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Titel
Brutality and Desire. War and Sexuality in Europe's Twentieth Century


Herausgeber
Herzog, Dagmar
Erschienen
Houndmills 2009: Palgrave Macmillan
Anzahl Seiten
290 S.
Preis
£ 58.-
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thomas Kühne, Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University

Auf den engen Zusammenhang von kriegerischer und sexueller Gewalt hat die Amerikanerin Susan Brownmiller bereits 1975 in einem auch ins Deutsche übersetzten Buch aufmerksam gemacht, aber erst durch die Massenvergewaltigungen in Bosnien 1992/93 ist er wirklich Gegenstand politologischer, soziologischer, psychologischer und historischer Forschung geworden. Während Brownmiller wie auch jüngere Forscher und Forscherinnen oft auf ahistorische und essentialistische Erklärungsmodelle rekurrieren und einen vermeintlich ewigen Gegensatz von männlicher Aggressivität und weiblicher Friedfertigkeit beschwören, erkundet der hier zu besprechende, wegweisende Sammelband Möglichkeiten der Historisierung jenes Zusammenhangs. Sexuelle Gewalt war, wie Dagmar Herzog in der Einleitung feststellt, ein integrierender Bestandteil der Kriege und Genozide des 20. Jahrhunderts, aber sie trat historisch und räumlich in unterschiedlichen Formen auf. Kollektive Vergewaltigung, Verstümmelung von Genitalien, erzwungene Schwangerschaften, Zwangsprostitution, Zwangsheiraten und sexuelle Demütigungsrituale wechselten sich ab, je nach politischem und kulturellem Kontext. Indem der Band einen weiten Bogen schlägt, der zeitlich vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und räumlich von Armenien und Algerien bis Dänemark und England reicht, gleichzeitig nicht auf erzwungene Sexualität begrenzt ist, sondern freiwillige Liebesbeziehungen einbezieht und nicht zuletzt sehr unterschiedliche Quellenarten auswertet, erfüllt er tatsächlich den von der Herausgeberin formulierten Anspruch, zu zeigen, dass das, „was Menschen als erlaubt oder empörend, als erotisch oder ekelhaft ansehen, erheblichem zeitlichen Wandel unterworfen ist,“ dass kriegerische und genozidale Gewalt diesen Wandel in Gang setzen, beschleunigen, abbremsen oder rückgängig machen können, und dass umgekehrt sexuelle Beziehungen auch wieder rückwirken können auf Ideologien und Praktiken kriegerischer Gewalt (S. 6).

Wie rassische Stereotype und koloniale Hierarchien durch Liebesbeziehungen aufgeweicht wurden, zeigt Richard S. Fogarty in einem Beitrag, der Romanzen zwischen Französinnen (Prostituierten ebenso wie Krankenschwestern) und in Frankreich eingesetzten Soldaten aus Indochina, Tunesien und Madagaskar analysiert. Die französischen Zensurbehörden, die Liebesbriefe auswerteten, bekundeten Abscheu und Entsetzen. Energischer reagierte der faschistische italienische Staat auf die lange Zeit relativ offenen Beziehungen seiner weißen Siedler mit einheimischen Frauen in Äthiopien. Bezeichnenderweise allerdings wurden 1937 nicht jedwede solcher Beziehungen kriminalisiert, sondern nur die auf Dauer gestellten, da sie die koloniale Sozial- und Geschlechterhierarchie in Frage stellten, wie Marie-Anne Matard Bonucci zeigt. Prostitution und anderer Gelegenheitssex blieben geduldet. Warum Amouren zwischen deutschen Besatzungssoldaten und Däninnen im Zweiten Weltkrieg relativ unkompliziert waren, analysiert Lulu Anne Hansen. Aus der Sicht der Deutschen waren die Däninnen rassisch kompatibel, und letzteren war es nicht nur um Spaß, sondern auch um politische Aufwertung qua Fraternisierung mit den Besatzern zu tun. Wie Homosexualität im britischen Militär im Zweiten Weltkrieg ‚gelebt‘ werden konnte, indem sie einerseits überall da, wo sie Anstoß erregt hätte, kaschiert, gleichzeitig aber aufgrund des Mobilisierungsbedarfs im Totalen Krieg geduldet wurde, beleuchtet Emma Vickers.

