Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 33 (2013), 2

Titel
Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 33 (2013), 2.
Weitere Titelangaben
Die Welt des Kapitals


Hrsg. v.
Herausgeber: Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V. (WVEE)
Heft(e)
02
Erschienen
Münster (Westf.) 2013: Westfälisches Dampfboot
Umfang
252 S.
Preis
Einzelheft 12,00 EUR, Doppelheft 24,00 EUR, Abo 32,00 EUR, Abo für Institutionen 58,00 EUR
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Die Leitfrage der Ausgabe lautet: Wie können wir den globalen Kapitalismus in seiner Einheit und in seiner Vielfalt zugleich begreifen und kritisieren? Zum Wesen der kapitalistischen Produktionsweise gehört, dass sie ein global vereinheitlichendes System bildet, zugleich aber in geographisch und historisch spezifischen Formen mit ihren jeweils ganz eigenen sozialen Merkmalen erscheint. Die Versuche, die globale kapitalistische Vielgestaltigkeit zu erfassen, sind daher nahezu ebenso divers wie ihr Gegenstand. Die Beiträge dieses Heftes diskutieren in kritischer Absicht bestehende Ansätze und führen neue Perspektiven in die Diskussion ein. Gemeinsam sollen sie einen Beitrag zum zeitgemäßen Verständnis und zur Kritik des globalen Kapitalismus in seiner Einheit und Vielfalt leisten.

ZU DIESEM HEFT

Die Welt des Kapitals

Der Bauer, dem ein Agrobusiness-Konzern verbietet, sein Saatgut zu reproduzieren, oder die internationalen Finanzinstitutionen, die überall auf der Welt darauf ausgehen, Ordnung nach ihren Rezepten zu schaffen; die von den einstürzenden Riesen-Sweat-Shops in Dhaka erschlagenen Arbeiterinnen, die eben noch Billig-Jeans für den Weltmarkt genäht haben, oder die Banker und Börsenjobber, die den von Manuel Castells so bezeichneten, von realen Orten weitgehend abgehobenen Raum der Ströme bevölkern; die südafrikanischen Bergleute, die beim Massaker von Marikana im August 2012 während ihres Streiks getötet wurden, oder die Manager der deutschen Rüstungsindustrie, die ihre Exportgeschäfte in Krisenregionen wie dem Persisch-Arabischen Golf forcieren; die Diktate der EU-Austeritätspolitik oder der verzweifelte Kampf derer, denen dadurch der Boden unter den Füßen weggezogen wird – sie alle und viele mehr gehören auf höchst unterschiedliche Weise zur Welt des Kapitals. Das heißt, sie sind in ihrer Lebenswelt mit der Logik und den Zwängen konfrontiert, denen das Kapital unablässig folgt und die es fortwährend durchzusetzen strebt.

Auf dieser Ebene findet sich freilich nicht allein „das Kapital“ als anonyme, objektive, gar unbeherrschbare Macht. Konkrete Handelnde sind Konzernstrategen ebenso wie Regierende, die auch Armeen in Marsch setzen, wo sie es für nötig halten. Die Expansion des Kapitals erscheint auch mehr als 100 Jahre nach der flächendeckenden Organisation der bewohnten Erde nach dem Muster der Territorialstaatlichkeit als immer neu ansetzender, fortschreitender Prozess. Wie seit Anbeginn der kapitalistischen Expansion werden dabei dem idealtypischen kapitalistischen Muster in keiner Weise entsprechende Produktions- und Lebensformen in Dienst genommen, dem Kapitalismus und seinen Bewegungsgesetzen subsumiert.

Seine globale Ausrichtung wie auch seine Uneinheitlichkeit sind damit wesensmäßige Bestandteile des Kapitalismus. In immer neuen Formen werden die „äußeren Milieus“, die scheinbar oder tatsächlich noch nicht in den Bannkreis des Kapitals gezogen wurden, durchdrungen, natürliche Ressourcen wie Arbeitskräfte in Wert gesetzt. Dies überschneidet sich mit dem Aufkommen lokaler Machtgruppen, deren Existenz abhängig ist von ihren Außenbeziehungen in die kapitalistischen Zentren, aber auch mit mehr oder weniger vorübergehend oder nachhaltig erfolgreichen Prozessen nachholender Industrialisierung. Dabei entstehen auf regionaler, oft nationalstaatlicher Ebene soziale Formationen, die sich zu mehr oder weniger abhängigen Bourgeoisien konsolidieren können, es kommt ebenso zu verschiedenen Formen der Subsumtion von Arbeitskräften und immer wieder auch zu deren Anläufen, sich als Klasse zu konstituieren.

