Forum "Hochschule und Studienreform": Editorial

Von
Rüdiger Hohls

Editorial: Forum "Hochschule & Studienreform"

Seit einigen Jahren registriere ich, wie viele andere Kolleginnen und Kollegen auch, mit teils ungläubigen Staunen, dass an den deutschen Universitäten nicht nur über viele (hochschul-)politische Reformen diskutiert wird, sondern das Gesetze zugunsten der Stärkung der Hochschulautonomie tatsächlich geändert, neue Instrumente der Hochschulfinanzierung und -organisation erprobt, und neue Methoden der Qualitätssicherung entwickelt werden. Nach Jahren relativer Stagnation ist bereits die Bewegung ein positives Signal, doch wird es für die weitere Entwicklung nicht ausreichen, auf die korporative Autonomie einer 'entfesselten' Hochschule zu vertrauen. Die Unis in Deutschland scheinen dennoch entschlossen, sich dem nationalen wie internationalen Wettbewerb trotz Mittelknappheit stellen zu wollen. Allerdings wird das beharrliche Festhalten an Partial- und Gruppeninteressen im Innern der Hochschulen als auch der überzogene Kontroll- und Steuerungsanspruch des Staates noch so manchen Reformansatz ersticken. Trotzdem fühlen sich Historikerinnen und Historiker angesichts des aktuellen Reformeifers an bildungspolitische Diskurs- und Entscheidungsszenarien der 1960er Jahre erinnert, als ausgehend von Georg Pichts Analyse des bevorstehenden 'Bildungsnotstands' die allgemeinbildenden Schulen reformiert und erweitert wurden und anschließend in einer beispiellosen Expansions- und Neugründungswelle das noch heute bestehende System tertiärer Bildungseinrichtungen entstand.

Allerdings enden die Parallelen mit den sechziger und siebziger Jahren trotz oder wegen der jüngst durch die PISA-Studie attestierten Bildungsmisere und Chancenungleichheit schon bald, denn im Kern geht es diesmal nicht um Expansion und Neugründung von Schulen und Universitäten. Die Stichworte der vielerorts geführten Debatten um das Leitbild der Hochschule in der Zukunft, die sich nach den Vorstellungen der Forschungsminister als eigenständiger Akteur innerhalb eines wettbewerblichen Systems profilieren soll, sind andere:

 Entlassung der Hochschulen in die Autonomie und Deregulierung des staatlich gelenkten Hochschulsystems (Finanz-, Organisations- und Personalautonomie). Umsetzung flankierender Hochschulrahmen-, Personal- und Dienstrechtsreformen; Abschaffung der Habilitation (Juniorprofessuren).
 Zuweisung von Globalhaushalten und Einräumung von Gestaltungsspielräumen zur internen wie externen Profilbildung durch leistungsbezogene Mittelverteilung und Besoldung, Differenzierung nach Aufgaben und Qualität im Gesamtsystem.
 Hochschulleitung wird zu einer strategischen und operativen Managementaufgabe, die auch dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit durch Einführung von Kosten-Leistungsrechnungen und 'akademisches Controlling' gerecht wird.
 Herstellung einer Wettbewerbssituation um die Qualität in Forschung und Lehre durch Evaluation und Transparenz; Aufgabe der zentralen Vergabe von Studienplätze zugunsten einer sich an Qualitäts- und Profilkriterien orientierenden Auswahl der Studierenden.
 Anpassung der Studienstrukturen und Bildungsinhalte an internationale Standards; Einführung zweistufiger, international anschlussfähiger Bachelor- und Masterstudiengänge; Einführung von Studiengebühren.
 Neue Medien und Virtualität als Faktoren wissenschaftlicher Exzellenz in Forschung und Lehre sowie als Ansatzpunkt für ein übergreifendes Hochschulmanagement.

