Sammelrezension: Universitätsgeschichte

Alvermann, Dirk; Jörn, Nils; Olesen, Jens E.; Irrgang, Stephanie (Hrsg.): Die Universität Greifswald in der Bildungslandschaft des Ostseeraums. Berlin u.a. : LIT Verlag 2007 ISBN 978-3-8258-0189-2, 396 S. € 39,90.

Carl, Horst; Felschow, Eva-M.; Reulecke, Jürgen; Roelcke, Volker; Sargk, Corina (Hrsg.): Panorama - 400 Jahre Universität Giessen. Akteure - Schauplätze - Erinnerungskultur. Frankfurt am Main : Societäts Verlag 2007 ISBN 978-3-7973-1038-5, 320 S. € 29,95.

Müller-Schwefe, Gerhard: Vom Sprachmeister zum Professor. Die Geschichte des Englischen Seminars an der Universität Tübingen von den Anfängen (1735) bis zur Gegenwart. Tübingen : Attempto Verlag 2006 ISBN 978-3-89308-388-6, 126 S. € 14,90.

Szöllösi-Janze, Margit (Hrsg.): Zwischen 'Endsieg' und Examen. Studieren an der Universität Köln 1943-1948. Brüche und Kontinuitäten. Nümbrecht : Kirsch-Verlag 2007 ISBN 978-3-933586-52-0, 201 S. € 15,50.

Süß, Peter A.: Grundzüge der Würzburger Universitätsgeschichte 1402–2002. Eine Zusammenschau. Insingen : Verlag Degener & Co. 2007 ISBN 978-3-7686-9312-7, 251 S. € 28,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulf Morgenstern, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Die thematische Fülle des universitären Lebens hat längst auch auf die universitätsgeschichtliche Forschung durchgeschlagen, in der seit geraumer Zeit nicht mehr nur die traditionellen Fächergeschichten und Gelehrtenviten das Feld bestimmen. An die Seite dieser (nicht immer zu Unrecht) unter Hagiographieverdacht stehenden Darstellungsarten sind vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten etliche Arbeiten zu administrativ-finanziellen Aspekten sowie dem Verhältnis von Universität und Staat oder anders: von Wissenschaft und Politik allgemein getreten. Weitere struktur- und politikgeschichtliche Felder der Universitätsgeschichte schließen sich in beachtlicher Zahl in Detailforschungen zum akademischen Leben, etwa zum Promotionswesen, der Studentengeschichte oder der breiten universitären Alltagsgeschichte allgemein an, wobei die zeitliche Spanne mittlerweile bis weit in die Nachkriegszeit hineinreicht.[1] Einige Neuerscheinungen des letzten Jahres sollen hier stellvertretend vorgestellt werden.

Wie fruchtbar eine Verbindung aus quellengestützten Kenntnissen und farbigen Erinnerungen von Zeitzeugen sein kann, zeigt zunächst eine Neuerscheinung zur Geschichte des Studiums an der seinerzeit städtischen Universität Köln in den Jahren 1943 bis 1948. Höchst innovativ vereint der kleine, aus einem Hauptseminar der Kölner Neuzeithistorikerin Margit Szöllösi-Janze hervorgegangene Sammelband insgesamt 17, teils auch kurze Beiträge zur Geschichte des studentischen Alltags während der Endphase des Krieges und der amerikanischen und britischen Besatzung.[2] Das bereits 2005 in einem Buch über die Aberkennung von Doktorgraden in Köln in der NS-Zeit erprobte Konzept, auf der Basis von soliden Beiträgen eines Forschungsseminars wissenschaftsgeschichtliches Neuland zu betreten, hat auch hier einen handlichen, anschauungsreichen Band entstehen lassen. Die knappe Einleitung Szöllösi-Janzes zur Wiedereröffnung der Universität kann hier naturgemäß nicht die inhaltliche Tiefe der entsprechenden Abschnitte der Studie des Kölner Emeritus’ Leo Haupts haben, der dem ersten Nachkriegsjahrzehnt der Kölner Universität jüngst eine ganze Monographie gewidmet hat.[3] Der Vorteil des Bandes liegt denn auch auf einem ganz anderen als dem synthetisierenden Gebiet Haupts’: Szöllösi-Janzes Studenten schütten in ihren in sechs Hauptkapitel eingeteilten Beiträgen illustrativ ein wahres Füllhorn studentischer Belange und Interessen aus. Dem Leser der pointierten Texte erschließt sich so ein aus den erstaunlich dichten Kölner Aktenbeständen gearbeitetes Bild, das unter anderem Einzelaspekte zum Studium unter den Bedingungen des totalen Krieges, zur Wohn-, Ernährungs- und Kleidungssituation nach Kriegsende sowie zur Entnazifizierung oder ersten studentischen Auslandskontakten enthält.