In den letzten Jahrzehnten haben (momentan) erfolgreiche Prozesse nachholender Industrialisierung die internationale Arbeitsteilung grundlegend verändert. Nicht nur neue regionale Zentren sind entstanden, sondern auch die Bedeutung von Waren- und Produktionsketten hat sich teilweise verändert. Neue Unternehmensformen wirken sich sowohl auf die räumlichen Konfigurationen und die Eigentumsstrukturen als auch auf die Beziehungen zwischen Kapital, Arbeit und Staat aus. Zudem lässt sich beobachten, wie sich im Gefolge der durch die Generalisierung der neuen Informationstechnologien bewirkten Veränderungen, aber auch aufgrund regionaler, nationalstaatlicher Strategien das Verhältnis des Kapitals zu den einzelnen Staaten, aber auch zu überstaatlichen Institutionen mit unterschiedlicher Reichweite wandelt. Die Rolle des Finanzkapitals und die Bearbeitung der aktuellen Finanzkrise unterstreichen dies.

Mit dieser impressionistischen Situationsbeschreibung sind eine Fülle analytischer und theoretischer Herausforderungen sowie neue Aufgaben für empirische Forschung angesprochen. Als gemeinsamer Nenner lässt sich sehr allgemein die Vielfalt von Verhältnissen, Handlungsstrategien, Konflikten und Krisensituationen unterschiedlichster Stufenleiter benennen, welche die Welt des Kapitals einbegreift. Regionale und historische Vergleiche sind hier ebenso gefordert wie theoretische Anstrengung, um die Vielzahl der Prozesse und Erscheinungsformen zu ordnen und begreifbar zu machen. Mit dem vorliegenden Heft sollen einige Anstöße und Hinweise gegeben werden, wie auf der Ebene sozialwissenschaftlicher Analyse und Theoriebildung mit den genannten Veränderungen umgegangen werden kann und wird. Wesentlich sind dabei der Bezug auf den Globalen Süden einerseits, eine Reihe von komparativen Perspektiven und Herangehensweisen andererseits.

Die Vergleichende Kapitalismusforschung steht dabei vor einer doppelten Herausforderung. Es gilt einerseits der globalen Vernetzung und Strukturierung des Kapitalismus und der transnationalen Form des Kapitals gerecht zu werden und frei von methodologischem Nationalismus auch Kapitalismus im Süden bzw. Volkswirtschaften des Südens als in Weltmarkt und Weltpolitik integriert und von diesen abhängig zu analysieren. Andererseits sind eurozentrische oder koloniale Verallgemeinerungen und voreilige Universalismen Gift für den notwendigen postkolonial informierten Dialog. Es gilt daher, den Besonderheiten und historisch-lokal je spezifischen Ausprägungen und Institutionen gerecht zu werden. Auf diese Herausforderungen reagieren unterschiedliche theoretische Ansätze ausgesprochen heterogen, wie auch die Beiträge und Debatten in unserem Heft verdeutlichen.

Anstoß für den vorliegenden Schwerpunkt war die Kritik an den vor allem im neoinstitutionalistischen Theorieparadigma verankerten Ansätzen, die das Forschungsfeld der Vergleichenden Kapitalismusforschung spätestens seit Ende des Kalten Krieges prägen. Bereits ein oberflächlicher Abgleich mit der obigen Skizze macht deutlich, dass diese bestenfalls einen kleinen Ausschnitt der kapitalistischen Vielgestaltigkeit in den Blick nehmen. Dies gilt ganz besonders für den Ansatz der „Spielarten des Kapitalismus“ (Varieties of Capitalism, VoC), der seit seiner Präsentation durch Peter Hall und David Soskice im Jahr 2001 zwischenzeitlich so etwas wie eine Hegemonialstellung in der Debatte innehatte. Unter Rückgriff auf die Theorie der Transaktionskostenökonomie hatte dieser Ansatz eine firmenzentrierte, wesentlich auf Fragen wirtschaftlicher Effizienz abhebende Erklärung für den Fortbestand der sogenannten „koordinierten Marktökonomien“ Kontinentaleuropas präsentiert. Während er von einigen für seine Sparsamkeit und Eleganz gelobt wurde, kritisierten ihn andere heftig für seine gefährlich vereinfachende und harmonisierende Perspektive auf die Welt des Kapitals. So ging ihm insbesondere ein Verständnis für die strukturellen Konfliktdynamiken der kapitalistischen Produktionsweise und für die hierarchischen Beziehungen zwischen verschiedenen, politisch wie ökonomisch differenzierten Räumen, die Teil des Kapitalismus als global expansivem System bilden, ab – Schwächen, die auch andere neoinstitutionalistische Ansätze teilen. Zudem blieb der Globale Süden in VoC- und verwandten Ansätzen weitgehend unberücksichtigt, was die bereits im theoretischen Apparat angelegte Blickverengung noch zementierte.

