Das Virtuelle Museum Vimu.info

Titel
vimu - das virtuelle Museum.


Hrsg. v.
Fachhochschule Kiel: Kiel, DE <http://www.fh-kiel.de/>; Institut for Historie, Kultur og Samfundsbeskrivelse der Syddansk Universitet in Odense: Odense, DK <http://www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/Ihks.aspx>; Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) Schleswig: Schleswig, DE <http://www.izrg.de/>; Institut for Fagsprog, Kommunikation og Informationsvidenskab der Syddansk Universitet in Kolding/Sonderborg: Kolding, DK <https://www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/Ifki.aspx>
Rezensiert für H-Soz-Kult
Waldemar Grosch, Pädagogische Hochschule Weingarten

Seit dem Sommer 2008 ist ein Internetportal online, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: „VIMU - das virtuelle Museum” verbindet einen thematisch wichtigen Ansatz mit einem innovativen, bestens reflektierten Web-Auftritt. [1] Inhaltlich geht es um die Geschichte und Kultur des deutsch-dänischen Grenzraumes, genauer: Schleswig-Holsteins und Süddänemarks zwischen 1830 und 2000 – ein nach wie vor höchst sensibles Feld voller Vorurteile und Schuldzuweisungen. Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich dieses Themenkomplexes in grenzüberschreitender Kooperation angenommen haben: Wissenschaftliche Einrichtungen aus Schleswig und Odense haben den fachlichen Teil erarbeitet, während aus Sonderborg und Kiel die technische Kompetenz beigetragen wurde. Äußerlich zeigt sich dies schon an der Möglichkeit, jederzeit zwischen der deutschen und der dänischen Version von VIMU zu wechseln – man muss nur auf die kleine Flagge am rechten Bildrand klicken; eine Vorgehensweise, die für völlige Gleichberechtigung bürgt und bereits im Projekt Deuframat [2] praktiziert wird.

Das Webportal ist zunächst thematisch strukturiert: von der Startseite aus stehen sechs „Dimensionen” (Grenze, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Meer) zur Auswahl, welche zu ausgewählten Aspekten des deutsch-dänischen Mit- und Gegeneinander weiterleiten. Dahinter verbergen sich insgesamt 36 Themen mit rund 300 Kapiteln, die ausweislich des „Guide” wiederum 1.790 Texte, 2.237 Bilder, 180 Multimediaanwendungen, 80 Filme und 39 Audiodateien beinhalten. [3] Zudem besteht die Möglichkeit, zwischen sechs Zielgruppen zu wählen („entdecken” für die „Standard-Nutzer”, „reisen” für Touristen, „lernen” für Schülerinnen und Schüler der 5.-10. Klassen, „forschen” für ältere Jahrgangsstufen, Journalisten und Wissenschaftler, „unterrichten” für Lehrkräfte und „spielen” für Grundschulkinder), für die jeweils eigene Angebote gemacht werden.

Diese große Materialfülle stellt ebenso wie die Kombination der „Dimensionen” und der zielgruppenorientierten Angebote an die Navigation besondere Anforderungen. Grundgedanke der Herausgeber war es, hier tatsächlich ein Museum mit ausgewählten Themen darzustellen, bei dem man quasi von Vitrine zu Vitrine gehen und manche Dinge genauer betrachten kann, andere wieder nur flüchtig oder überhaupt nicht. Jedes Kapitel, jedes Medium kann für sich stehen, ein Weg ist nicht vorgegeben – wir haben es also mit einem delinearen Hypertext-Netzwerk zu tun. [4] Die Vorteile liegen auf der Hand: Benutzer oder Benutzerin gehen einen an den jeweiligen Interessen ausgerichteten eigenen Weg durch die virtuelle Ausstellung. Um dabei nicht die Orientierung zu verlieren, bieten die Herausgeber gleich mehrere Navigationshilfen an: Der jeweilige Standort wird in einer Kopfzeile genau beschrieben, am Seitenende sind alle Kapitel des gerade besuchten Themas aufgelistet, am rechten Rand stehen die Materialien, man kann ein Favoritenverzeichnis anlegen, „Ausstellungsstücke” in einen „Kulturkorb” legen und über die immer sichtbare Leiste mit den „Dimensionen” in einen ganz anderen Bereich springen. Besonders innovativ sind aber zwei weitere Orientierungshilfen: der „Fährtenfinder”, welcher eine Warnung ausgibt, wenn man sich zu weit von ursprünglichen Thema entfernt, und die „Spinne”, welche die Seitenstruktur in graphischer Form jeweils neu aufbaut.

