Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter (DFG / SPP, HU-Berlin, Univ. Heidelberg)

Ort
Berlin und Heidelberg
Veranstalter
DFG; Prof. Michael Borgolte (Humboldt-Universität zu Berlin); Prof. Bernd Schneidmüller (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)
Datum
01.07.2005
Von
Scheller, Benjamin

Das Verhältnis von Geschichtswissenschaft, und damit auch der Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters, und der Gegenwart lässt sich als ein stetes Wechselspiel von Annäherung und Distanzierung beschreiben. Als Problemstellung, die auf einen bestimmten Stoff gerichtet ist, verdankt die Geschichtswissenschaft wie alle Kulturwissenschaften ihre Existenz dem Gegenwartsbezug. Denn nur aus den Erfahrungen der Gegenwart kann sie ihre leitenden Gesichtspunkte gewinnen. Als Disziplin, "die sich ihre methodischen Prinzipien geschaffen hat" allerdings betrachtet sie "die Bearbeitung des Stoffes als Selbstzweck …, ohne den Erkenntniswert der einzelnen Tatsachen stets bewusst an den letzten Wertideen zu kontrollieren, ja ohne sich ihrer Verankerung an diesen Wertideen überhaupt bewusst zu bleiben."[1] Dass die Wissenschaft vom Mittelalter sich gegenwärtig wieder verstärkt der Frage nach ihrem Beitrag zur Bewältigung der Probleme unserer Zeit ausgesetzt sieht, liegt daher nicht nur an Sparzwängen und anderen exogenen Faktoren, sondern resultiert auch aus der Eigenlogik, die der Wechselbeziehung von Geschichtswissenschaft und Gegenwart innewohnt. Denn "irgendwann wechselt die Farbe: die Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, der Weg verliert sich in der Dämmerung. Das Licht der großen Kulturprobleme ist weitergezogen. Dann rüstet sich auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln und aus der Höhe des Gedankens auf den Strom des Geschehens blicken zu können."

Einen Eindruck davon, wie und wofür man sich in der deutsche Mittelalterforschung gegenwärtig rüstet, konnten unlängst die Teilnehmer der ersten Plenartagung des neuen Schwerpunktprogramms 1173 der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter" gewinnen, die am 8./9. Juli an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand. Sprecher des Schwerpunktprogramms sind Prof. Dr. Michael Borgolte (HU-Berlin) und Prof. Dr. Bernd Schneidmüller (Heidelberg). Ihnen zur Seite stehen die beiden Koordinatorinnen Juliane Schiel (HU-Berlin) und Annette Seitz (Heidelberg). Zu Beginn der Tagung stand die kurze Erläuterung des inhaltlichen wie des methodischen Zuschnitts des SPP. Anschließend wurden sämtliche bewilligten Projekte in Kurzpräsentationen vorgestellt und die nächsten Arbeitschritte des SPP beschlossen.

Während das letzte mediävistisches Schwerpunktprogramm der DFG mit dem Titel "Nationes" vor gut 20 Jahren nach der mittelalterlichen Nationenbildung fragte, hat das neue SPP der DFG, wie Michael Borgolte in einem einleitenden Statement ausführte, seinen Ausgangspunkt in der Frage der Mittelalterhistoriker nach Europa im Mittelalter. Dabei soll die weitverbreitete Auffassung, das europäische Mittelalter sei nur eine lateinisch-christliche Kultur gewesen, einer historischen Überprüfung unterzogen werden. Ob Europa im Mittelalter nicht vielmehr durch verschiedene Kulturen geprägt war, deren Integrationen und Segregationen die Dynamik der europäischen Geschichte bestimmt haben, dies ist die Leitfrage der 21 Projekte aus 12 Disziplinen, die von der DFG bewilligt wurden, darunter Mittelalterliche Geschichte, Germanistik, Kunstgeschichte, Archäologie, Byzantinistik, Osteuropäische Geschichte, Judaistik, Theologie, Philosophie, Orientalistik bzw. Islamwissenschaft. In dieser Fächerzusammensetzung spiegeln sich leitende Gesichtspunkte des SPP wider. Zum einen, dass es insbesondere die drei monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum gewesen seien, die kulturelle Formationen (Großkulturen) geprägt haben. Zum anderen, dass auch die vergleichende Untersuchung von Sinnzusammenhängen, die nicht religiös fundiert sind, innerhalb Latein-Europas sowie die Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum zentral für das Verständnis kultureller Integration bzw. Desintegration im Europa des Mittelalters sind.