Vor dem Hintergrund dieser Kritik kommt es zu einer merklichen Absetzbewegung im Forschungsfeld der Vergleichenden Kapitalismusforschung. Nicht nur sind die konzeptuellen Defizite dieses und ähnlicher Ansätze inzwischen vielfach aufgezeigt worden. Auch lässt die globale Wirtschaftskrise, die seit 2008 einmal mehr die den Kapitalismus kennzeichnenden Konflikt- und Krisentendenzen ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerufen hat, diese Schwächen ganz konkret und praktisch hervortreten. Dazu kommen die sich beschleunigenden Restrukturierungsprozesse im kapitalistischen Weltsystem, durch welche die klassischen Zentren der globalen Ökonomie nach und nach ihre Vorrangstellung verlieren.

Die folgenden Beiträge reagieren auf unterschiedliche, teils kontroverse Weise auf diese intellektuelle Entwicklung. Das Heft bietet daher nicht allein ein Spektrum unterschiedlicher Zugänge zur Analyse mannigfacher Ausformungen kapitalistisch determinierter Gesellschaften. Es konfrontiert auch explizit Positionen miteinander, die sich nicht zuletzt auf methodologischer Ebene unterscheiden.

Reinhart Kößler entwickelt im Anschluss an die klassischen Kapitalismus-Analysen von Karl Marx und Max Weber ein Konzept, das die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, jedoch durchweg dem Kapital subsumierter gesellschaftlicher Verhältnisse begrifflich fassen soll. Dabei geht es zum einen um eine kritische Reflexion von Modernisierungsprozessen und -strategien, zum anderen um eine differenzierte Sicht auf Moderne unter dem zusammenfassenden Aspekt der Herrschaft des Kapitals. Am Beispiel der inter-gesellschaftlichen Konstitution von Arbeitsformen diskutiert Nick Taylor, was die Arbeiten der neo-trotzkistischen internationalen historischen Soziologie zum Verständnis der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ und der Interaktionsbeziehungen in der komplexen Welt des Kapitals beitragen. Errol Babacan und Axel Gehring untersuchen, in welcher Weise Antonio Gramscis Überlegungen zu soziokultureller Hegemonie für die Analyse politischer Herrschaft in Gesellschaften des Globalen Südens nutzbar zu machen sind. Aus einer solchen Perspektive analysieren sie die Klassenformationen, die aus verschiedenen Anläufen zu einer kapitalistischen Entwicklung im Osmanischen Reich bzw. in der Türkei entstanden sind. Der Bogen überspannt ein Jahrhundert, von den aufeinander folgenden Modernisierungsschüben, die durch Jungtürken und Kemalismus bezeichnet werden, bis hin zu den sozialen Grundlagen der aktuellen Herrschaft der AKP. Matthias Ebenau, Facundo Parés und Lucía Suau Arinci plädieren dafür, zwischenzeitlich eher in Vergessenheit geratene dependenztheoretische Ansätze für die Vergleichende Kapitalismusforschung fruchtbar zu machen. Nach einem kurzen Überblick über die Defizite neoinstitutionalistischer Konzepte arbeiten die AutorInnen die Vorteile einer dependenztheoretischen Perspektive für die Analyse der Vielgestaltigkeit des Kapitalismus in der Gegenwart heraus und verdeutlichen dies anhand einer kurzen Untersuchung der konkreten Ausgestaltung kapitalistischer Produktions- und Organisationsformen in Argentinien.

