PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 2

Titel
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 2.
Weitere Titelangaben
Rassismus global


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
2
Erschienen
Leverkusen 2017: Barbara Budrich Verlag
Umfang
232 S.
Preis
€ 29,90
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Bereits vor über hundert Jahren konstatierte W.E.B. du Bois, Mitbegründer der panafrikanischen Bewegung, dass die moderne Weltordnung konstitutiv durch Rassismus geprägt ist. Er verwies damit auf die Verwobenheit rassistischer Praxis und Ideologie mit Kapitalismus, Patriarchat und (neo-)imperialer Herrschaft. Gleichzeitig wird in Wissenschaft und Politik allerdings selten anerkannt, dass Rassismus internationale Beziehungen und internationale politische Ökonomie prägt. Dieses Schweigen über Rassismus in globalen Zusammenhängen maskiert, wie prägend rassistische Ideen und Strukturen für Fragen von „Entwicklung“, Staatlichkeit und Demokratie sind. Mit diesem Komplex sehen sich nach wie vor alle diejenigen konfrontiert, die ernsthaft gegen Rassismus in Politik und Alltag vorgehen.

PERIPHERIE 146/147 bemüht sich um eine Schärfung der Begrifflichkeit und untersucht Rassismus und antirassistische Praktiken als globale Phänomene.

EDITORIAL

Zu diesem Heft

Rassismus global

Die moderne Weltordnung ist konstitutiv durch Rassismus geprägt. Das konstatierte schon vor über hundert Jahren W.E.B. du Bois, einer der Mitbegründer der panafrikanischen Bewegung. Er verwies damit auf die Verwobenheit rassistischer Praxis und Ideologie mit Kapitalismus, Patriarchat und (neo-)imperialer Herrschaft. Mit diesem Komplex sehen sich nach wie vor alle diejenigen, die ernsthaft gegen Rassismus in Politik und Alltag vorgehen, immer wieder konfrontiert.

Gleichzeitig wird in Wissenschaft und Politik allerdings selten anerkannt, dass Rassismus internationale Beziehungen und internationale politische Ökonomie prägt. Dieses Schweigen über Rassismus in globalen Zusammenhängen ist vielsagend, denn es maskiert, wie prägend rassistische Ideen und Strukturen für Fragen von "Entwicklung", Staatlichkeit und Demokratie sind. Der für westliche Konzepte von Politik grundlegenden Mythologie des Gesellschaftsvertrags – am prominentesten repräsentiert durch die Klassiker Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant – liegt explizit oder implizit eine dichotome, rassialisierte Weltsicht zugrunde. Danach bestehen auf der einen Seite verrechtlichte Beziehungen unter Weißen sowie Institutionen für Weiße. Diese Anerkennung als Rechtssubjekt wird auf der anderen Seite dem barbarischen "Rest" verweigert, ja die Mehrheit der Menschen wird in diesem Diskurs nicht einmal thematisiert.

Nicht-westliche bzw. anti-koloniale Versuche, Gesellschaften tatsächlich demokratisch und nicht-rassistisch zu begründen, wie beispielsweise nach den Revolutionen in Haiti zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert oder in Quilombos in Brasilien stehen dieser Sicht und der damit verbundenen Definitionsmacht entgegen. Sie sind bis heute nicht zu Bezugspunkten geworden, die auf internationaler Ebene die bezeichnete Schieflage von Großtheorien hätten korrigieren können. In den politik- und in den geschichtswissenschaftlichen Lehrbüchern werden sie und vor allem ihre Bedeutung für die theoretischen Grundlagen totgeschwiegen.

Die Wurzeln des modernen Rassismus reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert, als Westeuropa seine globale Expansion begann. Nur durch Gewalt konnten die Bewohner/innen der kolonisierten Gebiete, solange ihre Subsistenz einigermaßen gesichert war, dazu gebracht werden, für den Profit und unter dem Kommando der Kolonialherren in deren Bergwerken und Plantagen zu arbeiten. Diese Arbeit und der Transfer der durch sie geschaffenen Reichtümer in die Metropolen aber war für die Entwicklung des Kapitalismus daselbst entscheidend. Während im Europa der Aufklärung individuelle menschliche Grundrechte zunehmen geltend gemacht wurden, entwickelte der seit dem 18. Jahrhundert aufkeimende "wissenschaftliche Rassismus" zugleich eine Legitimitätsgrundlage, um Nicht-Europäer/innen den Status als Rechtssubjekte und damit auch den Anspruch auf Grundrechte abzusprechen. Auf Ideen von Rasse fußende Diskriminierungen dienten den Herrschenden immer auch dazu, aufkeimende Solidarität und gemeinsame Kämpfe zwischen ausgegrenzten und ausgebeuteten weißen Menschen und versklavten Schwarzen Menschen bzw. People of Color zu hintertreiben und zu untergraben. Dabei wurden die Trennlinien, die "uns" vorgeblich von den "Anderen" trennen, mit unterschiedlichen Mitteln, vor allem aber mit Phänotypen außereuropäischer Menschen begründet.

