J. Staadt u.a.: Operation Fernsehen

Cover
Titel
Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West


Autor(en)
Staadt, Jochen; Voigt, Tobias; Wolle, Stefan
Erschienen
Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
447 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Wrage, Department of German, University of Wisconsin

Als nach der Wende im Mitteldeutschen Rundfunk 19 ehemalige „inoffizielle Mitarbeiter“ der Staatssicherheit entdeckt wurden, gab die ARD eine umfassende Studie in Auftrag, die zwischen 2001 und 2004 als Kooperation der Historischen Kommission der ARD und des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin realisiert worden ist. Entstanden ist eine mehr als tausend Seiten umfassende Studie über die „rundfunkbezogenen Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in der DDR sowie in der Bundesrepublik Deutschland“, die der Öffentlichkeit bereits Mitte 2004 auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der Sache Kohl gegen die Stasiunterlagen-Behörde verhinderte dann die Publikation, bis mit der Novellierung des Stasi-Unterlagengesetzes eine ausreichende Rechtsgrundlage für die Veröffentlichung geschaffen war. Eine Umarbeitung der Forschungsergebnisse wurde schließlich unter dem Titel „Operation Fernsehen“ im November 2008 vorgestellt: Sie enthält Auszüge aus der Studie und benennt die Klarnamen der betroffenen inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Darüber hinaus ist auch die Veröffentlichung der Gesamtuntersuchung geplant, bei der die Namen der Inoffiziellen Mitarbeiter jedoch geschwärzt werden sollen. Dass ausgerechnet in der ausführlicheren Variante des Forschungsberichts, die für die „Selbstreinigung“ in den Anstalten von größerer Bedeutung zu sein scheint als das Digest, die Namen der IMs fehlen, ist offenbar der Vorsicht der ARD-Justiziare geschuldet. Zugleich verschiebt sich damit jedoch auch der Fokus: von den Akteuren zu den Strukturen, vom Ereignis zur Funktion.

Damit ist die schwierige Publikationsgeschichte dieses Forschungsprojekts jedoch nicht beendet. Nachdem „Operation Fernsehen“ für einige Wochen im Buchhandel erhältlich war, ist es gegenwärtig fast komplett vom Markt verschwunden und nur noch bei einigen Resellern erhältlich. Der Grund dafür sind nicht, wie man wohl vermuten könnte, Klagen dekonspirierter IMs, sondern eine einstweilige Verfügung aus dem eigenen Lager. Der Streit dreht sich um die Autorschaft: Denn von den acht an der Studie beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erscheinen nur drei auf dem Titel der gekürzten Fassung, während die übrigen lediglich in der editorischen Vorbemerkung erwähnt werden. Während der Publizist Hannes Schwenger, der ebenfalls an dem Projekt beteiligt war, diese Vorgehensweise lediglich „schofel“[1] fand, mochten sich drei Autorinnen aus dem Forschungsverbund damit nicht abfinden und erstritten per einstweiliger Verfügung einen Verkaufsstopp des Buchs. Jochen Staadt ließ auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung verlauten, er hätte „nichts falsch gemacht“[2]. Die Gruppe hätte ihre Arbeit aus „eine[m] großen Datenpool“ gespeist, aus dem sich „jeder“ hätte „bedienen“ können. „Auch hätten“, so zitiert die Zeitung Staadt, „die Autorinnen […] wiederum Texte von ihm verwendet und darüber klage er auch nicht.“[3] Eine charmant-basisdemokratische Argumentation, die an das Prinzip der Autorenkollektive in der DDR denken lässt, jedoch nicht zur exklusiven Nennung von drei Namen auf dem Titel passen will. Es hätte, wie man anmerken darf, mit der Herausgeberschaft eine einschlägige – und ziemlich unanfechtbare – Lösung gegeben, die Leistungen des Redaktionsteams zu würdigen und die der übrigen Autoren zu berücksichtigen. Nun entscheiden die Gerichte, ein Ergebnis steht noch aus.[4]

Über solchen Querelen soll jedoch das Buch nicht vergessen sein, denn es lohnt die Lektüre. Es ist in vier Großabschnitte gegliedert, von denen der erste, Kommunizierende Röhren – Radio und Fernsehen im geteilten Land über Medien und Medienpolitik in der DDR Auskunft gibt, ein zweiter über MfS und ARD, der dritte über Die ständigen Korrespondenten vor Ort, während der letzte Das Stasi-Netz in Hörfunk und Fernsehen der DDR beleuchtet.

