S. Erpel (Hrsg.): Im Gefolge der SS

Titel
Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Begleitband zur Ausstellung


Hrsg. v.
Erpel, Simone
Erschienen
Berlin 2007: Metropol Verlag
Umfang
374 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christina Herkommer, Freie Universität Berlin

KZ-Aufseherinnen stellen sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus noch immer ein Faszinosum dar. Sie evozieren pathologisierende und sexualisierte Assoziationen, die nicht zuletzt geprägt sind durch die alliierten Militärgerichtsprozesse und die Prozessberichterstattung in der Nachkriegszeit gegen einige der ehemaligen Aufseherinnen: „Beautiful Beast“[1], „Sadistic Slut“[2] und „Hexe“[3] sind dabei nur einige der Charakterisierungen, die scheinbar eine Erklärung für die begangenen Verbrechen liefern. Durch das Deutungsmuster angeblich devianter Weiblichkeit erscheinen aber nicht nur die Taten selbst erklärbar, sondern es wird zugleich eine Abgrenzung vom Normalfall konstruiert, die eine Distanzierung ermöglicht und kollektive Unschuld impliziert.[4] Daneben existiert aber auch das exkulpierende Bild der zwangsweise rekrutierten KZ-Aufseherin, die ihren Dienst antreten musste, um nicht selbst als Häftling in einem Konzentrationslager zu enden.

Die am 17. Oktober 2004 eröffnete Ausstellung „Im Gefolge der SS: Aufseherinnen im Frauen-KZ Ravensbrück“ und der vorliegende wissenschaftliche Begleitband begegnen diesen Mythen kritisch. Dies wird gleich zu Beginn des in fünf Kapitel gegliederten Bandes deutlich, wenn die Herausgeberin des Buches und Kuratorin der Ausstellung, Simone Erpel, auf eben dieses Phänomen verweist und die entsprechende Funktion des Sammelbandes vorstellt „[...] auf Grundlage neuer Forschungen das gängige Täterinnenbild kritisch zu hinterfragen und zum Nachdenken über Motive, Handlungsmöglichkeiten und Taten von Aufseherinnen anzuregen“(S.19). Erpel konstatiert weiter, dass trotz der Faszination, die von den KZ-Aufseherinnen noch immer ausgeht, erst zu Beginn der 1990er-Jahre diese Personengruppe eingehender wissenschaftlich betrachtet wurde. [5] Es wird deutlich, dass Fragestellung und Zielsetzung des Sammelbandes breit gefasst sind: Gefragt wird nach der Geschichte der Aufseherinnen, nach ihrer Identität, ihren Motiven für die Tätigkeit als KZ-Aufseherinnen, nach den von ihnen begangenen Verbrechen, aber auch danach, wie diese Verbrechen nach 1945 geahndet wurden, wie die Opfer mit den Erinnerungen an die Aufseherinnen umgingen und wie die ehemaligen Aufseherinnen eigene Erinnerungen innerhalb ihrer Familien tradierten.

Entsprechend wird im ersten Kapitel eine Annäherung an die Aufseherinnen vorgenommen. Es wird ihnen ein Gesicht gegeben, jenseits der Rede von der „weiblichen Bestie“. Dazu hält Lavern Wolfram in ihrer Untersuchung fest, dass KZ-Aufseherinnen nicht zwingend, tatsächlich sogar nur zu einem geringen Prozentsatz, Parteigängerinnen der NSDAP waren, eine Mitgliedschaft jedoch förderlich war für den Aufstieg innerhalb der Hierarchie des KZ-Wachpersonals. Die darauffolgenden Beiträge von Monika Müller, Johannes Schwartz, Eva Wolfnagel und Stefanie Oppel widmen sich einzelnen Aufseherinnen und reflektieren kritisch anhand der Biografien dieser Frauen die Rolle der Dienstverpflichtung, die Frage der Handlungsräume der Aufseherinnen und ihre Selbstdarstellung nach 1945. Eindrücklich schließt Jeanette Toussaint dieses Kapitel durch einen Beitrag ab, der sich mit dem Alltag der KZ-Aufseherinnen nach Dienstschluss befasst und darauf verweist, dass unter Ausblendung der Lagerrealität viele Aufseherinnen das Lager und seine Umgebung als normalen Arbeits- und Lebensort betrachteten, an dem „[…] Freundschaften geschlossen, Beziehungen geknüpft, Hochzeiten gefeiert und Kinder geboren [wurden]“(S. 94).