Was "das Eigene" oder "das Andere" vermeintlich charakterisiert, ist jedoch keine festgelegte Größe, sondern ändert(e) sich im Laufe der Geschichte. Der Begriff der "Rasse" war nach dem Zweiten Weltkrieg und der rassistisch legitimierten Ermordung von Millionen von Menschen in Europa diskreditiert und trat auch angesichts der Entkolonisierung und der Bürgerrechtsbewegung in den USA in den Diskursen zur Rechtfertigung der Diskriminierung von Fremdgruppen allmählich in den Hintergrund. An seine Stelle trat das Reden über "Kultur". Das wesensmäßige Anderssein der Diskriminierten wurden nun nicht mehr als biologisch begründet, sondern "nur" noch auf essenzialisierte kulturelle Merkmale zurückgeführt. An der Diskriminierung änderte dies kaum etwas, denn die kulturelle Andersartigkeit wurde als ebenso unabänderlich, ebenso im Generationen überdauernden Wesen der jeweiligen Gruppierung verankert und ebenso als minderwertig und bedrohlich verstanden wie einstmals die vorgeblich natürliche. Mithin naturalisierte sowohl der biologische Rassismus wie der Kulturalismus wahrgenommene Unterschiede.

Auch in einer liberalen und sich gern auf kosmopolitische und scheinbar universale Normen beziehenden Weltordnung ist Rassismus also keineswegs passé. Er bleibt tief in politische, soziale und ökonomische Strukturen eingeschrieben und wird in Diskursen und Praktiken reproduziert. Konstant bleibt bei aller Flexibilität rassistischer Ein- und Ausschlüsse ein Weltbild, nach dem Weißsein und Westlichsein das Maß aller Dinge sind. Historisch wie gegenwärtig ist Rassismus untrennbar mit materiellem und kulturellem Ausschluss und mit entsprechenden Verteilungskämpfen verknüpft. Dabei sind die Ausschlussmechanismen gleichermaßen mit anderen Herrschaftsverhältnissen verschränkt, wobei die Grenzziehungen (bzw. Interdependenzen) zwischen Ethnozentrismus, Xenophobie, Nationalismus und Rassismus zu bestimmen bleiben.

Rassismus ebenso wie antirassistische Widerstandspraktiken gilt es damit als global auftretende Phänomene zu analysieren: Während Menschen aus südosteuropäischen und osteuropäischen Ländern etwa in Westeuropa weiter selbst Rassismus erfahren – zuweilen auch antiromaistischen, selbst, wenn sie nicht Rromn/ja sind –, ist dieser in ihren Herkunftsländern vor allem gegen Sint/eza und Rromn/ja, aber auch gegen Migrant/innen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Sri Lanka, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern allgegenwärtig. In China hat Rassismus beispielsweise mit dem Einfluss europäischer "Rassentheorien" zur Zeit der "Aufklärung" Einzug gehalten. Seitdem hat das Denken in "Rassen" (Han-Chines/innen als homogene ethnisierte Gruppe) politischen und intellektuellen Eliten für unterschiedliche politische und ideologische Ziele gedient. In Südafrika oder in den Südstaaten der USA bestehen auch nach dem formalen Ende von Apartheid und gesetzlich verankerter Diskriminierung rassifizierte Grenzziehungen und darauf aufbauende Segregation fort. Allerdings ist Weißsein als globale Position nicht unbedingt an Phänotyp und Hautfarbe gebunden. Schon seit über hundert Jahren wurde Japan im Klub der "Zivilisierten" und damit der Kolonisatoren willkommen geheißen, und heute kann Kapitaleigentum als Eintrittsbillett in die Sphäre dienen, die als "modern", "westlich" und kapitalistisch bezeichnet werden kann. Bevölkerungsgruppen, die sich gegen die kapitalistische Ausbeutung ihres Bodens und ihrer Umwelt in Südafrika (und andernorts im Globalen Süden) wehren, werden oftmals als unterentwickelt und primitiv abgewertet. Damit werden politische und wirtschaftliche Praktiken legitimiert, die oft genug die Lebensinteressen dieser Gruppen ignorieren. In Lateinamerika und Nordamerika hat die Armut und Ausgrenzung von indigenen/Native American und afro-Diasporischen/Schwarzen Bevölkerungen ihre Wurzeln im Kolonialismus: Rassistische Diskriminierung bestimmt maßgeblich, ob jemand in Armut lebt, Bildung erhält, jung stirbt, im Gefängnis landet und polizeilicher Gewalt ausgesetzt ist. Schwarze und indigene Bevölkerungen befinden sich dabei in den Amerikas – wie auch in anderen Siedlungskolonien wie Australien – durchgehend am Ende der sozialen Pyramide. Widerstand dagegen ist allgegenwärtig und hat jüngst etwa mit #BlackLivesMatter translokale und -nationale Vernetzung erreicht.

