Rechtsgeschichte (Rg) 17 (2010)

Titel
Rechtsgeschichte (Rg) 17 (2010).
Weitere Titelangaben
Rechtsgewohnheiten


Hrsg. v.
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Vittorio Klostermann
Umfang
304
Preis
34
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erscheinungsweise
jährlich
Kontakt
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte Redaktion Rechtsgeschichte Hansaallee 41 60323 Frankfurt am Main Tel. ++49-69.78978-200 Fax ++49-69-78978-210 Anregungen und Manuskripte unter: rg@rg.mpg.de

Editorial

Wohl jeder Jurist kennt Kants Satz, dass die einfache Frage »Was ist Recht?« den »Rechtsgelehrten […] in Verlegenheit« setze. Höchstens »[w]as Rechtens sei (quid sit iuris), d. i. was die Gesetze an einem gewissen Ort und zu einer gewissen Zeit sagen oder gesagt haben«, schloss Kant an, könne dieser »noch wohl angeben«. Selbst das ist, wie wir inzwischen wissen, mindestens sehr optimistisch formuliert: Denn »Rechtens« war eben nicht nur, »was die Gesetze« sagten. Und obwohl vor allem deutsche Gelehrte seit Jahrzehnten beträchtliche intellektuelle Energie auf die Erforschung »des Rechtsbegriffs« verschiedener historischer Situationen verwenden, erscheinen die Grundbegriffe von »Recht« einem geschulten Beobachter immer noch »viel weniger historisch durchgearbeitet als ›Staat‹«.

Uns schien dies Grund genug, um eine im Rahmen des von der Frankfurter Goethe Universität und dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte gemeinsam getragenen Graduiertenkollegs geführte Debatte um diese Fragen zu unserer zu machen. Gerhard Dilcher, der Initiator, führt in sie ein. Der einzige nicht aus dem deutschen Sprachraum stammende Teilnehmer, Dirk Heirbaut, bezeichnet diese Forschungstradition in einem zusammenfassenden Überblick als einen unknown treasure for historians of early medieval Europe – eine zugleich erfreuliche und beunruhigende Feststellung. Sie dürfte auch auf die Diskussionen um den »Staat« im frühen Mittelalter zutreffen, wie sich an dem Literaturbericht von Christoph H. F. Meyer am Beginn der Kritik zeigt. Auch hier hat es die deutsch­sprachige Forschung inzwischen nicht leicht, rezipiert zu werden, zumal »Staat« eben nicht gleich »state« ist.

Was liest man denn in der englisch sprechenden Welt aus der deutschsprachigen rechtshistorischen Forschung überhaupt? – Das Erscheinen der The Oxford International Encyclopedia of Legal History aus dem Jahr 2009 war uns willkommener Anlass, auf einem workshop im Institut über das Bild zu sprechen, das einer Leserin oder einem Leser in Amerika oder in Asien (dies dürfte der anvisierte Markt der Encyclopedia sein) von der Rechtsgeschichte vermittelt wird. Einige von uns hatten selbst mit Beiträgen mitgewirkt, auch ich, und verdiente Rechtshistoriker haben viel Mühe darauf verwandt, Autorinnen und Autoren für einen Artikel zu gewinnen. Was als Gesamtwerk daraus geworden ist, ist problematisch. Ökonomisierung und Amerikanisierung verbessern offenbar doch nicht zwangsläufig den wissenschaftlichen output. Douglas Osler hat den Stift gespitzt und zugestochen.

