Rechtsgeschichte – Legal History 22 (2014)

Titel
Rechtsgeschichte – Legal History 22 (2014).


Hrsg. v.
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: Vittorio Klostermann
Umfang
394 S.
Preis
42,00 €
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erscheinungsweise
jährlich
Kontakt
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte Redaktion Rechtsgeschichte Hansaallee 41 60323 Frankfurt am Main Tel. ++49-69.78978-200 Fax ++49-69-78978-210 Anregungen und Manuskripte unter: rg@rg.mpg.de

Editorial

Vor 50 Jahren, im Jahr 1964, nahm Helmut Coing den Ruf als Gründungsdirektor an das bereits seit langer Zeit geplante Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte an; in der Max-Planck-Gesellschaft wird eine solche Rufannahme üblicherweise als die Geburtsstunde eines Instituts angesehen. Seit den Tagen Helmut Coings hat sich die europäische Rechtsgeschichte zu einem lebendigen Feld der Forschung transnationaler Rechtsgeschichte entwickelt. Das Institut war ein wichtiger Teil und Motor dieser Bewegung. Ein halbes Jahrhundert später können wir nicht nur auf dieser Tradition aufbauen, ihre Einsichten und Ergebnisse nutzen, ihre Grenzen zu überwinden und um globale Perspektiven zu ergänzen versuchen. Wir tun dies nun vielmehr auch in einer gänzlich neuen Umgebung, nämlich unserem neuen Institutsgebäude, das seinen Sitz an der Südostspitze des Campus Westend der Goethe Universität im Herzen von Frankfurt hat. Aufmerksame Leserinnen und Leser der Rg mögen den Umbau unserer Forschungsaktivitäten insbesondere mit dem Heft 20 (2012) der Zeitschrift verfolgt und in der gedruckten Version von Heft 21 (2013) auch einige Fotos gesehen haben, die den Schwerpunkt zu ›Taufe und Recht‹ und das Forum ›Law and Revolution – revisited‹ begleiteten: Bilder von der Umordnung des Wissens anlässlich unseres Umzugs.

Die Einweihung des neuen Institutsgebäudes im September 2013 war eine willkommene Gelegenheit, um Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Disziplinen und Forschungsbereichen dazu einzuladen, unsere Ideen zu diskutieren und ihre eigenen Überlegungen zur Notwendigkeit der Öffnung unserer Forschung für globale Perspektiven und damit auch fÜr andere Formen der Normativität vorzustellen. Wir taten dies auf einer Tagung mit dem Titel European Normativity – Global Historical Perspectives. Die meisten der in diesem Heft im Fokus abgedruckten Beiträge wurden auf dieser Tagung vorgestellt und diskutiert, einige weitere Aufsätze haben wir hinzugefügt, weil sie uns wichtige Perspektiven auf Forschungsgebiete zu erschließen schienen, die, wie zum Beispiel die chinesische Rechtsgeschichte und ihre komplexe Beziehung zu den westlichen Traditionen, auf der Tagung nicht repräsentiert waren. Auf diese Weise geben die Beiträge in diesem Heft einen Überblick über sehr unterschiedliche methodologische und konzeptionelle Überlegungen sowie eine Reihe von Fallstudien zu den Verflechtungsprozessen zwischen normativen Ordnungen, die uns lange Zeit als weitgehend getrennt erschienen.

Die Tatsache, dass wir, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, nicht mehr in getrennten Welten, sondern in einer intensiv miteinander verbundenen Weltordnung lebten, nicht zuletzt durch den Kolonialismus, wird von den Illustrationen in diesem Heft verdeutlicht: einer kleinen Sammlung von Briefmarken, die durch die Welt reisten, Nachrichten, Bilder und Ideen von einem Ort zum nächsten beförderten. Auch in der Kritik haben wir uns auf wichtige Publikationen aus dem Bereich der Transnationalen Rechtsgeschichte konzentriert, und wir sind sehr froh, dass wir damit eine Reihe von ausführlichen Ãœberlegungen zu dieser lebendigen internationalen Forschung zur Transnationalen Rechtsgeschichte publizieren können.

Doch auch eine auf transnationale Rechtsgeschichte und damit ihre eigene Transnationalisierung zielende Wissenschaft konstituiert sich aus ihren meist nationalen Traditionen. Wir müssen deswegen diese eigenen Traditionen kennen, sie auch pflegen, nach ihrem Ort in der sich herausbildenden transnationalen Arena fragen und sie nicht zuletzt unseren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Traditionen erläutern. Aus diesem Grund wird im einleitenden Artikel dieses Hefts ein Überblick über einige analytische Traditionen unserer Disziplin von einer dezidiert deutschen Perspektive aus versucht. Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen dabei die grundlegenden Veränderungen im deutschen Wissenschafts- und Rechtssystem während der letzten 25 Jahre sowie die Herausforderung, die sich aus diesen Veränderungen ergeben. Diese Selbstbeobachtung versucht umzusetzen, was die wissenschaftshistorische Forschung während der letzten Jahrzehnte immer deutlicher herausgearbeitet hat: dass nämlich die Bedingungen der Wissensproduktion unweigerlich von besonderer Bedeutung für die Inhalte sind, in unserem Fall also für unser Bild auf die Rechtsgeschichte.|