Neben diesen vier Schlaglichtern auf mehr oder weniger freiwillige Liebesbeziehungen stehen sechs Kapitel, die gewaltsamen Sex analysieren. Wie fast immer in Sammelbänden sind nicht alle Beiträge gleichermaßen theoretisch und methodisch ausgefeilt. Das liegt hier nicht so sehr am unterschiedlichen wissenschaftlichen Potential der Autoren und Autorinnen, sondern an der zum Teil kümmerlichen Forschungslage. Dass Vergewaltigungen sowohl im Genozid an den Armeniern 1915/16 wie im französischen Algerienkrieg 1954-62 vorkamen, ist bekannt und gleichzeitig doch kaum analysiert, schon weil die Quellenlage dürftig ist. Die Beiträge von Matthias Bjornlund zum armenischen Genozid und von Raphaelle Branche zum Algerienkrieg diskutieren umsichtig diese Quellenprobleme und werfen interpretatorische Fragen, vor allem jene nach dem „Sinn“ sexueller Gewalt für die Täter auf. War diese schlicht das Resultat sadistischer Vergnügungssucht und spontaner Omnipotenzgelüste? Oder war sie ein planmäßiges Mittel des Terrors, der Vertreibung und der Vernichtung des zum Todfeind erklärten Gegners? Oder aber muss sie im Kontext zeitlich umfassender und regional übergreifender politischer Symboliken von Geschlechterhierarchien gesehen werden? Indem sie gegnerische Frauen vergewaltigten, demonstrierten die ‚Sieger‘ der gesamten gegnerischen Nation deren Unfähigkeit, die etablierte Geschlechterordnung, die um den Schutz der Frauen durch die Männer kreiste, zu wahren. Mit der Vergewaltigung ihrer Frauen brach die kulturelle Identität der Gegner zusammen.

Anders als der Holocaust waren die genozidalen Kriege gegen die Armenier und die Bosnier nicht in biologistische Rassismen eingebunden. Armenische und bosnische Frauen konnten gewaltsam ‚türkifiziert‘ oder ‚serbifiziert‘ werden, und insbesondere waren aus Vergewaltigungen hervorgegangene Kinder in den Terrorgesellschaften willkommen, weil in deren paternalistischen Ideologien nur die männlichen, nicht aber die weiblichen Gene zählten. Auch wenn „Brutality and Desire“ einen substantiellen Beitrag zur historischen Verflüssigung solcher Ideologien leistet, ist der Forschungsbedarf offensichtlich. Dieser besteht allerdings auch auf der schieren Faktenebene. Ein generelles, von den meisten Beiträgen diesen Band nicht gelöstes (und aufgrund der Forschungs- und Quellenlage auch noch kaum lösbares) Problem ist das der Quantifizierung. Zumindest rudimentäre Vorstellungen von der quantitativen Dimension sexueller Gewalt (wie viele Vergewaltigungen, wie viele Vergewaltiger) sind nötig, um ihren Stellenwert im Gefüge historisch unterschiedlicher physischer, psychischer, sozialer und kultureller Kriegs- und Vernichtungsstrategien bestimmen zu können. Für Bosnien-Herzegowina sind solche und andere Fakten ermittelt (20.000 bis 50.000 Vergewaltigungen, S. 266) und bieten der minutiösen Fallstudie von Teresa Iacobelli eine Grundlage, um am Beispiel der bosnischen Stadt Foca, der ersten, die den Serben 1992 in die Hände fiel, die (von den Tätern bestrittene) Planmäßigkeit der Vergewaltigungen anhand zahlreicher und sorgfältig kombinierter Indizien nachzuweisen.

