Peripherie: Politik • Ökonomie • Kultur 36 (2016), 2

Titel
Peripherie: Politik • Ökonomie • Kultur 36 (2016), 2.
Weitere Titelangaben
Gewerkschaften in Arbeit


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
2
Erschienen
Leverkusen 2016: Barbara Budrich Verlag
Umfang
260 S.
Preis
29,90
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Gewerkschaften stehen weltweit vor ähnlichen Herausforderungen, die weltweit mit einer Erosion ihres politisch-institutionellen Einflusses einhergehen. Eine Folge ist vielfach die Schwächung der Position der abhängig Beschäftigten gegenüber den Kapitalbesitzenden. Zudem erfassen im Globalen Süden gewerkschaftliche Organisierung und deren sozialstaatlich-korporativistische Einbindung weitaus kleinere Sektoren der arbeitenden Bevölkerung als in Europa. Andererseits gaben in einigen lateinamerikanischen Staaten Mitte-Links-Regierungen den Systemen nationaler Tarifverhandlungen neuen Aufschwung. Im Globalen Norden suchen etablierte Gewerkschaften angesichts der Strukturveränderungen des Erwerbssystems neue Themen, Kommunikationsformen und Wege der Interessenvertretung. PERIPHERIE 142/143 nimmt jenseits der Zentrierung auf Krise und Niedergang verschiedene Facetten dieser Entwicklungen vor allem im Globalen Süden in den Blick: Erwerbstätige und ihre Organisationen erscheinen nicht einfach als Opfer, sondern als Akteure mit eigenen Strategien, Agenden und Allianzen.

Editorial

Zu diesem Heft

Gewerkschaften in Arbeit

Mitgliederverluste und rückläufige Organisationsgrade weltweit, wachsende gewerk-schafts- und tariffreie Räume, abnehmende Verhandlungs- und Verteilungsmacht, schließlich auch ein schwindender Einfluss auf die Politik und die öffentliche Meinung -- die zehn Jahre alte Frage des Gewerkschaftsforschers Walther Müller-Jentsch, ob in Zukunft ein "Kapitalismus ohne Gewerkschaften" möglich werden könnte, kann man auch heute nicht einfach als abwegig zurückweisen. Gewerkschaften stehen weltweit in den letzten Jahrzehnten unter dem Druck eng miteinander verknüpfter politischer und ökonomischer Veränderungen, welche ihre Handlungsmacht schwächen:

Erstens erodieren im Zuge des Strukturwandels des Erwerbssystems bisherige gewerkschaftliche Machtzentren. Der industrielle Sektor büßt in den meisten Ländern seine Dominanz ein, während der Dienstleistungssektor stark expandiert. Letzterer ist äußerst heterogen. Dies trägt zu einer Differenzierung von Ansprüchen an die Formen kollektiver Aktion bei, denen die bisher üblichen Agenden und Rituale, aber auch das Solidaritätsverständnis, die alle an männlicher, großbetrieblicher Industriearbeit orientiert sind, kaum gerecht werden. In der Konsequenz nehmen die Arbeitsbereiche zu, in denen Gewerkschaften kaum mehr präsent sind.

Im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung werden zweitens die engen Grenzen gewerkschaftlicher Handlungsfähigkeit und Regelungsmacht offenbar. Internationalisierung des Güter- und Dienstleistungsaustauschs, verstärkte Herausbildung transnationaler Wertschöpfungs-ketten, Ausweitung der Aktivitäten transnationaler Unternehmen, massive Migrationsbewegungen -- dies alles sind Prozesse, welche Erwerbssysteme und Arbeitsverhältnisse weitreichend verändern und zugleich der Regulierung durch nationale Akteure entzogen sind. Die Gewerkschaften sind hier einerseits dem Druck der internationalen Standortkonkurrenz ausgesetzt, dem auch die Arbeitsmärkte unterliegen, andererseits stehen sie angesichts massiver Zuwanderung in nationale Arbeitsmärkte vor dem Problem, das Verhältnis von Konkurrenz und Solidarität unter den Beschäftigten neu auszutarieren.

Schließlich werden Spielräume gewerkschaftlicher Verhandlungs- und Regelungsmacht durch die Verbreitung neoliberaler Politiken und Ordnungen eingeengt, wie sie sich etwa in der Privatisierung staatlicher Wirtschaftsunternehmen, der Kommerzialisierung öffentlicher Güter und sozialstaatlicher Leistungen sowie der Deregulierung des Arbeitsmarkts ausdrücken. Gewerkschaften können weniger als bisher auf staatlich-institutionelle Ressourcen (etwa des Arbeitsrechts) oder auf politische Unterstützung (z.B. in Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Regionalpolitiken) zählen. Zudem sehen sie sich in der öffentlichen Debatte oft als Klientelorganisationen abgestempelt, die Partikularinteressen vertreten und wirtschaftliche Entwicklung hemmen.

Diese allgemeinen Tendenzen finden sich freilich in den Ländern und Weltregionen unter-schiedlich, oft widersprüchlich ausgeprägt; sie treffen Beschäftigte und ihre Interessenorganisationen in Nord und Süd in unterschiedlicher Weise. In grober Verallgemeinerung wollen wir nur einige der hervorstechendsten Unterschiede skizzieren: Gewerkschaften in den Ländern des Globalen Nordens sind als autonome Organisationen aus dem Kampf der Arbeiterbewegung um politische und soziale Rechte, gegen staatliche Unterdrückung und autokratische Unternehmensherrschaft hervorgegangen. Als Interessenvertretungen der abhängig Beschäftigten sind sie Teil des wohlfahrtsstaatlichen Institutionengefüges, das ihre Rollen im Konflikt- und Aushandlungssystem der Arbeitsbeziehungen stützt. Auch wenn dieses Institutionengefüge eine beträchtliche Stabilität zeigt, so ist seine soziale Schutzwirkung angesichts von Prekarisierung und Erwerbslosigkeit reduziert worden.