Methodisch markiert das SPP den Übergang von der Interdisziplinarität zur Transdisziplinarität, wie Juliane Schiel unter Bezug auf Jürgen Mittelstraß ausführte. Während es der Interdisziplinarität niemals gelungen sei, an den Grenzen der Disziplinarität zu rühren, stelle Transdisziplinarität eine über die konkrete, zeitlich begrenzte Zusammenarbeit einzelner Fachvertreter/innen hinausgehende Bereitschaft zu andauernder, die fachlichen und disziplinären Orientierungen selbst verändernder Kooperation dar. Neue Formen solcher nachhaltiger transdisziplinärer Kooperation soll das SPP erproben. Bietet es doch aufgrund der Bandbreite an Fragestellungen, Ansätzen und Methoden optimale Rahmenbedingungen für ein solches Experiment.

In dem SPP sind die einzelnen Projekte deshalb von Anfang an auf neue Art miteinander vernetzt. Ein Zentralprojekt koordiniert die Einzelprojekte von Berlin und Heidelberg aus organisatorisch und inhaltlich. Einmal jährlich findet eine Plenartagung sämtlicher Projekte des SPP statt, um diesen so ein Diskussions- Austauschforum zu bieten. Das eigentliche Herzstück des SPP bilden schließlich drei transdisziplinäre Arbeitsforen. Diese tagen halbjährlich und sollen hierbei nicht zuletzt auch gemeinsame Publikationen mit transdisziplinärer Fragestellung erarbeiten. Ein Intranet bietet zudem die Möglichkeit zum ständigen Austausch innerhalb der Arbeitsforen und auch zwischen diesen.

Arbeitsforum A hat den Titel "Wahrnehmung und Akzeptanz der Differenzen. Die Identifikation des Eigenen, des Fremden und des Anderen im europäischen Geschichtsprozess". Es besteht aus sieben Einzelprojekten.
1. "Aus Fremden werden Andere. Die Türken im Orientbild christlicher Reisende des Spätmittelalters" (Antragsteller: Michael Borgolte; Bearbeiterin: Juliane Schiel/ HU Berlin).
2. "Wenn der Andere überlegen wird. Das lange Ende der Kreuzfahrerreiche. Wahrnehmung und Deutung des Scheiterns in der lateinischen Christenheit". (Antr. Bernd Schneidmüller; Bearb.: Annette Seitz/ Heidelberg).
3. "Von Petrus Alfonsi zu Alfonsus von Espina. Lateinische Integrations- und Desintegrationsprozesse in der christlich-muslimischen Begegnung und Wahrnehmung auf der Iberischen Halbinsel vom 12. bis 15. Jahrhundert im europäischen Kontext", (Antr.: Rainer Berndt; Bearb.: Matthias Tischler/##).
4. "Aneignung und Abwehr des Heidnischen in der volkssprachlichen deutschen Literatur des Mittelalters" (Antr.: Beate Kellner; Bearb.: Julia Zimmermann/ Dresden).
5. "Helden und Heilige. Aporien und Paradoxien kultureller Integrationsfiguren in der Adelsliteratur von 1150-1300" (Antr.: Jan Dirk Müller/ PeterStrohschneider; Bearb.: Andreas Hammer/ Stephanie Seidl/ München).
6. "Die Kunstpraxis der Mendikanten als Abbild und Paradigma interkultureller Transferbeziehungen in Zentraleuropa und im Kontaktgebiet zum Islam" (Antr.: Carola Jäggi/ Klaus Krüger; Bearb.: Margit Mersch/ Ulrike Ritzerfeld/ Erlangen/ Berlin).
7. "Der hohe Klerus im interkulturellen Konflikt zwischen Orient und Okzident. Kirchliche Eliten als Kreuzfahrer und im ‚Heiligen Land'" (Antr.: Stefan Weinfurter; Bearb.: Thomas Haas/ Heidelberg).

"Der Umgang mit Differenzen in Begegnung und Austausch, Anpassung und Seitenwechsel, Gewalt und Recht", ist der Titel von Arbeitsforum B. In ihm versammelt sind die Projekte:

