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Titel
Hans Kroll (1898-1967). Eine diplomatische Karriere im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Kühlem, Kordula
Erschienen
Düsseldorf 2007: Droste Verlag
Umfang
697 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Lommatzsch, Leipzig

Etwas grimmig schaut Hans Kroll auf dem Porträtfoto, das seine „Lebenserinnerungen eines Botschafters“ [1] ziert. Abschreckend war dies für die Käufer offenbar nicht, die 1967 postum erschienenen Memoiren erfreuten sich einer neunmonatigen Präsenz auf der Bestsellerliste des „Spiegels“. Das große Interesse an seinen Darlegungen, mehr noch vielleicht an seiner Person, hätte Kroll wahrscheinlich sehr gefreut. Rief er doch sich und anderen gern und oft ins Gedächtnis, dass es auf dem Feld der Außenpolitik, hier insbesondere auf dem der (bundes-) deutsch-sowjetischen Beziehungen, Beamte und Politiker gab, die die Dinge nicht ganz so souverän einzuschätzen in der Lage waren wie er. Kordula Kühlem legt mit ihrer Bonner Dissertation eine umfassende Studie über diesen Diplomaten vor, der insbesondere auf seinem letzten und wichtigsten Posten, als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Moskau in den (Krisen-) Jahren von 1958 bis 1962, mitunter recht eigenmächtig agierte und entsprechend umstrittenen war.

Der 1898 im oberschlesischen Grenzgebiet geborene Hans Kroll konnte nach dem Studium der Nationalökonomie 1920 ins Auswärtige Amt eintreten; diese Berufung verdankte der Katholik nach eigener Aussage seinen Zentrumskontakten. Von den ersten Auslandsverwendungen war für Kroll, der die russische Sprache beherrschte, wohl vor allem der Einsatz in der Sowjetunion prägend, wo er ab 1923 als Vizekonsul im ukrainischen Odessa tätig war. Er selbst fühlte sich allerdings von Anfang an eher unausgelastet und nicht seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt.

Nach längerer Tätigkeit in der Berliner Zentrale wirkte Kroll ab 1936 an der Botschaft in Ankara. Ein NSDAP-Aufnahmeantrag wurde negativ beschieden, laut Martin Bormann hatte sich Kroll „keineswegs als Nationalsozialist bewährt“ (S. 72). Nicht ganz aufgeklärt wird die Frage, wie es sich mit dem Einsatz Krolls für die Ausbürgerung deutscher Emigranten aus der Türkei im Frühjahr 1939 verhielt, darunter auch Ernst Reuter. Eine Ausbürgerung würde den Entzug der Aufenthaltserlaubnis und damit die Abschiebung nach Deutschland nach sich ziehen – ein Argument, welches Kroll laut Kordula Kühlem für den Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit eines Emigranten einsetzte. Folgt man einer anderen Darstellung, verhielt es sich gerade umgekehrt, der Entzug der Staatsangehörigkeit hätte die Abschiebung verhindert; und Kroll argumentierte (auch?) in diese Richtung.[2]

Bei Kriegsende amtierte Kroll als Generalkonsul in Barcelona. Von den Amerikanern interniert, erwies er sich als "williger und gelehriger Schüler" (S. 99f.); ein von ihm verfasster Aufsatz "Deutschlands Zukunft innerhalb der Völkerfamilie" vom Februar 1946 wurde sogar ausgezeichnet. Kroll griff hier die damals nicht unpopuläre Konzeption auf, Deutschland solle eine Brückenfunktion zwischen Ost und West übernehmen. Gleich nach der Entlassung aus der Internierung suchte und fand Kroll Kontakte zur CDU. Ab 1947 war er im Dienste der nordrhein-westfälischen Regierung mit Friedensvertragsangelegenheiten befasst und ab 1950 für das Bundeswirtschaftsministerium tätig. Hier sind insbesondere seine Arbeit bei den Pariser Embargoausschüssen sowie sein Einsatz für den Osthandel hervorzuheben. Den Karrieresprung für Kroll brachte das Jahr 1953. Als Botschafter ging er nach Belgrad, 1955 nach Tokio. Befriedigend waren beide Posten nicht, über Japan vermerkte er im Tagebuch: „…habe ich hier keine großen Möglichkeiten mich in die ‚große Politik’ einzuschalten“ (S. 252).

Am Ziel fühlte er sich in Moskau, wo er zwischen 1958 und 1962 die Bundesrepublik Deutschland vertrat. Das bereits früh einsetzende und anhaltende Interesse Krolls an der Sowjetunion und seine unkonventionelle Aufgeschlossenheit – bei klarer Ablehnung der Ideologie – erklärt Kühlem mit seiner Herkunft und seinen frühen Erfahrungen in Odessa. Befriedigend ist dies nicht ganz, weitergehende Aussagen aufgrund der dieser Arbeit zugrunde liegenden Quellen wären jedoch ins Spekulative abgeglitten und wurden vermieden. Kroll war der zweite Botschafter der Bundesrepublik auf diesem Posten, nach seinem Selbstverständnis jedoch der erste richtige. Den Wunsch nach diesem Posten hatte er gegenüber dem Staatssekretär des Bundeskanzleramtes Hans Globke, als dessen „Duzspezi“ er galt (Karl Carstens über dieses Verhältnis, S. 538), klar geäußert. Über Globke versuchte Kroll auch immer wieder, Adenauer zu erreichen, dessen Urteil über die Ideen und Initiativen des Diplomaten schwankte.