In Ländern des Globalen Südens werden die gewerkschaftlichen Handlungsspielräume meist sehr viel mehr vom Staat und von politischen Allianzen bestimmt. Gewerkschaften unterliegen in ihren Organisationsformen und den Formen kollektiver Aktion engen rechtlichen und administrativen Restriktionen und werden oft politisch instrumentalisiert. Autonome und oppositionelle Tendenzen werden gegebenenfalls administrativ und polizeilich unterdrückt. In Lateinamerika beispielsweise wurden Gewerkschaften seit den 1930er Jahren als Element staatlicher Modernisierungs- und Industrialisierungsstrategien und als politisches Klientel vom autoritären Entwicklungsstaat gefördert, zugleich aber administrativ reglementiert und politisch kontrolliert.

Ein weiterer zentraler Unterschied der Situation im Globalen Norden und im Globalen Süden ist in den Erwerbssystemen und deren sozialpolitischen Regulierung angelegt. Im Globalen Norden ist lohnabhängige Arbeit schon lange zur dominanten Erwerbsform geworden. Sie bildet Grundlage und Brennpunkt wohlfahrtstaatlicher Politiken, ist ganz überwiegend formell und rechtlich geschützt, in staatlich garantierte soziale Sicherungssysteme einbezogen und wird durch das institutionelle System der Arbeitsbeziehungen geregelt. Gewerkschaften und Kollektivvereinbarungen bilden so Säulen des Sozialstaats und werden durch Sozialpolitiken gleichermaßen entlastet und gestützt. Zuletzt büßten sie allerdings, wie beschrieben, im Zuge der hier skizzierten Veränderungen an Repräsentativität und Regelungsmacht ein.

Dagegen werden im Globalen Süden abhängige Beschäftigte in vielen Ländern durch staatliches Arbeitsrecht und ein rudimentäres, aber sozial selektives System der sozialen Sicherungen geschützt. Letzteres gilt in aller Regel nur für formelle Beschäftigungsverhältnisse. Mehr oder weniger große Bereiche jedoch werden der informellen Ökonomie zugerechnet und sind von staatlichen Schutz- und Sicherungsregelungen faktisch oder aufgrund der Gesetzes-lage ausgenommen. Informell Beschäftigte bleiben oft ohne institutionelle Formen der Interessenvertretung. Von etablierten Gewerkschaften werden sie nicht selten ausgegrenzt, weil sie als ungeregelte Konkurrenz gelten.

Weitere gewichtige Unterschiede liegen in den Auswirkungen der Globalisierung begründet. Zum einen verändert sich die internationale Arbeitsteilung und trägt zu den Strukturveränderungen der Beschäftigungssysteme bei. Einer partiellen Deindustrialisierung im Norden steht die starke Industrialisierung in einigen Ländern des Südens gegenüber, so vor allem Chi-na, Indien und Ländern Südostasiens. Es zeichnen sich die Konturen einer globalen Arbeiter-Innenklasse ab, die in ihren Segmenten unterschiedlich auf Nord und Süd verteilt ist. Rapide wächst insbesondere in den exportorientierten Industrien eine Klasse von ArbeiterInnen, die aus Sicht etablierter Industrieländer häufig frühkapitalistisch anmutenden Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen ausgesetzt sind und in ihren kollektiven Aktionen -- wie Streiks oder gar bereits der Bildung von Organisationen -- auf massiven Widerstand von Unternehmen und Staat treffen.

Zudem ist die Macht auch in der globalen Gewerkschaftsbewegung sehr unterschiedlich verteilt. In den Ländern des Nordens befinden sich die Schaltstellen der Internationalisierung der Ökonomie: die Finanzzentren, die wichtigsten Absatzmärkte, die Hauptsitze der transnationalen Unternehmen mit ihren Entwicklungs- und Vertriebsabteilungen sowie die Handels-unternehmen, welche globale Lieferketten der weltweiten Produktion organisieren und kontrollieren. Hier verfügen auch die Gewerkschaften über sehr viel mehr Kanäle des Einflusses auf Unternehmen und öffentliche Meinung als die ArbeiterInnenbewegung in den neuen Industriezentren des Südens.

Mit dem Schwerpunkttitel Gewerkschaften in Arbeit möchten wir einen Wechsel der Perspektive jenseits der Zentrierung auf Krise und Niedergang anregen: In den Beiträgen erscheinen Erwerbstätige und ihre Organisationen deshalb nicht einfach als Opfer, getrieben von einer verselbständigten Ökonomie und der dieser dienenden Politik, wie die bisherige Skizze gewerkschaftlicher Krisentendenzen nahelegen könnte. Sie sind vielmehr selbst Akteure, die Strategien entwickeln, Agenden setzen, Allianzen bilden und kollektive Aktionsformen suchen, um in Konflikten ihre Ansprüche an menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen geltend zu machen. Gewerkschaften sind den Veränderungstendenzen, so also eine Grundthese dieses Heftes, nicht wehrlos ausgesetzt, sondern haben daran teil und gestalten sie auf die eine oder andere Weise mit.

Freilich sind ihre Mittel begrenzt, je nach der Marktmacht der von ihnen vertretenen Beschäftigten, ihren Fähigkeiten, die Mitglieder zu organisieren und zu mobilisieren, den Rechten, die sie jeweils im System der Arbeitsbeziehungen geltend machen können und nicht zu-letzt ihrem Einfluss auf öffentliche Diskurse und Politiken. Auch ist ihnen als Mitgliederorganisationen eine gewisse Trägheit eigen, weil sie sich zu allererst ihrer herkömmlichen Stammmitgliedschaft verpflichtet sehen und dazu neigen, an einmal erfolgreichen Wegen der Interessenvertretung und -aushandlung festzuhalten. Daher fällt es ihnen oft schwer, über das konventionelle Kerngeschäft -- die Aushandlung von Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen -- hinaus neue Themen und die Interessen von bislang gewerkschaftsfernen Beschäftigtengruppen aufzunehmen oder Allianzen mit Gruppen einzugehen, deren Aktivitäten sie nicht kontrollieren können.