Roy Karadag untersucht die vielfältigen Formen kapitalistischer Ordnungen, die sich in der Welt herausgebildet haben. Dabei konzentriert sich sein Blick auf global divergierende Strukturen staatlicher Herrschaft. In Anlehnung an Michael Manns staatstheoretischen Ansatz erstellt er eine herrschaftsorientierte Typologie, welche die politische Konstitution kapitalistischer Ordnungen unterstreicht. Den Gründen, aus denen die Schwellenländer nur wenig unter den Folgen der letzten globalen Finanzkrise zu leiden hatten, geht Christian May nach. Er erklärt dies aus dem Zusammenspiel zwischen der wachsenden Finanzialisierung des globalen Kapitalismus und einer graduellen Abkopplung der Schwellenländer von den dominanten Akkumulationsmodi der Weltwirtschaft. Durch diese Dissoziation verschafften sich die BRIC-Länder einen größeren Handlungsspielraum, um mittelfristig eigenständige Entwicklungsstrategien zu verwirklichen. Dies ermöglicht es diesen Ländern, genau den industriekapitalistischen Weg zu gehen, den ihnen externe Kapitalgeber niemals zugestünden. Adam Fishwick präsentiert eine detaillierte, historisch informierte Kritik des Konzepts der „hierarchischen Marktökonomien“, dem bislang populärsten Versuch, den VoC-Ansatz für die Analyse des Kapitalismus in Lateinamerika nutzbar zu machen. Unter Bezugnahme auf die Entwicklung der argentinischen Automobilindustrie zeigt er die Notwendigkeit auf, „über die hierarchische Marktökonomie hinaus“ und zugleich „tiefer in sie hinein“ zu gehen, indem ihre transnationale ökonomische Einbindung und die sie durchziehenden (Klassen-)Konflikte untersucht werden. Schließlich setzen sich Gerhard Hauck, Reinhart Kößler, Daniel Kumitz und Ingrid Wehr kritisch mit dem Konzept des (Neo-)Patrimonialismus auseinander, das neuerdings als „patrimonialer Kapitalismus“ zunehmend in der Vergleichenden Kapitalismusforschung Anwendung findet. Sie belegen zum einen, dass die in der (Neo-)Patrimonialismus-Literatur verbreitete Begrifflichkeit auf einer unzureichenden, ja verfehlten Rezeption Max Webers beruht, und nehmen zum anderen den durchgängigen, auch in neueren Ansätzen nicht überwundenen Eurozentrismus, der die Debatte in weitgehender Analogie zu modernisierungstheoretischen Konzepten bestimmt, in den Blick.

Die drei Peripherie-Stichwörter dieses Doppelheftes beschäftigen sich mit Schlüsselkonzepten der kritischen Kapitalismusanalyse: „Dependenz“ (Wolfgang Hein), „Globale Produktionsnetzwerke“ (Lisa Carstensen, Katherine Joynt, Christian Scheper & Hariati Sinaga) und „Spielarten des Kapitalismus“ (Andreas Nölke).

Außerhalb des Schwerpunkts analysiert Ana María Isidoro Losada die räumlichen Dimensionen politischer Macht im bolivarischen Venezuela. Sie zeigt auf, dass die seit der Amtsübernahme des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez im Jahr 1999 zu beobachtende räumliche Neuordnung des Politischen keineswegs zufällig erfolgt, sondern im Zentrum politisch-strategischer Überlegungen der Regierung steht. Zu den konkreten Prozessen, die sie untersucht, zählen der Aufbau des so genannten „kommunalen Staates“ (Estado Comunal) – eines neuen Staatsgebildes auf der Basis eines rätedemokratisch inspirierten Gesellschaftsmodells – sowie die Restrukturierung bestehender und parallel zu den existierenden die Einrichtung neuer Gebietskörperschaften auf dezentraler Ebene. Basierend auf raum- und demokratietheoretischen Überlegungen widmet Isidoro Losada sich dem paradoxen Versuch, einerseits gemäß dem zugrunde liegenden Gesellschaftsmodell neue Beteiligungsstrukturen aufzubauen, andererseits zugleich die staatliche Macht zu (re-)zentralisieren.