Allenfalls darf die allzu große Liebe zum Detail einzelner Autoren bemängelt werden, die jedoch neben der Stofffülle der umfangreichen Überlieferung auch – als üblicher Fallstrick der oral history sozusagen – durch die empathische Bindung an das Thema durch die Arbeit mit Zeitzeugen entstehen kann. Weiterhin wäre eine gesonderte biographische Behandlung des ersten Kölner Nachkriegsrektors Joseph Kroll wünschenswert gewesen, der als Unbelasteter wie zahlreiche seiner Kollegen quasi im Alleingang eine deutsche Hochschule durch die nachdiktatorische Besatzungszeit „führte“, dabei persönlich jedoch noch erkennbare Schwierigkeiten mit dem pluralistischen Geist des angloamerikanischen Demokratiemodells hatte.

Eine lokale Integrationsfigur wie Kroll fehlte an der nicht weniger zerstörten, jedoch zuvor schon deutlich kleineren Universität Giessen, deren weitere Existenz bis zum Frühjahr 1947 durch amerikanische Besatzungswillkür und das beachtliche Selbstbewusstsein der benachbarten Marburger Universität sogar gänzlich offen blieb. Hatte die Universität Köln einen Beschützer in Konrad Adenauer, der als zeitweilig wieder amtierender Oberbürgermeister seine Vorkriegshochschulgründung gesichert sehen wollte, erwuchs der Giessener Hochschule der entscheidende Promotor ihrer Rückkehr in den erst 1957 wiedererlangten Universitätsrang in ihrem juristischen Alumnus Erwin Stein, der ebenfalls als Unionspolitiker vom Schreibtisch des Wiesbadener Kultusministeriums aus eine schützende Hand über den nordhessischen Wissenschaftsstandort hielt. Wie umstritten das Fortbestehen der traditionsreichen Justus-Liebig-Universität über Parteigrenzen hinweg war, erhellt einer von 23 biographischen Aufsätzen eines anlässlich der 400. Wiederkehr der Gründung der Universität Giessen erschienenen Jubiläumsbandes (Teil I. Akteure).

In einem zweiten großen Abschnitt genügt dieser Sammelband auch lokalhistorischen Ansprüchen (Teil II. Schauplätze). Eng damit verbunden ist der methodisch interessanteste letzte Teil (III. Erinnerungskultur), der sowohl kunst- als auch mentalitätsgeschichtlich Neues bringt. Neben älteren Realien und Insignien wie Rektorketten, Szeptern und Siegeln, Professorenporträts und Friedhofzeugnissen werden auch Epochen der Zeitgeschichte als solche zu Bestandteilen universitärer Memorialkultur erklärt und beschrieben. Dem mittlerweile obligatorischen Abschnitt zur Geschichte der Hochschule und ihrer Angehörigen im Nationalsozialismus und der Entwicklung des Umgangs mit diesem Teil der eigenen akademischen Tradition folgt ein kurzer Ereignisabriss zu „Studentischen Protestformen“ der Jahre 1968 und folgende. Es ist allerdings offenkundig, dass die Einordnung dieses Beitrags unter die Rubrik „Erinnerungskultur“ einen bereits erreichten Grad der Historisierung des Themas suggeriert, der in Giessen wie anderswo generationsbedingt noch kaum möglich sein kann.

