K.H. Frieser (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44

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Titel
Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten


Hrsg. v.
Frieser, Karl-Heinz
Erschienen
Umfang
XVI, 1319 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Dieckmann, Department of History, Keele University

Die Gewalt im Zweiten Weltkrieg eskalierte in den Jahren 1942-1945. Der Krieg – und damit die Gewalt – erreichte 1943/1944 seinen Höhepunkt. Diesen Zeitraum untersucht ein Autorenteam des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Es geht um die deutsche Kriegführung 1943-1944 in der besetzten Sowjetunion, Galizien, Rumänien und Ungarn sowie an den „Nebenfronten“ in Skandinavien, Jugoslawien, Griechenland, der Slowakei, Nordafrika und Italien.

Da bisher häufig nur suggeriert wurde, dass hinsichtlich der militärischen Verlaufsgeschichte längst alles gesagt und geschrieben sei, – so der Herausgeber Karl-Heinz Frieser – soll in erster Linie die militärische Operationsgeschichte in strategischer, taktischer und operativer Hinsicht untersucht werden. Die Interdependenz der verschiedenen Kriegsschauplätze in diesem Mehrfrontenkrieg wird ebenso betont wie die Beziehungen Deutschlands zu denjenigen verbündeten Staaten, die nun zu Schlachtfeldern wurden: Italien, Finnland, Rumänien und Ungarn.

Bernd Wegner arbeitet überzeugend heraus, dass sich nicht erst seit der Niederlage in der Schlacht um Stalingrad im Januar 1943, sondern bereits seit der zweiten Jahreshälfte 1941 abzeichnete, dass die Deutschen den Krieg als ganzen verlieren würden. Weil ein rascher Sieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1941 nicht gelang und die materielle und personelle Übermacht der Alliierten schlicht zu groß war, konnte das Deutsche Reich aus seiner defensiven strategischen Lage nicht mehr herauskommen. Es ging in Wirklichkeit nicht mehr um den Sieg, sondern um die Frage, wie man ein vertretbares Ende erreichen könne. Die militärischen Pläne gegen die Sowjetunion fielen notgedrungen von Jahr zu Jahr kleiner aus. Nach dem Scheitern des Blitzkrieges im Sommer 1941 sollte Operation „Blau“ im Sommer 1942 zur Eroberung einer für die Fortsetzung des Krieges erforderlichen Rohstoffbasis führen. Im Sommer 1943 hatte die Offensive bei Kursk („Zitadelle“) lediglich operativen Charakter und stellte einen Entlastungsangriff aus der strategischen Defensive heraus dar. Danach gab es an der Ostfront bis Kriegsende nur noch regionale Gegenangriffe, die allerdings den sowjetischen Vormarsch immer wieder erheblich verzögerten. Es handelte sich 1943-1945 im Grunde um eine allein auf Zeitgewinn abgestellte Defensive ohne Strategie (S. 1211). Hatte Hitler im Sommer 1942 noch ein sehr fragwürdiges Gesamtkonzept, musste er am 8. Juli 1943 eingestehen: „Ich wurstele mich von einem Monat zum anderen weiter.“ (S. 35) Die wachsende asymmetrische Verteilung der Ressourcen zwischen den Kriegsgegnern und die zunehmende Vernetzung und Interdependenz zwischen den Kriegsschauplätzen stellten die Deutschen vor unlösbare Dilemmata. Die Alliierten waren von der „Festung Europa“ nicht mehr fernzuhalten. Vielleicht – so die Hoffnung der deutschen Führung – könne eine strategische Niederlage im Westen noch vermieden werden. Ab Ende 1943 sollte im Westen geschlagen, im Osten gehalten werden. Lediglich „fixe Ideen“ ermöglichten den Glauben an einen deutschen „Endsieg“: seien es Wunderwaffen, ein plötzliches Auseinanderbrechen der Alliierten, oder doch noch der Zusammenbruch der Sowjetunion. Nach außen demonstrierte die deutsche Führung trotzige Entschlossenheit. Man werde siegen, weil man siegen müsse, so Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, im November 1943 vor den Reichs- und Gauleitern. Die Alternative wäre eine Wende der deutschen Kriegspolitik gewesen. Selbst ein „war cabinet“ anstelle der alleinigen Kompetenz Hitlers für die Gesamtstrategie hätte hier keine weiteren Alternativen entwickeln können.

Bernd Wegner erklärt Hitlers Weigerung, einen politisch-diplomatischen Frieden zu versuchen, nicht mit seinen vermeintlichen Endsiegillusionen. Hitler sah die militärische Aussichtslosigkeit des Krieges durchaus und früher als die meisten Generäle. Warum wollte er ihn in einem permanenten Radikalisierungsprozess nach innen und außen bis hin zum eigenen Untergang führen? Gegen die verbreitete Annahme, dass Hitler noch an den Endsieg geglaubt habe, argumentiert Wegner, Hitler habe den eigenen Untergang gestalten wollen und habe gehofft, die militärische Niederlage in einen moralischen Sieg verwandeln zu können. Kern dieses Gedankens war die Interpretation von 1918: Zusammenbruch, Revolution und Konterrevolution. Die Deutschen sollten im Unterschied zu 1918 in Ehren bis zum letzten Mann kämpfend untergehen. Die Toten sollten in Helden, Trauer in Stolz, und Niederlagen in Siege verwandelt werden. Nur der nach außen optimistische und heldenhafte Führer, so der Glaube Hitlers, könne die Deutschen bis in den Untergang an ihn binden. Was im Nachhinein als horrender Zynismus erscheint, stellte aus Sicht Hitlers und großer Teile der Generationen, die das Ende des Ersten Weltkriegs bewusst erlebt hatten, ein romantisches Ideal dar. Die Todesmetaphysik des Nibelungenliedes und Überlieferungen der rauschhaften Todesbejahung aus der Zeit der Kriege von 1812/1813 boten sich als Reservoir an, insbesondere die Bekenntnisschrift von Clausewitz mit ihrem Lob des glorreichen Untergangs. Auf sie bezog sich Hitler immer wieder. Ein heroischer Untergang bedeute die Chance, dass einmal erneut der Same aufgehe und eine wahre Volksgemeinschaft gebildet werde – das zentrale Anliegen der nationalsozialistischen Bewegung. Zudem – so Wegner weiter – bot die Verlängerung des Krieges die Möglichkeit, „das Judentum“ so weit wie möglich zu schwächen. Diese letzte These bleibt allerdings vage. Gleichwohl stellen die Zusammenfassungen und Analysen Wegners zweifellos die weiterführenden Passagen des Sammelbandes dar.

