H.-U. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5

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Titel
Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis zur Vereinigung 1949-1990


Autor(en)
Wehler, Hans-Ulrich
Erschienen
München 2008: C.H. Beck Verlag
Umfang
XVIII, 529 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Konrad H. Jarausch, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam/University of North Carolina, Chapel Hill

Nach rund 25 Jahren hat Hans-Ulrich Wehler sein großes Vorhaben einer „deutschen Gesellschaftsgeschichte“ mit dem fünften Band über die Zeit von 1949 bis 1990 nunmehr erfolgreich abgeschlossen. In einer schnelllebigen, mediengetriebenen Zeit ist diese Synthese eine eindrucksvolle Leistung, die schon aufgrund der dafür notwendigen Disziplin Anerkennung verdient. Mit seinem Bielefelder Forschungskolloquium, als Herausgeber von „Geschichte und Gesellschaft“ und mit seiner streitbaren Feder hat Wehler in der Geschichtswissenschaft Schule gemacht und ist zu einem der führenden Public Intellectuals der Bundesrepublik geworden. Mit dem fünften Band seiner Strukturgeschichte hat er sich auf das Gebiet der Zeitgeschichte vorgewagt, wo eigenes Handeln und Erleben wissenschaftlich reflektiert werden muss. Wie überzeugend fällt Wehlers Begegnung mit der doppelten deutschen Nachkriegsgeschichte aus?

Auch in diesem letzten Band ist Wehler seinem von Max Weber inspirierten Ansatz weitgehend treu geblieben; er ordnet das Material nach den Leitachsen Wirtschaft, sozialer Ungleichheit, politischer Herrschaft und Kultur. Diese strikte Kategorisierung hat den Vorteil einer thematischen Kohärenz der jeweiligen Gebiete, erschwert allerdings die Analyse der Interaktionen der verschiedenen Bereiche in einer multidimensionalen Verlaufsdarstellung und erfordert zahlreiche Wiederholungen und Querverweise. Trotz seiner scharfen Kritik an „kulturalistischen“ Strömungen hat Wehler in den letzten Jahrzehnten durchaus neue Impulse aufgenommen; so berücksichtigt er die Geschlechterdimension nun stärker als früher. Gegenüber den Methoden der neuen Kulturgeschichte bleibt er indes reserviert und hat seine Perspektive nur durch Rückgriff auf Pierre Bourdieu erweitert, dessen Habituskonzept Strukturen und Handlungen verbindet und dessen Analyse der „feinen Unterschiede“ ein besseres Verständnis sozialer Ungleichheit ermöglicht.

Die Darstellung der großen Materialfülle ist faktenreich, analytisch und autoritativ im Ton. Wo Wehler neutral bleibt, liefert er lexikalische Beschreibungen von hoher Dichte und brillante Zusammenfassungen komplexer Sachverhalte. Der Text präsentiert viel disparates Zahlenmaterial, allerdings ohne Tabellen und Schaubilder. Wehlers bevorzugter Stil ist eine lange Liste von Argumenten, die seine Sicht unterstützen. Dagegen fehlen Darstellungen von Gegenpositionen und empathische Beschreibungen fast völlig. An neuralgischen Punkten kippt die Sprache in Polemik – mit Ausdrücken wie „Steinzeitmarxisten“, die das Temperament des Autors verraten, aber seiner wissenschaftlichen Distanz abträglich sind. Auf Forschungskontroversen reagiert Wehler meist mit apodiktischen Urteilen, und in den schon durch ihre Länge einschüchternden Fußnoten gefällt er sich mehr in Ver- als in Beurteilung von konkurrierenden Standpunkten. Schließlich bleiben manche zentralen Begriffe wie Klasse (warum eigentlich nicht Schicht?) undefiniert.

In der Erklärung des außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolges der Bundesrepublik betont Wehler hauptsächlich die endogenen Faktoren der von den Nationalsozialisten ausgebauten Industrieanlagen und des von der SS propagierten Leistungsethos. Die Abschwächung des Wachstums nach der doppelten Ölkrise sieht er eher als Normalisierung denn als Strukturbruch. Seine Behandlung des technologischen Wandels und der Globalisierung bleibt relativ allgemein. Die ostdeutsche Planwirtschaft beurteilt er als von Anfang an chancenlos, da sie einem irregeleiteten Wirtschaftsmodell gefolgt und von der Sowjetunion ausgebeutet worden sei. Dieser Teil des Buches ist informativ, bringt aber für den Spezialisten wenig Neues.

