T. Karlauf: Stefan George

Titel
Stefan George. Die Entdeckung des Charisma


Autor(en)
Karlauf, Thomas
Erschienen
München 2007: Karl Blessing Verlag
Umfang
816 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Holger Löttel, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

George könne er nicht lesen, bekannte der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer im November 1934, er habe es mehrfach versucht, „aber es ging nicht. (…) Es ist etwas Krankhaftes und Manieriertes in ihm, was mich immer abgestoßen hat".[1] Adenauer mag mit der Kritik am Georgeschen Manierismus sein bürgerlich-rationales Weltbild bekräftigt haben. Auf jeden Fall zeigte er kein Gespür für jene romantischen Sehnsüchte, welche die Jungendgenerationen vor und nach dem Ersten Weltkrieg in den Bannkreis des Dichters getrieben hatten, um an dessen Kampf gegen die „Entzauberung der Welt“ teilzuhaben. Die öffentliche Breitenwirkung dieses Feldzugs war ebenso spektakulär wie unerhört. In der Tat: Kaum ein anderer Poet der deutschen Literaturgeschichte hat derart provoziert und polarisiert wie Stefan George.

Das „Phänomen George“ zu ergründen und die (Un-)tiefen seiner Persönlichkeit auszuloten, wie Thomas Karlauf es nun getan hat, stellt höchste Anforderungen an den Biographen. In jeder Hinsicht war George ein Meister der Pose; unablässig inszenierte er Bilder seiner selbst, die eine Aura von Sakralität, von Unantastbarkeit schufen. Über die im Umlauf gebrachten Fotografien, auf denen er sich stets im halbseitigen Profil ablichten ließ, hat er penibel gewacht. Karlauf zitiert die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, für die „Stefan George (…) vielleicht der einzige Autor [ist], der auf Fotos wirkt, als habe er sich nie bewegt. (…) Reptilienhafte Reglosigkeit, nur ein kleines Pochen am Hals, das man sich als Andeutung hinzudenken mag zum Beweis, dass dieses sonderbare Geschöpf lebte“ (S. 255).

Karlauf ist der Aufgabe, hinter die Fassade dieser Stilisierungen vorzudringen, auf beeindruckende Weise Herr geworden. Sein in den Feuilletons enthusiastisch begrüßtes Buch schildert das Leben Georges entlang dreier Wirkungsabschnitte, die sich vom „Aufstieg“ (1868-1898) über die „Sendung“ (1899-1914) bis hin zum „Rückzug“ (1918-1933) erstrecken. Innerhalb dieses chronologischen Überbaus sind die Kapitel nach thematischen Gesichtspunkten gegliedert, wodurch eine kompakte Analyse ermöglicht wird, die an ihren besten Stellen den selbstformulierten Anspruch auf eine „dichte Beschreibung“ tatsächlich einlöst (S. 384-388). Karlauf stellt sein Quellenmaterial – archivalische Korrespondenz, Memoiren der Kreismitglieder, aber auch das lyrische Werk selbst – konsequent in den Dienst der biographischen Methode. Dass er die Dichtung als Teil der Inszenierungsstrategien begreift, mag aus literaturwissenschaftlicher Sicht zwar Anstoß erregen. Mit Blick auf die Kodierungstechniken, über die der „Meister“ mit seinen „Jüngern“ kommunizierte, erscheint dieser Zugriff aber plausibel.

Beim Schreiben des Buches hat sich Karlauf vom Ideal einer „klassischen Biographie mit vielen erzählerischen Elementen“ anleiten lassen, einem „His Life and Times“, das den Dichter im „Kontext seiner Zeit“ darzustellen versucht (S. 771, 770). Tatsächlich flechtet er den kultur- und modernisierungskritischen Zeitgeist dergestalt ein, dass man nachvollziehen kann, auf welchem Nährboden eine Figur wie George gedeihen konnte. Der ganz spezifische Zauber einer Persönlichkeit lässt sich aus den Quellen freilich nicht rekonstruieren – darauf kann auch ein so exzellenter Biograph wie Karlauf keine definitive Antwort geben. Warum ausgerechnet der Sohn eines Weinhändlers aus Bingen am Rhein die Menschen bereits während seiner obskuren Anfänge in den Bann zu schlagen vermochte, warum sich der Mythos in jener kritischen Embryonalphase etablieren ließ, bevor er sich fortlaufend selbst reproduzierte, das muss letztlich wohl im Dunkeln bleiben.