Im zweiten Kapitel, steht die juristische Ahndung der von KZ-Aufseherinnen begangenen Verbrechen in den Besatzungszonen im Vordergrund. Neben den Beiträgen von John Cramer, Simone Erpel und Johannes Schwartz zu den Militärgerichtsprozessen in den westlichen Besatzungszonen, erweist sich dabei der Beitrag von Marlies Coburger zu ehemaligen KZ-Aufseherinnen, die im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert waren, als besonders interessant. Aufgrund der zum Teil noch immer unzugänglichen Quellen existiert bisher keine umfassende Untersuchung zu diesen Frauen und die gegen sie geführten Prozesse. Die Beiträge von Aleksander Lasik und Jeanette Toussaint, thematisieren die juristische Ahndung nationalsozialistischer in Polen und Österreich. Vor allem Toussaint zeigt anhand der Verfahren gegen ehemalige Aufseherinnen in Österreich, dass diese Prozesse weniger durch das Ziel bestimmt waren die nationalsozialistischen Verbrechen aufzuarbeiten, als die eigene nationale Souveränität zurückzuerlangen.

Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen Prozesse gegen KZ-Aufseherinnen, die vor ost- und westdeutschen Gerichten geführt wurden. Lavern Wolfram und Angelika Meyer befassen sich in ihren Beiträgen mit dem in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) geführten „Arado-Prozess“ und dem später in der DDR geführten „Rostocker Prozess“. Sie verweisen zum einen auf das eher geringe Interesse an der Aufklärung der Verbrechen, zum anderen aber auch darauf, dass Anklage und Verurteilung ehemaliger KZ-Aufseherinnen stark durch das politische Verhältnis der beiden deutschen Staaten geprägt waren. Besonders interessant ist der Beitrag von Elissa Mailänder-Koslov: Sie analysiert die Täterinnenbildern im Düsseldorfer Majdanek-Prozess (1975-1981) und kann dabei zeigen, dass die angeklagten Frauen durch ihr fortgeschrittenes Alter nicht mehr dem Bild des „Beautiful Beast“ entsprachen. Dennoch konstatiert sie, dass eine deviante Weiblichkeit Haupterklärung für die Verbrechen der Frauen bleibt, allerdings nicht mehr in Form abweichender weiblicher Sexualität, sondern in Form sozialer Marginalität und in Form von Sadismus.

Im vierten Kapitel des Sammelbandes steht die visuelle Inszenierung des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück im Vordergrund. Es stellt damit einen essentiellen Bestandteil der Gedenkstättenarbeit ins Zentrum. Die Schwierigkeiten, die sich aus dem wissenschaftlichen Umgang mit historischen Fotos ergeben sind unter anderem Thema dieses Kapitels und werden vor allem in den Beiträgen von Insa Eschebach und Jeanette Toussaint aufgegriffen. Eschebach analysiert in diesem Zusammenhang das private Fotoalbum einer ehemaligen KZ-Aufseherin und kontextualisiert die dort gezeigten Fotografien. Dabei bezieht sie sich unter anderem auf Pierre Bourdieu, indem sie fragt, aus welchen Gründen die ausgewählten Fotos in das Album aufgenommen wurden, welche Aussagen mit ihnen verbunden werden sollen und spricht sich für die Präsentation ursprünglich privat entstandener Fotos im Rahmen der Ausstellungs- und Gedenkstättenarbeit aus. [6] Toussaint zeigt hingegen anhand einer Fotosammlung, die ehemalige KZ-Aufseherinnen auf Passbild-ähnlichen Aufnahmen zeigt, wie schwierig es sein kann die Geschichte von verschiedenen Fotografien nachzuvollziehen und damit eine Kontextualisierung zu ermöglichen.