Der erste Abschnitt diskutiert die Exponiertheit der DDR an der Grenze der Systeme als medienhistorisches Paradigma: Es geht um das Problem, dass für die überwiegende Mehrheit der DDR-Fernseh-Zuschauer durch die Programme der Bundesrepublik und Westberlins eine ständige Programmalternative verfügbar war – ein Problem, das extern, etwa durch eine verstärkte Überwachung der Medien durch die Staatssicherheit, aber auch innerhalb des Programms im Lauf der Geschichte der DDR verschiedene Reaktionen provozierte, die vom expliziten Kommentieren des bundesdeutschen Fernsehens im Schwarzen Kanal bis zu Anleihen bei erfolgreichen westdeutschen Sendungen in eigenen Formaten reichten. Die wohl am weitesten über die bisherige Forschung hinausgehende These dieses Kapitels liegt in der Annahme „einer Art kultureller Einheit der Deutschen“ als „einig Volk der Radiohörer und Fernsehzuschauer“ (S. 24, vgl. auch S. 389), die in der gemeinsamen Partizipation am bundesdeutschen Programm entstanden sei. Eine Hypothese, die noch differenziert werden könnte: Wenn, wie die Autoren nahelegen, die DDR-Zuschauer sich gerade „im Vergleich zwischen Ost- und Westfernsehen einen Reim auf das zu machen“ (S. 63) versucht haben, was um sie herum geschah, dann beschreibt das ein Rezeptionsmuster, das sich von dem in der Bundesrepublik offenbar abhebt.[5] In dieser Hinsicht sind die Fernsehrezipienten in Ost (die das DDR- und das bundesdeutsche Fernsehen sahen) und West (die ausschließlich das bundesdeutsche Fernsehen sahen) durchaus zu unterscheiden. Gleichwohl: Die Konkurrenz der bundesdeutschen Programme war ohne jeden Zweifel das gravierendste Problem für die Medien und die Medienpolitik der DDR; und das weist das Kapitel von der Frühzeit bis zu ihrem Ende überzeugend nach.

Den Kern des Buches bilden die folgenden Kapitel zu MfS und ARD und den Ständigen Korrespondenten vor Ort, in denen die Studie überzeugend nachweist, dass es dem ostdeutschen Geheimdienst zu keinem Zeitpunkt gelungen ist, auf die Entscheidungsprozesse in den Leitungsgremien der ARD oder ihre Programmplanung tatsächlich Einfluss zu nehmen. Er hat es gleichwohl – vor allem bei SFB, RIAS, Deutschlandfunk und Deutscher Welle – mit erheblichem Aufwand und einer ganzen Reihe von Methoden versucht. In den über 200.000 Seiten gesichteter Akten finden sich Auskunftsberichte über Funktionsträger in der ARD, leitendes Personal und auf DDR-Themen abonnierte Journalisten. Ausgehoben wurden Personendossiers des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die eine Vielzahl teils öffentlich zugänglicher Details zu scheinbar brisanten Akten amalgamierten und die dazu dienten, auf personalpolitische Auseinandersetzungen innerhalb der ARD einzuwirken. Man fand Zeugnisse umfassender Telefonüberwachung und Postkontrolle, schließlich auch: aus der Feindprogramm-Beobachtung gewonnene „Monatsübersichten über Schwerpunkte der politisch-ideologischen Diversionstätigkeit gegnerischer Funkmedien gegen die DDR“ (vgl. S. 73 ff.). Untersucht wurden die Versuche inhaltlicher Einflussnahme auf Sendungen wie Panorama, Monitor oder Kontraste in der Bundesrepublik aber auch Eingriffe in Film- und Fernsehproduktionen in der DDR.

Analysiert wurde schließlich auch die Arbeit der Hauptabteilung II/13 des Ministeriums für Staatssicherheit, die seit 1974 gegen sämtliche in der DDR akkreditierten Journalisten ermittelte – unter dem Generalverdacht von Spionage, Diversion und der Förderung von DDR-Oppositionellen (vgl. S. 181 ff.); ebenso als „operativ bedeutsam“ galten die Reisekorrespondenten. Die Stasi versuchte sich mit hoher Intensität und allen Mitteln an der Überwachung und Kontrolle der Journalisten, aber nur gelegentlich konnte sie ihre Berichterstattung stören oder verhindern.

