B. Greiner u.a. (Hrsg.): Krisen im Kalten Krieg

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Titel
Krisen im Kalten Krieg.


Hrsg. v.
Greiner, Bernd; Müller, Christian Th.; Walter, Dierk
Erschienen
Umfang
540 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Schäfer, Cold War International History Project, Washington

Englisch (und vielleicht bald auch Chinesisch?) gilt als lingua franca internationaler Forschungen und Studien zum so genannten Kalten Krieg, der in einigen Teilen der Welt über längere Zeiträume alles andere als „kalt“ war. Dank einer verdienstvollen Serie von Konferenzen des Hamburger Instituts für Sozialforschung und daraus resultierender Publikationen werden nun Ergebnisse internationaler Forscher auf Deutsch vorgelegt, die sonst vorwiegend in anderen Sprachräumen zirkulieren.[1] Der hier vorzustellende Band enthält 17 Beiträge mit einem beachtlich breiten Spektrum. Manche Schwerpunktsetzungen sind sicherlich diskutierbar, und die eine oder andere Fallstudie behandelt eher periphere Aspekte von Krisen. Einige der thematisierten Konflikte waren höchst riskant (für Beteiligte und Unbeteiligte gleichermaßen) und lösten globale Besorgnis aus; andere Krisen wurden dagegen international kaum als solche wahrgenommen. In ihrer Gesamtheit gehen die Beiträge erfreulicherweise über die Konflikte der beiden nuklearen Supermächte hinaus. Neben verschiedenen europäischen Schauplätzen werden auch asiatische und afrikanische Regionen einbezogen.

Eine systematisierende Einleitung von Bernd Greiner, die selbst als engagierte Stellungnahme zum Thema der Publikation zu begreifen ist, eröffnet den Band. Krisen werden unter anderem als lokal und zeitlich begrenzte Konflikte verstanden, die sich ins Gedächtnis der globalen Auseinandersetzung eingeschrieben haben und die entsprechende Nachfolger inspirierten oder gar produzierten. Jeremi Suri liefert den ersten Beitrag mit einer sehr anregenden Untersuchung über die Absurditäten der so genannten Logik der atomaren Abschreckung und ihrer vermeintlichen Erfolge, die nach gegenwärtigem Wissen sowohl als prekär wie als zufällig bezeichnet werden müssen. Der „Kalte Krieg“, wie er sich in der heutigen historischen Rückschau darstellt, bietet starke historische Argumente für die Reduzierung bestehender atomarer Rüstung einerseits und die Verhinderung ihrer Verbreitung andererseits.

Für viele Beiträge dieses Bandes gilt die nicht von den Autoren zu verantwortende Einschränkung, dass der Zugang zu substantiellen sowjetischen Quellen aus der gesamten Zeit der KPdSU-Generalsekretäre von Brezhnev bis Chernenko, also für etwa 20 entscheidende Jahre voller internationaler Spannungen, äußerst unbefriedigend ist. Es ist sicher mehr als eine wohlfeile Vermutung, dass der Forschung hier stellenweise Haarsträubendes zu internationalen und einheimischen Krisenszenarien vorenthalten wird. Auch die im Laufe der nächsten Jahre erfolgende schrittweise Öffnung zentraler Bestände der Ronald Reagan Library in Kalifornien [2] dürfte interessante neue Details zur amerikanischen Politik der 1980er-Jahre ans Tageslicht bringen.

Der vorliegende Sammelband bietet solide, auf die aktuelle Forschung gestützte Einführungen in die klassischen Supermächtekonflikte des Koreakrieges (Michael F. Hopkins), der Krisen um Berlin (Michael Lemke, Christian Nünlist) und der Kubakrise (Daniela Spenser, Joshua C. Andy), wobei Spenser die oft vernachlässigte kubanische Perspektive thematisiert. Der vermeintliche Beinahe-Nuklearkonflikt zwischen Moskau und Washington im Herbst 1983 im Umfeld der NATO-Übung „Able Archer“ fällt gegenüber den drei vorgenannten Szenarien zwar deutlich an Bedeutung ab (Vojtech Mastny), sollte aber, vorbehaltlich eines potenziellen Zugangs zu sowjetischen Materialien, auch nicht unterschätzt werden. Leider fehlt ein Beitrag zum Krieg in Vietnam und Indochina. Ein solcher Aufsatz hätte die historische Gestaltungsmacht zur Konfliktinszenierung durch die so genannte Peripherie veranschaulichen können; zudem hätte er es ermöglicht, die Problematik letztlich ausbleibender Nukleareinsätze für einen längeren Zeitraum zu diskutieren.