Im abschließenden fünften Kapitel beschäftigen sich die Beiträge mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus – ein Thema, dass nicht nur wissenschaftlich von wachsendem Interesse ist, sondern auch tagespolitisch eine große Rolle spielt. Deutlich wird hier, welche Probleme und Irritationen mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus verbunden sind. So reflektiert zum Beispiel Constanze Jaiser in ihrem Beitrag die Rezeptionsgeschichte zur ehemaligen KZ-Aufseherin Irma Grese und verweist dabei auf geschlechtsspezifische Mythologisierungen. Besonders eindrücklich wird die Bedeutung der Erinnerung an den Nationalsozialismus in den Schilderungen von Jeanette Toussaint, die sich mit Entlastungsstrategien ehemaliger KZ-Aufseherinnen sowie ihrer intergenerationellen Tradierung befasst und die Schwierigkeiten reflektiert, die sich aus der Auseinandersetzung mit ehemaligen KZ-Aufseherinnen ergeben. Der Beitrag von Annette Leo zeigt, dass auch 60 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus die Erinnerung an das Frauen-KZ Ravensbrück in der Umgebung des ehemaligen Lagers noch immer auf Widerstand stößt.

Die vielfältigen Beiträge des vorliegenden Sammelbandes zu Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück eröffnen ein breites Forschungsfeld und zeigen, dass es noch immer viele Leerstellen in der Erforschung von Aufbau und Funktionsweise der Konzentrationslager und des Umgangs mit dem (weiblichen) Lagerpersonal nach 1945 gibt. Obwohl kritisch anzumerken bleibt, dass die in der Einleitung etablierte zentrale Fragestellung des Bandes, die vor allem eine Geschlechterperspektive nahe legt, nicht in allen Beiträgen durchgehalten wird, bleibt das Verdienst des Bandes, die überfällige intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit KZ-Aufseherinnen einen Schritt vorangebracht zu haben. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass in den Beiträgen immer deutlich bleibt, dass es sich bei den SS-Aufseherinnen um Frauen handelt, die das mörderische System des Nationalsozialismus ebenso wie ihre männlichen Kollegen an zentraler Stelle gestützt haben. Der Blick auf die Aufseherinnen dient hier nicht dazu, die von den Frauen begangenen Verbrechen mit dem Hinweis auf ihre untergeordnete Position innerhalb der NS-Gesellschaft zu verharmlosen oder gar zu entschuldigen. Vielmehr machen viele der Beiträge deutlich, dass eine explizite Auseinandersetzung mit Geschlecht und Geschlechterbildern eine neue Sicht sowohl auf die Funktionsweisen der nationalsozialistischen Herrschaft als auch auf den Erinnerungsdiskurs nach 1945 eröffnet und einer Mythenbildung entgegenwirkt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Brown, Daniel P., The Beautiful Beast: The Life & Crimes of SS-Aufseherin Irma Grese, Ventura 1996.
[2] Duesterberg, Julia, Von der „Umkehr aller Weiblichkeit“. Charakterbilder einer KZ-Aufseherin, in: Wenk, Silke; Jacobeit, Sigrid; Eschebach, Insa (Hrsg.), Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt/New York 2002, S. 227.
[3] Vgl. Smith Jr., Arthur Lee, Der Fall Ilse Koch – Die Hexe von Buchenwald, Köln 1983.
[4] Vgl. Kretzer, Annette, „His or her social job“. Die Repräsentation von NS-Verbrecherinnen im ersten Hamburger Ravensbrück-Prozess und im westdeutschen Täterschafts-Diskurs, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 7, Bremen 2005, S. 146f.
[5] Vgl. z.B. Schwarz, Gudrun, SS-Aufseherinnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1933-1945, in: Dachauer Hefte 10 (1994), S. 32-49.
[6] Bourdieu, Pierre, Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, Frankfurt am Main 1981.

Zitation
Christina Herkommer: Rezension zu: Erpel, Simone (Hrsg.): Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Begleitband zur Ausstellung. Berlin 2007 , in: H-Soz-Kult, 10.12.2007, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10534>.
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10.12.2007
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