Auch die anderen Beiträge lassen sich als Beobachtungen der Wissenschaft lesen. In der Recherche nimmt Enrique Álvarez Cora den 40. Geburtstag von Francisco Tomás y Valientes bahnbrechendem Buch zur Geschichte des Strafrechts im Spanien der Habsburger und Bourbonen zum Anlass, dessen Sicht auf das Verhältnis von Delikt und Sünde im Denken der wohl nur aus ihrer Verankerung in der Theologie zu verstehenden frühneuzeitlichen Autoren zu hinterfragen, und Anna-Bettina Kaiser historisiert die Debatte um den Begriff der Regulierung im Staats- und Verwaltungsrecht der Bonner Republik. Beide Themen berühren, wie auch die Debatte, eine Reihe von Forschungsprojekten in den neu gefassten Forschungsschwerpunkten des Instituts: »Recht als Zivilisationsfaktor im ersten Jahrtausend«, »Recht und Religion«, »Strafrechtsgeschichte und historische Kriminalitätsforschung in Europa zwischen Mittelalter und Moderne« sowie »Moderne Regulierungsregime«. Mehr über diese Forschungsschwerpunkte ist auf unserer homepage zu lesen, die eine neue Internet-Adresse hat: www.rg.mpg.de

Am Schluss des Hefts drucken wir als Marginalie einige biografische Skizzen ab, die Raoul C. Van Caenegem uns zur Verfügung gestellt hat – persönliche Erinnerungen, eine Quelle für die Geschichte der Rechtsgeschichte und ihr Selbstbild. Elmar Lixenfeld hat Van Caenegems Lebensbilder in Zeichnungen umgesetzt. So entstand die im Heft verstreute kleine Galerie von Gesichtern einer inzwischen fremd anmutenden akademischen Welt.

Inhalt

Editorial

Debatte

Gerhard Dilcher
015 Einführung

Martin Pilch
017 Rechtsgewohnheiten aus rechtshistorischer und rechtstheoretischer Perspektive

Andreas Thier
040 Rechtsgewohnheiten, Ordnungskonfigurationen und Rechtsbegriff

Bernd Kannowski
045 Recht als Formel von Gewalt im Mittelalter

Michele Luminati
050 Eine Rechtstheorie für das Mittelalter?

Dirk Heirbaut
055 Rechtsgewohnheiten und semi-autonome Felder

Karl Kroeschell
058 »Rechtsgewohnheiten« – und wie es dazu kam

Jürgen Weitzel
062 Ein zweiter Paradigmenwechsel?

Gerhard Dilcher
067 Noch einmal: Rechtsgewohnheit, Oralität, Normativität, Konflikt und Zwang

Joachim Rückert
074 Rechtsgewohnheiten und Denkgewohnheiten

Guido Pfeifer
081 Rechtsgewohnheiten in der Perspektive der altorientalischen Rechtsgeschichte

Chung-Hun Kim
084 Pilch’s Perception of Law and Confucian Normativity – Rethinking Customary Law in Korean Historiography

Dirk Heirbaut
087 An unknown treasure for historians of early medieval Europe: the debate of German legal historians on the nature of medieval law

Recherche

Enrique Álvarez Cora
092 Recordando a Tomás y Valiente: la noción de delito en la España moderna

Anna-Bettina Kaiser
127 Die ›Entdeckung‹ der Kooperation von Staat und Gesellschaft in der Wissenschaft des Öffentlichen Rechts seit den 1960er Jahren

Douglas J. Osler
137 When Worlds Collide: How europäische Rechtsgeschichte came to Oxford

Kritik

Christoph H. F. Meyer
164 Zum Streit um den Staat im frühen Mittelalter
Walter Pohl, Veronika Wieser (Hg.), Der frühmittelalterliche Staat – europäische Perspektiven

Heikki Pihlajamäki
177 Canon Law and European Legal Culture
Orazio Condorelli, Franck Roumy, Mathias Schmoeckel (Hg.), Der Einfluss der Kanonistik auf die europäische Rechtskultur

Vincenzo Colli
179 Processo romano-canonico tra prassi giudiziaria e strategie sociali
Jacques Chiffoleau, Claude Gauvard, Andrea Zorzi (Hg.), Pratiques sociales et politiques judiciaires dans les villes de l’Occident à la fin du Moyen Âge

