Cover
Titel
The Typewriter Century. A Cultural History of Writing Practices


Autor(en)
Lyons, Martyn
Reihe
Studies in Book and Print Culture
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 261 S.
Preis
$ 32.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kim Christian Priemel, Department of Archaeology, Conservation and History, University of Oslo

Es zählt zu den ironischen Seiten des Internets, das die dort aufgefaltete digitale Welt zugleich als Archiv des Vordigitalen dient. Bewunderer vergangener Satz- und Druckmaschinen werden ebenso mit reichem Bildmaterial bedient wie Schreibmaschinen-Enthusiasten. Auf einer dieser Liebhaberseiten1 finden sich, sorgfältig alphabetisiert und beschriftet, Fotografien berühmter Autoren, die mit ihren Schreibmaschinen posieren. Ob Muhammad Ali oder Stefan Zweig, Ingeborg Bachmann oder Marguerite Yourcenar: Im Zusammenspiel mit der Schreibmaschine weist sich die denkende, schreibende und tippende Persönlichkeit aus. Die in Szene gesetzte Authentizität solcher Abbildungen trieb Hunter S. Thompson in den 1980er-Jahren auf die Spitze. Mindestens zweimal liquidierte er seine Schreibmaschine mit Schusswaffen verschiedener Kaliber, auch dies fotografisch gut dokumentiert. Rückblickend indes geriet die gewalttätige Lösung der Schreibblockade zu einem Akt der Anverwandlung, als sich Thompson im Jahr 2005, vor seiner Schreibmaschine sitzend, erschoss.

Martyn Lyons, emeritierter Historiker in Sydney und ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Buchgeschichte, hat sich in seiner neuen Monographie der Beziehung zwischen Autor, literarischer Produktion und technischem Gerät angenommen. Lyons’ Anspruch geht über das bloße Kuriosum hinaus, und nostalgische Sammlerkultur wie auch normativ begründete Schreibmaschinen-Präferenzen im PC-Zeitalter treiben seine Analyse nicht an, sondern dienen ihr als Epilog, in dem die Erzählung kreisförmig an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, nämlich den Vorbehalten mit Füllfederhaltern arbeitender Schriftsteller gegenüber der mechanischen Konstruktion, die seit den 1880er-Jahren Einzug in die Textproduktion hielt. Rund ein Jahrhundert später begannen Desktop-fähige Computer die einst revolutionäre Technologie obsolet zu machen. Dazwischen entspann sich eine Ära des Schreibens, die Lyons als „typewriter century“ bezeichnet und die er mit Akteuren einer „typosphere“ bevölkert, „the global imagined community of typewriter users […], sharing common practices and common problems“ (S. 21).

Weil Lyons zu dieser Typosphäre auch die Maschinenbauer zählt, beginnt sein Buch mit einem kurzen Überblick zur langen Genese der Schreibmaschine, die keinen einzelnen Erfinder hatte, sondern ein klassisches Produkt kumulativer, arbeitsteiliger Innovation war. Auch jene bekannte Pfadabhängigkeit, die bis heute allen im lateinischen Alphabet tippenden Menschen eine weder ergonomisch noch durch höhere Geschwindigkeit zu erklärende QWERTY-Tastatur beschert, wird nacherzählt. Im Zentrum der Studie steht jedoch die Produktion belletristischer und bisweilen auch journalistischer Literatur. Aufbauend auf der Prämisse, dass „[a]uthors do not write books; they write texts“, ist es die Materialität des Schreibens selbst, die Lyons interessiert, und ihre Folgen für die so geschaffene Literatur: „the way those texts become physical objects and the means by which they arrive in a readable form before an audience are crucial elements in creating meaning“ (S. 10).

