J.G. Hülsmann: Mises. The Last Knight of Liberalism

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Titel
Mises. The Last Knight of Liberalism


Autor(en)
Hülsmann, Jörg Guido
Erschienen
Umfang
1143 S.
Preis
$ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael von Prollius, Berlin

Wer war Ludwig von Mises? Diese Frage kann heute kaum jemand im deutschen Sprachraum beantworten. Gründe, Ludwig von Mises (1881-1973) zu kennen, gibt es indes genug. Immerhin hat der österreichische Nationalökonom und Sozialphilosoph mit einem der bedeutendsten ökonomischen Artikel nachgewiesen, dass rationale Wirtschaftsführung im Sozialismus mangels Privateigentum und Marktpreisen unmöglich ist. Sein Hauptwerk „Human Action“ (1949) wurde mit bisher über 500.000 verkauften Exemplaren zu einem wissenschaftlichen Bestseller und ist liberales Gegenstück zu „Das Kapital“ von Karl Marx. Schließlich verkörperte Mises im 20. Jahrhundert den klassischen Liberalismus: als Kopf der dritten Generation der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, als herausragender wirtschaftspolitischer Berater der österreichischen Regierung in den 1920er-Jahren sowie Begründer einer „Mises-Schule“ und einer anti-etatistischen Graswurzelbewegung in den USA.

Zwischen der Bedeutung des Österreichers und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ludwig von Mises klafft eine Lücke. Einerseits ist es nicht übertrieben, Mises als Sozialtheoretiker in einem Atemzug mit Voltaire, Montesquieu, Tocqueville und John Stuart Mill zu nennen, wie dies sein Schüler, der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek trotz kritischer Distanz tat. Andererseits ist sein Werk trotz wachsenden Interesses an der Österreichischen Schule besonders im Vergleich zu Hayek wenig erforscht. Nun hat Jörg Guido Hülsmann, Professor an der Universität d’Angers und Senior Fellow am privaten Mises Institut in Auburn, Alabama mit einer über eintausend Seiten umfassenden Biographie die erste umfassende Würdigung von Leben und insbesondere Werk vorgelegt. Die Gründe für die begrenzte Mises-Rezeption sind vielfältig und haben sich auch auf den vorliegenden Band ausgewirkt. Erst Mitte der 1990er-Jahre wurden in einem Moskauer Archiv wichtige Teile seiner Korrespondenz wieder entdeckt. Leider haben diese nur sehr begrenzt Eingang in Hülsmanns Arbeit gefunden, trotz in Auburn verfügbarer Kopien, wie Richard Ebeling in seiner kenntnisreichen Rezension im Independent Review konstatiert.[1] Außerdem ist Mises’ Werk derart umfangreich, vielfach anspruchsvoll und hebt sich besonders durch seine Praxeologie und Epistemologie vom Mainstream ab, dass historische, ideengeschichtliche und ökonomische Kenntnisse Voraussetzung für die Beschäftigung mit dem Manchester-Liberalen sind.

Jörg Guido Hülsmanns chronologisch angelegte Biographie zeichnet sich durch Kenntnisreichtum aus. Erwähnt seien hier die historischen Einführungen und Einordnungen in die Ideengeschichte. Beispielhaft ist das zweite Kapitel, dass die Entwicklung der Österreichischen Schule von den spanischen Scholastikern über den neuzeitlichen Begründer Carl Menger sowie seine Nachfolger Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser schildert.

Die sechs Abschnitte des Buches mit insgesamt 23 Kapitel entsprechen den Lebensabschnitten: „Young Ludwig“ zeichnet familiäre Wurzeln, Schul- und Universitätszeit bis 1907 nach. Hülsmann illustriert wie Mises und seine Mitschüler nicht im standardisierten Schulbetrieb, sondern vielmehr in Wiener Cafe-Häusern ihren Wissensdurst durch gegenseitige Anregungen und Kritik stillten. Mit seinem berühmten Privatseminar sollte er diese Praxis bis ins hohe Alter fortführen. Dies gilt auch für seinen historischen Blick und daraus entwickelte Argumente, denn Mises wurde erst Weihnachten 1903 durch die Lektüre von Carl Mengers „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ vom Anhänger der Historischen Schule zum „Österreicher“ bekehrt.

„The Austrian School“ verbindet die Kurzgeschichte der Menger-Schule mit Mises’ schwierigem Start ins Berufsleben. Das Kapitel reicht bis zu seinem Durchbruch in der Handelskammer sowie als Nationalökonom mit seiner „spektakulären“ (S. 208) Habilitationsschrift „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“ (1912), die von Max Weber als „annehmbarste materiale Geldtheorie“ bezeichnet wurde.

„Officer, Gentleman, Scholar“ zeigt die eigentümlich Spannung in Mises Leben auf: von der Unterbrechung seiner Karriere durch den Ersten Weltkrieg, wo er sich als angesehener, hoch dekorierter Reserveoffizier an der Front bewährte, bis zur „kopernikanischen Wende“ (S. 369). Diese umfassende Analyse des Sozialismus mit der Monographie „Die Gemeinwirtschaft“ (1922) führte den Nachweis, das der Sozialismus ein intellektueller Irrtum ist, und beeinflusste eine Generation von Sozialwissenschaftlern in Richtung des klassischen Liberalismus. Zudem ist seine Anti-Inflationskampagne vom Winter 1919 bis zur Geldstabilisierung 1922 einer der seltenen Fälle, da die Politik Mises’ Argumente umsetzte.