Diese Liste lässt sich sicher noch um weitere Punkte ergänzen. Auffällig ist, dass sich an diesem Diskurs in den meisten Hochschulen und auch in den Medien viele Naturwissenschaftler beteiligen, die häufig auch Richtung wie Tempo für die Reformen vorgeben. Die unter der Finanzmisere und Studentenzahlen besonders leidenden Geisteswissenschaften hingegen agieren defensiv – so der Eindruck. Viele Maßnahmen wurden bisher nur partiell auf den Weg gebracht, wurden nicht miteinander verzahnt oder aufeinander abgestimmt umgesetzt. Hier und dort wurden Einzelmaßnahmen auch zu Wundermitteln stilisiert, worüber andere Aspekte vernachlässigt oder billigend in Kauf genommen wurden. Die einige Monate zurückliegende Debatte insbesondere unter Nachwissenschaftlern, die sich durch die in der jüngsten Novelle des Hochschulrahmengesetzes vorgesehene 12-Jahres-Befristungsregelung um ihre Zukunft als Wissenschaftler betrogen fühlen, ist dafür nur ein – wenn auch wichtiges – Beispiel. Hier sei daran erinnert, dass sich an dieser Debatte viele Historiker/innen auch auf H-Soz-u-Kult beteiligten. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/Hrg/HRG_Index.html> http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/Hrg/HRG_Index.html].

Durch eine Novellierung des Hochschulrahmengesetzes wurde es den deutschen Universitäten schon vor vier Jahren möglich, Studiengänge grundlegend zu reformieren und die international üblichen Bachelor- und Masterstudiengänge einzuführen. Vorsichtig haben sich inzwischen viele Hochschulen daran gemacht, ordnungspolitische Weichenstellungen vorzunehmen, Studien- und Prüfungsordnungen durchzuforsten oder auch nur hitzige Debatten über Sinn, Ziele und Rahmenbedingungen für solche Studienstrukturen auszutragen. Dort wo schon Bachelor- und Masterabschlüsse eingeführt worden sind, laufen im Regelfall die alten Studiengänge (zunächst) noch parallel weiter. Dabei ist die Ausgangslage erdrückend und lässt einschneidende Reformen geradezu zwingend erscheinen. Seit Jahren weist das Statistische Bundesamt in Wiesbaden wiederkehrend bedrückende Zahlen zur Studiensituation aus: das Durchschnittsalter von Absolventen deutscher Universitäten lag 1980 bei 27 Jahren, inzwischen haben diese erst mit 29 Jahren einen Abschluss in der Hand. Von denjenigen, die sich um die Mitte der 1990er Jahre je an einer deutschen Hochschule im Fach Geschichte immatrikuliert haben, erwerben weniger als 20 Prozent einen Hochschulabschluss im Fach. Nur die benachbarte Philosophie schneidet schlechter ab, die Germanisten liegen etwa auf gleich schlechtem Niveau. Universitäten mit einem günstigeren Betreuungsverhältnis Studierende pro Dozent weisen höhere Abschlussquoten auf als die Massenuniversitäten, an denen mancherorts 3.000 oder mehr Studierende im Fach Geschichte eingeschrieben sind und jedes Semester mehrere hundert hinzukommen.

Die Befürworter von Bachelor-Studiengängen plädieren deshalb auch für eine 'Entrümpelung' bisheriger Lehrpläne, um darüber die Abbrecherquoten zu senken und zugleich die Studienzeiten verkürzen. Den Abschluss Bachelor erhalten die Studierenden bereits nach einem sechssemestrigen Studium, das etwa dem Grundstudium der gegenwärtigen Magisterfächer entspricht. Damit können sie direkt in den Beruf einsteigen oder bei Eignung und Interesse bis zum Master weiterstudieren. Beide Studiengänge sollen auch praxisorientierter und internationaler angelegt sein, um die studentische Mobilität zu fördern und um die internationale Anerkennung der Abschlüsse zu erleichtern. Kritiker warnen dagegen vor einer 'Amerikanisierung' des Bildungssystems und fürchten, dass etablierte Qualitätsstandards (Tradition deutscher Studienabschlüsse) leichtfertig aufgegeben werden.

