Titel
Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977


Autor(en)
Koenen, Gerd
Erschienen
Umfang
553 S.
Preis
€ 25,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan C. Behrends, Fakultät für Geschichtswissenschaften und Philosophie, Universität Bielefeld

Gleich zu Beginn seiner Darstellung der „roten“ siebziger Jahre betont Gerd Koenen, daß es sich um „keine wissenschaftliche Darstellung, sondern ein aus Texten, Szenen, Berichten und Erinnerungen gemischtes Bild [...].“ handle (S. 9). Tatsächlich trägt sein Bericht über die Zeit zwischen den Schüssen auf Rudi Dutschke am 2. Juni 1967 und dem „deutschen Herbst“ des Jahres 1977 stark autobiographische Züge. Über weite Strecken liest er sich wie ein bundesdeutscher Bildungsroman, der nicht nur den Weg einer Generation durch bzw. in die Institutionen der Republik, sondern gewissermaßen auch deren „langen Marsch“ zu sich selbst darstellt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätten Vertreter des linken politischen Spektrum Koenen für ein solches Buch einen „Renegaten“ geziehen und in mancher Hinsicht bewegt sich seine Darstellung in der Tradition von George Orwell, Arthur Koestler oder Isaac Deutscher, die eigenes Erleben mit in die Analyse jüngster Geschichte einbrachten und dabei sehr lesenswerte Texte hinterließen. Diesen historischen Vorbildern ähnelt die Darstellung Koenens auch insofern, als daß er nicht nur in großen Zügen das Epos seiner Generation zu schreiben versucht, sondern auch in zahlreichen kleineren und größeren Scharmützeln mit einigen seiner Mitstreiter abrechnet, die konkurrierende Analysen und Erinnerungen ihrer Jugend vorgelegt haben.

Außerdem handelt es sich bei diesem Beitrag zur bundesdeutschen Geschichte um ein Buch des Dialogs zwischen den Generationen. Koenen selbst erwähnt das Unverständnis seines eigenen Vaters und die harten Reaktionen der Aufbaugeneration auf die Aktivisten der „kleinen deutschen Kulturrevolution“. Doch auch eine jüngere Generation, die antiautoritäre Kinderläden erprobte, deren Kinderzimmer häufig grelle (rot-)chinesische Plakate schmückten, die zahllose Sonntage auf diversen Soliveranstaltungen verbrachte und die zur fröhlichen Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten erzogen wurde, kann bei Gerd Koenen etwas über die Irrungen und Wirrungen ihrer Eltern erfahren. Doch an dieser Stelle interessiert uns jenseits generationsspezifischer Betroffenheit: Welche Anregungen erhält der professionelle Historiker aus der Lektüre?

In einer über 500-seitigen tour de force verortet Gerd Koenen die linksradikalen gesellschaftlichen Bewegungen, die in den sechziger Jahren entstanden, nicht nur in der Sozial-, sondern auch in der Psychogeschichte der Nachkriegsdeutschlands. In seinem Bestreben, zu einer Art autobiographisch gefärbter Gesamtdarstellung zu kommen, verbindet er mehrere Erklärungsansätze miteinander: Zunächst fragt er nach den sozialpsychologischen Voraussetzungen für die Entstehung des Generationenkonflikts. Dabei weist der Autor überzeugend auf die konstitutive Bedeutung des Konfliktes, den die Protestbewegung mit der Generation ihrer Väter austrug. Die Hintergrundfolie für die scharfen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dieser deutschen Dekade – und, wenn man den Vergleich mit parallelen sozialen Bewegungen etwa in den USA oder in Frankreich heranzieht, ist genau hier das Spezifikum des westdeutschen Falles zu sehen – bildet die stets präsente und von vielen Seiten instrumentalisierte nationalsozialistische Vergangenheit mit ihren weitreichenden Implikationen für die Zeitgenossen Hitlers und die Nachgeborenen.