Dieses Heft entstand in enger Kooperation mit dem internationalen Projekt „Kapitalismusvergleich, Kapitalismusanalyse, Kapitalismuskritik“, das von Ian Bruff, Matthias Ebenau, Christian May und Andreas Nölke durchgeführt wird. Im Rahmen dieses Projektes ist Anfang 2013 bereits der Band Vergleichende Kapitalismusforschung: Stand, Perspektiven, Kritik (Münster: Westfälisches Dampfboot) erschienen; zudem werden 2014 ein Schwerpunktheft der Zeitschrift Capital & Class (Sage Publications) mit dem Titel Critical Perspectives on Capitalist Diversity sowie ein weiterer, mit New Directions in Critical Comparative Capitalisms Research betitelter Sammelband (Basingstoke: Palgrave Macmillan) veröffentlicht. Auf diese Publikationen möchten wir freundlich hinweisen. Die Beteiligten bedanken sich bei den Förderern des Projekts, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung, der International Political Economy Group der British International Studies Association sowie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Wir danken auch Christian May, der als Gastredakteur tatkräftig an diesem Heftschwerpunkt mitgewirkt hat.

Die letzte Peripherie-Ausgabe dieses Jahrgangs erscheint im Dezember zum Thema“Alles muss raus! Konfliktfeld Bergbau“ (Heft 132). Für den 34. Jahrgang sind Hefte zu den Themen „Geschlechterverhältnisse in bewaffneten Konflikten“ (Heft 133) „Neue und alte Religion(en)“ (Heft 134/135), „Postwachstum und Green Economy“ (Heft 136) geplant. Die Calls for Papers für diese Hefte finden sich wie immer auf unserer Homepage. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen.

Für unsere weitgehend ehrenamtliche Arbeit sind wir auch weiterhin auf die Beiträge der Mitglieder der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik (WVEE) e.V., der Herausgeberin der Peripherie, und auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns daher über neue Vereinsmitglieder ebenso wie über einmalige Zuwendungen.

SUMMARIES

Reinhart Kößler: Capitalism and Modernity. This article gives a brief outline of the main features of the capitalist mode of production. Referring to Marx's Critique of Political Economy and Max Weber, the importance of capitalist control, the (re-)organisation of production, and the expansive nature of capital are stressed, as well as the pervasive social transformations triggered by capitalism. Based on an understanding of capitalism as systematically both local and global, the process of this expansion and some experiences of late development are mapped as a means of grounding the varieties of capitalism around the globe in the relentless dynamic of capital to expand its realm. It is argued that from this, as well as from the observation that a whole range of production relations, including waged labour, subsistence production and slavery, are subsumed under capitalism, flows the constitutive heterogeneity of capitalist societies. The closing section sketches a conceptual strategy to come to terms with this complexity. A possible solution is a rethinking of the concept of "modernity" to a social formation that encompasses a range of different modes of production and "modes of development". In particular, this rethinking also accommodates non-capitalist social forms that are not leftovers of former times, but have risen as both complementary and competing societal systems within the context of modernity.

Nick Taylor: The Uneven and Combined Development of Labour Forms. This article seeks to elaborate a framework for the study of diversity in labour forms using Trotsky's theory of uneven and combined development (U&CD). It argues that labour markets are constituted by systemic processes of capital accumulation and uneven development in the global economy, but that these processes have highly differentiated outcomes in terms of the forms of labour that have historically emerged within and across national boundaries. Exploring some of the neglected elements of different labour forms, including non-waged labour, the article demonstrates how we might conceptualise the way in which combinations of labour forms exist within any given space of the world economy. Using the examples of both internal and transnational migration it argues that charting the social and spatial relations of production, and the labouring experiences and forms of worker politics associated with them, is an effective way of understanding the constitution and restructuring of different labour forms.

Errol Babacan & Axel Gehring: Hegemony in Time and Space. Deconstructing the Core/Periphery Antagonism in Theory of Hegemony Using the Example of Turkey. Whether the concepts developed by Antonio Gramsci are limited to a specific period and area is a recurring question in debates regarding his theory of hegemony. One strand of the debate is marked by the argument that his theory's analytical potential is limited to a specific historical period, as well as to core capitalist countries, suggesting that its utility is restricted; the argument suggests that Gramsci's theory may not be appropriate for studies regarding (semi-)peripheral social formations. In particular, the assumption of the predominance of coercion and violence in the (semi-)periphery tends to neglect the societal anchor-points of consent, compromise and leadership. Following a second strand of the debate, this article argues that the rise of bourgeois society and a new "exploitation complex" should be analyzed in its historically and culturally specific conditions, without limiting the analytical perspective to certain patterns of hegemony considered as typical for core countries. This approach will be exemplified by focusing on two historical periods in Turkey: 1) the foundation period of the Turkish nation state, when the development of the capitalist mode of production was in its early stages and 2) the contemporary period, which is marked by a shift within the capitalist mode of production in conjunction with the rise of a religious bourgeoisie.