Insgesamt lässt sich sagen, dass es nicht erstaunt, wenn das inhaltlich-strukturell wie optisch ansprechende Buch rasch vergriffen war und momentan für eine zweite Auflage vorbereitet wird. Stellt doch der von 42 ausgewiesenen Autoren bestrittene „Essay- und Bildband“ (S. 12) einen gelungenen Mittelweg zwischen einer mehrbändigen Prachtausgabe, die sich „alte“ deutsche Universitäten wie Freiburg oder Leipzig selbstvergewissernd gern geben [4], und eher schmalen Publikationen neu- oder wiederbegründeter Universitäten dar, die kaum dem breitesten Laieninteresse genügen.[5]

Auf eine nochmals 200 Jahre längere Universitätstradition als das oberhessische Giessen kann das mainfränkische Würzburg zurückblicken, wenn auch – wie etwa auch im Falle Kölns – mit langen Perioden der Unterbrechung. In seiner als Zusammenschau „von der ersten Gründung der Würzburger Universität 1402“ bis zum gegenwärtigen „Zeitalter der Massenhochschule“ angelegten Dissertation beleuchtet Peter A. Süß die 600jährige Geschichte der Julius-Maximilians-Universität.[6] Der Charakter des 250seitigen, gut lesbaren Buches ist allerdings auf den ersten Blick nur schwer zu erfassen: Einerseits führt ein detaillierter Anmerkungsapparat stets und ständig in die archivalische und bibliographische Tiefe der im Text behandelten Ereignisse und Entwicklungen. Und selbst bei einem so umfassenden Thema dürfte der Umfang der Arbeit auf das Wohlwollen der Gutachter angesichts der schon fast zur Norm gewordenen 500-Seiten Marke für historische Dissertationen gestoßen sein. Anderseits muss doch auch bei dem erkennbaren Bemühen um Proporz der Größe der 14 chronologischen Abschnitte auffallen, dass die Kapitel 10 „Erster Weltkrieg und Weimarer Republik“ und 11 „Die Gleichschaltung im Nationalsozialismus“ mit je acht bzw. zehn Seiten unverhältnismäßig kurz ausfallen. Selbst wenn man eine hohe Quellendichte für die frühneuzeitliche Phase als fürstbischöfliche Universität nach der Neugründung von 1576/82 und erst recht für das 19. Jahrhundert als „königlich-bayerische Provinzuniversität“ annimmt, bleibt es doch einigermaßen rätselhaft, wie gerade in einer Darstellung zu Würzburg, in dessen Staatsarchiv mit dem „Archiv der ehemaligen Reichstundentenführung“ ein außergewöhnlicher Bestand zur Hochzeit der studentischen Korporationen existiert, den Jahren von 1848/49 bis 1933 nur 28 Seiten eingeräumt werden.

Diese kompositorischen Bedenken treten bei der Lektüre jedoch rasch in den Hintergrund. Denn tatsächlich hält man mit dem vorliegenden Titel die kompakte Geschichte einer ehemals katholischen süddeutschen Universität in den Händen, die stringent deren Entwicklungsgang nachzeichnet. Der Leser lernt in geraffter Form die wesentlichen Würzburger Brüche und Kontinuitäten kennen: Etwa die scheinbare politische Durchschnittlichkeit und gar Belanglosigkeit der Studentenschaft im 19. Jahrhundert, die zwar 1819 in Teilen am sogenannten „Hep!Hep!“-Aufstand gegen jüdische Bürger der Stadt teilgenommen hatte, der aber sogar der mit den Karlsbader Beschlüssen ausgerüstete bayerische Ministerialkommissar in den folgenden Jahren „auch nicht die leiseste Spur“ von demagogischen Umtrieben nachweisen konnte (S. 113f.). Die gesellschaftspolitische Ruhmestat der Würzburger Studenten bestand dann in der 1848er Revolution auch nicht in der Beteiligung an obrigkeitsfeindlichen Versammlungen oder gar Barrikadenkämpfen wie in Berlin oder Wien, sondern im mittelalterlich-romantisierenden korporativen Auszug aus der Stadt nach offenkundigen Misshandlungen einzelner Studenten durch Truppenteile der stationierten bayerischen Militärs.