Rassismus als globales Phänomen bildet damit den Rahmen dieses Schwerpunktheftes. Weniger noch als bei anderen Themenstellungen lässt sich dabei die auch sonst obsolete Vorstellung einer regional abgegrenzten "Dritten Welt" einhalten. Gerade die stärker begrifflich argumentierenden Beiträge im vorliegenden Heft werden dieser globalen Problematik gerecht.

Gerhard Haucks Essay analysiert die historischen Veränderungen der Wechselwirkung zwischen Kapitalismus als sozioökonomischem und Rassismus als soziokulturellem System, beginnend mit der Etablierung des kapitalistischen Weltsystems im 16 Jahrhundert und den rassistischen Bestandteilen des Denkens der Aufklärung über seine "wissenschaftliche" Phase unter Zuhilfenahme der Biologie, später der intelligenzmessenden Psychologie bis hin zur "Rassenhygiene" im frühen 20. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Kulturbegriff zunehmend die Stelle des Rassenkonzepts ein, die Diskriminierungspraktiken aber blieben die selben.

Céline Barry geht der Frage nach, wie Rassismus den Alltag in der senegalesischen Hauptstadt Dakar prägt. Die Wissensbestände der (ehemals) Kolonisierten zum Ausgang nehmend, greift sie dabei auf umfassende ethnographische Forschung zurück, welche Interviews, Lexikoneinträge, Lieder, Filme sowie Beobachtungen und eigene Erfahrungen umfasst. Als Alternative zu Weißsein und Westlichsein entwickelt sie auf dieser Grundlage das Konzept der tubaabité, um die Spezifizität rassistischer Privilegierung in einer Postkolonie und im Kontext neoliberaler kapitalistischer Verhältnisse zu erfassen.

Das Versprechen von mehr Gleichberechtigung durch diversity stellt Nicolas Wasser in den Mittelpunkt seiner Analyse. Er spürt vor dem Hintergrund eines hegemonialen Neoliberalismus am Beispiel eines brasilianischen Modeunternehmens, dessen Klarname aus markenrechtlichen Gründen nicht genannt werden darf, der Verwertung, aber auch den Brüchen mit der spätkapitalistischen (Anti-)Rassismuslogik nach. Dabei hinterfragt er in kritischer Absicht den brasilianischen Mythos des mestiçagem, wonach die Vermischung der als "drei Rassen" konstruierten Bevölkerung aus "Weißen", "Schwarzen" und "Indigenen", denen jeweils eine jeweils spezifische und positiv besetzte Rolle zukam, zur Herausbildung sowie zum Fortschritt der Gesellschaft beigetragen habe.

Für Daniel Bendix & Aram Ziai scheint Entwicklungsforschung mit ihrem Interesse an globaler sozioökonomischer Ungleichheit besonders geeignet zu sein, Rassismus als umfassenden globalen Komplex mit diskursiven und materiellen Dimensionen zu verstehen. Ihrer Ansicht nach reicht der Fokus auf Rassismus als Ungleichheit stützendes diskursives Phänomen nicht, um dessen Wirkmächtigkeit zu erfassen. Wie Rassismus materieller verstanden und analysiert werden kann, zeigen sie anhand des Beispiels deutscher Entwicklungspolitik im Bereich reproduktive Gesundheits- und Bevölkerungspolitik in Tansania auf.

In der Rubrik "Diskussion" legen die beiden Autoren zudem ein Thesenpapier vor, wo und in welchen Erscheinungsformen Rassismus in der Bundesrepublik virulent ist.

Vor einer allzu eilfertigen Ausweitung der Bezeichnung "Rassismus" warnt Albert Scherr. Er insistiert insbesondere auf einer klaren Abgrenzung des Begriffs zu "Nationalstaatlichkeit" und "Nationalismus", deren Brisanz zumal angesichts zunehmender, staatlich bewehrter sozialer Ungleichheit auf globaler Ebene durch eine pauschalisierende Subsumtion der damit zusammenhängenden Probleme unter "Rassismus" gerade verfehlt werde.

Ulrike Marz versucht in Rückgriff auf das Konzept der autoritären Persönlichkeit von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine Annäherung an eine Kritische Theorie des Rassismus. Mit besonderem Blick auf den Zusammenhang von warenproduzierender Gesellschaft und ihr entsprechenden Formen des Bewusstseins fragt sie, ob die autoritäre Persönlichkeit auch heute noch als ein prototypisches Ergebnis der kapitalistischen Sozialform aufgefasst werden kann. Ihrer Ansicht nach bedarf das ursprüngliche Konzept angesichts der durch den Neoliberalismus veränderten Vergesellschaftungsformen einer Modifikation. Wirksam werde Rassismus heute vor allem im Rahmen einer konformistischen Revolte, in dem eine "konformistisch-egoistische Persönlichkeit" agiere.