Insgesamt zeigt sich aber in den letzten Jahrzehnten ein beeindruckendes Spektrum neuer Ansätze kollektiver Aktion, von denen viele in diesem Heft angesprochen werden. Dies ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Die Neuansätze erweitern die herkömmliche Agenda gewerkschaftlicher Aktion, nehmen lebensweltliche Themen auf. Sie schließen nicht nur Beschäftigte auf dem formellen Arbeitsmarkt ein, sondern auch solche der informellen Ökonomie. Ferner entwickeln sie sich oft jenseits traditioneller Strukturen: in Allianzen von Basis-bewegungen, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen. Schließlich haben sich transnationale Formen und Netze sowohl der Nord-Süd- als auch der Süd-Süd-Kooperation entwickelt.

Im Globalen Norden suchen etablierte Gewerkschaften angesichts der Strukturveränderungen des Erwerbssystems neue Themen, Kommunikationsformen und Wege der Interessen-vertretung. Es geht ihnen darum, unterschiedlichen Erwerbssituationen, Arbeitskulturen, Lebenswelten und Ansprüchen gerecht zu werden und so bislang kaum (mehr) erreichbare Gruppen zu gewinnen, etwa prekär Beschäftigte, Frauen, MigrantInnen, hochqualifizierte Ange-stellte. Im Globalen Süden machen massive Arbeitskonflikte in den Exportindustrien Chinas und Südostasiens und die spontanen, nicht von zugelassenen Gewerkschaften organisierten Streikbewegungen darauf aufmerksam, dass die bisherigen repressiven Systeme der Arbeits-beziehungen unter Druck und in Fluss geraten. Seit der südafrikanischen Anti-Apartheitskoalition hat sich auch der Ansatz des social movement unionism verbreitet, der im gemeinsamen Kampf für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Demokratie auf Koalitionen von Gewerkschaften, politischen, sozialen und Bürgerrechtsorganisationen setzt.

Angesichts der Globalisierung haben sich ebenso vielfältige Formen der grenzüberschreitenden Kooperation herausgebildet. Sie zielen darauf, kollektive Aktionen und gewerkschaftliche Organisation der Beschäftigten grenzüberschreitend zu unterstützen. Dabei spielen gemeinsame Werte wie Menschenrechte, aber auch die Durchsetzung von Mindestarbeitsstandards eine wichtige Rolle. Große Bedeutung für die Kooperation zwischen Gewerkschaften in Nord und Süd haben außerdem die globalen Branchen-Gewerkschaftsverbände gewonnen, nicht zuletzt ihre internationalen Rahmenabkommen mit transnationalen Unternehmen, in denen diese sich verpflichten, Menschenrechten, oft auch in Zulieferunternehmen, Geltung zu verschaffen. Schließlich arbeiten Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Basis-initiativen aus Nord und Süd in Kampagnen, Allianzen und Netzwerken zusammen, um grenzüberschreitend Beschäftigte des Südens und ihre Organisationen im Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu unterstützen.

Das vorliegende Schwerpunktheft der PERIPHERIE kann nur ausschnitthaft auf die Vielfalt der Formen und Prozesse eingehen, in denen "Gewerkschaften in Arbeit" sind. Mit seiner Fülle von Analysen zu unterschiedlichen Weltregionen, Problemstellungen, Handlungs-repertoires, usw. kann es aber zu einem realistischen und differenzierten Panorama gewerkschaftlicher Krise und Erneuerung im beginnenden 21. Jahrhundert beitragen.

Matthias Ebenau und Felix Nickel geben zunächst einen Überblick über die Krise und die Ansätze einer Revitalisierung der Gewerkschaften im Globalen Süden. Sie behandeln insbesondere die transnationalen Aktivitäten von Gewerkschaften, die Organisierung informeller und prekärer Beschäftigter, die Berücksichtigung der geschlechtlichen Verfasstheit der Arbeitswelt durch Gewerkschaften und schließlich die komplexen Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Staat. Dabei legen sie einen besonderen Fokus auf Erfolgsbeispiele, aus denen auch Gewerkschaften des Nordens lernen könnten, und regen an, den Debattenstrang der Labour Revitalisation Studies als globale Konversation zu verstehen.

Mit der Jahrhundertwende hat Lateinamerika eine politische Linkswende erlebt. Vor diesem Hintergrund analysieren Nico Weinmann, Friedrich Bossert und Paul Hecker die Entwicklung gewerkschaftlicher Machtressourcen unter Mitte-Links-Regierungen in Argentinien, Uruguay und Brasilien, wo Gewerkschaften seit langem eine bedeutende Rolle spielen. Sie zeigen, dass im Gegensatz zu Uruguay der Machtgewinn in den anderen beiden Ländern gerade in Hinblick auf die Erneuerung der Gewerkschaftsstrukturen und die Organisation von informell Beschäftigten eher moderat ausfällt.

Michael Fütterer betrachtet die Ebene konkreter transnationaler Kooperation zwischen GewerkschafterInnen. So untersucht er die Zusammenarbeit im Rahmen der Vernetzung Transnationals Information Exchange und hier insbesondere das ExChains-Netzwerk zwischen Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, welches sich im Stile eines social movement unionism für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie einsetzt.

Die Frage, wie Gewerkschaften in Österreich sich den Herausforderungen durch Migration stellen, diskutiert Michel Jungwirth. Hatten sie zunächst keine Antworten darauf, wie sie Interessen von MigrantInnen vertreten können, und beklagten vor allem die negativen Aus-wirkungen, etwa Dumpinglöhne, so zeigt der Autor, dass sie nun neue Strategien entwickeln, um auch nicht dokumentierte Migration in den Griff zu bekommen. Dies drückt sich in der Schaffung neuartiger Institutionen aus, etwa der UNDOK-Anlaufstelle, welche im Zentrum dieses Artikels steht.