Der Blick in die Fußnoten in jedem der 14 Kapitel und erst recht das 50seitige Literaturverzeichnis zeigen, dass Süß seiner Arbeit eine „Bibliographie totale“ zu Grunde gelegt hat. Seine „Grundzüge der Würzburger Universitätsgeschichte 1402-2002“ sind weniger eine erzählerische Gesamtdarstellung wie seine in der Einleitung genannten Vorgängerarbeiten als vielmehr ein „hochwissenschaftliches Handbuch“, von dem aus sich auf dem Forschungsstand von 2006 leicht bis in den letzten Winkel der Würzburger Universitätsgeschichte bibliographieren lässt. Darin liegt der eigentliche, nicht zu unterschätzende Wert der Arbeit.

Die Geschichte einer kleineren deutschen Hochschule steht, wenn auch unter anderen Vorzeichen, im Blickfeld eines Tagungsbandes zur vornehmlich frühneuzeitlichen Entwicklung der Universität Greifswald. Erfreulich zeitnah zu einer Tagung im Mai 2006 liegt mit dem von den Greifswalder Historikern Jens E. Olesen, Dirk Alvermann und Nils Jörn herausgegebenen Band eine Sammlung von Aufsätzen zur neuzeitlichen Geschichte der Universität Greifswald in ihren territorialen Bezügen vor. Auch dieses Unternehmen wurde – wie im Falle Giessens und Würzburgs – maßgeblich von einem Jubiläum motiviert, das der institutions- und wissenschaftsgeschichtlichen Forschung zu der pommerschen Universität einen beachtlichten Schub zu einer Fülle von Untersuchungen gegeben hat.[7] Die Beiträge des hier anzuzeigenden Bandes widmen sich dem an anderen Universitäten in dieser Komplexität bisher nur selten untersuchten Spezialthema der Einbindung einer Hochschule in eine (über)regionale „Bildungslandschaft“.[8]

Dass dieser Raum außerordentlich ausgreifend war und im Grunde als Landschaft die gesamte skandinavische, baltische und russisch-polnische gelehrte Welt umfasste, wird aus den Titeln der Aufsätze erkenntlich. Greifswald verfügte demnach über ein weites nordöstliches Einzugsgebiet, was sich im Falle der nördlichen Nachbarn durch die lange schwedische Herrschaft von selbst erklärt, im Falle der slawischen und ungarischen Studenten jedoch zunächst überrascht. Denn wie Hilde de Ridder-Symoens in einem einleitenden Aufsatz schreibt, darf als ein konstituierendes Merkmal einer frühneuzeitlichen Bildungslandschaft sicherlich die konfessionelle Einheitlichkeit angesehen werden, zumal sie diese „dritte Phase“ der Universitätsgründungen Europas treffend mit „Konfessionalisierung Europas (ca. 1550- ca. 1680)“ überschreibt (S. 23).[9] Witold Molik und Lászlo Szögi weisen dann auch überzeugend nach, dass es sich bei den polnischen und ungarischen Studenten in Greifswald um Protestanten handelte, die in ihren Herkunftsländern keine Studienmöglichkeit, zumal in der Theologie, besaßen.

