M. Wallraff u.a. (Hrsg.): Iulius Africanus Chronographiae

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Titel
Iulius Africanus Chronographiae. The Extant Fragments


Hrsg. v.
Wallraff, Martin; mit Roberto, Umberto; Pinggéra, Karl; Adler, William
Erschienen
Berlin u.a. 2007: de Gruyter
Umfang
LXXXIX, 350 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Weiß, Department of Ancient History, Macquarie University Sydney

Zu den bedauerlichsten Opfern des langen Überlieferungsweges antiker Literatur zählen die fünf Bücher Chronographiae des Iulius Africanus, eine im Jahre 221 n.Chr. fertig gestellte Weltchronik, die von Adam bis mindestens zur Auferstehung Christi reicht. Von ihr ist immerhin so viel wieder aufzuspüren, dass die Fragmente jetzt einen stattlichen Band in der Reihe der Griechischen Christlichen Schriftsteller (GCS) füllen. Die letzte Edition der Weltchronik des Africanus von Joseph Routh stammt aus dem Jahre 1814 (2. Auflage 1846). Heinrich Gelzer, Professor für Klassische Philologie und Alte Geschichte in Jena, hatte seine Edition der Africanischen Weltchronik bis zu seinem Tod (1906) nicht zum Abschluss bringen können. Eine Neuedition war also längst überfällig. Diese hat nun der ehemals in Jena, jetzt Basel lehrende Kirchenhistoriker Martin Wallraff besorgt, zusammen mit einer Arbeitsgruppe, zu der einige ausgewiesene Kenner der Gattung „Christliche Weltchronik“ gehören.[1] Die Herausgeber haben ihre schwierige Aufgabe auf mustergültige Weise gelöst und wir, die wir das Ergebnis jahrelanger Mühen nun in Händen halten, sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Daran können auch einige Kritikpunkte, die im nachfolgenden hervorgehoben werden, nichts ändern. So ist es beispielsweise begrüßenswert, dass dem Band – als erstem der Reihe GCS – eine Übersetzung beigegeben wurde, die von William Adler besorgt wurde. Warum allerdings bei einem der renommiertesten deutschen Wissenschaftsprojekte die Wahl auf Englisch fiel und ebenso die Einleitung auf Englisch verfasst wurde, dafür findet sich nirgends eine Begründung. Gerade in den Altertumswissenschaften erscheint die Abkehr von Deutsch als Wissenschaftssprache als überflüssige Selbstkasteiung. Hat man sich hier Verkaufsinteressen des Verlages unterworfen, der ja New York als zweiten Standort hat?

Für die Einleitungsfragen zeichnen zum größten Teil Martin Wallraff und Umberto Roberto verantwortlich. Karl Pinggéra hat die orientalischen Quellen bearbeitet. Zu einigen wichtigen Fragen, die bereits im ebenfalls von Martin Wallraff herausgegebenen Sammelband „Julius Africanus und die christliche Weltchronistik“ [2] kontrovers diskutiert wurden, nehmen die Herausgeber hier noch einmal abschließend Stellung. Mosshammers dort vorgetragene These, Africanus’ Zeitrechnung beginne umgerechnet im Jahr 5501/00 v.Chr. und nicht 5502/01, wird abgelehnt. Ebenso wird am Konsens festgehalten, dass Africanus’ Chronik bis 221 geht und wohl auch in diesem Jahr abgeschlossen wurde. Den literarischen Charakter der Chronographiae sehen die Herausgeber als „a rendition and re-adaptation of Hellenistic universal historiography, founded in a Christian theological framework, with a particular bias for Jewish history“ (S. XX). Die apologetische Tradition im allgemeinen, Theophil und Clemens im besonderen, seien die wichtigsten christlichen Vorläufer zu den Chronographiae des Africanus, die Chronographiae seien aber mehr als eine simple Fortsetzung dieser Tradition. Africanus’ Ansatz sei „scientific“, sein Interesse an präziser historischer Darstellung „mainly for the sake of knowledge“ (S. XXI). Die Konstruktion eines Gegensatzes von Apologetik und Wissenschaft erscheint jedoch künstlich; und der Rezensent bleibt dabei, dass er die von Burgess im genannten Sammelband vertretene Sichtweise für zutreffender hält.[3]

Zum jeweiligen Umfang der fünf Bücher der Chronographiae lässt sich naturgemäß (nach Schätzung der Herausgeber sind etwa 10–20 Prozent des Werkes erhalten) nichts Genaues sagen. Die Bücher 1–2 reichten wohl von Adam bis Moses, Buch 3 von Moses bis zur ersten Olympiade, Bücher 4–5 von dort bis zum Ende der Chronographiae. Die Herausgeber nennen mit Gelzer Africanus den Vater der christlichen Chronographie, seine Chronographiae seien das Modell für das neue Genre der christlichen Chronik. Man muss allerdings anmerken, dass die Chronographiae zwar das älteste erhaltene christliche chronographische Werk sind, Africanus aber keineswegs der erste christliche Chronograph war: Euseb (hist. eccl. 6,7) berichtet von einem gewissen Judas, der eine Chronographie bis zum zehnten Jahr des Severus geschrieben habe. Auf S. 55 des Sammelbandes meint Wallraff fälschlich, diese Angabe beziehe sich auf das Jahr 231/32, das zehnte Jahr des Severus Alexander. In der Edition (S. XXX) wird Judas ganz allgemein in das 3. Jahrhundert gesetzt. Euseb meint freilich – das geht aus dem Kontext der Stelle eindeutig hervor – das zehnte Jahr des Septimius Severus (202/03).[4] Es ist anzunehmen, dass dieses Schlussdatum nicht weit vom Abfassungsdatum der Chronographie des Judas entfernt liegt, die somit zweifelsfrei älter als das Werk des Africanus ist und damit die älteste uns bekannte, wenn auch nicht erhaltene christliche Chronik darstellt. Zu korrigieren ist auf S. XXVII fernerhin die Gleichsetzung des Todesdatums Caesars mit „Augustus’ own accession to the throne“.

