nun beispielsweise Filme zum „Nationalsozialismus“ und zu „1933“ sucht, erhält 147 Treffer. Das Spektrum reicht von einem Dokumentarfilm über den 1933 emigrierten Architekten Bruno Taut über Riefenstahls Parteitagsfilme von 1933 und 1934, zahlreichen Hitler- und Göring-Reden, Aufmärschen und Kriegsberichten bis hin zu einem eher kuriosen Ausgrabungsfilm aus Ostschlesien von 1932. Auf diesen Filmtitel geklickt, enträtselt die erscheinende Filmographie genauer, um welches Werk es sich handelt: „Wir wandern mit den Ostgermanen“ ist eine „von der NSDAP Reichspropagandaleitung nach 1934 veränderte Fassung eines Kulturfilms von Lothar F. Zotz und Walter Fischer, Berlin 1932“ zur „Korrektur des bisherigen Germanenbildes“. Da viele Film-Recherchen ohne ganz exakten Titel starten dürften, wird das Ergebnis in der Regel eine Liste wie diese sein. Schnell wird auch angezeigt, wenn definitiv kein Werk zum Stichwort vorliegt, wie bei „Thatcher“ oder „Mitterand“. Auch wer einen bestimmten Film sucht, wie Marcel Ophüls geniale Dokumentation „Das Münchner Abkommen 1938“ von 1967, bekommt sehr schnell gemeldet, dass der Film im Verbund gegenwärtig nicht vorhanden ist. Der unspezifische Suchbegriff „Picasso“ etwa liefert dagegen Ergebnisse, auch wenn nur ein älteres Porträt von 1950 vorliegt. Hier, wie auch beim Blick auf die Filmbeschreibungen stellt sich heraus, dass es sich bei dem Projekt nicht in erster Linie um einen filmografischen Dienst, sondern um ein reines Findhilfsmittel handelt. Umgekehrt liefert die unspezifische Suche nach groben Stichworten eine Fülle von Anregungen, auf die man so vielleicht nie gekommen wäre.
Damit präsentiert sich filmarchives-online als schneller und sinnvoller Recherche-Dienst. Für Historiker und Filmwissenschaftler ist es eine Fundgrube, die neben dem schnellen Recherche-Zugriff auf Klassiker auch eine Fülle an Anregungen und Quellen liefert, die eine wissenschaftliche Untersuchung lohnen könnten.

Etwas offensiver könnte sicher beworben werden, wie sich das Projekt in Zukunft weiter entwickeln wird. Ein leichter Wink, dass hier bald mehr zu erwarten sein könnte, gibt zunächst die Highlight-Ankündigung auf der News-Seite. Dort wird unter anderem auf Preziosen aus dem Bereich Fußball aufmerksam gemacht, so auf einen Film mit Flankengott Günter Netzer, auf die sicher künstlerisch interessanten Filme des Berner Fotografen Kurt Blum (1922-2005) sowie auf die von vielen längst vergessenen Top-DDR-Dokufilmer Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, die in den 1960er- und 1970er-Jahren schon vom Titel spannend klingende Dokumentationen wie „Piloten im Pyjama“ (Vietnam 1968) drehten. [2]
Einen weiteren, leider nicht auf der Webseite verlinkten Ausblick liefern bei Youtube Filmausschnitte aus den Archiven <http://www.youtube.com/user/filmarchivesonline>. Dort wecken derzeit immerhin 70 Filme Neugier auf das, was das Nachfolgeprojekt European Film Gateway [3] in weitaus größerer Form bieten soll – ein Archiv, das Filme nicht allein listet, sondern auch in Ausschnitten bzw. reduzierter Qualität zur Ansicht bringt. Da die Aufnahmen nicht auf filmarchives-online beworben werden, weisen die teils sehr alten Filmausschnitte noch phänomenal wenige Clicks auf, was sie sicherlich nicht verdient haben, da einige echte Preziosen zu finden sind, wie die sehr frühen Stadtbilder vor dem Ersten Weltkrieg aus Prag oder Kurzfilme aus der Zeit vor und um den Ersten Weltkrieg mit regionalen Bezügen; es folgen weitere Amateur-Städtebilder aus Zagreb, Dubrovnik. Anregend sind auch die Ausschnitte von Claude Gorettas Film 'Nice Time' vom Nachtleben rund um Picadilly Circus 1957 mit fröhlichen, teils trunkenen, von Bobbies abgeführten Briten; auf Youtube werden diese Ausschnitte wiederum mit anderen zeitgenössischen Streifen des 'British Film Institute' verlinkt.
Das schon gestartete Folgeprojekt European Film Gateway soll bis 2010 mit einem größeren Fundus an digitalisierten Daten locken, darunter neben unzähligen Filmen auch Briefe, Drehbücher und weitere Materialien. Mit seinem schlichten und gleichwohl eleganten Design – ein weißer Menü-Kubus vor einem Hintergrund mit historischen Fotografien – überzeugt es schon weit mehr und macht neugierig, wie und wohin sich das Gesamtprojekt wohl entwickelt. Noch nicht vollends geklärt sind einige urheberrechtliche Fragen – voraussichtlich wird es von den wertvollen Filmen nur mäßig aufgelöste oder mit Wasserzeichen gesicherte Ansichtskopien geben. Dennoch zeigt allein die Zahl der für 2010 angekündigten 790.000 digitalisierten Objekte, das sich hier die Tore in eine wunderbare neue, alte Filmwelt auftun.

Anmerkungen:
[1] <http://www.filmarchives-online.eu> (24.10.2008).
[2] <http://www.filmarchives-online.eu/news-1/highlights-from-the-archives> (24.10.2008).
[3] <http://www.europeanfilmgateway.eu> (24.10.2008).

Zitation
Kersten Schüßler: Rezension zu: filmarchives online - Finding Moving Images in European Collections., in: H-Soz-Kult, 25.10.2008, <http://www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-154>.