Die Diagnose, dass die Kontroversen um den "richtigen" Rassismusbegriff ihre Wurzel in der historischen Auflösung der rassentheoretisch legitimierten Form von Herrschaft haben und sich die Erscheinungsformen von Rassismus transformiert hätten, stellt Floris Biskamp an den Beginn seiner Analyse. Vor diesem Hintergrund diskutiert er mit Blick auf die kantische Rassenlehre und den antimuslimischen Rassismus die Stärken und Schwächen unterschiedlicher Theorieansätze. Sowohl marxistisch und psychoanalytisch beeinflusste Theorien, die Rassismus als im Kontext gesellschaftlicher Zwänge entstehendes Bewusstseinsphänomen darstellen, als auch machtkritisch und diskurstheoretisch argumentierende Ansätze, die Rassismus als auf Differenzkonstruktionen aufbauendes soziales Dominanzverhältnis ansehen, erscheinen ihm defizitär. Darauf aufbauend entwickelt er in kritischer Anlehnung an Jürgen Habermas ein Modell, das Rassismus als systematisch verzerrtes Kommunikationsverhältnis identifiziert.

Außerhalb unseres Themenschwerpunktes untersucht Bettina Engels die Bedingungen, unter denen das vielfältige und komplexe Konfliktpotenzial eines expansiven Bergbaus zu effektiven und folgenreichen Protestbewegungen führen kann. Sie entwickelt die Problematik anhand von drei Fallbeispielen aus Burkina Faso, dessen Bergbausektor gegenwärtig zu den weltweit am schnellsten expandierenden gehört. Einerseits bietet der dortige Goldbergbau ein differenziertes Spektrum an Betriebsformen und damit auch an Voraussetzungen für Protestaktionen, zum andern aber eröffnete der Sturz des langjährigen Präsidenten Blaise Compaoré Ende 2014 ein Opportunitätsfenster für effektiven Protest.

Die beiden folgenden Hefte werden sich mit den Themen "Anspruch und Wirklichkeit ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung" sowie "Macht und Prognose" befassen. Für den Sommer 2018 ist anlässlich der Nummer 150 eine Jubiläumsausgabe zum Thema "'Entwicklung'? – Alternativen zur 'Entwicklung'?" geplant. Sie soll neben begutachteten Beiträgen eine Anzahl von Essays vor allem von Autor/innen aus dem Globalen Süden bringen. Schließlich bereiten wir ein Heft über "Konzepte gewaltfreier Selbstverteidigung" vor. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage.

Für unsere weitgehend ehrenamtliche Arbeit sind wir auch weiterhin auf die Beiträge der Mitglieder der WVEE, der Herausgeberin der PERIPHERIE, und auf Spenden angewiesen. Eine für die langfristige Sicherung des Projekts besonders willkommene Förderung stellt die Mitgliedschaft im Verein dar, in der das Abonnement der Zeitschrift sowie regelmäßige Informationen über die Redaktionsarbeit enthalten sind. Wir freuen uns auch über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser/innen, im Impressum.

INHALT

Zu diesem Heft, S. 147

Essay

Gerhard Hauck: Wer vom Rassismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen, S. 153

Artikel

Céline Barry: Die Bedeutungen von tubaabité. Rassismuskritische Perspektiven auf das postkoloniale Dakar, S. 162

Nicolas Wasser: Prekäre Differenzen. Diversity, (Anti-)Rassismus und brasilianische Singularitäten, S. 192

Daniel Bendix & Aram Ziai: Rassismusanalyse in der Entwicklungsforschung am Beispiel deutscher reproduktiver Gesundheitspolitik in Tansania, S. 206

Albert Scherr: Rassismus, Post-Rassismus und Nationalismus. Erfordernisse einer differenzierten Kritik, S. 232

Ulrike Marz: Annäherungen an eine Kritische Theorie des Rassismus, S. 250

Floris Biskamp: Rassismus, Kultur und Rationalität. Drei Rassismustheorien in der kritischen Praxis, S. 271

Bettina Engels: Wann werden Konflikte manifest? Politische Opportunitätsstrukturen für Proteste gegen Goldbergbau in Burkina Faso, S. 297

Diskussion

Aram Ziai & Daniel Bendix: Rassismus global und in Deutschland. Fünf Thesen, S. 319