Einen eher ungewöhnlichen Fall der Entstehung einer Gewerkschaft und der Institutionalisierung eines kooperativen Systems von Arbeitsbeziehungen stellen Rainer Dombois und Carlos Miguel Ortiz mit der kolumbianischen Bananenarbeitergewerkschaft Sintrainagro vor. Der Beitrag zeigt die zentrale Rolle von legalen und illegalen bewaffneten Akteuren -- staatlichen Sicherheitskräften, Guerillas und Paramilitärs -- bei der Entwicklung der Gewerkschaft wie der Arbeitsbeziehungen auf und zieht Schlussfolgerungen zur begrenzten Reichweite der Konzepte der Industrial-Relations-Forschung in einem Land mit "ungleicher Präsenz des Staates".

Anhand der Kämpfe um den Bergbau in Südafrika analysiert Melanie Müller die Entwicklung des social movement unionism zu einem mächtigen Einflussfaktor im politischen Geschehen. Als historischer Wendepunkt erweist sich hierbei das Massaker von Marikana (vgl. dazu ihren Beitrag in PERIPHERIE, Nr. 134/135, S. 326-336). Es führte zur Krise des bis dahin hegemonialen Machtkomplexes bestehend aus der Partei African National Congress, dem Gewerkschaftsdachverband Congress of South Africa Trade Unions und der Kommunistischen Partei. Der Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund, welche Potenziale und Heraus-forderungen mit der Zusammenarbeit von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen verbunden sind.

Frauke Banse diskutiert die Wirkung externer Gelder auf Gewerkschaften sowie die Intentionen gewerkschaftlicher Geberorganisationen. Sie analysiert und problematisiert dabei am Beispiel der Länder Ghana und Benin sowohl die intendierten als auch die nichtintendierten Folgen des Verhältnisses zwischen Geberorganisationen aus dem Globalen Norden und Gewerkschaften im Globalen Süden -- etwa wenn unerwünschte politische Einflussnahme statt-findet oder die gewerkschaftsinterne Demokratie kompromittiert wird.

Die Erschließung neuer gewerkschaftliche Handlungsfelder in Brasilien untersucht Selma Cristina Silva de Jesus. Angesichts der Krise des Fordismus und neoliberaler Anpassungsstrategien hatten die Gewerkschaften neue Themen und Praxisformen entwickelt. Die Autorin konzentriert sich dabei auf die Erfahrungen des Dachverbands Central Única dos Trabalhadores im Feld der solidarischen Ökonomie. Allerdings ist ihr Ergebnis eher von Skepsis geprägt. Denn für die befragten ArbeiterInnen stellten genossenschaftliche Unternehmungen zumeist nicht die Grundformen einer alternativen Wirtschafts- und Sozialordnung, sondern lediglich pragmatische Alternativen in einem problematischen Arbeitsmarktumfeld dar.

Mehrere Diskussionsbeiträge runden diese Ausgabe ab: In einem Interview mit einem chinesischen Aktivisten, der anonym bleiben muss, zeigt Ralf Ruckus neue Entwicklungen gewerkschaftlicher Kämpfe in der Volksrepublik China auf. Gerhard Dilger nimmt die politische Dauerkrise in Brasilien nach dem kalten Putsch gegen Dilma Rousseff in den Blick. Schließlich zeichnet Cavidan Soykan gegenwärtige Entwicklungen in der Türkei nach, die die Meinungsfreiheit in Gefahr bringen. Abschließend stellt Reinhart Kößlers Rezensionsartikel die Frage, wie sich die aktuelle Veränderung der Welt verstehen lässt und welche Rolle dabei soziale Kämpfe sowie unterschiedliche Perspektiven auf Gewerkschaften spielen. Im PERI-PHERIE-Stichwort stellt Helen Schwenken Frauen als das andere Geschlecht der Gewerkschaften vor.

Im Herbst wird die PERIPHERIE das Thema des "Künstlerischen und politischen Aktivismus" in den Blick nehmen. Die erste Ausgabe des 37. Jahrgangs wird sich mit dem Thema "Rassismus" befassen. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge wie immer sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.

Für unsere weitgehend ehrenamtliche Arbeit sind wir auch weiterhin auf die Beiträge der Mitglieder der WVEE, der Herausgeberin der PERIPHERIE, und auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns daher über neue Vereinsmitglieder ebenso wie über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe LeserInnen, im Impressum.

Inhalt

Zu diesem Heft, S. 151

Matthias Ebenau & Felix Nickel: Gewerkschaftliche Krise und Erneuerung -- Labour Revitalisation Studies als globale Konversation, S. 158

Nico Weinmann, Friedrich Bossert & Paul Hecker: Revitalisierte Gewerkschaftsmacht unter Mitte-Links-Regierungen in Argentinien, Brasilien und Uruguay, S. 182

Michael Fütterer: Gewerkschaft als internationale soziale Bewegung: Das ExChains-Netzwerk in der Bekleidungsindustrie, S. 201

Michel Jungwirth: Gewerkschaften und undokumentierte Arbeit von Migrant_innen in Österreich. Über die Entstehung gewerkschaftlicher Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, S. 224

Rainer Dombois & Carlos Miguel Ortiz: Die Institutionalisierung von Arbeitsbeziehungen inmitten der Gewalt Der paradoxe Fall der kolumbianischen Bananenarbeitergewerkschaft Sintrainagro, S. 242

Melanie Müller: Kämpfe um den Bergbau in Südafrika: Eine Chance für Allianzen zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, S. 268

Frauke Banse: Geld für Gewerkschaften Über die Intentionen und Wirkungen gewerkschaftlicher Förderung, S. 289