Neben weiteren Beiträgen zur Herkunft der Greifswalder Studenten einzelner nordeuropäischer Länder und Staaten nimmt sich Nils Jörn der Greifswalder Professorenschaft über die lange Spanne von der Gründung im Jahre 1456 bis zum nachnapoleonischen Übergang der Stadt an Preußen an. Für die Jahrzehnte bis zur Reformation kann er einen Prozentsatz von 39 von 100 Professoren aus Pommern nachweisen. Dieser Anteil stieg in den Jahren bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts auf 59, bis 1720 sogar auf 63 von 100. Maßgeblichen Einfluss auf das Gedeihen der Universität hatten mittlerweile die Schweden, unter deren Ägide die Lehranstalt am Ende des 30jährigen Krieges vor dem Ende gerettet wurde und sich dann in der Folge als pommersche Landesuniversität wieder verfestigen konnte. Zwar sank der Anteil der Landeskinder, die eine der innerhalb der Gelehrtendynastien nicht nur in Greifswald quasi erblich gewordenen Professuren innehatten, im Laufe des 18. Jahrhunderts auf 52 Prozent ab. Gebürtige Pommern stellten damit aber noch immer die Mehrheit des Lehrkörpers, obwohl etliche Akademikerfamilien nach „zwei oder drei Generationen […] die intellektuelle Kraft verlassen“ hatte (S. 178). Über die Jahrhunderte kann Jörn somit aufzeigen, dass Greifswald seinen wissenschaftlichen Nachwuchs vornehmlich aus Pommern und dem angrenzenden Ostseeraum rekrutierte, dem Gebiet also, in welches es, als Zentrum einer Bildungslandschaft verstanden, die größte Strahlkraft hatte.

Beim Eintritt Greifswalds in die preußische Verwaltungslandschaft bot seine Universität, wie Matthias Asche herausarbeitet, kein besonders erbauliches Bild. Die „Familienuniversität“ kennzeichnete ein in „konfessioneller Enge erstarrter Lehrbetrieb“ (S. 29), der im schroffen Gegensatz zu den zeitgenössisch modernen humboldtschen Universitätsideen stand. Anders als altehrwürdige Universitäten wie Erfurt oder die brandenburgische Landesuniversität in Frankfurt an der Oder blieb Greifswald jedoch von der Schließung verschont, was als Zugeständnis des großen Gewinners des Wiener Kongresses, Preußen, bei der Übernahme Pommerns in sein Staatsgebiet im Jahr 1815 vertraglich mit Schweden geregelt wurde. Wie „schwedisch“ Greifswald zuvor gewesen war, untersucht Asche dann anhand der faktischen Überprüfung der attributiven Zuschreibungen „Ostsee-Universität“, „schwedische Universität“ und „hansische Universität“. Wie in dem Aufsatz Simone Gieses zur speziellen Bedeutung Greifswalds für die schwedischen Studenten wird immer wieder deutlich, wie vieldeutig sich die Begriffe erweisen, wurden doch Wittenberg und vor allem Rostock noch stärker von Schweden frequentiert.

Insgesamt lässt sich sagen, dass der Band viel Neues zur bildungsgeographischen Verortung Greifswalds bis ins 20. Jahrhundert hinein bringt. Erkenntnis fördernd wirken hierbei wie stets Vergleiche, wie sie mehrere der 17 Beiträge in der besonders mühevollen statistischen Erfassung von Immatrikulationszahlen auch etlicher weiterer Universitäten liefern. Einziges Monitum ist das Fehlen eines Personenverzeichnisses, das den wissenschaftsbiographischen Zugriff auf den Band erleichtert hätte.

Einen solchen Zugriff wählt explizit der Tübinger anglistische Emeritus Gerhard Müller-Schwefe in seiner als Instituts- und Fachgeschichte getarnten Kurzautobiographie. Voll wohltuender Selbstironie verweist der 1914 in Bochum Geborene bereits im Vorwort des kleinen, 126seitigen Bandes auf seine altersbedingten Qualitäten, denn er könne als Emeritus, „an dem schon zwei nachfolgende Generationen vorbeigezogen sind, von seinen gerontischen akademischen Höhen aus eher überblicken, wo das Kleine wirklich klein und das Große als inspirierendes Großes klassifiziert werden sollte“ (S. 8).