Ausgezeichnete Zusammenfassungen des Forschungsstandes und präzise Analysen werden in den Beiträgen zu den europäischen Krisen im sowjetischen Block geboten, sei es zur DDR 1953 (Mark Kramer), zu Ungarn 1956 (Charles Gati) oder zu Polen 1980/81 (Pawel Machcewicz). Zur Suezkrise von 1956 steuert Marc R. DeVore einen profunden Beitrag über die militärischen Pläne Großbritanniens und Frankreichs bei, doch leider diskutiert er nicht die zeitliche Verknüpfung sowie eventuelle Wechselwirkungen der Ereignisse in Ungarn und Ägypten. Zur Krise um die Tschechoslowakei 1968 bietet Oliver Bange einen interessanten Beitrag zum Einfluss des „ČSSR-Effektes“ auf die bundesdeutsche Ostpolitik und die folgende Entspannung in Europa und zwischen den Supermächten.

Zum asiatischen Krisenschauplatz enthält der Band einen detailreichen Beitrag von Sergej Radchenko über den Konflikt zwischen China und der Sowjetunion; aufgrund der ungünstigen Quellenlage kann sich der Autor nur bis 1967 beziehungsweise 1969 an eine Rekonstruktion herantasten. In den 1970er-Jahren wurde dieser Konflikt intensiver und globaler zugleich. Paranoia verbreitete sich erneut während der letzten Jahre von Maos Herrschaft, als die Sowjetunion der chinesischen Führung offenbar jede Irrationalität zutraute, ohne selbst frei von militärischen Phantasien zur Ausschaltung der „gelben Gefahr“ zu sein. Als „Krisen um Korea“ bezeichnet Mitchell B. Lerner die Aufbringung des amerikanischen Spionageschiffs „Pueblo“ im Januar 1968 und den Abschuss eines US-Aufklärungsflugzeuges im April 1969 jeweils durch Nordkorea. Sein Artikel zeichnet sich durch detaillierte Recherche zur amerikanischen Krisenbewältigung aus, lässt aber den koreanischen und internationalen Kontext weitgehend außen vor. Dabei wäre hier die Herausforderung einer Supermacht durch eine geradezu abenteuerlich missionarische Peripherie die spannendere Frage. Über die Hintergründe des Abschusses des amerikanischen Flugzeuges mit 31 Insassen an Bord im Jahr 1969 weiß man zudem bis heute nichts Substantielles: Ob es vielleicht sogar ein „Versehen“ war, muss vorerst offen bleiben, und bezeichnenderweise entstand aus dem Vorgang keine wahrnehmbare Krise.

Der afrikanische Kontinent schließlich ist im Band durch zwei lesenswerte Beiträge zur Sowjetunion während der Kongokrise 1960–1964 (Sergej Masow) und zur Krise in Angola und Namibia 1988 vertreten. Dort lieferten sich kubanische und südafrikanische Truppen beinahe ein verhindertes Nachhutgefecht des Kalten Krieges (Chris Saunders). Leider fehlt eine Studie zum internationalen Angola-Konflikt von 1975/76, als mit Kuba erneut eine Peripherie-Nation die Supermächte vor sich her und China und Nordkorea vorübergehend an die Seite der Anti-Kommunisten in Südafrika und Zaire trieb. Auch der internationalisierte Konflikt am „Horn von Afrika“ zum Ende der 1970er-Jahre käme hier in den Sinn. Aber es kann in einem Sammelband ja auch nicht alles vorkommen, und dem Hamburger Institut für Sozialforschung ist zu wünschen, dass es auch künftig solche verdienstvollen deutschsprachigen Publikationen zum „Kalten Krieg“ vorlegen kann.

Anmerkungen:
[1] Siehe bereits Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hrsg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006 (rezensiert von Henning Hoff, in: H-Soz-u-Kult, 12.07.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-024>, und Bernd Stöver, in: H-Soz-u-Kult, 05.10.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7636>).
[2] Siehe <http://www.reaganfoundation.org> (10.03.2009).

Zitation
Bernd Schäfer: Rezension zu: Greiner, Bernd; Müller, Christian Th.; Walter, Dierk (Hrsg.): Krisen im Kalten Krieg. Hamburg 2008 , in: H-Soz-Kult, 11.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11458>.
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11.03.2009
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