B. P. McGuire (Hrsg.): Companion to Jean Gerson

Cover
Titel
A Companion to Jean Gerson.


Hrsg. v.
McGuire, Brian Patrick
Erschienen
Umfang
XXVI, 431 S.
Preis
€ 90,18
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke Institut, Freie Universität Berlin

Bereits die Zeitgenossen gaben ihm den Beinamen doctor consolatorius und verwiesen damit auf eine Fähigkeit, die unter den einflussreichen Gelehrten des späten Mittelalters nicht eben häufig anzutreffen war. Jean Gerson galt ihnen als Musterbeispiel eines Theologen, in dessen Schriften sich Vernunft und Gefühl, intellectus und affectus auf überzeugende Art und Weise miteinander verbanden, um zum Nutzen der Gläubigen zu wirken. Wenig überraschend verortete ihn denn auch der Großteil der Forschung nicht im Bereich der spekulativen, sondern – wenn überhaupt – im Bereich der praktischen Theologie, unterstrich damit aber lediglich eine der vielen Facetten im Charakter eines Mannes, dessen Vita die gängigen Schemata vom Aufstieg eines Pariser Universitätsgelehrten konterkarierte. 1363 geboren, von bescheidener Herkunft, machte der junge Gerson im Pariser Collège de Navarre auf sich aufmerksam und fand im nur wenig älteren Pierre d’Ailly einen engagierten Förderer. Innerhalb der Pariser Universität brachte er es bis zur Kanzlerwürde, was aber eben nicht zu einem Rückzug in den immer noch von scholastischen Denkmethoden geprägten Universitätsbetrieb, sondern im Gegenteil zu verstärkter Anteilnahme an den politischen Auseinandersetzungen der Zeit führte, in die Gerson durch eine rege Predigttätigkeit und eine Vielzahl von Schriften konsequent und engagiert eingriff. Dieser Mut zur klaren Positionierung war nicht immer von Vorteil: Nach seinem Wirken als einflussreicher Teilnehmer des Konzils von Konstanz war ihm eine Rückkehr nach Paris nicht mehr möglich, so dass er 1429 zwar hochgeachtet, nichtsdestotrotz aber exiliert in Lyon verstarb.

Jean Gerson agierte als Theologe, verstand die Anforderungen, die sich aus seinem Amt ergaben, jedoch in gut katholischem, das heißt umfassendem Sinne: Der Weg zur Philosophie, zur Mystik und eben auch zur Politikberatung war alles andere als weit. Angesichts der Spannbreite an Tätigkeitsfeldern, angesichts eines erdrückenden Oeuvres, das noch immer durch Zufallsfunde in Bibliotheken und Neuzuschreibungen erweitert wird (und das nach wie vor nur in einer hochproblematischen Edition vorliegt [1]), rettete sich die Gerson-Forschung bisher mit einer Art Notbehelf, der in der Fragmentierung der komplexen Persönlichkeit und ihres Werkes bestand. Eine modernen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Gerson-Biografie liegt erst seit 2005 vor.[2] Der Autor dieser Monographie, der in Roskilde lehrende Mediävist Brian Patrick McGuire, zeichnet auch als Herausgeber für den vorliegenden Sammelband verantwortlich, der nicht allein der Dokumentation des Forschungsstandes dient, sondern in dem auch aktuelle Forschungstrends aufgezeigt werden sollen. Zehn Artikel widmen sich nicht allein biografischen Aspekten, sondern behandeln Gersons Stellung zu Laienfrömmigkeit, mystischer Theologie und Humanismus, sein Agieren als Universitätskanzler und die von ihm entwickelten Strategien in Hinblick auf Konfliktvermeidung bzw. Deeskalation, seine vermeintliche Misogynie und die Intervention in den Streit um den Rosenroman – eine wahrlich breite Palette, bei der die Balance zwischen allgemeinen Betrachtungen und Detailuntersuchungen gewahrt bleibt.

Nach einem Überblick über Leben und Werk durch Brian P. McGuire (In search of John Gerson. Chronology of his life and works, S. 1-41) widmen sich die Beiträge von Daniel B. Hobbins (Gerson on lay devotion, S. 41-79), D. Zach Flanagin (Making sense of it all. Gerson’s biblical theology, S. 133-179), Jeffrey Fisher (Gerson’s mystical theology. A new profile of its evolution, S. 205-249) und Nancy McLoughlin (Gerson as a preacher in the conflict between mendicants and secular priests, S. 249-293) theologischen Aspekten. Während Hobbins auf überzeugende Weise Gersons Dilemma im Umgang mit der sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts immer stärker Bahn brechenden und in unterschiedlichen, nicht immer orthodoxen Formen sich artikulierenden Laienfrömmigkeit darlegt, erläutert Flanagin ausgesprochen subtil Gersons Position im Hinblick auf die „richtige“ Interpretation des biblischen Textes, eine Interpretation, die der Kanzler mit Verzicht auf alle Extreme als via media zwischen wörtlichen und weiterführenden Sinnebenen verstanden wissen will. Deutlich wird hier, wie Gerson selbst daran scheitert, die Widersprüche in seinem Denken aufzulösen – und die These des Autors, dass sich hinter Gersons Unsicherheit und Widersprüchlichkeit eine Krise des theologischen Denkens im späten Mittelalter überhaupt verbirgt, hat vor diesem Hintergrund durchaus etwas für sich. Fisher stößt mit seinen Ausführungen zur mystischen Theologie in eine Forschungslücke und unterzieht das bisher maßgebliche, aber veraltete Standardwerk von André Combes[3] einer Neubewertung. Mit Blick auf Gersons mystische Schriften wird eine Entwicklung deutlich, die zunächst die wichtige, ja zentrale Stellung des affectus betont, danach diese Stellung jedoch relativiert, allerdings nicht durch eine Form des intellectus ergänzt oder gar ersetzt.