In den übrigen Kapiteln fasst Gerhard Schreiber kurz seine Forschungen zu den Kämpfen in Nordafrika und Italien zusammen, Klaus Schmider resümiert seine Monographie von 2003 zum Partisanenkrieg in Jugoslawien. Krisztián Ungvárys Beitrag zu Ungarn bietet zwar viel Material über das militärische Geschehen hinaus. Sein Text leidet aber erheblich unter der mangelnden sprachlichen Überarbeitung, der sprunghaften Gliederung und vielen Redundanzen. Klaus Schönherr beschreibt in lexikalischer Weise ausschließlich das militärische Geschehen auf dem Kuban-Brückenkopf, der Krim, in Galizien, den Beskiden, der Slowakei, in Rumänien und ganz knapp in Griechenland.

Den Kämpfen 1943-1944 in der Sowjetunion, dem Hauptthema des Bandes, widmet Karl-Heinz Frieser fast 500 Seiten. Vor allem seine Darstellungen provozieren eine Fülle von kritischen Fragen. Frieser konfrontiert den Leser mit längst überkommen geglaubten Weisen der Militärgeschichtsschreibung. Aus der reinen Binnensicht der Militärs werden hier Kriegswerkzeuge einander gegenüber gestellt, die dann „fechten“. In immer gleichem Schema bemüht sich Frieser, die jeweiligen Kräfteverhältnisse vor einer Schlacht zu erläutern, die Taktiken zu erklären, die Verläufe gerafft zu schildern und die Ergebnisse zu fixieren. Er blendet aber fast den gesamten Kontext der Kriegführung aus. Man erfährt kaum etwas über die Logistik und die Versorgungsfragen der jeweiligen gigantischen Armeen, nichts über die konkreten Besatzungsräume, in denen sie agierten. Kaum ein Wort wird über die Rückzugsverbrechen der Wehrmacht und ihren Kontext verloren. Die millionenhafte Vertreibung, Zwangsevakuierung und Aushungerung der sowjetischen Zivilbevölkerung und die planmäßige Verwüstung ganzer Regionen bleibt außerhalb des von ihm gezeichneten Bildes. Nur Wegner skizziert einige Grundlinien (S. 256-268). Frieser charakterisiert die deutsche Wehrmacht als professionell geführte Truppe, die schließlich nicht nur der Roten Armee, sondern vor allem Hitler zum Opfer gefallen sei. Er bezeichnet diese Situation gar als Zweifrontenkrieg (S. 565). Frieser schreibt fast ausschließlich aus der Nachkriegsperspektive deutscher Generäle, insbesondere des von ihm offensichtlich hoch verehrten Erich von Mansteins. Ihrer militärischen ‚Vernunft‘ wird immer wieder der ‚irrationale‘ Hitler gegenüber gestellt. Es bedarf der Lektüre der Abschnitte von Wegner, um dieses Zerrbild wesentlich zu differenzieren. Frieser kritisiert sowjetische Quellen scharf, deutsche hingegen kaum. Manche seiner Zahlenangaben erscheinen daher zweifelhaft.[1] Zwar korrigiert Frieser einige Legenden, die sich um wesentliche Schlachten ranken, und das Ausmaß der Kämpfe erscheint schier unglaublich mit Millionen gefallener Soldaten. Aber der Versuch, den Anteil der deutschen Generalität an der verbrecherischen Kriegführung zu minimieren, kann nicht überzeugen. Die salvatorische Klausel, dass wirtschafts- und besatzungspolitische Fragestellungen in anderen Bänden der Reihe untersucht würden (S. XIV), vermag dieses Manko nicht wett zu machen, zumal es für die Jahre 1943 und 1944 in den Bänden des MGFA auch nicht umgesetzt wurde.

Der Sammelband hinterlässt deshalb einen äußerst zwiespältigen Eindruck. Gleichwohl kann man viel aus ihm lernen, die fast hundert Karten sind ausgezeichnet, viele Tabellen sehr hilfreich und bei kritischer Lektüre kann er als Baustein sehr nützlich für die anfangs aufgeworfene Frage sein, warum eigentlich die Gewalt im Krieg immer mehr zunahm.

Anmerkung:
[1] Vgl. Roman Töppel, Kursk – Mythen und Wirklichkeit einer Schlacht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57,3 (2009), S. 349-384.

Zitation
Christoph Dieckmann: Rezension zu: Frieser, Karl-Heinz (Hrsg.): Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten. München 2007 , in: H-Soz-Kult, 22.02.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10090>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2010
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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