Theoretisch folgt Lyons dabei einem Zugang, den man als Friedrich Kittler redux bezeichnen mag. Einerseits unterfüttert die Kittler’sche These – selbst auf Heideggers Annahme basierend, Schreib- und andere Maschinen unterbrächen die schöpferische Kontinuität von Geist, Auge und Hand –, die Schreibmaschine habe einen kommunikativen Paradigmenwechsel eingeläutet und das schreibende und lesende Subjekt nachhaltig verändert, gar unterworfen, Lyons’ eigene Prämisse, dass es ein Schreibmaschinen-Jahrhundert gegeben habe. Andererseits distanziert sich der australisch-britische Historiker entschieden von Kittlers Technologie-Determinismus und betont die Relevanz verschiedener Akteure bei der Herstellung von Bedeutung, insbesondere die Rolle der Leser. Ob eine Anleihe bei Akteur-Netzwerk-theoretischen Ansätze hilfreicher gewesen wäre, um eben diese multiplen Beziehungen zu fassen, bleibt dahingestellt, doch fällt auf, dass die eingangs gegen Kittler ins Feld geführten Leser in den folgenden Kapiteln nur eine randständige Rolle spielen und auch die Schreibmaschinen selbst bemerkenswert wenig Raum einnehmen. In erster Linie untersucht Lyons die Eigenperzeptionen von Schriftstellern, die er in drei größere Kategorien einteilt: erstens die begeisterten Modernisten, denen das Maschinelle gleichermaßen Mittel und Ziel war; die italienischen Futuristen etwa wähnten in der Schreibmaschine eine „liberating technology“ (S. 67) im Kampf gegen die bourgeoise Ästhetik typographischer Harmonie; zweitens die nüchternen Beobachter in der schreibenden Zunft, die einen Verfremdungseffekt spürten, der sie einerseits mit Unbehagen erfüllte, der andererseits aber produktiv nutzbar war, um die eigenen Texte ohne störende Anhänglichkeit zu überarbeiten; und drittens die Romantiker, die sich in eine schöpferische Einheit mit ihrer Schreibmaschine hineinimaginierten.

Aus den Nachlässen einer illustren Schar von Autoren ganz unterschiedlicher Genres hat Lyons zahlreiche Selbst- und Fremdbeschreibungen zusammengetragen. Diese erlauben ihm wichtige Befunde wie jene – Marshall McLuhan folgende, indes wiederum qualifizierende – Beobachtung, dass die Schreibmaschine durch das Diktieren paradoxerweise die Mündlichkeit in die Textproduktion zurückbrachte. Ferner vermag Lyons immer wieder überraschende Querverbindungen her- und unerwartete Vergleiche anzustellen. So tauchen als romantische Fallstudien mit Enid Blyton und Jack Kerouac zwei Verfasser auf, deren Leben und Werke unterschiedlicher kaum sein konnten. Beide huldigten einem Ideal des spontanen, intuitiven Schreibens, für das die Schreibmaschine eminent wichtig war, weil nur sie die notwendige Geschwindigkeit ermöglichte. Insbesondere Blyton spielt eine zentrale Rolle in Lyons’ Argumentation, die eine Verbindung zwischen dem Aufstieg der Schreibmaschine auf der einen Seite und dem Hervortreten populärer Autoren und Genres auf der anderen herstellt. In zirkulärer Logik bedeutete der Umstand, dass Krimi- und Kinderbuchautoren in der Lage waren, standardisierte Erzählungen und Romane in kurzer Zeit und in berechenbarer Folge zu schreiben, dass sie ihrem Publikum und ihren Verlagen auch mehr davon liefern konnten und sollten: „the typewriter invited not only faster creations but also considerably more of them“ (S. 63). Vielschreiberinnen wie Blyton oder die Schöpfer von Maigret und Mason, Georges Simenon und Erle Stanley Gardner, erreichten einen geradezu aberwitzigen Textausstoß.

Insbesondere die männlichen Autoren, so Lyons, huldigten dabei der Macht der großen Zahlen und dem Reiz der Rekorde. Simenon vermarktete sich gezielt als Auftragsschreiber, während Gardner eine Art Literaturfabrik nach fordistischen Prinzipien aufzog und ein halbes Dutzend Typistinnen in streng getakteten Arbeitsabläufen beschäftigte. Für viele Autorinnen hingegen waren hohe Geschwindigkeit und verlässliche Qualität essentiell, um ihre schriftstellerischen Tätigkeiten mit familiären Pflichten zu vereinbaren. In einem der besten Kapitel des Bandes demonstriert Lyons, wie stark die literarischen Produktionsbedingungen Geschlechterrollen spiegelten – selbst bei Autorinnen vom Bekanntheitsgrad einer Agatha Christie.