Selma Cristina Silva de Jesus: Neue gewerkschaftliche Handlungsfelder in Brasilien. Der Dachverband CUT und die solidarische Ökonomie, S. 307

DISKUSSION

Ralf Ruckus: Arbeitskämpfe, Organisationsprozesse und Repression in China Interview über neuere Trends, S. 327

Gerhard Dilger: Brasiliens politische Dauerkrise. Nach dem kalten Putsch gegen Dilma Rousseff kehrt keine Ruhe ein, S. 344

Cavidan Soykan: Das Wagnis der freien Meinungsäußerung in der türkischen Hochschullandschaft, S. 354

PERIPHERIE-STICHWORT

Helen Schwenken: Das andere Geschlecht der Gewerkschaften, S. 360

REZENSIONSARTIKEL

Reinhart Kößler: Soziale Bewegungen oder Staatenkonkurrenz? Die Veränderung der Welt und wie sie sich verstehen lässt, S. 364

REZENSIONEN, S. 379

Benjamin Selwyn: The Global Development Crisis (Matthias Ebenau) / Sarah Bormann; Jenny Jungehülsing; Shuwen Bian; Martina Hartung & Florian Schubert (Hg.): Last Call for Solidarity. Perspektiven grenzüberschreitenden Handelns von Gewerkschaften (Markus Kip) / Christoph Haferburg & Marie Huchzermeyer (Hg.): Urban Governance in Post-Apartheid Cities. Modes of Engagement in South Africa's Metropoles (Rita Schäfer) / Magdalena Heuwieser: Grüner Kolonialismus in Honduras. Land Grabbing im Namen des Klimaschutzes und die Verteidigung der Commons (Jens Kastner) / GRAIN: The Great Climate Robbery. How the Food System Drives Climate Change and What We Can Do about It (Arndt Hopfmann) / Petra Dennecker & Birte Rodenberg (Hg.): Klimaveränderung, Umwelt und Geschlechterverhältnisse im Wandel -- neue interdisziplinäre Ansätze und Perspektiven (Ton van Naerssen) / Md Mizanur Rahman, Tan Tai Tong & AKM Ahsan Ullah (Hg.): Migrant Remittances in South Asia. Social, Economic and Political Implications (Ton van Naerssen) / Richard Schuberth: Bevor die Völker wussten, dass sie welche sind. Ethnizität, Nation, Kultur. Eine (antiessenzialistische) Einführung (Gerhard Hauck) / Buchbesprechungen zu neueren Arbeiten zur lateinamerikanischen Ideengeschichte: Constantin von Barloewen, Manuel Rivera & Klaus Töpfer (Hg.): Nachhaltige Entwicklung in einer pluralen Moderne. Lateinamerikanische Perspektiven / Patricia Funes: Historia mínima de las ideas políticas en América Latina (Nikolaus Werz)

Eingegangene Bücher, S. 401

Summaries, S. 402

Zu den Autorinnen und Autoren, S. 406

Gute Buchläden, in denen die PERIPHERIE zu haben ist, S. 408

Zusammenfassungen / Summaries

Matthias Ebenau & Felix Nickel: Union crisis and union renewal -- Labour Revitalisation Studies as a global conversation.
This article provides an overview of the key premises of labour revitalisation studies (LRS) and then discusses how this intellectual and political field might be enriched by an even more sustained focus on experiences of union crisis and revitalisation in the Global South. It discusses a broad range of empirical examples from a variety of world regions documented in scholarly literature, ordered along four thematic lines: transnational unionism, organising among informal and precarious workers, union engagement with the gendered nature of labour, and the complex relationship between unions and the state. On this basis, the article argues that LRS should be conceived of as a 'global conversation'. Furthermo-re, it argues for broadening the view beyond traditional union organisations, their key political fields and repertoires of action, but also for overcoming false dichotomies between revitalisation initiatives that develop on the 'outside' and on the 'inside' of established unions.

Matthias Ebenau & Felix Nickel: Gewerkschaftliche Krise und Erneuerung -- Labour Revitalisation Studies als globale Konversation.
Der Artikel liefert einen Überblick über die Kernannahmen der labour revitalisation studies (LRS), um dann die mögliche Bereicherung dieses intellektuell-politischen Feldes durch einen stärkeren Fokus auf Erfahrungen mit gewerkschaftlicher Krise und Erneuerung im Globalen Süden zu diskutieren. Mit Bezug auf vorhandene wissenschaftliche Literatur behandelt er ein breites Spektrum empirischer Beispiele aus verschiedenen Weltregionen, geordnet entlang von vier thematischen Linien: transnationales Gewerkschaftshandeln, die Organisierung informeller und prekärer Beschäftigter, die gewerkschaftliche Auseinandersetzung mit der geschlechtlichen Natur von Arbeit und die komplexe Beziehung zwischen Gewerkschaften und dem Staat. Der Artikel argumentiert, dass die LRS als "globale Konversation" betrachtet werden sollten. Weiterhin plädiert er für eine Horizonterweiterung über traditionelle Gewerkschaftsorganisationen und ihre Handlungs-repertoires hinaus, aber auch für die Überwindung falscher Dichotomien zwischen Erneuerungsinitiativen, die "innerhalb", und anderen, die "außerhalb" etablierter Gewerkschaften entstehen.

Nico Weinmann, Friedrich Bossert & Paul Hecker: The revitalisation of trade union power under centre-left governments in Argentina, Brazil and Uruguay.
Since the turn of the century the world has witnessed an important shift in political power towards the left in Latin America. So far, research surrounding this shift has focused on the role of leftist parties and new social movements. This paper aims to complete the picture by shedding light on the evolution of trade union power in three countries with strong traditions of trade unionism: Argentina, Brazil, and Uruguay. Utilising the 'power resources' approach recently developed in Jena, Germany, which enables us to trace the evolution of the structural, institutional, associational, and societal power resources of trade unions and to identify underlying driving forces and mechanisms, the article shows that since the shift towards centre-left governments, trade union power resources have undergone a process of recovery in each of the three countries. Most of these positive developments, it is argued, were enabled by benign external factors, such as discrediting neoliberal thought, the economic boom, and favourable policies. With the exception of Uruguay, the increase in trade union density is only moderate and most unions still do not put a lot of effort into renewing their own structures and organising informal workers.