Es gelang dem Botschafter sehr schnell, gute Kontakte zur sowjetischen Führung zu finden. Namentlich zu Nikita Chruschtschow konnte er ein Verhältnis aufbauen, welches darin gipfelte, dass der sowjetische Ministerpräsident ihn mit Einladungen an seinen Urlaubsort Sotschi auszeichnete. Die guten informellen Beziehungen eröffneten Kroll eine Sonderstellung, deren Grenzen er aber nicht immer erkannte. Kroll war um die Verbesserung der (bundes-) deutsch-sowjetischen Beziehungen bemüht, eines seiner Lieblingsprojekte waren Direktkontakte auf höchster Ebene. Ein entsprechendes Treffen kam nicht zustande; es blieb beim zeitweiligen Briefwechsel Adenauer-Chruschtschow, der jedoch durchaus als einer der Erfolge Krolls betrachtet werden kann.

Die Positionen, mit denen er eine Annäherung der beiden Staaten voranzutreiben versuchte, stimmten nicht immer mit der von der Bundesregierung respektive vom Auswärtigen Amt verfolgten Linie überein. Beispielsweise konnte er sich auch eine Umkehrung der Maßgabe vorstellen, erst nach der deutschen Wiedervereinigung sei eine Normalisierung der Beziehungen möglich. Wenn er es für nötig hielt, ergriff Kroll auch selbst die Initiative. Am 9. November 1961 präsentierte er Chruschtschow seine „rein persönliche Auffassung“ über eine Berlin-Regelung und einen Friedensvertrag im Rahmen seines „Fünf-Punkte-Plans“. Bonn gegenüber behauptete er kurzerhand, er sei von den Sowjets zu dieser Unterredung gebeten worden. Auf der anderen Seite bekam Kroll auch zu spüren, dass die deutsche Außenpolitik nicht unbedingt auf seinen Rat angewiesen war: Bei den Genfer Verhandlungen des Jahres 1959 blieb er nahezu völlig außen vor.

Kurzzeitig wurde Kroll in das einbezogen, was die Forschung gern als „Adenauers Arkanpolitik“ bezeichnet. Dabei handelte es sich um im Bundeskanzleramt entstandene Alternativüberlegungen („Stillhalteabkommen“) zu den erstarrten Positionen Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre, wobei vor allem der Globke-Plan zu nennen wäre. Dass Kroll diese Dinge gegenüber anderen Diplomaten und Journalisten nicht für sich zu behalten vermochte, war schließlich Auftakt einer Affäre, die 1962 zu seiner Abberufung führte. Dies dürfte allerdings nur der Anlass gewesen ein. Gestürzt ist Kroll über eine Reihe von Eigenmächtigkeiten und sein Unvermögen, die Stellung eines Diplomaten von der eines Politikers zu unterscheiden. Kroll, der die sowjetische Hauptstadt ein Jahr vor dem Erreichen der Altersgrenze verlassen musste, konnte auf dem für ihn geschaffenen Posten als „Berater für Ostfragen“ keine große Wirksamkeit mehr entfalten. Unmittelbar nach Beendigung seiner Memoiren verstarb er im August 1967.

Die von Kordula Kühlem vorgelegte Studie, die Privates nahezu völlig ausblendet und durchweg im Präsens verfasst ist, basiert auf den relevanten deutschen Archivbeständen. Vor allem durch seine Tagebücher kommt Kroll auch häufig selbst zu Wort, was ihn aufgrund seiner ausgeprägten Egozentrik nicht unbedingt sympathisch macht. Mit der Arbeit über Hans Kroll wird eine weitere Persönlichkeit erschlossen, die einen festen, wenn auch umstrittenen Platz im außenpolitischen Geschehen der frühen Bundesrepublik einnimmt. Erfreulich gelungen ist die Darstellung des Dilemmas zwischen Ambition und Weisungsgebundenheit sowie die Einordnung von Krolls durchaus auch erfolgreichem Wirken, das immer wieder von einer teilweise grotesken Selbstwahrnehmung, welche Kollegen und Vorgesetzte von Anfang an stark irritierte, überschattet wurde.

Geteilter Ansicht kann man über den erforderlichen Umfang einer solchen Darstellung sein. Zwischen Einleitung und Schlusssatz befinden sich über 600 eng bedruckte Textseiten. Die minutiöse Chronologie der Ereignisse, insbesondere im Hauptteil der Arbeit über die Moskauer Botschafterzeit, angereichert durch Meinungsäußerungen Dritter, macht es nicht immer einfach, den in der Einleitung aufgeworfenen Leitfragen (S. 27f.) zu folgen. Mag auch vieles für eine vollständige Präsentation der mit äußerster Akribie zusammengetragenen Fakten sprechen, so hätte durch exemplarische Beschränkung die eine oder andere Kontur dieser schwierigen und ideenreichen Persönlichkeit stärker sichtbar werden können.

Anmerkungen:
[1] Kroll, Hans, Lebenserinnerungen eines Botschafters, Köln 1967.
[2] Barclay, David A., Schaut auf diese Stadt. Der unbekannte Ernst Reuter, Berlin 2000. Barclay zitiert auf S. 171 ein Schreiben Krolls vom 22.5.1939: „Ich möchte vielmehr anregen, die Ausbürgerung möglichst zu beschleunigen, da der Vertrag Reuters mit dem hiesigen Wirtschaftsministerium voraussichtlich nicht verlängert wird und dann eventuell seine Abschiebung nach Deutschland droht.“

Zitation
Erik Lommatzsch: Rezension zu: Kühlem, Kordula: Hans Kroll (1898-1967). Eine diplomatische Karriere im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2007 , in: H-Soz-Kult, 18.09.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11144>.
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Veröffentlicht am
18.09.2008
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