Titel
Literatur und Krankheit im Fin-de-Siècle (1890-1914). Thomas Mann im Europäischen Kontext. Die Davoser Literaturtage 2000


Hrsg. v.
Sprecher, Thomas
Erschienen
Frankfurt/M. 2002: Vittorio Klostermann
Umfang
284 S.
Preis
€ 58.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Kailer, SFB/FK 435 "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel"

Wenn Goethe der größte Arbeitgeber der Germanisten sei [1], dann stünde, so Jochen Eigler im Eingangsaufsatz des hier vorliegenden Sammelbandes, die Silbermedaille in dieser Bestenliste Thomas Mann zu. Ob der so Plazierte sich in diesem Rang eingerichtet hätte, es zufrieden gewesen wäre? Man wagt es zu bezweifeln. Verfolgt man den Gedanken olympischer Rangfolge in Hinsicht auf literaturwissenschaftliche Arbeitsbeschaffung weiter, so kann man vielleicht auch in der literarischen Motivgeschichte Medaillen verteilen: Wenn - so sei unterstellt - das Motiv der "(unerfüllten) Liebe" den ersten Platz beanspruchen kann, dann rangiert der Motivkreis "Krankheit" wohl nur knapp geschlagen auf dem zweiten Platz.

Hier nun aber war Thomas Mann, der beide Motivkreise ganz und gar umfaßte, in seiner Disziplin. Man glaubt daher den Kern des Mannschen Schaffens vor sich zu sehen, wenn er den Dr. Krokowski im "Zauberberg" einen Vortrag über die "Liebe als krankheitsbildende Macht" mit der Feststellung schließen läßt, dass die nicht zugelassene, unterdrückte Liebe in Gestalt und Maske der Krankheit wiedererscheine. Krankheitssymptome, so der Arzt, als verkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit als verwandelte Liebe. Krankheit aber auch, so nun wohl des Autors Auffassung, als "Auszeichnung" (Inge Jens) in der Erhebung über bürgerliche Normalitätspflicht und auch als Merkmal des genialischen Künstlertums. Wieder einmal reicht das Werk hinein in das Leben desjenigen, der einen "Tonio Kröger" schrieb oder den "Tod in Venedig"; wieder einmal verwickeln sich Dichtung und Wahrheit im Lebens-Text eines Autors, der seine Stoffe mehr 'fand als erfand' und der letztlich doch nur "von mir, von mir" [2] schrieb.

"Literatur und Krankheit" also - mit dem vorliegenden Sammelband ist erneut eine lesenswerte Publikation aus den "Davoser Literaturtagen", jenen des Jahres 2000 dieses Mal, hervorgegangen. Seit 1994 widmet man sich dort den Beziehungen zwischen Literatur und Krankheit; kondensiert vor allem im Werk Thomas Manns, im "Zauberberg" und - eben - in Davos. Die "Literaturtage" spielen diesen 'Heimvorteil', um im sportlichen Bild zu bleiben, gekonnt aus. Der vorliegende Band ist bereits der vierte einer ganzen Reihe zu dieser fruchtbaren Konstellation, eine Reihe, die bislang, trotz einer ursprünglich breiter gedachten Ausrichtung, nicht über Thomas Mann hinausgekommen ist. Auch wenn so manch andere Geistesgröße auf der Suche nach Erholung und Heilung den Weg ins Hochgebirge fand und die Aufmerksamkeit der Gelehrten verdient hätte, ist diese Konzentration auf Thomas Mann kein Schaden; im Gegenteil steht bei der Vielfalt der (kon)textuellen Bezüge in dessen Werk kaum zu befürchten, dass der Gegenstand bald ausinterpretiert sein könnte. Was sich hier noch für Forschung und Interpretation auftut, läßt Goethes angesprochenen Spitzenplatz als Germanistenbeschäftiger vielleicht doch noch ins Wanken geraten.