Wie die Georgeschen Beziehungsgeflechte aufgebaut waren und nach welchen Regeln sie funktionierten, vermag Karlauf allerdings detailliert aufzuzeigen. Es ist eine originelle Kernthese seines Buches, dass sich mit George – wie es im Untertitel heißt – die „Entdeckung des Charisma“ verbindet und der Kreis für Max Webers Theorie der charismatischen Herrschaft im Heidelberg der Vorkriegszeit gleichsam Modell stand: „Die Strukturen der Georgeschen Gemeinschaft lassen sich mit Hilfe des Weberschen Charisma-Konzepts ziemlich vollständig beschreiben.“ (S. 417) Und es leuchtet auch unmittelbar ein, dass George die von Weber so bezeichnete „außeralltägliche, magische Qualität“ besaß, „um derentwillen eine Persönlichkeit als ‚Führer’ anerkannt wird“ (S. 416).

Weil die Macht von Menschen über Menschen ein wichtiges Thema des Buches darstellt und sich darin die Tragik mancher Lebensläufe aus dem Jüngerkreis (bis hin zu mehreren Selbstmorden) zusammenzieht, ist es von der Mehrzahl der Rezensenten als ethisch fundierte George-Kritik gelesen worden. Für Volker Weidermann präsentierte die Lektüre einen Schreckensherrscher, „der sich noch die hündischsten Rituale gern gefallen ließ“.[2] Und Frank Schirrmacher vermochte sich nur zu wundern, „wie ein so unsympathisch-verachtungsvoller Mann solche Gedichte schreiben konnte“.[3] Gleichwohl betreibt Karlauf keine programmatische Mythenzerstörung, sondern grenzt sich bisweilen sogar explizit von den Autoren ab, die er der „George-kritischen Literatur“ zurechnet. Stefan Breuers Deutung des Dichters als kühl kalkulierendem „Menschenfischer“[4] hält er die wechselseitigen Abhängigkeiten entgegen, die sich aus der Dialektik von Herrschaftsanspruch und Beherrschungssehnsucht ergaben. Dadurch machte sich George bis zu einem gewissen Grade verwundbar (S. 516). Es lässt sich freilich fragen, ob menschliche Beziehungsdramen dieser Art durch die enge Orientierung am Weber-Modell nicht zu stark akademisiert werden. Auch Breuer konstatiert nämlich: „Wie der Meister seine Jünger braucht, so brauchen umgekehrt sie ihn – mit der freilich nicht unwesentlichen Nuance, dass sie ihn ständig brauchen, während er seine Objekte nur zeitweise benötigt und sie leicht austauschen kann“.[5] In diesem Sinne zeigt Karlauf mehrfach, wie George langjährige Beziehungsverhältnisse ohne Zögern beendete, wenn „Staatsangelegenheiten“ berührt wurden: Was im Falle offenen Ungehorsams „einzustürzen drohte, war ein Grundpfeiler der Georgeschen Ideologie“ (S. 517).