Ulrike Ludwig
183 Gepflegte Streitereien und gepflegte Verträge
Thomas Ott, Präzedenz und Nachbarschaft

Dieter Hüning
186 Oberflächlich
Bernd Franke, Sklaverei und Unfreiheit im Naturrecht des 17. Jahrhunderts

Jussi Sallila
189 Schlüssel der Insolvenzrechtsgeschichte
Wolfgang Forster, Konkurs als Verfahren

Giuseppe Mecca
192 La Giustizia penale nella Toscana Secentesca
Daniele Edigati, Gli occhi del Granduca

Karl Härter
195 Policey kompakt
Andrea Iseli, Gute Policey

Robert von Friedeburg
197 Recht autonom
Christopher W. Brooks, Law, Politics and Society in Early Modern England

Kent D. Lerch
199 Everything-as-it-should-be-Blackstone?
Wilfrid R. Prest, William Blackstone

Gabriele von Olberg-Haverkate
202 Unglückbringende Sprachen
Peter Friedrich, Manfred Schneider (Hg.), Fatale Sprachen

Heinz Mohnhaupt
204 Lehr- und Lernstücke für Europa?
Peter A. J. van den Berg, The Politics of European Codification

Matthias Schwaibold
210 Dünner als die Polizei erlaubt
Philip W. Kupper, Die kommunalen Zürcher Polizeiverordnungen der Städte Zürich und Winterthur

Dorothee Gottwald
213 Einschränkung der Kampfzone?
Jürgen Durynek, Korruptionsdelikte (§§ 331 ff. StGB). Reformdiskussion und Gesetzgebung seit dem 19. Jahrhundert

Andreas Anter
215 Gelernt ist gelernt
Max Weber Gesamtausgabe Bd. I/1: Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter. Schriften 1889–1894; Bd. I/22-4: Wirtschaft und Gesellschaft. Nachlaß. Teilbd. 4: Herrschaft; Bd. II/9: Briefe 1915–1917

Miloš Vec
219 Unjuristisch
Andreas Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht

Walter Rech
222 Enmity and the Law
Pietro Costa (Hg.), I diritti dei nemici

Oliver Lepsius
226 Überdokumentiert
Reinhard Mehring, Carl Schmitt

Ino Augsberg
229 Bella Figura
Friedrich Balke, Figuren der Souveränität Iris Därmann, Figuren des Politischen

Kaspars Balodis
232 Rechtsvereinheitlichung in Lettland
Philipp Schwartz, Das Lettländische Zivilgesetzbuch vom 28. Januar 1937 und seine Entstehungsgeschichte

Maximilian Becker
234 Neues über die Justiz des Generalgouvernements
Andrzej Wrzyszcz, Okupacyjne sadownictwo niemieckie w Generalnym Gubernatorstwie 1939–1945

Michael Stolleis
236 Waschgänge
Hubert Rottleuthner, Karrieren und Kontinuitäten deutscher Justizjuristen vor und nach 1945 Sonja Boss, Unverdienter Ruhestand

Arnd Koch
239 Pflichtbewusst, fleißig und bescheiden
Simone von Hardenberg, Eberhard Schmidt (1891–1977)

Sven Korzilius
240 Besseres Strafrecht?
Erich Buchholz, Strafrecht im Osten

Tillmann Krach
243 Anwaltsgeschichte aus Anwaltssicht
Felix Busse, Deutsche Anwälte

Michael Stolleis
246 Juste Milieu
Jörn Ipsen, Der Staat der Mitte

Matthias Schwaibold
248 Ergötzliches und Neues zur »Sandhaufentheorie der Freiheit«
Götz Schulze, Die Naturalobligation

Marginalien

R. C. van Caenegem
253 Legal historians I have known: a personal memoir

302 Abstracts

303 Autoren

304 Abbildungen

Zitation
Rechtsgeschichte (Rg) 17 (2010). in: H-Soz-Kult, 19.11.2010, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-5871>.
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Veröffentlicht am
19.11.2010
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