Matthias Ebenau, Facundo Parés & Lucía Suau Arinci: Back to the future. Dependency perspectives on the study of contemporary capitalism in the (semi-)periphery. This article presents an alternative framework for studying the relational dimension of capitalist diversity, particularly in Latin America and other contexts of the global (semi-)periphery. It is based on the notion of "variegated capitalism" (Jessop), which is theoretically and conceptually specified with recourse to classical dependency perspectives, in particular the methodology of analysing "concrete situations" of dependency (Cardoso & Faletto). Dominance and dependence are specified as two ideal-typical poles on a continuum which characterises the predominant nature of relations between actors rooted in distinct socio-economic spaces. On this basis, a seven-dimensional analytical scheme is developed which serves to analyse the positioning of specific territories in relations of dominance-dependence. The empirical utility of this scheme is subsequently illustrated through a brief study of the political economy of Argentina over the last decade.

Roy Karadag: Towards a historical sociology of capitalist varieties. This article examines the multiple forms of capitalist order which have emerged globally. In contrast to attempts to ascribe this variation to functional complementarities and political institutions, it treats globally diverging structures of state authority as the defining factor. Drawing on Michael Mann's state-theoretical approach, it elaborates an authority-centred typology of capitalist sub-types that is able to appropriately encompass global differences.

Christian May: The Dissociation of the BRICs from Finance-led Capitalism. Compared to developed countries, Brazil, Russia, India, and China (BRICs) were hardly affected by the global financial crisis. Part of the explanation appears to lie in their gradual uncoupling from global finance-led capitalism. This article investigates whether the BRICs implemented the plea for dissociation that Senghaas formulated in the 1970s with regard to the contemporary financialized world economy. As empirical results show, the rejection of dependency on external and particularly market-based finance increases the manoeuvre room for inward-oriented economic policies. However, although such a strategy yields macroeconomic stability, its overall developmental value should be assessed critically.

Adam Fishwick: Beyond and Beneath the Hierarchical Market Economy. Global Production and Working Class Conflict in Argentina's Automobile Industry. This paper argues that the Hierarchical Market Economy (HME) category does not provide an adequate starting point for addressing capitalist diversity in Latin America. Building on a critical perspective of the Global Commodity Chain (GCC) and Global Production Network (GPN) approaches, this paper will instead consider the impact of firms' transnational relations and the often neglected role of working class struggles. It will argue that capitalist diversity can only be understood at the nexus of these ostensibly global and local phenomena. By specifying the strategic decisions taken by firms in Argentina's automobile industry, this paper will account for the failure of this sector. Specifically focusing on the automobile industry in the city of Córdoba, it will also examine the role of working class struggles, arguing that these struggles were vital in shaping the specific and unstable form of capitalist diversity that can be found in Argentina, as well as potential alternatives to it.

Gerhard Hauck, Reinhart Kößler, Daniel Kumitz & Ingrid Wehr: Neopatrimonialism? Sense and nonsense of a discourse. References to "patrimonialism" and "neo-patrimonialism" are rife in analyses of the causes of perceived state failure, mainly in the Global South. Although such interventions have in common that they invoke Max Weber, their reading of Weber´s ideal type of the rational state rests on a deep methodological misunderstanding. Whereas the ideal type of the rational state is taken for actual practice, the patrimonial one is misconstrued based on a fundamental misunderstanding of the logic of ideal types. Taken together, these misunderstandings lead to deeply flawed empirical assumptions. A critical reading of relevant literature links this finding to the pervasive Eurocentrism within (neo-)patrimonialism and state failure discourse. While this discussion is mainly aimed at literature concerned with Africa, a comparative Latin American perspective shows both divergent trajectories of state buildings and some commonalities in methodological misunderstandings, albeit using different terminology. Against this backdrop, some more critical approaches using patrimonialism terminology are explored, including the notion of "patrimonial capitalism". The article closes with three theses on the unsuitability of "(neo-)patrimonialism" as an overarching analytical paradigm.