Warum die Chronik des Africanus als Ganzes verloren gegangen ist, bleibt nach Ansicht der Herausgeber schwierig zu sagen. Africanus teile allerdings dieses Schicksal mit anderen dieses Genres: Von Hippolyt gibt es nur einige magere Fragmente, für Euseb sind große Teile nur in den lateinischen und armenischen Übersetzungen erhalten, von dem Chronisten Judas hörten wir bereits. Der Verlust hängt vielleicht damit zusammen, dass die Chroniken als ‚Gebrauchsliteratur‘ angesehen wurden. Gab es eine jüngere, kamen die älteren außer Gebrauch. Die Kapitel zu den Editionsprinzipien sollten vor Nutzung des Bandes unbedingt konsultiert werden, vor allem die Erläuterungen zu den vier kritischen Apparaten, die von unten nach oben gezählt werden, sowie zur Unterscheidung von Fragment und Testimonium. Zu den Kriterien für die Aufnahme von Fragmenten in die Sammlung sollte der ausführliche Beitrag von Wallraff in dem mehrfach erwähnten Sammelband hinzugezogen werden. Der ‚konservative‘ Grundsatz lautet: Die Zuweisung an Africanus muss „beyond all reasonable doubt“ gesichert sein (S. XLII). Allerdings werden unter F59a und F74 zwei Fragmente aufgenommen, für welche die Herausgeber selbst die Zuweisung an Africanus nur als wahrscheinlich ansehen (S. 175, Anm. 1 u. S. 229, Anm. 1).

Da ein großer Teil der Africanus-Fragmente aus Synkellos stammt, ist die beigegebene Übersetzung von Adler über weite Strecken auch identisch mit der Synkellos-Übersetzung von Adler/Tuffin.[5] In F15 hätte sich als Übersetzung für „epipháneia“ vielleicht „epiphany“ besser angeboten als „advent“; ebd. für „monarchía“ besser „monarchy“ (wie an anderen Stellen) als „sovereignty“; in T55,11f. vielleicht besser „autochthonous“ als „indigenous“ für „autochthonos“; in F87 wird „hierodoulos“ einmal mit „temple-servant“, einmal mit „temple slave“ übersetzt. F89,3 ist zwar wirklich schwierig zu übersetzen, „Oktaouios ho Sebastós“ muss allerdings titular übersetzt werden, nicht „Octavius Sebastus“; ebd. Z. 50 hätte „Aktia“ mit „Actium“ (dem Ort der entscheidenden Seeschlacht gegen Antonius) statt „Actia“ übersetzt werden müssen. Ganz kurz sei nur angemerkt, dass die Angabe „AD 193“ für T1 zu ungenau ist. Die Zeit von Pertinax und Septimius Severus umfasst die Jahre 193–211. Bei F14a hätte man sich doch eine Erläuterung gewünscht, warum Staabs [6] Einfügung von F14b in F14a nach Z. 4 nicht übernommen wird. Es handelt sich jedenfalls bei Africanus um eine überaus interessante Variante der Schöpfungsgeschichte, über die das letzte Wort sicher noch nicht gesprochen wurde.

Insgesamt liegt uns nun mit dieser neuen Edition der Chronographiae ein Werk vor, das größte Bewunderung verdient. Die Textmenge ist im Vergleich zur Ausgabe Rouths auf etwa das Doppelte angestiegen und umfasst nun 100 Fragmente. Diese mustergültig zugänglich gemacht zu haben, ist das bleibende Verdienst der Herausgeber unter der Leitung von Wallraff.

Anmerkungen:
[1] Umberto Roberto hat kürzlich die Fragmente der Chronik des Johannes Antiochenus herausgegeben (Berlin 2005), William Adler ist bekannt geworden durch sein Buch Time immemorial. Archaic history and its sources in Christian chronography from Julius Africanus to George Syncellus, Washington 1989, und durch seine Übersetzung der Chronographie des Synkellos (Anm. 5).
[2] Wallraff, Martin (Hrsg.), Julius Africanus und die christliche Weltchronistik, Berlin u.a. 2006. Vgl. dazu meine Besprechung in H-Soz-u-Kult, 21.04.2008 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=101410141).
[3] Vgl. Anm. 2.
[4] So richtig Adler im Anm. 2 genannten Sammelband, S. 148.
[5] Adler, William; Tuffin, Paul (Hrsg.), The Chronography of George Synkellos. A Byzantine Chronicle of Universal History from the Creation. Translated with Introduction and Notes, Oxford 2002.
[6] Vgl. dessen Beitrag im Anm. 2 genannten Band.

Zitation
Alexander Weiß: Rezension zu: Wallraff, Martin; mit Roberto, Umberto; Pinggéra, Karl; Adler, William (Hrsg.): Iulius Africanus Chronographiae. The Extant Fragments. Berlin u.a. 2007 , in: H-Soz-Kult, 21.04.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10179>.
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21.04.2008
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