E. Emeliantseva u.a.: Einführung in die Osteuropäische Geschichte

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Titel
Einführung in die Osteuropäische Geschichte.


Autor(en)
Emeliantseva, Ekaterina; Malz, Arié; Ursprung, Daniel
Erschienen
Zürich 2008: Orell Füssli Verlag
Umfang
392 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Hilbrenner, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Universität Bonn

Neben den Historikern in Osteuropa selbst sind es vor allem Wissenschaftler aus dem englischen und deutschen Sprachraum, die einen hohen Grad von Institutionalisierung und Expertise in der Spezialdisziplin der Osteuropäischen Geschichte erreicht haben. In Deutschland wird dabei manches Mal vergessen, dass ein guter Teil der deutschsprachigen Osteuropawissenschaft aus Österreich und der Schweiz stammt.

In Österreich reicht die Beschäftigung mit dem östlichen Europa in die eigene imperiale Vergangenheit zurück, auch wenn dieses Erbe für eine gewisse Vernachlässigung jener Regionen verantwortlich ist, die nicht Teil des Habsburger Reiches waren. In der Schweiz ist die Disziplin relativ jung, konnte aber vor allem an den Universitäten Basel und Zürich zwei wichtige Standorte der deutschsprachigen osteuropäischen Geschichtswissenschaft etablieren. Mit ihrer „Einführung in die Osteuropäische Geschichte“ melden sich nun die Assistierenden des Züricher Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte zu Wort und legen ein grundlegendes Lehrbuch vor, dem Ausstrahlung auf die gesamte Disziplin zu wünschen ist.

Die Autoren lehren in Veranstaltungen zur Einführung in die Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Insofern entstammt der Text der aktuellen Lehrpraxis, was eine der großen Stärken des Buches ausmacht. Der Text schließt eine Lücke, die allen Lehrenden der Osteuropäischen Geschichte nur allzu deutlich bewusst ist. Die Großregion Osteuropa mit ihren transnationalen Mesoregionen ist zwar in den letzten Jahren, auch auf H-Soz-u-Kult, diskutiert worden.[1] Für eine erste Kartierung dieser Region waren sowohl Forscher als auch Studierende bislang immer wieder auf das erstmals 1977 erschienene Handbuch „Osteuropa. Eine Einführung in seine Geschichte“ des Berliner Emeritus Klaus Zernack zurückgeworfen. Bei allen Verdiensten dieses Klassikers, der Generationen von Osteuropahistorikern geprägt hat, ist dieser doch erkennbar in der bipolaren Weltordnung seiner Entstehungszeit verwurzelt, deren Überwindung heute zum Teil zu neuen Zugriffen und anderen Einsichten führt.[2]

Einen großen Schritt zur Überwindung der Wahrnehmung des östlichen Europa im Lichte der Blockkonfrontation stellte bereits das zweibändige „Studienhandbuch Östliches Europa“ dar, das 1999 und 2001 erstmalig erschien und sowohl die Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas, als auch die Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion abhandelte.[3] Während die Studienhandbücher aber durchaus zeitgemäß kurze Synopsen einer Vielzahl von Autoren zu den unterschiedlichsten Themen der Osteuropäischen Geschichte bieten, die sich für schnelle Überblicke und punktuelle Informationen über Methoden, Forschungsstand und Kernprobleme eignen, versuchen sich Emeliantseva, Malz und Ursprung wieder an einer Synthese, einem weitgehend einheitlichen Narrativ, dass sich dem Fach und seinen Gegenständen trotz aller Vielfalt der Themen und Herangehensweisen aus einer gemeinsamen Perspektive nähert. Dieses Vorgehen ist an sich schon mutig und lobenswert. Der Versuch kann zudem über weite Strecken als geglückt gelten.

Die Autoren haben ihre „Einführung“ in drei Teile gegliedert. Der erste Teil reflektiert die relevanten Begrifflichkeiten, die Geschichte des Fachs, Forschungsstand, Methoden und Theorien. Vor allem in diesem Teil wurde das Anliegen der Autoren, „Komplexität zu reduzieren und zugespitzt zu formulieren“ (S. 11) aber gleichzeitig wesentliche Aussagen zu treffen, hervorragend umgesetzt. Kurz, aber mit einem scharfen Zuschnitt auf die zentralen Fragen werden das Fach und seine Geschichte ebenso charakterisiert wie seine Inhalte.

Im zweiten „systematischen Teil“ behandeln die Autoren zentrale Fragen und Themen der Osteuropäischen Geschichte. Exzellent ist vor allem das erste Kapitel zur „Ethnogenese und Nationsbildung“ im östlichen Europa. Diese Einführung in ein komplexes Themenfeld benennt die wesentlichen Kritikpunkte eines essentialistischen Ethnos- und Nationsverständnisses auf eine leicht verständliche Art. Zugleich zeigt es die Voraussetzungen auf, mit diesen Begriffen und Konzepten, die das östliche Europa in besonderer Weise prägen, weiter zu arbeiten. In den folgenden drei Kapiteln werden Religionen und Konfessionen, Herrschaftsformen und Staatsverständnis, sowie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung in Osteuropa skizziert.