Damit das Navigationsproblem aber letztlich nicht gelöst: Informationen zum Thema „Helgoland” findet man in den voneinander getrennten Bereichen „entdecken - Meer”, unter „lernen” und unter „forschen” (wobei man von dort wieder auf die „entdecken”-Seite geleitet wird). Eine Suchfunktion scheint es nicht zu geben, und da die „Spinne” Verknüpfungen meist nur inner- bzw. unterhalb des gewählten Themas anzeigt, hilft auch sie hier kaum weiter – dabei hätte sie das Potential, „objektrelational” auch verwandte Inhalte anderer „Dimensionen” oder Themen zu verzeichnen. Dass sie, da von den dänischen Kooperationspartnern entwickelt, häufig nur dänische Beschriftungen aufweist, ist demgegenüber nebensächlich.

Die zielgruppenorientierten Angebote „entdecken”, und „forschen” sind von hoher Qualität; sie machen den Konstruktcharakter von Geschichte transparent, sind stets multiperspektivisch, sachangemessen und überaus anschaulich. Hier ist die deutsch-dänische Kooperation von besonderem Vorteil, besonders für deutsche Nutzer, die über das nördliche Nachbarland wohl häufig viel zu wenig wissen. Die verwendeten Medien sind aufwendig, werden sauber nachgewiesen, lassen sich exportieren und erlauben häufig interaktive Eingaben. Abbildungen können vergrößert werden, Audiodateien wie z. B. Dialektbeispiele sind über Karten abrufbar, bei den eigens angefertigten Filmausschnitten weisen Kommentare auf deren propagandistische Zielsetzung hin. Natürlich gibt es bei der großen Menge an Angeboten auch Mängel – falsche Bildunterschriften (z. B. bei „entdecken - Meer - Helgoland - Multimediemodul (sic!) - Militäranlagen), Tippfehler oder Verwechslungen (U 47 / U 45), aber sie schmälern den Wert von VIMU nicht. Das „forschen”-Modul ist ähnlich aufgebaut wie das „entdecken”-Angebot, es ist thematisch anders strukturiert, bindet aber auch Seiten aus dem „entdecken”-Teil mit ein.

Besonders attraktiv sind die durchweg interaktiv gestalteten Bausteine des „lernen”-Teils: „Schauplätze der Revolution in Kiel” mit der animierten Darstellung der Ereignisse des Novembers 1918, die Veränderungen des Küstenverlaufs von 900-2000, die kritisch erläuterten Materialien zu den Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk Brokdorf oder die Aufzeichnungen des Fritz Solmitz aus der KZ-Haft – sie beinhalten ein Faksimile seines Tagebuches, bei dem man die Seiten wirklich wie in der Realität umblättern kann. Demgegenüber ist die Karte mit den Reisen des dänischen Nationaldichters H. C. Andersen deutlich überladen und wenig aussagekräftig - man muss die Motive seiner Europareisen wohl schon vorher kennen.

Die drei anderen zielgruppenorientierten Angebote unterscheiden sich davon deutlich. „Unterrichten” enthält pdf-Dateien mit „Didaktischen Bemerkungen” zu den im Lehrplan Schleswig-Holsteins verankerten Themen; sie sind mit den entsprechenden VIMU-Seiten über Hyperlinks verknüpft und bieten so einen Überblick über das gesamte Angebot - soweit es den Lehrplanthemen entspricht. Zusätzlich bieten sie weitere Quellen zum Download, geben Literaturhinweise und machen konkrete Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung. Im Bereich „unterrichten” weichen deutsche und dänische Fassung ausnahmsweise voneinander ab.

Eher enttäuschend ist der Bereich „reisen” ausgefallen: Auf einer zoombaren Google Earth-Karte sind die Museen des behandelten Raumes unabhängig von ihrem Charakter durch gleichförmige grüne Punkte markiert – darunter auch so kleine wie das am Grab des Mädchens von Egtved (Egtvedpigens grav), das eigentlich nur ein Schutzbau mit wenigen Schautafeln ist. Der Google-Routenplaner lässt sich nutzen, doch gibt es weder Erläuterungen zu den Museen noch weiterführende Links. Seltsamerweise fehlen einige wichtige Museen wie das Archäologische Landesmuseum in Schloss Gottorf oder das Wikingermuseum Haithabu (obwohl beide über Google Earth auffindbar sind). Dass eine Kategorisierung nützlich wäre, zeigt sich auch bei der alphabetisch gordneten Gesamtliste der erfassten Museen: das Wikingermuseum in Ladby steht unter „V” (Vikingemuseum), das Wikingermuseum in Ribe unter „M” (Museet Ribes Vikinger), während das populäre Ribe VikingeCenter gänzlich fehlt.

