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Titel
Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler


Autor(en)
Pyta, Wolfram
Erschienen
Berlin 2007: Siedler Verlag
Umfang
1117 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Kruse, FernUniversität in Hagen

Hindenburg geistert wie eine Schimäre durch die jüngere deutsche Geschichte. Irgendwie ist er immer und überall dabei gewesen, als junger Soldat auf den Schlachtfeldern von Königgrätz und bei der Gründung des Kaiserreiches 1871 im Spiegelsaal von Versailles, führend dann bei der Eroberung des deutschen Ostimperiums und der Hybris der Dritten Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg. Es war Generalfeldmarschall Hindenburg, der den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. während der Novemberrevolution 1918 zu Thronverzicht und Flucht drängte, unter seiner Regie wurden die deutschen Truppen demobilisiert und in die Weimarer Republik überführt, der er nur wenig später jedoch mit der Verkündung der „Dolchstoßlegende“ das Grab zu schaufeln begann. Trotzdem übernahm er seit 1925 als Reichspräsident das höchste Staatsamt der Republik, und schließlich war es auch Hindenburg, der in dieser Funktion Hitler zum Reichskanzler ernannte und der „nationalen Erhebung“ die Weihen der preußisch-deutschen Kontinuität verlieh.

Umso erstaunlicher ist es, dass Hindenburg in der Regel bisher keine entsprechend zentrale politische Rolle zugesprochen wird. Zumeist scheint es so, als sei er immer nur ein Emblem gewesen, ein Aushängeschild für andere, die in seinem Namen handelten: Die entscheidende strategische und politische Rolle in der Militärführung des Ersten Weltkriegs wird zumeist Ludendorff zugesprochen, und bei der Zerstörung der Weimarer Republik erscheint der greise Reichspräsident nur mehr als Spielball seiner Berater und einer ostelbischen Kamarilla, die ihn auf Gut Neudeck beeinflusste. Wolfram Pyta übernimmt demgegenüber den ambitionierten Versuch, Hindenburg als eine aktive politische Herrschergestalt zu zeigen, und er tut dies erstaunlicherweise genau auf der Ebene, die gemeinhin für die mangelnde politische Gestaltungskraft des Feldmarschalls und Reichspräsidenten spricht: seinem Mythos.

Symbolische Politik wird von Pyta im Lichte der neueren Kulturgeschichte nicht als Gegensatz zu realer politischer Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz begriffen, sondern als ihr integraler Bestandteil. In Bezug auf Hindenburg rückt dabei die charismatische Herrschaftslegitimation nach Weber in den Mittelpunkt der Analyse, erweitert durch die Frage nach ihren sozialen und kulturellen Voraussetzungen. Besonders in der gesellschaftspolitischen Situation des Kaiserreiches, in der das monarchische Prinzip an legitimatorischer Kraft eingebüßt habe, ohne schon von der Volkssouveränität abgelöst zu werden, sieht Pyta eine Voraussetzung für die Entstehung charismatischer Herrschaft. Den dafür notwendigen „Transfer symbolischer Kompetenz in herrschaftliche Befugnis“ (S. 63) habe Hindenburg vor allem deshalb leisten können, weil es ihm gelungen sei, als personifizierter Mythos zum herausragenden Repräsentanten der politischen Imagination Deutschlands aufzusteigen. Vor allem stand er dabei für die nationale Einheit, die deutsche Volksgemeinschaft, die er vom „Geist von 1914“ bis zur „nationalen Erhebung“ von 1933 in den Kern seines politischen Selbstverständnisses rückte.

Große Teile der Arbeit beschäftigen sich mit Hindenburgs Arbeit am eigenen Mythos. Zu einer sympathischen Figur wird er dabei nicht, ganz im Gegenteil. Seit der Schlacht bei Tannenberg – die „Vorgeschichte“ der ersten 66 Lebensjahre wird von Pyta nur gestreift – ging es Hindenburg vor allem darum, seine eigene, eigentlich im Vergleich zu Ludendorff eher bescheidene Rolle als siegreicher Feldherr herauszustellen und sich auf dieser Grundlage zum Garanten deutscher Einheit und Größe zu stilisieren. Wer immer ihm dabei in die Quere kam, der wurde von Hindenburg eiskalt verraten und fallengelassen: Zuerst opferte er Ludendorff, der nicht die Früchte seiner Erfolge ernten durfte, dafür aber die Verantwortung für die militärische Niederlage übernehmen musste. Es folgten Wilhelm II., von dem Hindenburg sich trennte, als die Revolution die Militärmonarchie zum Einsturz brachte, dann Ebert und Groener, später neben anderen, weniger bedeutenden, Brüning, Papen und Schleicher.