Müller-Schwefe widmet der Frühgeschichte seines Faches, das heißt im 18. und frühen 19. Jahrhundert dem bloßen englischen Sprachunterricht, einen knappen einführenden Teil. Das Entstehen einer tatsächlichen Amerikanistik in der Mitte des 20. Jahrhunderts schildert der Autor dann schon aus der Zeitzeugenperspektive, die trotz des stetigen Einbeziehens archivalischer Quellen deutlich den Charakter des Textes bestimmt. Von größerer Bedeutung innerhalb des amerikanistischen Abschnitts ist die knappe Würdigung Hildegard Gaugers (1880-1975), die 1950 zur ersten Professorin Tübingens ernannt wurde. Anders als bei ihr folgt Müller-Schwefe bei Carl August Weber (1895-1955) und Hans Galinski (1909-1991) nicht den Wertungen des momentan prominentesten Kenners der biographischen Fachgeschichte der deutschen Neuphilologien im 20. Jahrhundert, Frank-Rutger Hausmann, dessen Beurteilungen der anglistisch-amerikanistischen NS-Verstrickungen er „selektiv“ nennt, ohne allerdings seinerseits näher auf die Dinge einzugehen.[10]

Den breitesten Teil nimmt dann die Entwicklung der Tübinger Anglistik unter Müller-Schwefe selbst (ab 1956) ein, wobei in einem nicht von Selbstlob freien Stil Ereignisse und Entwicklungen teilweise lediglich in aufzählender Form wiedergegeben werden. Interessante Episoden, etwa aus den Untiefen des bundesdeutschen Arbeitsrechts, wo das versehentliche Zustandekommen eines „unkündbaren Kettenvertrages“ mit einem nur als dreist zu bezeichnenden Lektor dazu führte, dass dieser, durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und ein rechtskräftiges Urteil bestärkt, seine Stelle bis zum Erreichen des Rentenalters inne behielt, machen den Abschnitt trotz alledem lesenswert.

Am Ende geht Müller-Schwefe noch auf die lange nach seiner aktiven Zeit einsetzenden Maßnahmen der „Evaluierung als Nothelfer“ ein (S. 120-125), und spricht damit das momentan am meisten bemühte Wundermittel im permanent dem wirtschaftlichen Zeitgeist nachlaufenden Modernisierungsdrang nicht nur der Universität Tübingen an. Wenn dies auch in ideeller gesinnten, früheren Zeiten, etwa den älteren Abschnitten der oben besprochenen universitätsgeschichtlichen Literatur, anders war, so galt doch dort ebenfalls das Kernmerkmal der Evaluierung, das Müller-Schwefe an anderer Stelle in einer Bildunterschrift (S. 81) treffend formuliert: „Viel ‚red tape’-‚Bürokratie’ gehört zum Hochschul-Alltag.“