Ein Ergebnis des Überblicks liegt darin, dass gerade die Transnationalisierung von Recht und Rechtswissenschaft unserer Disziplin faszinierende Perspektiven eröffnet. Der 50. Geburtstag des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte, aber auch der 100. Geburtstag der Frankfurter Goethe Universität, den diese ebenfalls im Jahr 2014 feiert, luden zu einem solchen Rückblick auf ein Jahrhundert rechtshistorischer Forschung in Deutschland – und einem Ausblick auf mögliche Perspektiven ein.

Editorial

It is a tradition within the Max-Planck-Society to commemorate the anniversary of an institute on the day its founding director accepted his or her nomination. And it was fifty years ago, in 1964, that Helmut Coing has done so. Since Coing’s days, European Legal History has emerged as a powerful field within transnational legal history, and our Institute has been pivotal to this movement. Half a century later, we have not only been able to build upon this tradition, draw on its results, overcome some of its shortcomings, and open ourselves up to global perspectives. We are also able to do that in a stimulating new working environment in the heart of Frankfurt, on the edge of the Westend-Campus of Goethe University, where our new building is located. Attentive readers of Rg may have witnessed the restructuring of our research perspectives, elaborated in the 20 (2012) issue, and found out about our Institute’s relocation from a series of images published in the 21 (2013) issue as well as in two journal sections: Focus on ›Baptism and Law‹ and Forum on ›Law and Revolution – revisited‹.

The inauguration of the Institute’s new building in September 2013 was a welcome opportunity to invite scholars from different disciplinary traditions and fields of study to exchange ideas on the necessity of opening up legal history for global perspectives, and thus for other modes of normativity. We did so under the title »European Normativity – Global Historical Perspectives«. Not all contributions in this volume grew out of conference presentations. Some were included as they enriched and expanded the range of perspectives generated at the conference, for instance, on Chinese legal history and its complex relationship with Western traditions. Together, the contributions in this issue provide us with a wide range of methodological and conceptual reflections, as well as case studies on the intense entanglements between normative orders we for a long time had regarded as separate. And especially in consideration of the 19th and 20th century context of colonialism, that we lived in an intensely connected world is evident in this issue’s illustration, which depicts a small collection of stamps that travelled around the world, bringing news, images, and ideas from one place to another. In the review-section, we focus on important new publications in transnational legal history, and we are very happy to provide a number of extensive critical assessments on the results of the powerful international research on emergent, yet influential, field of transnational legal history.

Nevertheless, any transnational scholarship relies on specific, often national, traditions. Thus, we need to reflect upon our own traditions, cultivate them, search for their place in the emerging transnational arena, and explain them to scholars from different traditions. For this reason, I have tried, in the introductory article of this issue, to provide an overview of some of the analytical traditions within our discipline from a German perspective. In doing so, I have paid special attention to the important changes in the German science and legal system during the last 25 years, the challenges resulting from these transformations in light of what research tells us about the history of knowledge creation in the last decades, namely that content relies on the conditions of knowledge production. The transnationalization of law and legal scholarship opens up fascinating perspectives for our discipline. The 50th anniversary of the Max-Planck-Institute for European Legal History this year, and coincidentally also the 100th anniversary of Frankfurt Goethe University, provides an excellent occasion to review some aspects of a century-old tradition of legal-historical research in Germany in order to advance future research perspectives.

Inhalt

Recherche / research

Thomas Duve
German Legal History: National Traditions and Transnational Perspectives

Fokus / focus

Thomas Duve
European Normativity – Global-Historical Perspectives. Introductory remarks

Jürgen Renn
The Globalization of Knowledge in History and its Normative Challenges

Hartmut Leppin
Christianity and the Discovery of Religious Freedom

Heiner Lück
Aspects of the transfer of the Saxon-Magdeburg Law to Central and Eastern Europe

Raja Sakrani
The Law of the Other. An unknown Islamic chapter in the legal history of Europe

Martti Koskenniemi
Vitoria and Us. Thoughts on Critical Histories of International Law

Tamar Herzog
The Appropriation of Native Status: Forming and Reforming Insiders and Outsiders in the Spanish Colonial World

Jean-Louis Halpérin
Transplants of European Normativity in India and in Japan: a Historical Comparison

Li Xiuqing
The Chinese Repository and Chinese Criminal Law in the Minds of Westerners of the 19th Century

Zhang Zhongqiu
China’s Selection of Foreign Laws for Succession in the Late Qing Dynasty

Eugenio R. Zaffaroni, Guido L. Croxatto
El pensamiento alemán en el derecho penal argentino

Elisabetta Fiocchi Malaspina, Nina Keller-Kemmerer
International Law and Translation in the 19th Century

