M. Hagner u.a. (Hrsg.): Die Transformation des Humanen

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Titel
Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik


Hrsg. v.
Hagner, Michael; Hörl, Erich
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Umfang
450 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Bielefeld International Graduate School in History and Sociology

War die Kybernetik eine „Revolution in der Stille“ (Abraham Moles)? Lange Zeit kaum hörbar, scheint man in den letzten Jahren wieder ihrem Sound zu lauschen und sich der aufgeworfenen Frage zu stellen. Der von Michael Hagner und Erich Hörl herausgegebene Sammelband folgt dabei nicht dem wissenschaftsgeschichtlichen Trend in das Labor, sondern wendet sich stattdessen verschiedenen „Orte[n] der Kybernetisierung“ (S. 8) zu. Richtete die bisherige Forschung ihr Augenmerk primär auf die Entstehungsbedingungen im militärisch-wissenschaftlichen Komplex und den Kontext der Blockkonfrontation, liegt es hier auf den Bedingungen und Praktiken des Wirksamwerdens in den Nachkriegsgesellschaften. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der „Transformation des Humanen“, da die seitens der Kybernetik aufgeworfenen anthropologischen Fragen noch immer virulent seien.

Die zwischen 1946 und 1953 veranstalteten Macy-Konferenzen gelten als Geburtsort der Kybernetik. [1] Auf diesen interdisziplinären Treffen wurde eine neue Universalwissenschaft begründet, die sich Fragen der Information, Steuerung und Feedback in Systemen zuwandte. Ihr anthropologischer Sprengstoff lag in der Überschreitung von konstitutiven Grenzziehungen der Moderne, wie der zwischen Mensch und Maschine. Alles, vom Heizungsthermostat bis zur menschlichen Familie, ließ sich nun mittels der Kybernetik als ein auf Informationen basierendes System beschreiben, dessen Zustand über Rückkopplungsprozesse gesteuert wurde. Aufgrund der Vielschichtigkeit der Beiträge, der Komplexität des Themas und dem begrenzten Raum ist eine detaillierte Diskussion sämtlicher Aufsätze nicht möglich. Stattdessen werden mittels einiger Texte vier Punkte erörtert, die sowohl die Mehrzahl der Beiträge betreffen als auch wichtig für die Historiographie der Kybernetik sind.

Erstens ist die Geschichte der Kybernetik durchzogen von Planungseuphorie und Kontrollutopien, gleichgültig ob dies ihr Wirksamwerden in der Kunst, Pädagogik oder wohlfahrtsstaatlichen Administration betrifft. In Cornelius Borcks aufschlussreicher Studie zur Weltausstellung 1967 in Montreal zeigt sich jene eigentümliche Mischung aus „technokratischen Allmachtsphantasien und humanistischer Sozialethik“ (S. 128). Zwar fand sich auf der Expo kein expliziter Bezug auf Kybernetik, aber für Borck stellte sie selber eine „gigantische kybernetische Kontrollmaschine“ (S. 129) dar, die zugleich den modernen Menschen als Produkt und Problem von Feedbackschleifen propagiert habe. Insbesondere in ihrer Planung habe sich die Weltausstellung als kybernetisches Steuerungsprojekt erwiesen, dessen Ziel die Verdichtung, Minimierung und Überwachung von Verkehrs- und Kommunikationsströmen war. In der als ‚war room‘ bezeichneten Zentrale der Expo erblickt Borck gar eine Materialisierung des benthamschen Panoptikons.

Die Kybernetik hinterließ, zweitens, auch Spuren auf theoretischer und epistemologischer Ebene. Im vorliegenden Band wird dem für die Anthropologie sowie den Diskurs über das „Bild des Denkens“ (Gilles Deleuze) zwischen Philosophie und Kybernetik nachgegangen. Urs Stäheli untersucht in seiner theoretisch komplexen archäologischen Lektüre den Einfluss protokybernetischer Figuren in der Massenpsychologie um 1900. Die Nähe zwischen beiden Diskursen macht er in dem Versuch aus, die Emergenz des Sozialen und dessen Kontrolle zusammen zu denken. Mit anderen Worten ging es nicht einfach um Kontrolle der Masse, sondern um Kontrolle in der Masse.

Drittens bot die Kybernetik Anknüpfungspunkte für diskursive Strategien und einen Rahmen für semantische Konflikte. So zeigt Slava Gerovitch am Beispiel der sowjetischen Linguistik, wie methodologischer Aufbruch und politische Transformation im Post-Stalinismus Hand in Hand gingen. „Die strukturalen Linguisten und Kulturtheoretiker der Sowjetunion lernten cyberspeak, die Sprache der Kybernetik, zu sprechen, eine Sprache, die es ihnen trotz ihrer offensichtlichen kognitiven Begrenztheit ermöglichte, politische Zwänge hinter sich zu lassen [...].“ (S. 233) Hingegen weist Jakob Tanner am Beispiel der DDR auf Grenzen des Sagbaren hin. Diente die Kybernetik Anfang der 1960er-Jahre einerseits als „neue Chiffre für den technischen Traum der totalen Kontrolle“ (S. 409), bot sie andererseits Wirtschaftsreformern die Möglichkeit der Entideologisierung. Mit dem Ende der Reformbereitschaft Mitte der 1960er-Jahre gerieten auch diese Kybernetiker in die Schusslinie. Allen voran war das Konzept der Selbstorganisation nun politisch nicht mehr opportun. Tanner weist dementsprechend auf die Kontextabhängigkeit der Kybernetik und ihr deutungsoffenes Konzept hin.