Drei Beiträge untersuchen sexuelle Gewalt im Holocaust und im nationalsozialistischen Krieg im Osten – dem einzigen der in diesem Band ins Blickfeld genommen Ereignisse massenhafter Gewalt, in dem der um das Stigma der „Rassenschande“ kreisende ideologische und pseudolegale Kontext Vergewaltigung gegnerischer oder unterworfener Frauen (Jüdinnen und Angehörige slawischer „Rassen“) dezidiert ausschloss und mit Strafe bedrohte. Auch wenn sie an der Menschen- und hier insbesondere Frauenverachtung der Täter keinen Zweifel lassen, relativieren diese drei Beiträge den Stellenwert sexueller Gewalt im Gefüge deutscher Kriegs- und Vernichtungspraktiken. Regina Mühlhäuser untersucht sexuelle Gewalt, (Zwangs-) Prostitution und „konsensuelle“ Liebesbeziehungen im Vernichtungskrieg der Wehrmacht und in der deutschen Okkupationspolitik in der Sowjetunion. Dabei wird einmal mehr das Spannungsverhältnis zwischen rassistischen und militärischen Zielen deutlich: um die Soldaten bei Laune und einsatzfähig zu halten, waren Ausnahmen von der Regel der Reinhaltung deutschen Blutes üblich. Aber wie oft? Zu Recht relativiert Mühlhäuser die Äußerung eines Divisionskommandeurs, wonach jeder zweite der rund sechs Millionen deutscher Soldaten im Osten sexuelle Beziehungen zu einheimischen Frauen unterhalte und demzufolge pro Jahr mit etwa 1,5 Millionen „gemischtrassigen“ Babys zu rechnen sei (S. 211).

Ähnlich übertriebene Vorstellungen von der quantitativen Bedeutung sexueller Gewalt und insbesondere der Vergewaltigung und Zwangsprostitution von jüdischen Frauen in den Konzentrations- und Todeslagern kursieren in der populären Gedächtniskultur und selbst in der Wissenschaft. Zur Korrektur steuert Robert Sommer einen Aufriss der Geschichte der der primär männlichen Häftlingselite zugänglichen Bordelle in den Konzentrationslagern bei. Sommer schätzt die Gesamtzahl der dort eingesetzten, fast auschließlich deutschen oder polnischen Frauen auf 210. Ausweislich der Quellenlage war keine davon jüdisch (S. 175). In einem der düstersten, aber inhaltlich anregendsten und methodisch, insbesondere quellenkritisch durchdachtesten Beiträge dieses Bandes zeigt Na’ama Shik, dass in Auschwitz Vergewaltigung eine Randerscheinung war, die zudem vermutlich überwiegend von Nicht-Deutschen (Russen, Ukrainern, Ungarn und andere) begangen wurde, für die die NS-Rassengesetze keine Bedeutung hatten. Dieser Befund hellt das dunkle Bild vom Sadismus deutscher Wachmannschaften und Konsequenz ihres Terrors keineswegs auf. Lange vor ihrer physischen Ermordung wurde jüdischen Frauen im Zuge vielfältiger Demütigungsrituale Stück für Stück die weibliche Identität geraubt, bis ihre Körper nur noch Fleisch waren (S. 240).

Nicht viele Sammelbände schaffen es, ein derart dichtes Netz von Schneisen schlagenden und gleichzeitig weitere Forschung herausfordernden Beiträgen zu versammeln. Dagmar Herzogs „Brutality and Desire“ steht an der Schnittstelle zwischen Körpergeschichte, Geschlechtergeschichte und Militärgeschichte und wird auf geraume Zeit ein Referenzpunkt für jeden sein, der sich mit der Geschichte kollektiver Gewalt befasst.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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