Im dritten und letzten Teil stellen die Autoren die Geschichtsregionen des östlichen Europa vor, wobei sie, anders als Zernack, Nordosteuropa nicht als eigene Region charakterisieren.

Ein wesentlicher Kritikpunkt an dem Buch, das vor allem Studierenden einen raschen Einstieg und Überblick in das Fach ermöglichen soll, betrifft das Inhaltsverzeichnis. Aufgrund seiner Länge von sechs Seiten und der detaillierten Feingliederung entzieht es dem Leser eben jenen Überblick, den es eigentlich ermöglichen soll. Seine eher abschreckende Kleinteiligkeit ist zudem nicht notwendig, da das Buch mit einem sehr guten Glossar und einem wertvollen Sachregister über einen Apparat verfügt, der die Suche nach Stichworten und Einzelthemen ermöglicht. Besonders irritierend ist außerdem die strukturell ungleiche Bezeichnung parallel angelegter Themen. So lauten die Überschriften im systematischen Teil: „1. Ethnogenese und Nationsbildung“, „2. Religionen und Konfessionen“, „3. Politische Geschichte Osteuropas“ und „4. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“. Die gleichschenklige Anlage dieser vier Unterkapitel erschließt sich vor allem den Studierenden wohl erst beim Lesen, nicht aber durch den Zugriff über das Inhaltsverzeichnis. Die Parallelbegriffe zu Ethnogenese, Nationsbildung, Religionen und Konfessionen wären wohl eher Herrschaftsbildung und -praktiken sowie Wirtschaft und Gesellschaft gewesen.

Auch im dritten Teil, der sich mit den osteuropäischen Geschichtsregionen beschäftigt, holpert die Konzeption ein wenig. So wird die Region „Russland und Sowjetunion“ fast ausschließlich durch eine chronologische Erläuterung der unterschiedlichen Perioden seiner Geschichte charakterisiert, im Kapitel „Ostmitteleuropa“ wird die Region dagegen anhand von Herrschaftsbereichen, Ländern oder Sprachgruppen näher bestimmt, während im Abschnitt zu „Südosteuropa“ wieder Epochenbegriffe im Vordergrund stehen. Es ist sicher zutreffend, dass es für „Ostmitteleuropa“ keine eigene Periodisierung gibt, dennoch vermisst der Leser eine kurze Reflexion über diese strukturelle Ungleichbehandlung der unterschiedlichen Geschichtsregionen. Besonders dieser dritte Teil über die Geschichtsregionen verdankt sich offensichtlich den einführenden Lehrveranstaltungen. Gerade in den Proseminaren fällt den Studierenden aber meist das „Fehlen“ einer eigenen Periodisierung für „Ostmitteleuropa“ auf. An dieser Beobachtung ließe sich der Übergangscharakter der Region, der in der Einführung stark und zutreffend charakterisiert ist, abermals deutlich machen.

Diese Probleme im Aufbau sowie im Layout sind eher dem Verlag und seinem Lektorat als den Autoren anzulasten. Am Inhaltsverzeichnis wird nur allzu augenfällig, dass das Buch anhand dieser Feingliederung entstanden ist. Ein gutes Lektorat sollte aber nach dem Abschluss des Schreibprozesses eine Perspektive „von außen“ bieten, welche die damit verbundenen Vermittlungsfragen thematisiert und nachträglich behebt.

Bemerkenswert an dieser Einführung sind das hohe Reflexionsniveau, die klare und einfache Sprache und die Klärung von Begrifflichkeiten, die für alle Osteuropahistoriker entscheidend sind. Ein solches Unternehmen als Dreierkollektiv durchzuführen ist absolut realistisch und zeitgemäß. Die kollektive Autorenschaft ermöglicht einen hohen Grad an Expertise auf allen behandelten Gebieten. Auch wenn dadurch einzelne Teile des Buches ein wenig auseinanderfallen und die Begrifflichkeiten nicht immer stringent durchgehalten werden, darf diese neue „Einführung in die osteuropäische Geschichte“ in keiner historischen Bibliothek fehlen. Sie sei hiermit auch allen Studierenden der osteuropäischen Geschichte empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. das Forum „Zur Europäizität der Osteuropäischen Geschichte“: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=744&pn=texteexte>.
[2] Klaus Zernack, Osteuropa. Eine Einführung in seine Geschichte, München 1977.
[3] Studienhandbuch Östliches Europa, Band 1: Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas, Harald Roth (Hrsg.), Köln 1999; Band 2: Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion, Thomas M. Bohn / Dietmar Neutatz (Hrsg.), Köln 2001.

Zitation
Anke Hilbrenner: Rezension zu: Emeliantseva, Ekaterina; Malz, Arié; Ursprung, Daniel: Einführung in die Osteuropäische Geschichte. Zürich 2008 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11290>.
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Veröffentlicht am
02.03.2009
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