Urs Matthias Zachmann
Does Europe Include Japan ? European Normativity in Japanese Attitudes towards International Law, 1854–1945

Ute Frevert
Honour and / or / as Passion: Historical trajectories of legal defenses

Paolo Grossi
Die Botschaft des europäischen Rechts und ihre Vitalität: gestern, heute, morgen

Kommentar / commentary

Mario Ascheri
A final comment and request

Kjell Å. Modéer
The Deep Structures of European Normativity in a Global Context

Philip C. McCarty
Globalizing Legal History

Kritik / critique

Gunnar Folke Schuppert
The Cosmopolitan State
H. Patrick Glenn, The Cosmopolitan State

Antonio Manuel Hespanha
The Legal Patchwork of Empires
Legal Pluralism and Empires, 1500 – 1850, ed. by Lauren Benton, Richard J. Ross

Li Yang
Legal Orientalism, or Legal Imperialism?
Teemu Ruskola, Legal Orientalism

Stefan Kroll
Selbst die Kopie ein Original. Die Konstruktion und Adaption globaler Ideen
Samuel Moyn, Andrew Sartori, Global intellectual history

Christiane Birr
Die seidenen Bande des Empire
Bonny Ibhawoh, Imperial Justice

Otto Danwerth
Von den Inka lernen, heißt herrschen lernen. Zu zwei Editionen von Schriften eines spanischen Juristen im frühkolonialen Peru
Polo Ondegardo, Pensamiento colonial crítico, ed. de Gonzalo Lamana Ferrario
Polo Ondegardo, El Orden del Inca, ed. de Andrés Chirinos y Martha Zegarra

Leticia Vita
¿Por qué hablar de Culturas Constitucionales?
Nuevas perspectivas sobre las revoluciones atlánticas
Constitutional Cultures, ed. by Silke Hensel et al.

Pamela Alejandra Cacciavillani
A labyrinth of dissimilar senses
Alma Guadalupe Melgarito Rocha, Pluralismo Jurídico

Roberto Gargarella
Explicando el constitucionalismo latinoamericano
Gabriel L. Negretto, Making Constitutions

Ulrich Jan Schröder
Verfassungsvoraussetzungen – rechtshistorisch betrachtet
Verfassungsvoraussetzungen, hg. von Michael Anderhaiden et al.

Carolin Behrmann
Iconomus
Peter Goodrich, Legal Emblems and the Art of Law

Michael Stolleis
Die Rückseite der Malerei ist die Vorderseite des Staates
Erk Volkmar Heyen, Verwaltete Welten

Christoph H. F. Meyer
Mittelalterliche Gerichtsbarkeit – im Zeichen der Sakralität und des Vergleichs?
Robert Jacob, La grâce des juges

Mario Ascheri
Processo romanico-canonico: una ›eccellenza‹ attraverso il tempo?
Knut Wolfgang Nörr, Romanisch-kanonisches Prozessrecht

Karl-Heinz Lingens
Kostbare Zeit
Eine Grenze in Bewegung: Private und öffentliche Konfliktlösung im Handels- und Seerecht, hg. von Albrecht Cordes, Serge Dauchy

Christian Windler
Objekte als Medien der Diplomatie
Materielle Grundlagen der Diplomatie, hg. von Mark Häberlein, Christof Jeggle

Harald Maihold
Kriegsrecht aus moraltheologischer Sicht
Francisco Suárez, De pace – De bello, hg. von Markus Kremer

Martti Koskenniemi
On the religious Origins of Capitalism
Wim Decock, Theologians and Contract Law

Wim Decock
Geldüberwuchert
Was vom Wucher übrigbleibt, hg. v. Matthias Casper u.a.

Harald Maihold
Ich sündige, also bin ich! Das spanische Drama als Probebühne für moralische Experimente
Hilaire Kallendorf, Sins of the Fathers

Wim Decock
Papsttreu bis zum Tode
Cyrille Dounot, L’oeuvre canonique d’Antoine Dadine d’Auteserre (1602 – 1682)

Sylvia Kesper-Biermann
Der aufgeklärte Tod auf Raten
Gerhard Ammerer, Das Ende für Schwert und Galgen?

Vera Finger
Am Morgen singen die Vögel
SLING, Der Mensch, der schießt

Karl Härter, Tina Hannappel, Conrad Tyrichter, Thomas Walter
Terrorismus für die Rechtsgeschichte? Neuerscheinungen zur Geschichte politischer Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert
Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism
Gewalt ohne Ausweg?, hg. von Klaus Weinhauer, Jörg Requate
An International History of Terrorism, ed. by Jussi M. Hanhimäki, Bernhard Blumenau
Radikale Milieus, hg. von Stefan Malthaner, Peter Waldmann
Terrorism and Narrative Practice, ed. by Thomas Austenfeld et al.
Terrorismus und Geschlecht, hg. von Christine Hikel, Sylvia Schraut

Zitation
Rechtsgeschichte – Legal History 22 (2014). in: H-Soz-Kult, 22.11.2015, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-9280>.
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