Die zentrale Achse des Bandes ist Wehlers eindringliche Auseinandersetzung mit dem Weiterbestehen sozialer Ungleichheit in der Bundesrepublik. Das von Soziologen wie Helmut Schelsky bis zu Ulrich Beck propagierte Bild einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ wird nachdrücklich korrigiert. Zwar akzeptiert auch Wehler die Metapher eines Fahrstuhls, mit dem alle Insassen an der Erhöhung des Wohlstands teilgehabt hätten, aber er konzentriert sich auf das Weiterwirken von deutlichen Unterschieden sozialer Klassen. Trotz der Entmachtung des Adels seien die Exklusivität einer neuen wirtschaftlichen Elite und die kulturelle Abgrenzung des Bildungsbürgertums festzustellen. Obwohl er die Auflösung der Trennungslinie zwischen unteren Angestellten und Facharbeitern konzediert, betont Wehler die Unterschichtung durch Migranten und die Entstehung einer neuen Armut. Vor allem seine Diskussion weiterer Dimensionen der Ungleichheit wie Geschlecht, Heirat, Familie, Generation, Alter und Bildung sowie Gesundheit, Wohnung oder Konfession untermauert seine These einer „von marktbedingten Klassen dominierten Gesellschaft“ (S. 435). Auch für die DDR konstruiert er (mit weniger überzeugenden Indizien) ein machtbasiertes Klassenschema, das in Monopolelite, operative Dienstklasse usw. gegliedert ist, aber in gewissem Widerspruch zur materiellen Nivellierung steht.

Dagegen bleibt die Behandlung der politischen Entwicklung eher konventionell. So beantwortet Wehler die Frage nach den Ursachen des schnellen Demokratieerfolges mit dem ökonomischen Aufstieg, den Weimarer Lehren des Grundgesetzes, der Persönlichkeit Adenauers und der Begeisterung für Europa. Neuartiger ist seine Diskussion von langfristigen Problemen der Vetoakteure, des Föderalismus, der Staatsfragmentierung und Selbstblockierung. Gegen die Westernisierungsthese, die er als „ahistorische Fehlkonstruktion“ bezeichnet, polemisiert er mit dem Argument, dass Deutschland schon immer im Westen gewesen sei – ein Hinweis, der die Mentalität der östlichen Provinzen sowie die langen Auseinandersetzungen um Deutschlands Mittellage unberücksichtigt lässt. Die Mythologisierung von ‚1968‘ verurteilt Wehler in Bausch und Bogen, da die entscheidenden Liberalisierungen bereits früher stattgefunden hätten. Die Darstellung der Vereinigung von 1989/90 fällt komprimiert aus und verschweigt Wehlers damals öffentlich geäußerte Vorbehalte – wie überhaupt Reflexionen über die Zeitgenossenschaft des analysierenden Historikers leider ganz fehlen. Der Teil zur politischen Herrschaft endet mit einer knappen Skizze des Versagens des SED-Systems, das Wehler als patriarchalisch-autoritären „Sultanismus“ interpretiert – ein erneuter Rückgriff auf Weber, aber ein begrifflicher Ausdruck von Hilflosigkeit gegenüber dem Phänomen DDR.

Etwas angehängt wirkt die Darstellung der kulturellen Entwicklung, die vor allem auf Institutionen wie Kirchen, Schulen und Hochschulen statt auf kulturelle Strömungen, Stile und Debatten eingeht. Die besten Passagen beziehen sich auf die Pluralisierung der bundesdeutschen Öffentlichkeit durch Verlage, Radioprogramme und Fernsehsendungen. Dagegen ist die Schilderung ostdeutscher Entwicklungen vereinfachend; sie behandelt hauptsächlich die kulturelle Unterdrückung. Der strukturelle Ansatz weist zwar auf wichtige gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen hin, kann aber dem Inhalt der kulturellen Veränderungen in West wie Ost ebenso wenig gerecht werden wie den die Teilung überdauernden Verbindungen der Kulturnation.