Rezensionen, S. 326

Karin Fischer, Gerhard Hauck, Manuela Boatcă (Hg.): Handbuch Entwicklungsforschung (Claudia von Braunmühl) / James Heartfield: The British and Foreign Anti-Slavery Society (Reinhart Kößler) / Aram Ziai (Hg.): Postkoloniale Politikwissenschaft (Catharina Wessing) / Stefan Knauss: Von der Conquista zur Responsibility while Protecting (Johannes M. Waldmüller) / Reinhart Kößler: Namibia and Germany (Eri M. Bohn) / Christiane Bürger: Deutsche Kolonialgeschichte(n) (Reinhart Kößler) / Charles Laurie: The Land Reform Deception (Rita Schäfer) / David Coltart: The Struggle Continues (Rita Schäfer) / Richard Saunders & Tinashe Nyamunda (Hg.): Facets of Power (Rita Schäfer) / Thierry M. Luescher, Manja Klemenčič & James Otieno Jowi (Hg.): Student Politics in Africa (Anna Deutschmann) / Keith Breckenridge: Biometric State (Rita Schäfer) / Antje Daniel: Organisation – Vernetzung – Bewegung (Anna Fichtmüller) / Patrick Bond & Ana Garcia (Hg.): BRICS. An Anti-Capitalist Critique (Sören Scholvin) / Anja Banzhaf: Saatgut – Wer die Saat hat, hat das Sagen (Theo Mutter) / Adriaan van Klinken & Ezar Chitando (Hg.): Public Religion and the Politics of Homosexuality (Rita Schäfer) Ilker Ataç, Michael Fanizadeh & VIDC (Hg.): Türkei. Kontinuitäten, Veränderungen, Tabus (Philipp Ratfisch) / Arrigo Pallotti & Ulf Engel (Hg.): South Africa after Apartheid (Rita Schäfer) / 363 Eric van Grasdorff, Thea Kulla & Nicolai Röschert (Hg.): Thomas Sankara. Die Ideen sterben nicht! (Louisa Prause) / Sammelrezension zu Hermann Amborn: Das Recht als Hort der Anarchie und John MacLaughlin: Kropotkin and the Anarchist Intellectual Tradition (Reinhart Kößler)

Eingegangene Bücher, S. 371

Summaries, S. 372

Zu den Autorinnen und Autoren, S. 375

Gute Buchläden, in denen die Peripherie zu haben ist, S. 376

SUMMARIES

Gerhard Hauck: Who talks about racism shouldn't be silent about capitalism.
The focus of this article is on the reciprocal interaction between capitalism and racism as socio-economic and socio-cultural phenomenon. This interaction is historically analysed, beginning with the establishment of the capitalist world system in the long 16th century and the racist components in the philosophy of the Enlightenment. In the 19th century, when the bourgeoisie had established itself as part of the ruling class, racism became "scientific", with biology as the dominant science legitimitating discrimination of outgroups. Later on psychology took the lead, especially in its intelligence-measuring variant. Finally, eugenics or "racial hygiene" came to the fore. After the Second World War, the "race" concept shifted to the background and was replaced by "culture", but the discriminating practices remained the same.

Céline Barry: The Meanings of Tubaabité. Race Critical Perspectives on Postcolonial Dakar.
The legacy of white supremacy remains a reality Africans must deal with in their daily lives. Nonetheless, the academic inquiry of race in African contexts remains marginal. This article analyses how racial hierarchies structure contemporary Dakar's society. Departing from an empirical analysis of Black perspectives, the article explores the usage of the term "tubaab" which belongs to the Senegalese common vocabulary and addresses "the coloniser" in its multiple manifestations. Tubaab designates whiteness and/or westernness. Furthermore, it is attributed to Blacks and other People of Color to describe issues of cultural assimilation and of the participation in processes of (re-)colonisation. Thus, tubaabité reveals to be a fruitful means by which to discuss racial hierarchies within Dakar in all of their intersectional complexities. The analysis highlights the necessity to embed explorations of the articulations of racial domination in the context of specific power constellations, whilst being sensitive to the fact that our concepts of race in changing times and spaces need to be readapted to new postcolonial realities.

Nicolas Wasser: Precarious Differences. Diversity, (Anti)Racism and Brazilian Singularities.
In neoliberal times, the question arises whether the promise of diversity in the name of profit maximisation leads to equal rights for minorities. The present article reflects on both exploitation and ruptures with late capitalist logics of (an-ti)racism using a Brazilian fashion enterprise as an example. In the first step, the article traces the desires for identity and recognition among young black sales employees and contrasts them with the contradictions they encounter. In the second part, the subjective experiences are contextualised in regional (anti)racist discourses. What are the links to the Brazilian national(ist) myth of "racial democracy"? Finally, the third section focuses on lines of flight and resistance against the imperative of marketed "mestiçagem" through two current examples of political action by a young generation of marginalised people from São Paulo.

Daniel Bendix & Aram Ziai: The analysis of racism in Development Studies – the case of German reproductive health policy in Tanzania.
Departing from an examination of how German political science has dealt with the issue of racism to date, this paper discusses the contribution of development studies to an exploration of racism. With its interest in global socioeconomic inequality, development studies seems to be particularly well-suited to grasp racism as a comprehensive global complex with discursive and material dimensions. This paper argues that it is not sufficient to focus on racism as a discursive phenomenon supportive of inequality in order to grasp its power. How racism can be understood and analysed with more concern for materiality is illustrated in this paper through the example of German development policy in Tanzania in the area of reproductive health and population.