Nur locker chronolgisch vorgehend, behandelt der Verfasser den Untersuchungszeitraum in vierzehn Kapiteln, die auch als einzelne Essays gelesen werden können. Darin behandelt er so disperate und doch miteinander vielfältig verschränkte Phänomene wie den SDS, die „sexuelle Revolution“, die Renaissance des Feminismus, die K-Gruppen oder die Vergangenheitsbewältigung als „deutsche Selbstfaszination“. Entschieden widerspricht Koenen dem noch immer weit verbreiteten Mythos, die Westernisierung der deutschen Gesellschaft habe mit der Studentenrevolte von 1967/68 begonnen und auch im weiteren Verlauf der Darstellung gelingt es ihm, aus ironischer Distanz, aber doch häufig mit einem ordentlichen Schuß Polemik den Finger auf die Wunden jener „politischen Generation“ zu legen, die sich anschickte, in der Bundesrepublik die Revolution zu proben. Wachen Blickes analysiert er etwa die gegenseitige Abhängigkeit – ja geradezu symbiotische Beziehung – zwischen der Springer-Presse und der „Kommune 1“ oder die heute verstörend wirkenden nationalistischen Töne in zahlreichen Manifesten des „roten Jahrzehnts“ mit ihren häufig antiwestlichen und gelegentlich auch antisemitischen Subtexten. Überhaupt lebt das Buch davon, daß sich der Verfasser die Mühe gemacht hat, die Texte dieser Zeit noch einmal gründlich zu studieren, ohne dabei die Akteure hinter den Fassaden ihres verschnörkelten newspeak aus den Augen zu verlieren.

Koenen treibt die Kritik gelegentlich recht weit, wobei er nicht davor zurückschreckt, seine Akteure (und damit auch sich selbst) der Lächerlichkeit preiszugeben. Hier würde man von einem professionellen Historiker mehr Distanz erwarten. Auch wird man dem Buch vorwerfen können, an manchen Stellen etwas zu frankfurtlastig zu sein, was sich aus der Biographie Koenens leicht erklären läßt. Und schließlich scheint mir die Erklärungsmacht des von Koenen stark gemachten sozialpsychologischen Ansatzes begrenzt. Sinnvoll ist, das Buch als eine Anregung an die Geschichtswissenschaft zu verstehen, diese jüngste Vergangenheit genauer zu untersuchen. Es gilt dann, noch differenzierter hinzusehen, um das gesellschaftliche Klima zu beschreiben, das jene Generation prägte, die heute die Berliner Republik regiert. Gerd Koenen selbst stellt die Frage, welchen Anteil seine Alterskohorte an der Selbstzivilisierung Deutschlands hatte. Eine Antwort dürfte gerade hier zwiespältig ausfallen. Die Debatte um die Vergangenheit des Bundesaußenministers hat gezeigt, welchen hohen (symbolischen) Stellenwert die siebziger Jahre heute noch für die politische Kultur der Bundesrepublik haben. Hier besteht für die Geschichtswissenschaft die Möglichkeit, durch historische Grundierung einen bedeutenden Beitrag zur Diskussion zu leisten. Und das gilt gerade deshalb, weil die politischen Formen und Inhalte, um die damals gestritten wurde überwiegend ‚Geschichte‘ sind (wenn man von solchen ökologischen Nischen wie einigen Uni-Asten einmal absieht) und dennoch als gemeinsame Erinnerung bis in unsere Gegenwart wirkungsmächtig geblieben sind.

So ist es das Verdienst Koenens, einen ersten Überblick für diejenigen verfaßt zu haben, die den Dschungel der K-Gruppen nur aus der (zeitlichen und/ oder ideologischen) Ferne kennen. Wem hätte das besser gelingen können als einem selbst Beteiligten? Zunächst bleibt festzuhalten, daß die historische Auseinandersetzung über die letzten beiden Jahrzehnte der westdeutschen Republik gerade erst begonnen hat. Sie bildet die Voraussetzung für eine noch zu schreibende Gesellschaftsgeschichte der Nachkriegszeit und für ein fundiertes Verständnis der Berliner Republik und ihrer Eliten.

Anmerkung:
[1] Eine erweiterte Literaturliste zum „roten Jahrzehnt“, unveröffentlichte Kapitel des Buches und weitere Rezensionen findet man auf der Homepage von Gerd Koenen unter www.gerd-koenen.de

Zitation
Jan C. Behrends: Rezension zu: Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. Köln 2001 , in: H-Soz-Kult, 27.02.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1156>.
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27.02.2002
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