Ana María Isidoro Losada: The Geography of Power – The Significance (or Relevance?) of Space and Power Relations in "Bolivarian" Venezuela. The "production of space" describes competitive social processes that reflect existing and changing power relations. This paper discusses the spatial differentiation of power and domination in "Bolivarian" Venezuela; more specifically, it analyzes changing modes of state control over spatial usage and appropriation. These transformations are by no means accidental. Rather, the Venezuelan government considers the re-dimensioning of spatial power relations and the control over strategic resources to be central to political and strategic considerations within the country. Thus, since 2007 Chávez fostered the communalization of the state and a communalism-inspired model of society. Looking at the project of political and social transformation in Venezuela, the article addresses how, by whom, why, and with what effects political-territorial and socio-spatial rescaling and territorialisation processes are initiated and promoted. In so doing, the political importance of spatial dimensions and, thus of democracy and power, are underlined.

INHALT

Zu diesem Heft, S. 143

Reinhart Kößler: Kapitalismus und Moderne, S. 149

Nick Taylor: Die ungleiche und kombinierte Entwicklung von Arbeitsformen, S. 179

Errol Babacan & Axel Gehring: Hegemonie in Zeit und Raum. Zur Dekonstruktion des Zentrum/Peripherie-Gegensatzes in der Hegemonietheorie am Beispiel Türkei, S. 197

Matthias Ebenau, Facundo Parés & Lucía Suau Arinci: Zurück in die Zukunft? Dependenzperspektiven in der Analyse der Diversität des Gegenwartskapitalismus, S. 220

Roy Karadag: Für eine historische Soziologie kapitalistischer Spielarten, S. 243

Christian May: Die Dissoziation der BRICs im finanzialisierten Kapitalismus, S. 264

Adam Fishwick: Zur Kritik der „hierarchischen Marktökonomie“. Globale Produktion und Arbeiterklassenkonflikte in Argentiniens Automobilindustrie, S. 287

Gerhard Hauck, Reinhart Kößler, Daniel Kumitz & Ingrid Wehr: Neopatrimonialismus? Von Sinn und Unsinn eines Diskurses, S. 303

Ana María Isidoro Losada: Geographie der Macht. Die Relevanz von Raum-Macht-Fragen im bolivarischen Venezuela, S. 327

PERIPHERIE-Stichwort

Wolfgang Hein: Dependenz, S. 349

Lisa Carstensen, Katherine Joynt, Christian Scheper & Hariati Sinaga: Die Theorie Globaler Produktionsnetzwerke, S. 353

Andreas Nölke: Spielarten des Kapitalismus, S. 356

Rezensionen, S. 360

Johannes Jäger & Elisabeth Springler: Ökonomie der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre (Matthias Ebenau)

Gerhard Klas: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut (Hanns Wienold)

Immanuel Wallerstein: Der Siegeszug des Liberalismus (1789–1914). Das moderne Weltsystem IV (Gerhard Hauck)

Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, André Gingrich (Hg.): Lexikon der Globalisierung (Reinhart Kößler)

Anne Huffschmid, Wolf-Dieter Vogel, Nana Heidhues, Michael Krämer, Christiane Schulte (Hg.): NarcoZones. Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika (Hanns Wienold)

Dambisa Moyo: Winner Take all. China's Race for Resources and What it Means for Us (Sören Scholvin)

Silke Helfrich & Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat (Reinhart Kößler)

Hanna Hacker: Queer entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen (Aram Ziai)

Gunes, Cengiz: The Kurdish National Movement in Turkey – From Protest to Resistance (Errol Babacan)

Elspeth Guild & Sandra Mantu (Hg.): Constructing and Imagining Labour Migration. Perspectives of Control from Five Continents (Helen Schwenken)

Zülfukar Çetin: Homophobie und Islamophobie. Intersektionale Diskriminierungen am Beispiel binationaler schwuler Paare in Berlin (Eva Kalny)

Eingegangene Bücher, S. 386

Summaries, S. 388

Zu den Autorinnen und Autoren, S. 391

Zitation
Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 33 (2013), 2. in: H-Soz-Kult, 26.08.2013, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-7774>.
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