Albert Scherr: Racism, Post Racism, and Nationalism. Requirements for a More Sophisticated Critique.
This article intends to contribute to a more precise understanding of racism, the role of the nation-state, and national-ism. It asks for a more sophisticated analysis of different forms of racism and nationalism. In regard to global inequalities and the relevance that nation-states have in the process of stabilising global inequalities, the argument that a critical analysis has to take into account the specific role of nation-states and nationalism is brought for-ward. In opposition to a much over generalised use of the term racism, the article furthermore shows that an adequate critique of structural nationalism cannot be worked out using the same logic as the critique of racism.

Ulrike Marz: Approaching a Critical Theory of Racism.
In the tradition of Horkheimer and Adorno, this article outlines elements of a critical theory of racism dealing with the connection of commodity producing society and its respective forms of consciousness. It is concerned with the question: to which extent can the authoritarian personality, as a prototypical result of the capitalistic social form, be currently analysed? The displacements and aggravations found in neoliberal commodity producing society show that the subject's constitution and forms of racism have changed. Such shifts in the subject's constitution call for a modification of the original concept of the authoritarian personality, especially in respect to its formation. Four aspects indicate such a necessary modification: (1) a substantial but not categorical displacement from "race" to culture in the racist argumentation; (2) the increasing self-guidance and showmanship of subjects; (3) the subordinate importance of personal leadership; and, (4) the decreasing importance of the patriarchal nuclear family. It is in the frame of a conformist revolt of a "conformist-selfish personality" that racism is most powerful in Germany today.

Floris Biskamp: Racism, Culture, Rationality.
This article discusses two questions central to the theory of racism: first, the interrelation of racism and rationality and, second, the question of which representations of cultures should be deemed racist. The author compares two prominent approaches to the theory of racism by analysing how they assess the position of Kant's theory of race in the context of his oeuvre and how they position them-selves in the discussions on anti-Muslim racism. The first approach defines racism as an ideology or a form of false consciousness. The emphatic understanding of reason championed in this approach allows for a coherent foundation of the critique of social domination as well as for discerning critical ways of speaking about culture from racist ones. However, the focus on consciousness renders invisible the dynamics of power and discourse crucial for racism. The second approach defines racism as a relationship of social domination or discourse. This approach is particularly effective in analysing dynamics of power and discourse. However, by renouncing any positive concept of reason or rationality, this form of critique deprives itself of an important foundation, resulting in an oftentimes reductionist form of critique. In order to connect the strengths of both approaches, the author proposes an understanding of racism as systematically distorted communication, allowing for the analysis of dynamics of power and discourse without renouncing an emphatic understanding of reason and rationality.

Bettina Engels: Under which conditions do conflicts over mining become manifest?
Political opportunity structures in protests against gold mining in Burkina Faso. All over the world, the recent boom in mining is accompanied by conflicts over the ecological impacts, distribution of rents and taxes, human rights, land use and territorial claims, collective identity related to indigeneity, ethnicity and citizenship, cultural representations, and the prerogative of interpretation regarding policies and discourses of development. This paper investigates under which conditions these conflicts, which are inherent to the mining sector because of its enormous social and ecological impacts, become manifest and escalate. Referring to two concepts from contentious politics research – political opportunity structures and repertoires of contention – three actual conflicts over gold mining in Burkina Faso are analysed. Burkina Faso is of the sub-Saharan countries where the extractive sector is quickly growing. The paper traces which repertoires of contention the respective actors use, and demonstrates that the overthrow of the long-standing President Blaise Compaoré in late October 2014 was the central political opportunity structure that, in all three cases, enabled the escalation of the local conflicts.

ZUSAMMENFASSUNGEN

Gerhard Hauck: Wer vom Rassismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.
Der Fokus des Artikels liegt auf der Wechselwirkung zwischen Kapitalismus als sozioökonomischem und Rassismus als soziokulturellem System. Diese Wechselwirkung wird historisch analysiert, beginnend mit der Etablierung des kapitalistischen Weltsystems im langen 16. Jahrhundert auf der einen Seite, den rassistischen Bestandteilen in der Philosophie der Aufklärung auf der anderen. Im 19. Jahrhundert, als sich die Bourgeoisie als Teil der herrschenden Klasse etabliert hatte, wurde der Rassismus "wissenschaftlich"; die Biologie wurde zur die Diskriminierung von Fremdgruppen legitimierenden Leitwissenschaft. Später trat die Psychologie in ihrer intelligenz-messenden Variante, im frühen 20. Jahrhundert schließlich die "Rassenhygiene" an ihre Seite. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Rassenkonzept in den Hintergrund gedrängt. Seine Stelle nahm der Kulturbegriff ein, die Diskriminierungspraktiken aber blieben die selben.