Eigentlich könnten die vier Veröffentlichungen der "Davoser Literaturtage" hier zusammen besprochen werden, reiht sich doch der vorliegende Band der Ausrichtung und der hohen Qualität nach in die bisherigen Publikationen mühelos ein. Im Zentrum des Lobes: Das Konzept der Interdisziplinarität wurde beibehalten; Literaturwissenschaftler, Historiker, Mediziner und Medizinhistoriker nähern sich dem Gegenstand auf unterschiedlichen Wegen aus vielen Richtungen. Die dabei erreichte und durchgehaltene Interdisziplinarität ist nur zu begrüßen; über eine häufig allein postulierte Forderung nach übergreifenden Ansätzen gehen die Beiträge zumeist hinaus. So ist der eminent bedeutsame soziokulturelle Hintergrund - neben dem Notorischen aus der Biographie Manns - in einem dem Thema "Krankheit im Fin-de-Siècle" angemessenen Maße präsent. Gleiches gilt für den Bereich der Medizin: Nicht nur lassen die Beiträge den Realitäts- und Bedeutungsgehalt des Medizinischen im Werk Thomas Manns hervortreten; sie geben auch Aufschluß über die Quellen des Dichters sowie über die Art und Weise ihrer Verarbeitung. Nicht zuletzt jedoch erfährt der Leser Vieles und viel Neues über die Haltung Thomas Manns zum Verhältnis von Krankheit und bürgerlicher Normalität, zur Medizin insgesamt. So zeigt etwa der Hinweis Thomas Rüttens auf die Ineffizienz der Ärzteschaft im Frühwerk Manns als Vorbedingung von Krankheit das zentrale Verhältnis von Krankheit und Heilung - übersetzen wir einfach: von Kunst und bürgerlicher Pflicht? - auf: "Die Ärzte", schließt der Medizinhistoriker, "müssen so erfolglos sein, damit die Menschen so krank, d.h. dem bürgerlichen Leben so entpflichtet und dadurch [...] kontemplativ, künstlerisch [...] sein können." (153f.).

Keinesfalls natürlich soll damit auf die Qualität der realen Ärzte der Familie Mann angespielt sein. Diese und deren "Spuren in Leben und Werk" des Dichters beschäftigen Jochen Eigler, der dem Band damit gewissermaßen den Boden bereitet, indem er die Schnittstelle zwischen Medizin und Literatur in den Blick nimmt - gespiegelt in der Beziehung zwischen Arzt und Patient, zwischen Krankheit und Dichtung. Es war dies ein Verhältnis, an dem Thomas Mann mit 'den Seinen' als Patient und Dichter intensiv teil hatte und in dem wohl die medizinische Kennerschaft Manns einen vordergründigen Antrieb hatte.

Einer ganz besonderen Figurengruppe bei Thomas Manns widmet sich Thomas Sprecher: den Krankenschwestern, besonders jedoch der Adriatica von Mylendonk im "Zauberberg". Über die Symbolik der "Kranken-/Schwester" und die "Scharnierfunktion" des Schwesternstandes im Sanatorium findet Sprecher einen Zugang zum "Zauberberg", der ihm einen faszinierenden Blick "hinter die Kulissen" des Sanatoriums(romans) erlaubt und hochinteressante symbolische Nuancen zu Tage fördert.

Durch einen Vergleich der jeweiligen narrativen Exploration der Psyche bei Siegmund Freud und Thomas Mann stellt Renate Böschenstein die Ich-Konzepte der beiden Autoren in den Kontext der Subjektvorstellungen im Fin-de-Siècle. Die von beiden beschriebenen Spaltungen der Psyche finden vordergründig eine Entsprechung in der zeitgenössischen Erfahrung des 'inkohärenten Ichs', umschrieben mit Schlagworten wie 'Dissoziation' oder 'Entgrenzung'. Dennoch - so bilanziert Böschenstein - bleibe bei beiden "die Vorstellung einer kohärenten Person und einer ausserhalb des Ich existierenden Welt erhalten" (93): Die Abweichungen und inneren Widersprüche Mannscher Figuren lassen sich so gesehen nur vor dem Hintergrund intersubjektiver Beziehungen, die im Sinne einer Norm im Subtext ausagiert sind, verstehen.

Dem "nervösen Zeitalter" war Thomas Mann, biographisch wie künstlerisch, durchaus verbunden: So bezeichnete er sich und seinen Bruder Heinrich als "Neurastheniker", und manche Buddenbrooksche Familienmitglieder könnten psychiatrischen Lehrbüchern entsprungen sein. Volker Roelcke zeigt in seinem Beitrag den soziohistorischen Hintergrund der 'Zivilisationskrankheit' Neurasthenie, aber auch des zeitgenössischen Degenerationskonzepts als Teil der Kulturkritik um 1900 auf und zeichnet Umrisse ihrer Rezeption im Frühwerk Thomas Manns nach.

Einen ähnlichen Weg geht auch Helmut Koopmann, der die Krankheiten der Jahrhundertwende im Frühwerk Manns untersucht: Nervenschwäche, Entartung, Psychopathologisches - Krankheit allerorten dort, alle sind befallen. Und die gelegentlichen Gesunden? Nun, sie sind, so Koopmann, völlig uninteressant. Und auch hier wieder die Rückübersetzung ins Leben des Fin-de-Siècle (und des Thomas Mann?): Das Leben erscheint als Leiden, ein Schicksal, dem nur der Glückliche, Krull, zu entrinnen vermochte.