Doch ist das alles wirklich aktive, gestaltende Herrschaft, die Hindenburg ausübte? Im Vergleich zu den beiden herausragenden charismatischen Herrschergestalten der jüngeren deutschen Geschichte, zu Bismarck und zu Hitler, fällt der Vergleich zweifellos bescheiden aus. Pyta schreibt genau gegen diese Vermutung an, wenn er für den Ersten Weltkrieg die Erklärungskraft der Konzepte charismatische Herrschaft und militaristische Herrschaft gegeneinander profiliert, anstatt sie miteinander zu verbinden, und wenn er für die Weimarer Republik das Spannungsverhältnis zwischen der charismatischen und der legalen Legitimation von Hindenburgs Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Analyse rückt. Der Reichspräsident habe die legalen politischen Möglichkeiten seines Amtes nicht wirklich ausschöpfen können, weil er seinen Mythos umso mehr gefährdet sah, je stärker er sich auf die Niederungen der Tagespolitik eingelassen hätte.

Man könnte indes auch zu dem Schluss kommen, dass es Hindenburg von Anfang an weniger um politische Gestaltung als um die Pflege seines eigenen Mythos gegangen ist. Die nationale Volksgemeinschaft, die er anvisierte, aber nie wirklich herzustellen vermochte, stellte jedenfalls kein konkretes politisches Programm dar. Vielmehr war sie selbst nur ein Mythos, ein geschichtsmächtiger Mythos zweifellos, dem Hindenburg anhing, weil er sich als ihre Inkarnation begriff und ohne die Gewalthaftigkeit, die für seine Umsetzung in einer modernen Industriegesellschaft notwendig war, wirklich zu begreifen. Hier stammte er tatsächlich aus einer anderen Zeit, eine Kontinuitätslinie der deutschen Geschichte zwischen Hohenzollern und Hitler, die in Pytas Analyse deutlich zu kurz kommt. Und inwieweit Hindenburg tatsächlich eine Inkarnation nationaler Volksgemeinschaft darstellte, das heißt inwieweit er in der Gesellschaft wirklich parteiübergreifend so wahrgenommen wurde, dafür bietet Pytas Arbeit weit weniger Material als für die von Hindenburg aktiv betriebene Selbststilisierung.

Zweifellos ist die Arbeit mit weit über 1000 Seiten zu lang geraten, und es gelingt der Darstellung nicht immer, Wichtiges von Unwichtigem deutlich zu scheiden. Darüber hinaus wird die kulturalistische Begrifflichkeit teilweise überzogen, so als sei sie allein schon aussagekräftig genug. Trotzdem bleibt der Arbeit – neben dem wichtigen Hinweis auf Hindenburg als charismatischem Bindeglied zwischen Bismarck und Hitler – vor allem das große Verdienst, den nationalen Mythos Hindenburg nachhaltig destruiert und Hindenburgs aktive Rolle bei der Zerstörung der Weimarer Republik in aller Deutlichkeit herausgearbeitet zu haben. Hindenburg war persönlich tatsächlich wenig mehr als ein eitler und selbstgefälliger, vor allem aber seine eigene Bedeutung weit überschätzender Egomane, dem es im Grunde immer mehr um seinen eigenen Mythos als um die vielbeschworene Nation ging. Und er war keineswegs der skrupulös verfassungstreue Reichspräsident, als der er Zeitgenossen und Historikern zu ihrem Erstaunen oft erschienen ist, sondern er hat von Anfang an geschickt auf die Zerstörung der Weimarer Demokratie hingearbeitet. Dabei war er in hohem Maße erfolgreich, aber den offenen Weg zum autoritären Staat wollte Hindenburg selbst am Ende doch nicht gehen. Stattdessen verbündete er sich folgerichtig mit Hitler, der ihm seinen Mythos ließ, um darauf gestützt nun wirklich eine aktive Umgestaltung von Staat und Gesellschaft einzuleiten. „Volksgemeinschaft“, das Zauberwort, das Hindenburg immer nur im Munde geführt hatte, enthüllte nun seinen wahren, zutiefst gewaltsamen Charakter.

Zitation
Wolfgang Kruse: Rezension zu: Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Berlin 2007 , in: H-Soz-Kult, 28.01.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10258>.
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Veröffentlicht am
28.01.2008
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