Nico Weinmann, Friedrich Bossert & Paul Hecker: Revitalisierte Gewerkschaftsmacht unter Mitte-links-Regierungen in Argentinien, Brasilien und Uruguay.
Mit der Jahrtau-sendwende hat Lateinamerika eine politische Linkswende erlebt. Sozialwissenschaftliche Ana-lysen dieser Prozesse haben sich bislang vor allem auf die einzelnen linken Parteiformationen oder aber neue soziale Bewegungen konzentriert. In dem Beitrag analysieren wir demgegenüber die Entwicklung gewerkschaftlicher Machtressourcen unter Mitte-Links-Regierungen in Argentinien, Uruguay und Brasilien, also in Ländern, in denen Gewerkschaften seit langem eine bedeutende Rolle im sozialen Geschehen einnehmen. Dabei wenden wir den "Jenaer Machtressourcenansatz" an, der es uns erlaubt, Gewerkschaftsmacht im zeitlichen Verlauf entlang der Rekonfiguration von struktureller Macht, Organisationsmacht, institutioneller Macht und gesellschaftlicher Macht vergleichend in den Blick zu nehmen. Die Analyse zeichnet den Prozess einer Revitalisierung aller vier Machtressourcen in den drei Ländern nach. Dabei können ökonomisches Wachstum, ein Relevanzverlust neoliberaler Diskurse, sowie gewerkschaftsfreundliche Arbeits- und Sozialpolitiken als gemeinsame Mechanismen und Trieb-kräfte der Zunahme von Gewerkschaftsmacht identifiziert werden. Im Unterschied zu Uruguay fällt der Machtgewinn in den beiden anderen Ländern gerade in Hinblick auf die Erneuerung der Gewerkschaftsstrukturen und die Organisierung von informell Beschäftigten eher moderat aus.

Michael Fütterer: Putting back the Movement into Unionism: The ExChains-Network in the Global Garment Industry.
Unionising in the global garment industry has been and continues to be very difficult. Both in production and in retail, trade union work and self-organisation is hindered systematically and miserable working conditions are common. One reason for this are the structures of buyer-driven transnational production networks, within which few global retailers effectively determine the organisation of production, logistics and retail, as well as working conditions. As a reaction to these structures, unions, especially those in the garment industry, use national and international campaigns to create external pressure, often consumer-oriented, to raise their concerns. While these campaigns help to build awareness, and, in specific cases of violation, put pressure on companies and states to change, they also have limitations. For example, such campaigns do not build sufficient union power in the garment producing countries and are not able to improve fundamental working conditions. This article highlights the alternative approach that the ExChains-network of TIE Global has developed to build transnational solidarity in the global garment industry and to develop uni-onisation on the ground. Unionists from the retail sector in Germany cooperate with unionists from the garment industry in India, Sri Lanka, and Bangladesh to develop new transnational strategies. As highlighted, this network takes up social movement unionism and aims to ex-tend this experience.

Michael Fütterer: Gewerkschaft als internationale soziale Bewegung: Das ExChains-Netzwerk in der Bekleidungsindustrie Zusammenfassung.
Gewerkschaftsarbeit in der globalen Bekleidungsindustrie steht vor großen Herausforderungen. Sowohl in der Produktion als auch im Verkauf wird gewerkschaftliche Interessenvertretung und Selbstorganisation systematisch erschwert; schlechte Arbeitsbedingungen sind Alltag. Eine der Ursachen sind die Strukturen transnationaler Produktionsnetzwerke, in denen wenige global agierende Bekleidungsunternehmen die Organisation von Produktion, Transport und Verkauf sowie die Arbeitsbedingungen weitgehend bestimmen. Als Reaktion auf diese Bedingungen haben besonders Gewerkschaften aus dem Globalen Süden Praxisformen entwickelt, die als Kampagnenstrategie bezeichnet werden können. In öffentlichen Kampagnen soll Druck auf Unter-nehmen und Regierungen ausgeübt werden, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Zwar haben diese Kampagnen durchaus ein Bewusstsein für die miserablen Arbeitsbedingungen geschaffen, sie waren aber nicht dazu in der Lage, diese Bedingungen grundlegend zu verbessern und Gewerkschaftsmacht lokal aufzubauen. Das ExChains-Netzwerk von TIE Global versucht, diesem Problem durch die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschafterinnen aus dem Einzelhandel in Deutschland und Gewerkschafterinnen aus der Produktion in Indien, Sri Lanka und Bangladesch zu begegnen und alternative Praxisformen zu entwickeln, um Solidarität in transnationalen Produktionsnetzwerken aufzubauen. Dabei greift das Netzwerk Erfahrungen mit social movement unionism auf und versucht diese weiterzuentwickeln.

Michel Jungwirth: Trade Unions and Undocumented Work of Migrants in Austria: The Emergence of Advice and Support Structures in Trade Unions.
How trade unions engage migrants and position themselves in regards to immigration is disputed and contested. While historically trade unions in Austria have faced dilemmas in dealing with migrants and undocumented work, they have recently started to engage new strategies. In the past, trade unions in Austria have often held restrictive positions in regards to immigration and foreign labour. However, over the last couple of years they have changed their position. Trade unions have started to refrain from discussing only the negative aspects of wage dumping and have begun to recognise the negative consequences of undocumented work on immigrants. While trying to implement organising approaches similar to working centres in the United States, Austrian trade unions face various challenges. This paper argues that with the help of actors inside and outside of trade unions, other positions and projects have been able to establish themselves. This has culminated in the emergence of a support structure, namely an advice centre, which acts as a physical manifestation of change implemented in the union structures.