Ein ganz besonderes Angebot will der Bereich „spielen” machen: die Cartoonfigur „Vikki” begleitet Kinder im Grundschulalter durch vier Quiz- und Würfelspiele, bei denen aber – der Zielgruppe weniger angemessen – überwiegend nach Faktenwissen gefragt wird. In der vorbildlichen „Hilfe“-Funktion sind besondere, anders nicht erreichbare Zusatzmaterialien enthalten.

Insgesamt stellt VIMU eine wirkliche Bereicherung dar: vor allem die Betonung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist wichtig und in lobenswerter Weise umgesetzt. Die Materialien sind anspruchsvoll und anschaulich, sie werden mit viel Liebe präsentiert und teilweise in geradezu köstlicher Weise animiert. Es bereitet viel Freude, in der von den Herausgebern vorgesehen Weise durch das virtuelle Museum zu schlendern und etwas über die saterfriesische Sprache, den Dreijährigen Krieg oder die in Nachttöpfen betriebene Propaganda zu erfahren. Allerdings ist die Struktur dieses Museums für die zielgerichtete Recherche weniger geeignet, und manchmal wünscht man sich, von einem Museumsführer an die Hand genommen zu werden, damit man die Highlights der Ausstellung nicht übersieht. Diese Aufgabe hätte vielleicht die so interessante „Spinne” mit übernehmen können.

Die stark regionalgeschichtliche Ausrichtung wird VIMU vor allem in dem behandelten Gebiet zwischen Hamburg und Odense hohe Aufmerksamkeit verschaffen, doch wird sich auch die Geschichtsdidaktik mit dem innovativen, medientheoretisch hervorragend begründeten Konzept von Uwe Danker und Astrid Schwabe intensiv zu befassen haben. Ganz sicher wird VIMU seinen Platz auch im Sprachunterricht finden, da es ganz aktuelle Problemfelder (Migrationen, Ökologie, Jugendkultur usw.) in zwei Sprachen thematisiert.

Es bleibt nur zu hoffen, dass es nach VIMU und Deuframat bald auch ein vergleichbares Projekt geben wird, welches auf vergleichbarem Niveau die Problemfelder der deutsch-polnischen Nachbarschaft aufarbeitet.

Anmerkungen:
[1] Uwe Danker / Astrid Schwabe, Normative fachdidaktische Anforderungen an virtuelle Geschichtspräsentationen. Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung am Projektbeispiel eines „Virtuellen Museums“. In: Dies. (Hrsg.), Das Internet als Raum historischen Lernens. Geschichtsdidaktik und Neue Medien (Forum Historisches Lernen). Schwalbach/Ts. 2008,S. 61-90; Dies., Historisches Lernen im Internet. Zur normativen Aufgabe der Geschichtsdidaktik. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 58 (2007) S. 4-19.
[2] <http://www.deuframat.de> (09.01.2008).
[3] Der „Guide" zum Virtuellen Museum ist als pdf auf der Startseite verfügbar.
[4] Jakob Krameritsch/Wolfgang Schmale: Hypertext und Hypertexten im schulischen Geschichtsunterricht und im Geschichtsstudium, In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 58 (2007) S. 20-35.

Zitation
Waldemar Grosch: Rezension zu: Fachhochschule Kiel: Kiel, DE <http://www.fh-kiel.de/>; Institut for Historie, Kultur og Samfundsbeskrivelse der Syddansk Universitet in Odense: Odense, DK <http://www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/Ihks.aspx>; Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) Schleswig: Schleswig, DE <http://www.izrg.de/>; Institut for Fagsprog, Kommunikation og Informationsvidenskab der Syddansk Universitet in Kolding/Sonderborg: Kolding, DK <https://www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/Ifki.aspx> (Hrsg.): vimu - das virtuelle Museum., in: H-Soz-Kult, 17.01.2008, <http://www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-155>.