Bei aller Anerkennung von Wehlers immenser Leistung kann eine Reihe prinzipieller Probleme nicht verschwiegen werden, die sich aus zeithistorischer Perspektive ergeben. Zunächst fällt auf, dass die Periodisierung eindeutig politischen Zäsuren folgt – was für eine Gesellschaftsgeschichte nicht besonders überzeugend wirkt. Wehler hat sich in den früheren Bänden auf das „kurze“ 20. Jahrhundert festgelegt und Alternativen wie das „lange“ 20. Jahrhundert von den 1890er-Jahren bis 2001 abgelehnt, ohne sie ernsthaft in Betracht zu ziehen. Da er den vierten Band bis in die Nachkriegszeit ausgedehnt hat, muss er mit dem fünften im Jahr 1949 anfangen, was gewisse Überlappungsprobleme aufwirft. Die weiche Zäsur von 1968/73 wird zwar im Text immer wieder angesprochen, hat aber keine Folgen für die intellektuelle Organisation des Bandes, obwohl in den 1970er-Jahren die Vorgeschichte der Gegenwartsprobleme einsetzte.

Auch der rote Faden des Bandes erscheint problematisch. Während Wehler die „Erfolgsgeschichten“ von Heinrich August Winkler, Edgar Wolfrum und dem Autor dieser Rezension verwirft, präsentiert er die These einer fortbestehenden sozialen Ungleichheit, die aber nur eine Teilkorrektur einer allzu selbstgefälligen Beschreibung der Bundesrepublik erlaubt. Denn im Vergleich mit den Katastrophen der NS-Diktatur und dem immer wieder betonten Scheitern der DDR bleibt die Entwicklung der Bundesrepublik insgesamt erstaunlich erfolgreich. Deshalb fehlt Wehlers Darstellung der Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein eigentliches Explanandum. Die vorhergehenden Bände waren auf die Erklärung der Hypertrophie des Radikalnationalismus und der Verführungskraft des Hitlerschen Charismas ausgerichtet – aber dieses Telos entfällt für die Zeit nach 1945. Obwohl Wehler an einigen Stellen „Lernprozesse“ erwähnt, geht er ihnen nicht systematisch nach.

Eigentümlich ist auch Wehlers emotionale Blockade gegenüber der ostdeutschen Entwicklung. Obwohl er sich ganz erheblich in die DDR-Forschung eingelesen hat, bleibt er bei seiner pauschalen Verurteilung der „deutschen Bolschewiki“, die er als sowjetische Satrapen versteht, ohne ihre eigenen Wurzeln in der deutschen Arbeiterbewegung ernstzunehmen oder auch den weichen Bindekräften einer antifaschistisch-egalitären Fürsorgediktatur nachzuspüren. Einige Nebenbemerkungen deuten an, dass ihn der jahrzehntelang aufgestaute Frust über die Vereinfachungen westlicher Vulgärmarxisten in den Universitäten auf diesem Ohr taub gemacht haben könnte. Zwar nimmt Wehler die Herausforderung einer deutsch-deutschen Doppelgeschichte an, aber die DDR bleibt in der gesamten Darstellung eine teleologisch dem Untergang geweihte dunkle Kontrastfolie zur positiven Entwicklung Westdeutschlands. Ebenso wenig Empathie für schwierige Biographien zeigt seine pauschale Verurteilung islamischer Einwanderer als Fundamentalisten.

Eindrucksvoll bleiben Wehlers wissenschaftliche Disziplin, die Synthese einer enormen Literaturfülle sowie das Engagement für Demokratie und Chancengleichheit. In dieser Hinsicht ist der Band selbst ein Ausdruck einiger der besten Seiten der alten Bundesrepublik. Enttäuschend ist dagegen das Unvermögen des strukturellen Ansatzes, zeithistorische Veränderungen gesellschaftlich und kulturell zu erklären. Das primäre Ziel dieses Ansatzes war es, die Zäsur von 1933 und die sozialen Voraussetzungen der NS-Herrschaft zu analysieren; für die Zeit nach 1945/49 wirkt der strukturelle Zugriff hingegen etwas ziellos. Eine komplexe Verlaufsgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts muss man anderswo suchen. Wegen ihres hohen Grades analytischer Abstraktion fehlen Wehlers Gesellschaftsgeschichte die verwirrenden, häufig ambivalenten Erfahrungen der beteiligten Menschen. Der fünfte Band unterstreicht daher die beeindruckende Lebensleistung des Autors, verdeutlicht aber auch die Grenzen seiner Perspektive.

Zitation
Konrad H. Jarausch: Rezension zu: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis zur Vereinigung 1949-1990. München 2008 , in: H-Soz-Kult, 29.09.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11428>.
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29.09.2008
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