Damit nimmt er auch einen Faden wieder auf, der in einem früheren Kapitel das „typewriter girl“ (bei Lyons auch in Anführungszeichen) als distinkte Figur weniger der literarischen als der sozialhistorischen Moderne beschreibt. Die rasant steigende Nachfrage nach Schreibkräften sorgte in den 1920er- und 1930er-Jahren dafür, dass jungen Frauen neue Berufsmöglichkeiten offenstanden, sowohl außerhalb klassisch weiblich definierter Pflege- und Fürsorgetätigkeiten als auch jenseits industrieller Arbeit. Dass diese zugleich Karriere-Sackgassen für das bald ausschließlich weibliche „secretarial proletariat“ (S. 50) waren, wird ebenso deutlich. Zahlenmaterial wird aber leider nur wenig und unsystematisch präsentiert, und Lyons versäumt zudem die Chance, sein Netz weiter auszuwerfen. Zwar verspricht der Untertitel eine „cultural history of writing practices“, im Ergebnis ist der gewählte Fokus auf die Literaten jedoch (zu) eng. Die Schreibpraktiken der weit größeren Zahlen von Typistinnen, staatlichen und privaten Verwaltungskräften finden nur dann Erwähnung, wenn sie sich biographisch mit literarischen Lebenswegen überschneiden; die Textproduktion von Studierenden und Wissenschaftlern taucht, durchaus überraschend für das Werk eines langjährigen Universitätslehrers, gar nicht auf.

Doch auch in dem von Lyons betrachteten Ausschnitt bleiben Lücken. So überzeugend er darzustellen vermag, wie intensiv sich viele Schriftsteller mit ihrem Werkzeug auseinandersetzten, so schwierig bleibt es oft doch zu erkennen, inwiefern die Schreibmaschine Prosa und Lyrik konkret prägte. T.S. Eliots gleich zweifach zitierte Bemerkung (S. 81, S. 93), The Waste Land nehme das Staccato der Schreibmaschine auf, ist zwar eingängig, erklärt aber nicht, wie dies geschah (und ob Eliot tatsächlich im Staccato schrieb). Und die abschließenden Beobachtungen über „geschichtslose“ Word-Dokumente (S. 195) oder das Fehlen von Computerromantikern, die jenen der Schreibmaschine ähnelten, sind zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen. Für eine solche Aussage hätte Lyons sein Sample anders auswählen müssen, und hier wie an anderen Stellen hätte sich der Leser mehr methodische Reflexion gewünscht: Was etwa könnte ein systematischer Vergleich zweier Werke derselben Autorin, das eine per Hand, das andere mit Maschine geschrieben, leisten – zum Beispiel unter Nutzung korpuslinguistischer Methoden? Gab es eine naturwissenschaftliche Forschung zu den unterschiedlichen kognitiven Prozessen beider Schreibverfahren, die der intensiven Forschung zum digitalen Schreiben und Lesen der letzten zwei Jahrzehnte vergleichbar wäre, und wie wäre diese in die historische Analyse zu integrieren?

So springt The Typewriter Century kürzer als erwartet oder zumindest erhofft. Gut geschrieben und regelrecht kurzweilig, mit zahlreichen interessanten Einzelbefunden, liefert Martyn Lyons’ Buch einen nützlichen Einstieg in ein komplexes Forschungsfeld – doch der Wunsch nach einer Arbeit, die dem Untertitel gerecht würde, ist nach der Lektüre eher größer als zuvor.

Anmerkung:
1 The Classic Typewriter Page presents Writers and their Typewriters, URL: <https://site.xavier.edu/polt/typewriters/typers.html> (16.01.2022).