In „Mises in his prime“ kehrt sich diese Entwicklung um. Mises ist „Chef-Ökonom“ Österreichs, Gründer des Instituts für Konjunkturforschung und genießt 1929/30 großes Ansehens im Verein für Sozialpolitik. Seine Geld- und Konjunkturtheorie dominiert den deutschsprachigen Raum bis John M. Keynes in Unkenntnis des Forschungsstandes obsiegte. Hülsmann urteilt, Mises sei vom Exzentriker von 1912 zum wissenschaftlichen Führer aufgestiegen. Der Nationalsozialismus setzte dieser Entwicklung ein jähes Ende.

Nach fast 700 Seiten folgt das Intermezzo „Mises in Geneva“, wo der 53-jährige als exilierter Appellationsprofessor unter günstigen Arbeitsbedingungen sein Hauptwerk „Nationalökonomie“ vollendet. Der unglückliche Titel verstellt den Blick auf die darin enthaltene Sozialphilosophie, die einem konsequenten methodologischen Individualismus folgt. Durch einen mutmaßlichen Entführungsversuch bestärkt emigriert Mises erneut und erreicht mit seiner Frau auf abenteuerliche Weise im August 1940 New York.

Das letzte und längste Kapitel „Mises in America“ schildert zunächst die bitteren Jahre als mittelloser Emigrant in New York. Für den 59-jährigen berühmten Ökonomen gab es keine (universitäre) Verwendung. Umso bemerkenswerter ist sein mühsamer Aufstieg im neuen Kulturraum zum privat bezahlten Professor an der New York University mit erstmals eigenen akademischen Schülern auf Basis seiner Lehre. Eine libertäre Bewegung gegen den Etatismus entsteht und erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt 1958.

Ludwig von Mises’ Werk lässt sich als schonungslose Analyse der Ideen, die zur Verherrlichung des Staates führen, und des staatlichen Handelns bezeichnen. Stets untersuchte er, ob die gewählte Politik geeignet ist, anvisierte Ziele auch zu erreichen. Fast durchgängig kommt Mises zu dem Ergebnis, dass die politischen Mittel, gemessen an den selbst gesteckten Zielen, kontraproduktiv sind. Mises sieht die Aufgabe der Politik darauf beschränkt, Konflikte zu lösen.

Leider hat Jörg Guido Hülsmann weitgehend darauf verzichtet, von der miseanischen Perspektive abzuweichen und systematisch Einschätzungen durch Wegbegleiter und Kontrahenten einfließen zu lassen. Andersdenkende werden gleichsam als Häretiker behandelt, darunter der Nobelpreisträger Hayek. Die Abgrenzung vom interventionsfreudigeren Neoliberalismus kann auf den Leser einen obsessiven Eindruck machen, besonders beim Vergleich von New Deal und Neoliberalismus (S. 711). Die Entwicklung des Vereins für Sozialpolitik bis 1932 wirkt ohne Berücksichtigung der „Ricardianer“ unzutreffend; die deutsche Währungsreform von 1948 war nicht Werk Ludwig Erhards, sondern der USA (S. 877).

Letztlich bewegt sich Hülsmann ganz im Fahrwasser von Mises, wenn er kontrafaktisch urteilt, ein früheres Erscheinen der „Nationalökonomie“ hätte Hayek und andere zur reinen Lehre des Laissez-faire-Liberalismus bekehrt. Hülsmann überschätzt Mises’ Einfluss und die Bedeutung der reinen Vernunft gegenüber Traditionen und Instinkten für herrschende Ideen. Hayeks langfristige Strategie eines Elitenwandels und Röpkes soziologischer Ansatz waren vergleichsweise erfolgreicher.

Die Beschäftigung mit Mises’ Werk stellt für die Sozialwissenschaften weit über die Ökonomie hinaus, aber nicht ohne ein Verständnis ihrer Bedeutung, eine fruchtbare Herausforderung dar. Dass der Preisprozess eine Realität kreiert, die anders nicht bekannt werden kann, geht auf Mises zurück. Die Österreichische Theorie kann anders als der neoklassische Homo oeconomicus jede menschliche Handlung erklären (S. 598). Ob Kooperation statt Klassenkampf, Bedeutung des Eigentums, Einheit von Renaissance, Aufklärung und klassischem Liberalismus, Integration des Feminismus in den Liberalismus oder Erklärung der Weltwirtschaftskrise – Mises’ Werk bietet nicht nur das jüngste geschlossene Gedankengebäude mit einem realistischen Zugang zu unserer Welt, sondern auch einen besonders fruchtbaren intellektuellen Apparat, um die Funktionsweise von Gesellschaften zu allen Zeiten und an allen Orten zu verstehen, wie es sein streckenweise spannend schreibender Biograph formuliert (S. 1049).

Anmerkung:
[1] Ebeling, Richard M., The Life and Works of Ludwig von Mises, in: The Independent Review XIII (2008) 1, 99-109.

Zitation
Michael von Prollius: Rezension zu: Hülsmann, Jörg Guido: Mises. The Last Knight of Liberalism. Auburn 2007 , in: H-Soz-Kult, 19.09.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11634>.
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19.09.2008
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