Das Verdienst dieser Studie liegt nicht in erster Linie darin, dass die Wissenschaftler „Ross und Reiter nennen“[6], nicht im Nachweis von Klarnamen oder beeinflusster West-Berichterstattung über die DDR. Frappierend ist vielmehr die Einsicht, dass selbst auf der Ebene grundsätzlicher Machtsicherung und Machterhalts die Beobachtung der westlichen Medien von einer ideologischen Projektion überformt wird: Offensichtlich hat es bei der Auswertung der westlichen Programme keine Unterscheidung zwischen einzelnen Sendern, Sendungen oder Korrespondenten gegeben. So „entstand der Eindruck einer gleichgeschalteten Medienlandschaft“ mit einer „einheitliche[n] Funktionslogik“ (S. 74); die Analyse folgte einem – invertierten – Modell der DDR-Medien, so dass der bundesdeutsche Rundfunk stets unter der Voraussetzung einer „zentral gelenkten westlichen Meinungsmanipulationsmaschine“ (S. 74) beobachtet wurde, deren „alleiniger Sinn und Zweck in der gezielten Desinformation der Bevölkerung“ (S. 78) bestand. Dies stellt jedoch nichts weniger als eine Projektion der Verhältnisse der DDR auf die der Bundesrepublik dar, aus der sich eine Vielzahl – völlig unzutreffender – Folgerungen ableitet, etwa, dass das Bundespresseamt befugt gewesen wäre, „direkte Weisungen an Chefredaktionen“ (S. 80) zu erteilen, oder die „Annahme, alle westlichen Korrespondenten wären geheimdienstlich gesteuert“ (S. 18). Die Folge ist, wie die Studie überzeugend belegt, „eine groteske Überbewertung der feindlichen Tätigkeit“ (S. 18), die selbst dort, wo systemlogisch pragmatische Rationalität angemessen gewesen wäre, verschwörungstheoretische Fehlschlüsse nach sich zog.

Insgesamt ist „Operation Fernsehen“ ein sehr lesenswertes Buch, das an einem besonderen Gegenstand ein allgemeines Spezifikum der DDR-Gesellschaft nachweist: die „Kontinuität in der Diskontinuität“[7] der eigenen Gesellschaft, vor allem zu jener, von der man sich um jeden Preis abzugrenzen suchte; die Unterordnung noch der widersprüchlichsten Daten unter homogenisierende, spiegelbildliche Freund- und Feindbildkonstruktionen. Sie ist vielleicht ein allgemeines Spezifikum nicht pluralisierter Staaten.

Anmerkungen:
[1] Hans Leyendecker, Seltsame Operation. Streit um ein vielgelobtes Buch zur Stasi in den Medien. In: Süddeutsche Zeitung, 10.12.2008, S. 17.
[2] Ders., Gelobt, gestoppt; Urheberrechtsstreit um Stasi-Buch: Kläger fordern Ordnungsgeld. In: Süddeutsche Zeitung, 11.12.2008, S. 15.
[3] Vgl. für alle Zitate Leyendecker, Seltsame Operation.
[4] Vgl. Renate Oschließ, Streit um Buch über Stasi und Fernsehen - Forscherinnen sehen Autorenrechte verletzt. In: Berliner Zeitung, 4.11.2008, S. 34.
[5] Vgl. genauer: Michael Meyen, Einschalten, Umschalten, Ausschalten? Das Fernsehen im DDR-Alltag, Leipzig 2003.
[6] Zitat Staadts in: ARD-Intendanten grübeln über Stasi-Spitzel, in: Der Fokus, 29.9.2003, S. 188.
[7] Lutz Danneberg / Wilhelm Schernus u.a., Die Rezeption der Rezeptionsästhetik in der DDR: Wissenschaftswandel unter den Bedingungen des sozialistischen Systems. In: Gerhard P. Knapp / Gerd Labroisse (Hrsg.), 1945-1995. Fünfzig Jahre deutschsprachige Literatur in Aspekten, Amsterdam 1995, S. 643-702, bes. S. 651.

Zitation
Henning Wrage: Rezension zu: Staadt, Jochen; Voigt, Tobias; Wolle, Stefan: Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West. Göttingen 2008 , in: H-Soz-Kult, 22.04.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10046>.
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22.04.2009
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