Anderen wiederum ist Genialität zugedacht, deren Bedeutung in Manns Werk der aufschlußreiche Beitrag von Thomas Rütten nachgeht. Dem nicht selten untersuchten Thema kann er dabei viel abgewinnen, unter anderem auch den interessanten Befund, dass Thomas Mann mit seinem "Versehrtenkabinett" (150) gegen den zeitgenössischen positivistischen Deutungsanspruch über die Autonomie der Künste und deren - und mithin des Künstlers - Pathologisierung anschrieb. Vom "Normalmenschen" des damaligen Normierungsdiskurses scheinen die Mannschen Figuren in der Tat weit entfernt - dem zeitgenössischen medizinischen Bild nach waren sie, wie Rütten aufzeigt, gar mit so genannten 'Entartungszeichen' behaftet. Für 'den' bürgerlichen Dichter Thomas Mann war die Kunst des Fin-de-Siècle eben keine "Kulturschwäche", nicht krankhaft, und mit seiner Kunst sprach der "Sachwalter der Entarteten" (157) den populären medizinisch-biologistischen Deutungsmustern jede künstlerische Interpretationsmacht ab.

Dem Sanatorium als dem Ort einer auch solchermaßen verstandenen, latent kränklichen 'Bürgerlichkeit' widmen sich gleich zwei Beiträge. Während Christian Virchow unter Bezugnahme auf die Sanatoriumsmedizin um 1900 das "Sanatorium als Lebensform" untersucht und in Verbindung bringt mit Thomas Manns eigenen Sanatoriumserfahrungen, greift Peter Pütz den Heilungsaspekt als Status des Dazwischen und der Übergänglichkeit heraus und präsentiert das "Sanatorium als Purgatorium". Dabei scheinen allerlei bemerkenswerte Parallelen beinahe die Re-Lektüre des "Zauberbergs" - dieses Mal unter Danteschen Vorzeichen? - erforderlich zu machen.

Dietrich von Engelhardt widmet sich in seinem Beitrag "Neurose und Psychose in der Medizin" der Neurologie, Psychiatrie und Psychoanalyse, deren maßgebliche wissenschaftsinterne Entwicklung er aufzeigt, und mahnt vor dem Hintergrund der literarischen Rezeption pathologischer Phänomene an, die Relativierung und teilweise Aufhebung der medizinischen Klassifikationen zu bedenken.

Begonnen wurde diese Besprechung mit dem ersten Absatz des Sammelbandes, schließen sollte sie nun der letzte. Inge Jens untersucht die vielschichtigen Künstlerfiguren Thomas Manns, die - als 'Helden', behaftet mit Schwäche, Zartheit, Leiden - durch Krankheit 'ausgezeichnet' sind. Sie führt abschließend den Schiller-Essay "Schwere Stunde" an, in dem Thomas Mann vom 'Sich-Einrichten mit der Krankheit' spricht, dem Schiller (Nietzsche, Mann - wieder olympisch?) auch viel zu verdanken habe. Jens' Bilanz reicht weit in Werk und Leben Thomas Manns, wenn sie schließt (251): "Auszeichnung also durch Krankheit, mit der sich's unter Zuhilfenahme mannigfacher Deutungen und Strategien 'einrichten' läßt: Indirekt, einem seiner geliebten kryptischen Verweise folgend, hat Thomas Mann, ganz am Ende seines Lebens, noch einmal gezeigt, wozu Angefochtenheit - Krankheit, überwunden und überwindend [...], die conditio sine qua non des zeitüberdauernden Werks - dienen kann."

Den solcher Art Angefochtenen trieb wohl auch die Suche nach dem 'zeitüberdauernden', dem olympischen Ruhm - und dort zählt, von alters her, bekanntlich nur der erste Platz.

Anmerkungen:
[1] Klaus Podak: Egoistische Lebensweisen. In: Süddeutsche Zeitung 28./29.8.1999; zitiert bei Jochen Eigler in diesem Band, S. 13
[2] In: Bilse und ich, zitiert nach: Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben ein Kunstwerk. Frankfurt 2001, S. 187

Zitation
Thomas Kailer: Rezension zu: Sprecher, Thomas (Hrsg.): Literatur und Krankheit im Fin-de-Siècle (1890-1914). Thomas Mann im Europäischen Kontext. Die Davoser Literaturtage 2000. Frankfurt/M. 2002 , in: H-Soz-Kult, 22.04.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1046>.
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22.04.2002
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