Dass Karlaufs Biographie so viel Aufmerksamkeit erregt hat, dürfte nicht zuletzt mit den Stauffenberg-Debatten zusammenhängen, die den Feuilleton derzeit in anderen Zusammenhängen beschäftigen. Des Dichters Werk sei allein deshalb „gegen das Vergessen immunisiert“, meint Frank Schirrmacher, weil Stauffenberg, der bekannteste Jünger des Kreises, während einer Bombennacht im Frühling 1944 „auf den Balkon trat, die Brände betrachtete und Verse aus Stefan Georges Gedicht ‚Der Widerchrist’ zitierte“.[6] Freilich: Diese apokalyptisch-düstere Szene kommt bei Karlauf gar nicht vor. Die alte Forderung Sebastian Haffners nach einem Kapitel deutscher Geistesgeschichte mit der Überschrift „George – Hitler – Stauffenberg“ geht nicht in Erfüllung, wie Jens Bisky mit Recht vermerkt hat.[7] So faszinierend gerade dieser Aspekt für Historiker auch sein mag, ist Karlauf gut beraten gewesen, das Leben Georges nicht auf den fernen Fluchtpunkt des 20. Juli hinzuschreiben. Aufs Ganze gesehen fällt es nicht leicht, den Dichter politisch zu verorten. Kritische Äußerungen zum Militarismus der Wilhelminischen Epoche überraschen, ebenso die hellsichtigen Prophezeiungen bei Kriegsausbruch 1914 („Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein, / Nur viele untergänge ohne würde“). Durch seine „polemische Distanzierung von allem Politischen“ verfiel er in der Weimarer Zeit jedoch zusehends einem „rechten Irrationalismus“, der dazu beitrug, „den Boden für die braune Saat zu bereiten“ (S. 579). Die kalkulierte Unschärfe und die Fehleinschätzungen, mit denen George dem neuen Regime im Frühjahr 1933 begegnete, desgleichen sein latenter Antisemitismus – all das wird in der notwendigen Deutlichkeit benannt und deckt sich mit Befunden aus ganz unterschiedlichen Forschungszweigen.[8]

Indem Karlauf das Buch mit einem kurzen Ausblick auf die „Tat“ des 20. Juli ausklingen lässt, hebt er seinen Gegenstand schließlich doch noch in einen großen wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang: "Wer über diesen Tag nachdenkt, wird auch über Leben und Werk des Dichters Stefan George nachdenken, eines Dichters, der glaubte, ein Täter zu sein." (S. 639) Stauffenbergs Anschlag deutet er als späte Abkehr von der Vergeistigung der „Tat“, wie George sie zeitlebens vorgenommen hatte. Der Preis dafür war hoch: "Am Ende des Weges stand ein Täter, der damit rechnen musste, das seine Tat nur noch symbolischen Charakter haben würde." (S. 639) Obwohl Karlauf hier einige Nuancen kritischer urteilt als unlängst Manfred Riedel[9], ist das schwierige Vermächtnis Georges für den 20. Juli durch den Imperativ der Tat doch akkurat erfasst.

Man legt Karlaufs Buch mit Begeisterung aus der Hand. Zwar dürfte über Stefan George noch längst nicht das letzte Wort gesprochen sein. Nun aber liegt eine Biographie vor, die Fantasie und Forschung gleichermaßen beflügeln wird.

Anmerkungen:
[1] Konrad Adenauer an Dora Pferdmenges, November 1934, in: Mensing, Hans Peter; Raths, Ursula (Hrsg.), Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949, Bonn 2007, S. 100-101, hier S. 100.
[2] Weidermann, Volker, Stefan George. Die dunkle Seite der Macht, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 5.8.2007.
[3] Schirrmacher, Frank, Eine literarische Sensation. Das Geheimnis des Stefan George, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 3.8.2007.
[4] Vgl. Breuer, Stefan, Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus, Darmstadt 1995, S. 45-52.
[5] Ebd., S. 67.
[6] Schirrmacher, Frank, Eine literarische Sensation. Das Geheimnis des Stefan George, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 3.8.2007.
[7] Bisky, Jens, Nur Lächeln war was du gegeben. Die Gebärde des Lebens: Thomas Karlaufs Biographie Stefan Georges rettet den poetischen Revolutionär vor Vergötzung wie Verdammung, in: Süddeutsche Zeitung v. 25./26.8.2007.
[8] Vgl. etwa Hoffmann, Peter, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Sonderausgabe Stuttgart 2004 (EA 1992), S. 118; Groppe, Carola, Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis, 1890-1933, Köln u.a. 1997, S. 650-656.
[9] Vgl. Riedel, Manfred, Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg, Köln u.a. 2006, S. 185f.

Zitation
Holger Loettel: Rezension zu: Karlauf, Thomas: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München 2007 , in: H-Soz-Kult, 26.10.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10233>.