Die Bettelorden subsumiert Gerson unter die vier großen Plagen der Kirche und stellt sie damit auf eine Stufe mit den frühen Christenverfolgungen, den Häresien und dem Kommen des Antichristen. Der Beitrag von Nancy McLoughlin verdeutlicht, dass es Gerson in seiner Zeit als Kanzler der Universität Paris nicht gelang, sich von dieser extrem negativen Sichtweise zu lösen. Tatsächlich artikulierte Gerson Zeit seines Lebens massive Bedenken in Hinblick auf die theologische und (universitäts)politische Integrität insbesondere der Dominikaner. Dies führte zu verstärkten Anstrengungen, die Bettelorden den Ortsbischöfen zu unterstellen und damit ihr Exemtionsprivileg in Frage zu stellen – etwas, woran sich schon andere vergeblich versucht hatten. Gersons Engagement – in einigen polemisch zugespitzten Streitschriften dokumentiert – war wenig überraschend nicht von einem dauerhaften Erfolg gekrönt.

Gilbert Ouy, Nestor der Gerson-Forschung und Widmungsträger des vorliegenden Sammelbandes, zeigt sich als glühender Verteidiger seiner schon seit längerem (nicht zuletzt gegen Brian P. McGuire) artikulierten Überzeugung, Gerson unter der Rubrik der ersten französischen Humanisten zu führen (Discovering Gerson the humanist. Fifty years of serendipity, S. 79-133). Sein Beitrag dient nicht allein der Stützung dieser zentralen These, sondern liefert durchaus persönlich gehaltene Einblicke in ein Forscherleben, das sich – dem CNRS sei Dank – frei von äußeren Beeinflussungen und Zwängen über Jahrzehnte fast ausschließlich Gersoniana widmen durfte.

Die Ausführungen von Francis Oakley (Gerson as conciliarist, S. 179-205) ermöglichen ein besseres Verständnis der Rolle Gersons auf dem Konzil von Konstanz, die in einem klaren Bekenntnis zur Superiorität des Konzils über den Papst gipfelte und wohl dazu beigetragen hat, sämtliche später unternommenen Versuche, Gerson zu kanonisieren, scheitern zu lassen.

Insbesondere die Gender-Forschung amerikanischer Prägung arbeitet sich seit Längerem an Gersons Stellung gegenüber Frauen ab. Während Renate Blumenfeld-Kosinski (Jean Gerson and the debate on the Romance of the Rose, S. 317-357) einen pointierten Überblick über Gersons Engagement im Rosenromanstreit und sein Verhältnis zu Christine de Pizan liefert, geht Wendy Love Anderson einen Schritt weiter und unterzieht das Bild von Gerson als strammem Misogynen einer Revision dergestalt, dass sie die in der Forschung stets isoliert betrachteten Textfragmente kontextualisiert und damit die bisher herrschende Sichtweise dekonstruiert (Gerson’s stance on women, S. 293-317). Yelena Mazour-Matusevichs Ausführungen zur Gerson-Rezeption von 1429 bis zur Französischen Revolution (Gerson’s legacy, S. 357-401) beschließen den Sammelband.

Sicher, die enorme Spannbreite des Phänomens „Gerson“ wird von den zehn Autoren auch nicht annähernd ausgeschöpft. Man bedauert insbesondere das Fehlen von Beiträgen, die Gersons Wirken als Universitätsreformer behandeln oder seine Stellung zu den traditionellen Orden in den Blick nehmen würden. Die wohl schmerzlichste Lücke stellt jedoch der Verzicht auf Ausführungen zu Gersons Predigttätigkeit dar. Man übertreibt wohl nicht mit der Feststellung, dass die Stellung als Prediger einer dringenden Neubewertung bedarf – einer Neubewertung, in die neben den volkssprachlichen unbedingt auch die lateinischen Sermones miteinbezogen werden müssten. Die erwähnten Leerstellen dokumentieren aber nur die Komplexität Gersons und demonstrieren eindrucksvoll, dass sich der Kanzler jedweder Kategorisierung entzieht und tatsächlich als „figure that summarized late medieval culture“ (xiii) angesehen werden kann, einer Kultur, deren Facettenreichtum sich sowohl in seiner Persönlichkeit als auch in seinem Werk wiederfindet. Zu wünschen bleibt, dass insbesondere die deutsche Spätmittelalterforschung auf die vermehrte Publikationstätigkeit im angelsächsischen und französischen Raum reagiert und dem Kanzler nach langen Jahren eines zutiefst selektiven Umgangs mit seinen Schriften wieder die Beachtung schenkt, die ihm gebührt. Der vorliegende Sammelband liefert dazu Anregung genug.

Anmerkungen:
[1] Glorieux, Palémon (Hrsg.), Jean Gerson. Œuvres complètes, 10 Bde., Paris 1960-73.
[2] McGuire, Brian P., Jean Gerson and the last medieval reformation, University Park, PA, 2005.
[3] Combes, André, La théologie mystique de Gerson. Profil de son évolution, 2 Bde., Paris 1963/64.

Zitation
Ralf Lützelschwab: Rezension zu: McGuire, Brian Patrick (Hrsg.): A Companion to Jean Gerson. Leiden 2006 , in: H-Soz-Kult, 19.03.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10326>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.03.2008
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation