A. Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Titel
Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart


Autor(en)
Kappeler, Andreas
Erschienen
München 2017: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Immo Rebitschek, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

2017 mahnte Andreas Kappeler: Ein gutes Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine liegt in unser aller Interesse. Fünf Jahre später brach diese Erkenntnis mit Gewalt ins Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit. Die Reaktionen auf Russlands Angriffskrieg gegen seinen Nachbarn gaben Kappeler auch in einem anderen Sinne Recht: Diese Öffentlichkeit pflegt(e) gravierende Fehlannahmen über beide Länder. Die Ukraine galt und gilt vielen im Westen höchstens als Hinterhofproblem des Kremls, als geschichtslose Verhandlungsmasse im europäischen Dialog mit Russland. Das Buch möchte mit diesen Annahmen aufräumen und das historische Verhältnis Russlands zur Ukraine für ein breiteres Publikum verständlich machen.

Das Bild der „ungleichen Brüder“ funktioniert – nicht nur weil das Motiv der Familiengeschichte hilft, eine histoire croisée lesbar auszubreiten. Es hilft, den Paternalismus vom „Großen Bruder“ Russland und den ukrainischen „Kleinrussen“ zu historisieren, ohne dabei die enorme politische Zugkraft dieses Geschwisterbildes aus den Augen zu verlieren. Es erzählt den gemeinsamen Weg beider Länder als Geschichte ukrainischer Emanzipation vom (groß-)russischen Anspruch auf die gemeinsame „russische Welt“ (russkij mir) – eine Welt, die Wladimir Putin derzeit mit schierer Gewalt erschaffen will. Es ist weiterhin ein Plädoyer dafür, die Ukraine als eigenständige historische Entität in ihrer Beziehung zu Russland zu betrachten. In der Historiographie ist diese Perspektive schon länger etabliert.1 Kappeler schlägt ihr eine wissenschaftliche Schneise in die Öffentlichkeit und betritt doch Neuland mit 1.000 Jahren russisch-ukrainischer Verflechtungsgeschichte.

Der Kampf um die Deutungshoheit über diese Verflechtung hat eine eigene Geschichte.2 Noch heute beschwören Russland und die Ukraine die gemeinsame Wiege in Kiew und jeder beansprucht das Familienerbe der Rus für sich. In der einen Lesart setzten die nordöstlichen Fürstentümer die Traditionslinie der Kiewer Rus fort und bewahrten – mongolischer Herrschaft zum Trotz – die staatliche und religiöse Kontinuität erst im Moskauer, dann im Russischen Reich. In der anderen trugen galizische Fürsten und schließlich die Saporoscher Kosaken das Erbe des Kiewer Staates weiter – unter polnisch-litauischer Fahne und dann zuletzt im „Hetmanat“. Kappeler beschreibt, wie nationales Denken auf vorneuzeitliche Lebenswelten zurückprojiziert werde. Der „Erbstreit“ um die Rus spiegele in erster Linie politische Besitzansprüche und werte bedeutende Fürstentümer gegeneinander ab.

Kulturen und Identitäten beider Länder wuchsen vielmehr in Verflechtung und in Abgrenzung zueinander. Unter polnisch-litauischer Herrschaft im Westen entwickelte sich eine Unierte Kirche neben den orthodoxen Traditionen ihres Moskauer Nachbarn, während Städte wie Kiew und Lemberg Einflüsse aus Mitteleuropa aufnahmen und zum Siedlungsraum für Deutsche, Polen, Juden und Armenier wurden. Im Osten konsolidierte sich das Moskauer Reich in Abgrenzung zu den „Lateinern“ im Westen und der Goldenen Horde. Dabei blieben Moskau und Kiew nicht voneinander isoliert. Kirchliche Reformimpulse aus der westlichen Tradition flossen in den Ritus Moskaus. Die Ukrainisierung der Russischen Kultur, so Kappelers These, ebnete bis ins 18. Jahrhundert die Europäisierung Russlands. Frühneuzeitliche Identitäten waren zugleich nicht ethnisch exklusiv, Loyalitäten vielschichtig und situationsabhängig. Westliche Gelehrte aus Kiew stützten die östliche Autokratie. Die Kosaken des Südens verteidigten und bekämpften sie, begründeten zugleich die ukrainische Staatstradition und etablierten egalitäre Elemente in diesem komplexen Kulturraum.

Die Aufteilungen Polen-Litauens und das Ende des Hetmanats machten die Region endgültig zur Verfügungsmasse für russische Siedlungsprojekte. Während die ukrainische Elite sukzessive in den Reihen des russischen Adels akkulturiert wurde, verschwanden auch die Unierte Kirche im Einflussbereich der Zarenkrone und die ukrainische Kultur für lange Zeit von der mentalen Landkarte Europas. Hier am Übergang in das 19. Jahrhundert habe die nationale Asymmetrie begonnen. Nunmehr blickte man aus Russland auf das Gebiet links vom Dnjepr mit folkloristischer Neugier. Der vermeintlich unzivilisierte und geschichtslose „kleinrussische“ Bauer wurde zum urtümlichen Zwilling und damit zum Baustein der imperialen russischen Nationsbildung. Russlands Reichspatriotismus verband Orthodoxie, die russische Sprache und ein diffuses Bild von Volkstum (narodnost‘) miteinander. „Kleinrussland“ hatte darin einen festen Platz neben den „Weißrussen“ und unter den Großrussen, als konstitutive Elemente der „allrussischen Nation“ (S. 103).

Zeitgleich forderte eine ukrainische Nationalbewegung just den Kern dieses Reichspatriotismus heraus. Taras Schewtschenkos literarisches Schaffen im 19. Jahrhundert stellte „Ukrainisches“ dem „Kleinrussischen“ entgegen. Eine neue Generation „ukrainischer“ Eliten forderte kulturelle Autonomie und zugleich politischen Wandel im ganzen Reich. Der freie Ukrainer wurde als libertärer Gegenentwurf zum kollektivistischen und knechtenden Russen stilistiert. Unterdrückung und Zensur verhinderten bis 1905 die Verbreitung solcher Ideen im Russischen Reich ebenso wie die Veröffentlichung in ukrainischer Sprache. Der neue russische Nationalismus überschrieb Schewtschenko mit Alexander Puschkin, ungeachtet der engen Verwandtschaft russischer und ukrainischer Literatur. Jedes Gerede von einer Ukraine galt als polnische oder österreichische Intrige.

1917 zerbrach die imperiale Klammer. Die „verspäteten Nationen“ (im zeitlichen Sinne) rangen erstmals mit Waffengewalt um Augenhöhe. Die Ukraine war dabei mehr als ein Aufmarschgebiet im Russischen Bürgerkrieg. Im diffusen Spektrum von Rot und Weiß emanzipierte sie sich erstmals als „geopolitisches und kulturelles Subjekt“ (S. 145). Gegen die Schlagkraft und Mobilisierungsmacht der Bolschewiki kamen die kurzlebigen ukrainischen Staatsgebilde nicht an, doch die ukrainische Nation war nun ein Faktor, an dem auch die neuen Herren im Kreml nicht vorbeikamen. Sie schrieben den Reichspatriotismus mit sozialistischem Inhalt fort und machten die Sowjetukraine zum Aushängeschild ihrer Nationalitätenpolitik. Die Ukrainische Nation habe in den 1920er-Jahren ein soziales Fundament erhalten, das die Brüder näher auf Augenhöhe brachte.

Erst Stalin setzte dem ukrainischen Nationalkommunismus ein Ende, als er die Ukraine zum Risikofaktor für den Fünfjahrplan erklärte. Kappeler weist den Genozidbegriff von sich, mit dem die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe der frühen 1930er-Jahre zuweilen beschrieben wird; doch Terror und Hungersnot richteten sich auch in Kappelers Deutung gezielt gegen die neue ukrainische Elite. Der „Große Bruder“ kehrte zurück und er bestimmte auch die Lesart nach 1945. Sowjetpatriotismus war primär russisch. Das Ukrainische habe darin seinen Anteil am Sieg über den Faschismus, und zugleich das Kainsmal der Kollaboration getragen. Im supranationalen Sowjetvolk rückten Sprache und Kultur der Ukraine wieder in den Hintergrund. Russifizerung und Elitenabwanderung zementierten die Asymmetrie.

Zugleich waren es diese beiden, die den sowjetischen Zement sprengten. Unter Gorbatschow wurde nationale Souveränität zwischen 1988 und 1990 zum politischen Erfolgsslogan und Russland wie die Ukraine folgten ihm. Lediglich Jelzin drängte darauf, die Union zu bewahren, doch Präsident Leonid Krawtschuk folgte dem überwältigenden Referendum seines Landes dagegen. Der Zerfall des Sowjetimperiums sei eine ukrainische und eine russische Entscheidung gewesen und er barg die Chance für einen Neubeginn unter den Geschwistern.

Von der Krim-Frage bis hin zum Status der russischsprachigen Bevölkerung war das neue Miteinander geprägt von Konfrontation und Kooperation. Russland und die Ukraine wandten sich beide nach Westen. Die Bevölkerung der Ukraine pflegte enge Verbindungen in beide Richtungen, doch ukrainische Staatsmänner (und -frauen) mussten immer auf das Bekenntnis zur Einflusssphäre Moskaus Rücksicht nehmen. Der Geist des Imperiums konnte den kleinen Bruder nicht aus der Familie entlassen. Die russische Staatsbürgernation verkümmerte unter Putin im Schatten großrussischer Fantasien und ukrainische Eigenstaatlichkeit wirkte (wieder) wie eine westliche Verschwörung. Mit der Orangenen Revolution (2004) und dem „Euro-Maidan“ (2013) bekam der Weg nach Westen indes ein breites Mandat und Russlands Außenpolitik ein neues Feindbild im alten Gewand. Putin kreierte eine Chimäre aus „NATO-Einkreisung“, „faschistischer“ Bedrohung und gewaltsamer Ukrainisierung (lies: „Genozid“) in der Ostukraine, um die Hoheitsinteressen dieser „russischen Welt“ zu verteidigen. Der imperiale Nationalismus Russlands trieb und treibe Putins Vorgehen gegen die Ukraine an – Kappeler zufolge müsse Russland die Ukraine als gleichberechtigten Partner anerkennen, um eine Zukunft in Europa zu haben. Wer sein Buch gelesen hatte, dürfte nicht überrascht gewesen sein, als Putin dieser Partnerschaft und Europa den Rücken zugewandt hat.

Anmerkungen:
1 Serhij Plokhy, The Gates of Europe. A History of Ukraine, New York 2015. Und bereits er selbst: Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine [1995], 5., aktualisierte und erweiterte Auflage München 2019.
2 Martin Aust, Polen und Russland im Streit um die Ukraine. Konkurrierende Erinnerungen an die Kriege des 17. Jahrhunderts in den Jahren 1937 bis 2006, Wiesbaden 2009.

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