Céline Barry: Die Bedeutungen von tubaabité.
Rassismuskritische Perspektiven auf das postkoloniale Dakar. Weiße Herrschaft stellt auch nach dem formalen Ende von Kolonialherrschaft eine Realität dar, mit der sich Afrikaner/innen in ihrem Alltag auseinandersetzen müssen. Trotzdem bleibt die Forschung zu rassistischen Strukturen in gegenwärtigen Afrikanischen Kontexten marginal. Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit kolonial-rassistische Verhältnisse die heutige Dakarer Gesellschaft strukturieren. Auf der Basis einer empirischen Analyse Schwarzer Perspektiven erforsche ich die Bedeutungen des Begriffs "tubaab", der zum alltäglichen senegalesi-schen Sprachgebrauch gehört und "den Kolonisierer" in seinen multiplen Facetten adressiert. tubaab bezeichnet weißsein und/oder Westlichsein. Darüber hinaus wird tubaab mit Schwarzen und anderen People of Color assoziiert, um auf Situationen kultureller Assimilation und der Mitwirkung an (Re-)Kolonisierungsprozessen hinzudeuten. So erweist sich das Konzept der tubaabité als fruchtbar, um rassifizierte Hierarchien in Dakar in ihrer intersektionalen Komplexität zu thematisieren. Meine Analyse hebt die Notwendigkeit einer Forschungspraxis hervor, die Artikulationen rassistischer Herrschaft in ihren spezifischen Machtkontext einbettet und berücksichtigt, dass die uns zur Verfügung stehenden rassismuskritischen Konzepte neuen, sich wandelnden postkolonialen Wirklichkeiten angepasst werden müssen.

Nicolas Wasser: Prekäre Differenzen. Diversity, (Anti)Rassismus und brasilianische Singularitäten.
In neoliberalen Zeiten stellt sich zunehmend die Frage, ob das Versprechen von Diversity im Namen der Profitmaximierung zur mehr Gleichberechtigung von Minderheiten führt. Der vorliegende Beitrag spürt der Verwertung, aber auch den Brüchen mit der spätkapitalistischen (Anti)Rassismuslogik in einem brasilianischen Modeunternehmen nach. In einem ersten Schritt wird dargestellt, welche Identitäts- und Anerkennungswünsche junge schwarze Angestellte durch ihre Arbeit artikulieren und welchen Widersprüchen sie begegnen. Im zweiten Schritt wird versucht, die subjektiven Erfahrungen im regionalen Kontext (anti)rassistischer Diskurse zu betrachten. Welche Verbindungslinien gibt es im brasilianischen Fall zu den national(istisch)en Mythen der harmonischen "Rassen-mischung"? Schließlich wird im letzten Schritt anhand von zwei aktuellen Beispielen politischen Handelns einer jungen Generation von Marginalisierten aus São Paulo skizziert, welche Fluchtlinien und Widerstände sich gegen den Imperativ der vermarkteten mestiçagem abzeichnen.

Daniel Bendix & Aram Ziai: Rassismusanalyse in der Entwicklungsforschung am Beispiel deutscher reproduktiver Gesundheitspolitik in Tansania.
Ausgehend von einer Betrachtung der bisherigen Beschäftigung mit Rassismus in der deutschsprachigen Politikwissenschaft erörtert dieser Artikel, wie das Potenzial der Entwicklungsforschung für die Untersuchung von Rassismus genutzt werden kann. Entwicklungsforschung mit ihrem Interesse an globaler sozioökonomischer Ungleichheit scheint besonders geeignet zu sein, Rassismus als umfassenden globalen Komplex mit diskursiven und materiellen Dimensionen zu verstehen. In diesem Artikel wird argumentiert, dass der Fokus auf Rassismus als Ungleichheit stützendes diskursives Phänomen nicht ausreichend ist, um dessen Wirkmächtigkeit zu erfassen. Wie Rassismus materieller verstanden und analysiert werden kann, wird in diesem Beitrag anhand des Beispiels deutscher Entwicklungspolitik im Bereich reproduktive Gesundheits- und Bevölkerungspolitik in Tansania aufgezeigt.

Albert Scherr: Rassismus, Post-Rassismus und Nationalismus. Hinweise zu den Erfordernissen einer differenzierten Kritik.
Der vorliegende Beitrag zielt auf eine Präzisierung der begrifflichen Grundlagen von Rassismus- und Nationalismuskritik. In Abgrenzung gegen eine generalisierte Verwendung des Rassismusbegriffs wird dazu zunächst, in Anschluss an die angelsächsische Rassismusforschung, für eine differenzierte Analyse historischer und gegenwärtiger Rassismen plädiert. Vor diesem Hintergrund wird dann argumentiert, dass für das Verständnis der Reproduktion globaler Ungleichheiten eine Analyse von Nationalstaatlichkeit und Nationalismus erforderlich ist, die nicht zureichend in der Perspektive der Rassismuskritik entwickelt werden kann, sondern diese überschreiten muss.