Schließlich taucht immer wieder die Frage nach der „Konjunktur der Kybernetik“ (S. 7), welche in der Einleitung auf den Zeitraum 1950 bis 1975 datiert wird, und ihrer Bedeutung für die Gegenwart auf. In Hagners „Vom Aufstieg und Fall der Kybernetik als Universalwissenschaft“ wird ein Narrativ präsentiert, das so auch in den meisten anderen Beiträgen vorherrscht. Getragen von Planungseuphorie und Zukunftsoptimismus erlebte die Kybernetik in den 1950er-Jahren eine rasche Rezeption in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Diese Hochzeit hielt jedoch nur bis Mitte der 1960er-Jahre an. Neben den in der Praxis nicht eingelösten Versprechen geriet die Kybernetik unter Ideologieverdacht und wurde für ihren technokratischen Determinismus vehement kritisiert. Mitte der 1970er-Jahre schien ihr Stern bereits verglüht. Ganz so einfach ist diese Geschichte jedoch nicht zu erzählen. So weisen die Herausgeber selber auf die Doppelgesichtigkeit der Kybernetik als historisches Ereignis und imaginären Standort hin, deren anthropologische Dimension über ihre Konjunktur bis zu uns reicht. Zudem untersuchen Ulrich Bröckling mit der Verwendung des Feedback-Konzepts in Therapie- und Coachingverfahren und David Gugerli mit der Kybernetisierung der Hochschule in Gestalt des universitären Managements gesellschaftliche Phänomene, die erst in den 1970er-Jahren einsetzten und ihren Zenit noch lange nicht überschritten haben dürften. Wie passt all dies zusammen?

Drei Punkte sind kritisch anzumerken. Erstens wird im Konzept sowie der Mehrheit der Beiträge unter Kybernetik primär eine wissenschaftliche (Meta)Disziplin verstanden. Daraus könnte freilich der blinde Fleck bezüglich wissenschaftsferner, nicht-akademischer Diskurse resultieren. Ebenso besteht das Quellenmaterial vorrangig aus (populär)wissenschaftlichen Monographien, jedenfalls nicht aus massenmedialen Quellen. Dergestalt wird die gesellschaftliche Breitenwirkung der Kybernetik oftmals mehr postuliert als konkret analysiert. Fraglich bleibt zudem, inwiefern man überhaupt von der Kybernetik sprechen kann und damit nicht entscheidende Differenzen ausgeblendet werden. Liegt eventuell in den Arbeiten Gregory Batesons eine nicht-technische, nicht-kontrollfixierte Kybernetik begründet? Könnte dieser Gegensatz zwischen ‚zwei Kulturen der Kybernetik‘ nicht auch im von Claus Pias dargestellten Streitgespräch zwischen Max Bense und Joseph Beuys aufscheinen?

Damit verbunden ist, zweitens, ein unklarer Bezug auf die Kybernetik Zweiter Ordnung. Obwohl ihre Bedeutung an verschiedenen Stellen angesprochen wird, schwebt sie ohne Bindung an die Geschichte der Kybernetik in einem konzeptionell luftleeren Raum. Dabei wäre gerade an ihr das Fortbestehen wie die Transformation der Kybernetik zu untersuchen. Wo liegt beispielsweise die Verbindung zwischen interventionistischem Wohlfahrtsstaat, Planungseuphorie und Kybernetik auf der einen, dem Konzept des schlanken Staats, der ausgerufenen Krise der Regierbarkeit und der Kybernetik Zweiter Ordnung auf der anderen Seite? Oder warum wurde in den 1980er-Jahren das Konzept der Selbstorganisation von der Managementtheorie über das New Age bis zu den Autonomen gleichermaßen affirmativ rezepiert und adaptiert?

Drittens und letztens hätte ein stringenterer Bezug auf körpergeschichtliche Ansätze und Subjektivierungskonzepte erkenntnisbringend sein können. Ohne sie verharrt die „Transformation des Humanen“ letztlich und unintendiert auf der Repräsentations-Ebene, anstatt die Praktiken und Diskurse in ihren konkreten und performativen Effekten zu analysieren. Obwohl der Begriff der Gouvernementalität Verwendung findet, sind die heuristischen Möglichkeiten einer Verschränkung der Steuerung von Selbst und Gesellschaft noch nicht ausgeschöpft. Dabei liegt hierin die Chance, eine Brücke von der Wissenschafts- zur Allgemeingeschichte der Kybernetik zu schlagen.

Diese kritischen Anmerkungen belegen jedoch lediglich die faszinierende Vielschichtigkeit der Kybernetik, die der vorliegende Band mit seinen sowohl empirisch als auch theoretisch gesättigten Beiträgen und anregenden Perspektiven vor Augen führt. Es steht zu hoffen, dass auf dem Weg zur ihrer historischen Erforschung diesem ersten großen Schritt noch weitere folgen mögen.

Anmerkung:
[1] Vgl. u.a. Pias, Claus (Hrsg.), Cybernetics. Die Macy-Konferenzen 1946-1953, Zürich 2004.

Zitation
Jens Elberfeld: Rezension zu: Hagner, Michael; Hörl, Erich (Hrsg.): Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik. Frankfurt am Main 2008 , in: H-Soz-Kult, 22.09.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11071>.
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22.09.2008
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