Michel Jungwirth: Gewerkschaften und undokumentierte Arbeit von Migrant_innen in Österreich. Über die Entstehung gewerkschaftlicher Beratungs- und Unterstützungs-strukturen.
Gewerkschaften vertreten in Bezug auf Migration und die Unterstützung von Migrant_innen mitunter widersprüchliche Positionen. In Österreich sahen sie sich historisch mit unterschiedlichen Dilemmata konfrontiert. Dabei verfolgten sie in der Vergangenheit oft-mals restriktive Ansätze. Allerdings ist gerade innerhalb der letzten Jahre auch ein Wandel der Positionen zu beobachten. Das äußert sich unter anderem darin, dass die Gewerkschaften nicht mehr nur Migration im Hinblick auf Lohn- und Sozialdumping problematisieren, sondern zunehmend auch die Folgen undokumentierter Arbeit für Migrant_innen selbst thematisieren. Mit dem Versuch, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, die auch Anleihen bei US-amerikanischen Worker Centers nehmen, in den Gewerkschaften zu verankern, sind jedoch auch neue Herausforderungen verbunden. Der Artikel zeigt, dass sich mit Hilfe von internen und externen Akteur_innen in den Gewerkschaften unterstützende Ansätze in Gestalt der UNDOK-Anlaufstelle etablieren konnten.

Rainer Dombois & Carlos Miguel Ortiz: The Institutionalisation of Labour Relations in the Midst of Violence: The Paradoxical Case of the Colombian Banana Workers Union Sintrainagro.
Since the 1980s, unions and union members in Colombia have been the victims of physical violence to an extent hardly found in any other country. This article analyses the paradoxical case of Sintrainagro, the banana workers union: While one of the unions most affected by the violence, Sintrainagro has become a powerful representative organisation which -- unique in Colombia -- negotiates collective agreements covering almost the whole banana zone of Urabá. Through its efforts, industrial relations within the banana industry have changed from an antagonistic to a cooperative style. The article shows the fundamental role that legal and illegal armed actors -- public security forces, guerrillas, and paramilitary groups -- and their strategies have played in the evolution of the union and in industrial relations. The case of Sintrainagro highlights the limited applicability of concepts from industrial relations research in a context like Colombia, a country marked by a differential territorial and regulatory state presence.

Rainer Dombois & Carlos Miguel Ortiz: Die Institutionalisierung von Arbeitsbeziehungen inmitten der Gewalt.
Der paradoxe Fall der kolumbianischen Bananenarbeitergewerkschaft Sintrainagro. Im Verlaufe des Bewaffneten Konflikts sind in Kolumbien seit den 1980er Jahren Gewerkschaften und ihre Mitglieder wie in kaum einem anderen Land von physischer Gewalt heimgesucht worden. Der Artikel untersucht den paradoxen Fall der Bananen-arbeitergewerkschaft Sintrainagro im Urabá, die wohl am stärksten von Gewalt betroffen war, sich aber zugleich zu einer mächtigen, repräsentativen Organisation entwickelt hat, die -- einzigartig in Kolumbien -- Kollektivvereinbarungen für fast die gesamte Branche in der Region aushandelt, dies in Arbeitsbeziehungen, die, ursprünglich stark antagonistisch, mikrokorporatistische Züge angenommen haben. Der Artikel zeigt die zentrale Bedeutung von legalen und illegalen bewaffneten Akteuren in der Region -- staatlichen Sicherheitskräften, Guerillas und Paramilitärs -- und ihren Strategien für die Entwicklung der Gewerkschaft wie der Arbeitsbeziehungen auf und zieht Schlussfolgerungen für die begrenzte Reichweite der Konzepte der industrial-relations-Forschung in einem Land mit "ungleicher Präsenz des Staats".

Melanie Müller: Conflicts around Mining in South Africa: An Opportunity for Alliances between Unions and Social Movements.
South Africa is a prominent example of the development of 'social movement unionism', which describes strong coalitions between social movements and unions. While this historically strong relationship has changed since the political takeover of the African National Congress (ANC) and the foundation of a corporatist alliance which includes unions, the 2012 Marikana massacre brought unions and social movements closer together again. Since then, the metal workers' union NUMSA has been trying to build up a United Front which can provide an alternative to government policy. This article explores to what extent a revival of social movement unionism in South Africa on a non-parliamentary level can be observed. Looking at the example of mining, the article describes both the potentialities and challenges regarding the cooperation between unions and social movements. In so doing, it highlights the manifold conflicts and controversies around the extension of mining in South Africa.

Melanie Müller: Kämpfe um den Bergbau in Südafrika: Eine Chance für Allianzen zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen.
Südafrika gilt als prominentes Beispiel für die Entwicklung des social movement unionism. Dieses Konzept beschreibt starke Koalitionen zwischen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften. Seit der politischen Machtübernahme durch den African National Congress (ANC) und der Bildung einer korporatistischen Regierungsallianz, die auch die Gewerkschaften eingebunden hat, hatte sich dieses enge Verhältnis gewandelt. Erst seit dem Massaker von Marikana nähern sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen wieder aneinander an. Die Metallarbeitergewerkschaft NUMSA versucht seitdem, eine United Front aufzubauen, die eine Alternative zur bisherigen Regierungspolitik bieten soll. Der Artikel befasst sich mit der Frage, inwiefern ein Wiederbeleben von social movement unionism auf außerparlamentarischer Ebene in Südafrika zu beobachten ist. Er untersucht am Beispiel des Bergbaus, welche Potenziale und Herausforderungen mit der Zusammenarbeit von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen verbunden sind. Dabei wird deutlich, dass hinter den Auseinandersetzungen um die Ausweitung des Bergbaus vielfältige Konflikte stecken. In ihrem Verlauf kommt es in fast allen Fällen zu einer Kritik am südafrikanischen Entwicklungsmodell.