Die H-Soz-u-Kult-Redaktion möchte mit der Veröffentlichung einiger bilanzierender und programmatischer Artikel nunmehr eine Debatte initiieren, bei der die Entwicklung der Hochschulen und die Studienreform im Fach Geschichte im Zentrum steht. Die Diskussion wird unter dem Titel 'Forum: Hochschule & Studienreform' laufen und wendet sich natürlich primär an die Angehörigen unserer Disziplin. Wir wünschen uns, mit diesem Thema fachimmanent anknüpfen zu können an andere aktuelle hochschulpolitische oder fachrelevante Themen (z.B. Situation der Nachwuchswissenschaftler; Auswirkungen der Bulmahn'schen Reformen auf das Fach Geschichte). Eine rege Beteiligung erhoffen wir uns, da die Studienreform unmittelbare Auswirkungen auf den Lehr- und Arbeitsalltag vieler Abonnentinnen und Abonnenten von H-Soz-u-Kult haben wird. Insbesondere wenden wir uns an Kolleginnen und Kollegen, die an den Studienreformprojekten ihrer Hochschulen mitwirken oder mitgewirkt haben, mit der Bitte, durch 'Praxisberichte' über die Diskussionen, Ziele, Konzepte und Ergebnisse ihres Engagements in dieser Sache zu berichten. Unser Wunsch ist es, die unterschiedlichen Lösungsansätze für dieses Problem, die den beruflichen Alltag vieler nachhaltig bestimmen werden, bekannt zu machen und eine fachimmanente Diskussion anzuregen, die auch den im Reformalltag verfangenen Kollegen/innen durch Kenntnis anderer Ansätze und Kontakt weiterhilft.

Eröffnen werden wir die Forumsreihe mit einem Artikel von Ulrich Teichler, Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung an der Universität Kassel, mit dem Titel 'Die Zukunft der Hochschulen in Deutschland'|. Dieser Aufsatz ist jüngst im Heft 1 der neuen wissenschaftlichen Zeitschrift |zeitschriften:653|'die hochschule'| (Nachfolge 'Hochschule Ost') veröffentlicht worden und wurde uns freundlicherweise von Ulrich Teichler und den Herausgebern, Martin Winter und Peer Pasternack, für diese Reihe überlassen. Aus der Perspektive der noch jungen sozialwissenschaftlichen Subdisziplin Hochschulforschung unternimmt Teichler darin den Versuch, aus der Beobachtung und Analyse zurückliegender Hochschulreformen Entwicklungsoptionen und Umsetzungsszenarien für die Gegenwart und Zukunft der Hochschulen abzuleiten. Während Teichlers Prognose für die Hochschulen in Deutschland auf einer abstrakten, allgemeinen Ebene bleibt, argumentiert Konrad Jarausch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor an der University of North Carolina (USA), im sich daran anschließenden Artikel historisch und erfahrungsgeschichtlich. Dieser Artikel trägt den Titel |diskussionen:204|'Amerika -- Alptraum oder Vorbild? Transatlantische Bemerkungen zum Problem der Universitätsreform' und hat uns bei der Gestaltung des Logos der Reihe inspiriert. Als Kenner der Hochschullandschaften beiderseits des Atlantiks weist Jarausch auf die abweichende Entwicklung sowie Stärken und Schwächen der amerikanischen Universitäten und deren Ausbildungsmodell hin. Eine seiner Intentionen ist es, hierzulande zu einer kritisch-abwägenden Diskussion über amerikanische Studien- und Qualifizierungsmodelle beizutragen und die verbreitete Angst vor einer schleichenden 'Amerikanisierung' durch selektive Anleihen zu verringern.

Danach folgt der erste Praxisbericht über Voraussetzungen und Ziele der Studienreform und den Beginn des M.A.-Programms Geschichtswissenschaft an der Universität Erfurt zum Wintersemester, den Gregor Weber, Professor für Alte Geschichte an der Universität Erfurt, verfasst hat. Weitere Praxisberichte sollen in den nächsten Wochen und Monaten folgen.

Wenn Sie Interesse an der Abfassung eines Praxisberichtes haben, wenden Sie sich einfach an die Redaktion von H-Soz-u-Kult oder besuchen uns in der kommenden Woche auf dem Deutschen Historikertag in Halle am Stand von Clio-online (Audimax - Universitätsplatz) zwecks Absprache – dort können Sie mit uns direkt Kontakt aufnehmen. Darüber hinaus sind natürlich auch Diskussionsbeiträge zum Themenspektrum Hochschule & Studienreform willkommen.

Berlin, im September 2002

Rüdiger Hohls

Zitation
Forum "Hochschule und Studienreform": Editorial, in: H-Soz-Kult, 05.09.2002, <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-210>.
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05.09.2002
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