1. "Vermittler zwischen Ost und West: Griechisch-orthodoxe und lateinische Christen unter muslimischer Herrschaft als integrative Kräfte in der Levante (13.-15. Jh.)" (Antr.: Günter Prinzing/Bearb.: Johannes Pahlitzsch/ Mainz).
2. "Soldaïa und die Siedlungsstätten der südöstlichen Krim als Bestandteil der lateinischen Romania, ihre Rolle im Integrationsprozess zwischen lateinisch-italienischer und byzantinisch-orthodoxer Welt" (Antr. u. Bearb.: Victoria Bulgakova; Berlin).
3. "Kulturelle Aneignung von Entfremdung einer europäischen Grenzregion: Die Kiever Rus' und die Steppe (880-1380)" (Antr.: Christian Lübke/ Bearb.: Dittmar Schorkowitz/ Greifswald).
4. ",Achsenzeiten' jüdischer Geschichte während des späten Mittelalters in westeuropäischen Zusammenhängen" (Antr.: Alfred Haverkamp/Bearb.: Lennart Güntzel/ Rainer Barzen/ Trier).
5. "Barrieren - Passagen. Religionsgesetz und rechtliche Instrumentarien zur Gestaltung des Minderheiten-Mehrheiten-Verhältnisses von Juden und Nichtjuden im hochmittelalterlichen Europa" (Antr.:Wolfgang Benz/ Johannes Heil/ Berlin/ Heidelberg).

Insgesamt acht Projekte sind versammelt im Arbeitsforum C: "Transkulturelle Vergleiche. Auf der Suche nach den Ursachen für Ausgleich und Entzweiung im mittelalterlichen Europa":
1. "Die mittelalterliche Ethik im interkulturellen Kontext. Neuansätze in der Geschichte der Moraltheologie des Mittelalters" (Antr.: Stephan Ernst/ Antr.: Sigrid Müller/Bearb.: Astrid Schilling/ Bearb.: Henrik Wels/ Würzburg).
2. "Onomastik und Akkulturation. Die Entwicklung der Namengebung, ihrer Semantik und Motivation in der Begegnung von Christentum, Imperium und barbarischen gentes zwischen Spätantike und frühem Mittelalter (4.-8. Jh.)" (Antr.: Wolfgang Haubrichs/Bearb.: Christina Jochum-Godglück/ Andreas Schorr/ Saarbrücken).
3. "Zeitvorstellungen im westlichen und im östlichen Hochmittelalter (11.-14. Jahrhundert)" (Antr.: Vasilios Makrides/Bearb.: Stamatios Gerogiorgakis/ Erfurt).
4. "Vergleichen im mittelalterlichen Europa - Zusammenhänge von Fremdwahrnehmung und Identitätsbildung" (Antr.: Bernd Schneidmüller/Bearb.: Thomas Förster/ Heidelberg).
5. "Multiethnische und multireligiöse Kulturen Europas im transkulturellen Vergleich: Das Beispiel der Iberischen Halbinsel" (Antr.: Klaus Herbers/Nikolaus Jaspert/ Bearb.: Wiebke Deimann/Kay Jankrift/ Erlangen).
6. "Selbst- und Fremdwahrnehmung im Prozess kultureller Transformation. Muslimische Quellen aus Anatolien über Türken, Christen und Konvertiten (11.-15. Jh.)" (Antr.: Birgit Hoffmann/Bearb.: Sevket Kücükhüseyin/ Bonn).
7. "Eigenständigkeit durch Integration. Die Erinnerung an die heidnische Vorzeit als Element der Konstruktion ethnisch-regionaler Identität an der Peripherie Europas im Hoch- und Spätmittelalter" (Antr.: Klaus Van Eickels/Bearb.: Heiko Hiltmann/ Bamberg).
8. "Beweggründe von Menschen aus dem 4.-8. Jh., das Christentum/christliche Lebensformen in Westeuropa anzunehmen und so zur Christianisierung beizutragen" (Antr.: Matthias Becher/Bearb.: Daniel König/ Bonn).

Obwohl die Plenartagung bereits eine Woche nach dem effektiven Beginn des SPP am 1. Juli 2005 stattfand, war es beinahe allen Antragstellern und Antragstellerinnen und Projektbearbeitern und Projektbearbeiterinnen gelungen teilzunehmen. Dies wurde allgemein ebenso als gutes Vorzeichen für die künftige transdisziplinäre Zusammenarbeit angesehen, wie die bemerkenswerte Disziplin, mit der die Teilnehmer der Tagung ein straffes Programm absolvierten. Ob die gemeinsame Arbeit an einer übergreifenden Problemstellung in sich bereits den Kern für eine Wissenschaft vom Mittelalter neuen, transkulturellen Zuschnitts birgt, wird die Zukunft zeigen.

Anmerkung:
[1] Max Weber, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. 7. Aufl. Tübingen 1988, 146-214, 213 f., dort auch die folgenden Zitate.

Kontakt

Juliane Schiel (Koordinatorin)
Telefon: 2093 4768
E-Mail: SchielJ@Geschichte.HU-Berlin.de

Zitation
Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter (DFG / SPP, HU-Berlin, Univ. Heidelberg), 01.07.2005 Berlin und Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 05.09.2005, <www.hsozkult.de/project/id/projekte-138>.