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Wolfgang E.J. Webers Rezension zu: Wirbelauer, Eckhard; Hausmann, Frank-Rutger; Paletschek, Sylvia (Hrsg.), Die Freiburger Philosophische Fakultät 1920-1960. Mitglieder - Strukturen – Vernetzungen, Freiburg u.a. 2007. In: H-Soz-u-Kult, 21.11.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-146>.
[2] Szöllösi-Janze, Margit; Freiträger, Andreas (Hrsg.), „Doktorgrad entzogen!“ Aberkennung akademischer Titel an der Universität Köln 1933–1945, Nürmbrecht 2005.
[3] Vgl. u.a. Tobias Schulz‘ Rezension zu: Haupts, Leo, Die Universität zu Köln im Übergang vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik, Köln 2007. In: H-Soz-u-Kult, 19.12.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-228>.
[4] 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 5 Bde., Freiburg 2007: Bd. 1: Speck, Dieter (Hrsg.), Bilder – Episoden – Glanzlichter, Bd. 2: Smolinsky, Heribert (Hrsg.), Von der hohen Schule zur Universität der Neuzeit, Bd. 3: Martin, Bernd (Hrsg.), Von der badischen Landesuniversität zur Hochschule des 21. Jahrhunderts, Bd. 4: Rüchardt, Christoph (Hrsg.), Wegweisende Naturwissenschaftliche und medizinische Forschung, Bd. 5: Martin, Bernd (Hrsg.), Institute und Seminare seit 1945. Auch die Universität Leipzig plant für ihr 600. Gründungsjubiläum im Jahre 2009 eine fünfbändige Geschichte.
[5] Modrow, Irina, Wonach in Frankfurt „jeder, der nur wollte, gute Studien machen konnte ...“: Eine kleine Geschichte der Viadrina anlässlich ihres 500. Jubiläums, Schöneiche bei Berlin 2006.
[6] Eine komprimierte Form der Arbeit erschien bereits zum Würzburger Universitätsjubiläum 2002. Vgl. Süß, Peter A., Kleine Geschichte der Würzburger Julius-Maximilians-Universität, Würzburg 2002.
[7] Neuerscheinungen zur Geschichte der Universität Greifswald sind u.a. Grabe, Irmfried (Hrsg.), Greifswalder theologische Profile: Bausteine zur Geschichte der Theologie an der Universität Greifswald, Frankfurt am Main u.a. 2006; Alvermann, Dirk; Dahlenburg, Birgit, Greifswalder Köpfe: Gelehrtenporträts und Lebensbilder des 16. - 18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität, Rostock 2006; Alvermann, Dirk; Spieß, Karl Heinz (Hrsg.), Universität und Gesellschaft. Festschrift zur 550-Jahrfeier der Universität Greifswald 1456–2006 (Bd. 1: Die Geschichte der Fakultäten im 19. und 20. Jahrhundert; Bd. 2: Stadt, Region und Staat), Rostock 2006; Buchholz, Werner (Hrsg.), Die Universität Greifswald und die deutsche Hochschullandschaft im 19. und 20. Jahrhundert: Kolloquium des Lehrstuhls für Pommersche Geschichte der Universität Greifswald in Verbindung mit der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Stuttgart 2004.
[8] Für Leipzig siehe etwa jüngst Döring, Detlef (Hrsg.), Universitätsgeschichte als Landesgeschichte. Die Universität Leipzig in ihren territorialgeschichtlichen Bezügen, Leipzig 2008.
[9] Zum Begriff der Bildungslandschaft in der Frühen Neuzeit vgl. Töpfer, Thomas, Gab es „Bildungslandschaften“ im Alten Reich? Dimensionen und Möglichkeiten einer aktuellen Kategorie der frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte am Beispiel Mitteldeutschlands, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 9 (2006), S. 101–112.
[10] Hausmann, Frank Rutger, Anglistik und Amerikanistik im „Dritten Reich“, Frankfurt am Main 2003.

Zitation
Ulf Morgenstern: Rezension zu: Alvermann, Dirk; Jörn, Nils; Olesen, Jens E.; Irrgang, Stephanie (Hrsg.): Die Universität Greifswald in der Bildungslandschaft des Ostseeraums. Berlin u.a. 2007 / Carl, Horst; Felschow, Eva-M.; Reulecke, Jürgen; Roelcke, Volker; Sargk, Corina (Hrsg.): Panorama - 400 Jahre Universität Giessen. Akteure - Schauplätze - Erinnerungskultur. Frankfurt am Main 2007 / Müller-Schwefe, Gerhard: Vom Sprachmeister zum Professor. Die Geschichte des Englischen Seminars an der Universität Tübingen von den Anfängen (1735) bis zur Gegenwart. Tübingen 2006 / Szöllösi-Janze, Margit (Hrsg.): Zwischen 'Endsieg' und Examen. Studieren an der Universität Köln 1943-1948. Brüche und Kontinuitäten. Nümbrecht 2007 / Süß, Peter A.: Grundzüge der Würzburger Universitätsgeschichte 1402–2002. Eine Zusammenschau. Insingen 2007 , in: H-Soz-Kult, 12.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10292>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.02.2008
Redaktionell betreut durch