Frauke Banse: Money for Trade Unions: On the Intentions and Impacts of Trade Union Funding in the Global South.
When people or organisations of the Global North give funds to trade unions in the Global South sounds like a 'good' act of international solidarity. Moving beyond this assumption, this article explores and discusses the interests of donors and the impacts that such external funding has on trade unions in the periphery. Trade unions are membership-based organisations. They have complex institutional structures, represent their members' interests, and have very specific 'power resources', all which mark them as substantially different from non-governmental organisations (NGOs). Likewise, trade union donors act in a complex institutional structure and have the potential to influence trade union democracy, agendas, and power resources. Funding trade unions in the periphery brings international donors into contact with the structural power of workers. This paper highlights how the donor's political orientation and its relationship to state institutions not only impacts on the donor-recipient relationship, but also how such funding can be a foreign policy strategy. Based on various historical and empirical examples, the article discusses the intentions and impacts of external trade union funding, focussing on its relevance for trade union renewal, democracy and agenda setting.

Frauke Banse: Geld für Gewerkschaften. Über die Intentionen und Wirkungen gewerkschaftlicher Förderung.
Dieser Artikel diskutiert die Wirkung externer Gelder auf Gewerkschaften sowie die Intentionen gewerkschaftlicher Geberorganisationen. Gewerkschaften als mitgliederbasierte, die Eigeninteressen von Lohnabhängigen vertretende Organisationen mit speziellen Machtressourcen und komplexen institutionellen Gefügen unterscheiden sich substantiell von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Gewerkschaftliche Gebergelder wirken in einem weit komplexeren institutionellen Gefüge und nehmen Einfluss auf die Gewerkschaftsdemokratie, Gewerkschaftsagenda und gewerkschaftliche Machtressourcen. Die Finanzierung peripherer Gewerkschaften bringt internationale Geber zudem potenziell in Kontakt mit der strukturellen Macht von Lohnabhängigen in diversen Ländern. Je nach politischer Orientierung der Geberorganisation und ihrem Verhältnis zu staatlichen Institutionen kann sich dies nicht nur auf die Geber-Empfänger-Beziehungen auswirken, sondern auch außenpolitisch relevant werden. Anhand verschiedener historischer und empirischer Beispiele diskutiert der Artikel Intentionen und Wirkungen gewerkschaftlicher Geberbeziehungen, insbesondere im Hinblick auf die Förderung oder Behinderung gewerkschaftlicher Erneuerung und den Einfluss des Gebers auf die interne Gewerkschaftsdemokratie und -agenda.

Selma Cristina Silva: New Fields of Action for Brazilian Trade Unions: The CUT Con-federation and the Solidarity Economy.
The deregulation of the labour market, stemming from the crisis of fordism and the transition to a model of flexible accumulation, which has been followed by structural unemployment and new forms of hiring, impose challenges for the Brazilian trade union movement. To face these challenges, unions have begun to incorporate new agendas and practices that had once been neglected, such as racial and gender relations, as well as the solidarity economy. This article focuses on the experience of the Central Única dos Trabalhadores (CUT) in the area of the solidarity economy. More precisely, it explores whether CUT's engagement with the solidarity economy have contributed towards the realisation of CUT's discourse, which argues that support for cooperative-ism responds to income generation needs. The article argues that the solidarity economy is one avenue for strengthen-ing political representation of informal workers and the unemployed in urban settings. To this end, broad bibliographical research on the subject, a survey of secondary data, and field rese-arch in 15 solidarity ventures in the Brazilian state of Bahian were carried out. The article is structured along three sections. In the first section, it briefly covers the strategies adopted by the CUT in the face of changes in the world of labour since the 1990s. In the second section, the paper explains why CUT incorporated the solidarity economy and created the Solidarity Development Agency (ADS), as well as explains the establishment of the constitution of the Central de Cooperativas e Empreendimentos Solidários do Brasil (Unisol Brasil) at the national level. Finally, in the last section, it analyses the work of the ADS-CUT and Unisol Brasil in the urban solidarity ventures researched, exploring if these institutions have achieved success in regards to income generation and shifts in the political representation of the working class.

Selma Cristina Silva de Jesus: Neue gewerkschaftliche Handlungsfelder in Brasilien. Der Dachverband CUT und die solidarische Ökonomie.
Die Deregulierung des Arbeitsmarktes durch die Krise des Fordismus und des Übergangs zur flexiblen Akkumulation mit der daraus resultierenden strukturellen Arbeitslosigkeit und den neuen Anstellungsformen brachte neue Herausforderungen für die brasilianische Gewerkschaftsbewegung. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, begannen die Gewerkschaften neue Handlungsfelder in ihre Agenden aufzunehmen, die sie bisher vernachlässigt hatten, wie Rassen- und Geschlechterbeziehungen sowie die solidarische Ökonomie. Dieser Artikel untersucht, ob das Engagement des Gewerkschaftsdachverbands Central Única dos Trabalhadores (CUT) auf dem Gebiet der solidarischen Ökonomie zur Verwirklichung des Diskurses beigetragen hat, wonach das Genossenschaftswesen eine Lösung für die Einkommenserzielung darstellt und als politische Vertretung für informell Beschäftigte und städtische Arbeitslose agiert. Ferner analysiert er die Bedeu-tung der Zentrale der Genossenschaften und der solidarischen Unternehmungen Unisol Brasil sowie der von der CUT gegründeten Agentur für Solidarische Entwicklung (Agência de De-senvolvimento Solidário, ADS) im Hinblick auf die Frage, inwieweit diese Institutionen darin erfolgreich waren, Einkommen für die Arbeiter*innen-Klasse zu schaffen und ihr politische Repräsentation zu ermöglichen.

Zitation
Peripherie: Politik • Ökonomie • Kultur 36 (2016), 2. in: H-Soz-Kult, 31.08.2016, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-9848>.
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