Ulrike Marz: Annäherungen an eine Kritische Theorie des Rassismus.
Der Artikel umreißt Elemente einer Kritischen Theorie des Rassismus in der Tradition Horkheimers und Adornos mit besonderem Fokus auf die Verbindung von warenproduzierender Gesellschaft und ihr entsprechender Formen des Bewusstseins. Im Fokus steht die Frage, ob die autoritäre Persönlichkeit als ein prototypisches Ergebnis der kapitalistischen Sozialform auch heute noch analysiert werden kann. Eine Darstellung der Verschiebungen und Zuspitzungen in der neoliberalen warenproduzierenden Gesellschaft zeigt, dass sich sowohl die Subjektkonstitution wie auch die Form des Rassismus verändert haben. Soziale Veränderungen und Verschiebungen in der Subjektkonstitution verlangen eine Modifikation des ursprünglichen Konzeptes der autoritären Persönlichkeit insbesondere in Hinblick auf seine Entstehung. Vier Aspekte verweisen auf solch eine notwendige Modifikation: (1) eine substantielle, aber nicht kategoriale Verschiebung von der "Rasse" zur Kultur in der rassistischen Argumentation, (2) eine zunehmende Selbst-Führung und Selbstinszenierung der Subjekte, (3) die untergeordnete Bedeutung eines konkreten "Füh-rers" und (4) die abnehmende Bedeutung der patriarchalischen Kleinfamilie. Wirksam wird Rassismus heute vor allem im Rahmen einer konformistischen Revolte, in dem eine "konformistisch-egoistische Persönlichkeit" agiert.

Floris Biskamp: Rassismus, Kultur und Rationalität. Drei Rassismustheorien in der kritischen Praxis.
Der vorliegende Beitrag nimmt zwei Kernfragen der Rassismustheorie auf: erstens die Frage nach dem Verhältnis von Rassismus und Rationalität sowie zweitens die Frage, welches Sprechen über Kultur als rassistisch auszuweisen ist. Dabei vergleicht der Autor zunächst zwei rassismustheoretische Ansätze, deren Antworten auf diese Fragen er anhand der Bewertung von Kants Rassentheorie im Kontext seines Gesamtwerks sowie anhand der Diskussionen um antimuslimischen Rassismus vergleicht. Auf der einen Seite steht ein Verständnis von Rassismus als Ideologie oder falsches Bewusstsein. Der in diesem Ansatz vertretene emphatische Vernunftbegriff ermöglicht es, eine herrschaftskritische Position zu begründen sowie eine Grenze zwischen rassistischen und kritischen Formen des Sprechens über Kultur zu ziehen; der Fokus auf die Bewusstseinsebene führt jedoch dazu, dass die für Rassismus entscheidenden Macht- und Diskursdynamiken unterbelichtet bleiben. Auf der anderen Seite steht ein Verständnis von Rassismus als Herrschaftsverhältnis oder Diskurs. Hier werden Macht- und Diskursdynamiken besonders scharf dargestellt; durch den Verzicht auf einen positiven Vernunftbezug entzieht sich diese Form der eigenen rassismuskrtischen Praxis aber selbst eine wichtige Grundlage, was zu einer oftmals reduktionistischen Form der Kritik führt. Um die Stärken beider Ansätze zu verbinden, wird am Ende ein Verständnis von Rassismus als systematisch verzerrtem Kommunikationsverhältnis eingeführt, das erlaubt, Macht und Diskursdynamiken zu analysieren, ohne auf einen starken Vernunftbegriff zu verzichten.

Bettina Engels: Wann werden Konflikte manifest? Politische Opportunitätsstrukturen für Proteste gegen Goldbergbaus in Burkina Faso.
Der aktuelle Bergbau-Boom geht weltweit mit Konflikten um ökologische Fragen, die Verteilung der Gewinne und Steuern, Menschenrechte, Landnutzungskonkurrenzen und territoriale Ansprüche, kollektive Identitäten entlang von Kategorien wie Indigenität, Ethnizität und Nationalität, kulturelle Repräsentation und Deutungshoheit in Entwicklungspolitik und -diskursen einher. Der Artikel untersucht, unter welchen Bedingungen diese Konflikte, die dem Bergbau aufgrund seiner erheblichen sozialen und ökologischen Auswirkungen inhärent sind, manifest werden und eskalieren. Unter Rückgriff auf zwei Konzepte aus der contentious-politics-Forschung – politische Gelegenheitsstrukturen und Protestrepertoires – werden drei aktuelle Konflikte um den Goldbergbau in Burkina Faso analysiert, einem der Staaten in Subsahara-Afrika, in denen der extraktive Sektor gegenwärtig am schnellsten wächst. Ich stelle dar, welcher Protestrepertoires sich die jeweiligen Akteure bedienen und zeige, dass der Sturz des langjährigen Staatspräsidenten Blaise Compaoré Ende Oktober 2014 die zentrale Verschiebung in den politischen Gelegenheitsstrukturen darstellt, welche die Eskalation der Konflikte in allen drei Beispielen bedingte.

Zitation
PERIPHERIE. Politik • Ökonomie • Kultur 37 (2017), 2. in: H-Soz-Kult, 01.09.2017, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-10560>.
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