C. Schabel (Hrsg.): Theological Quodlibeta. The Fourteenth Century

Cover
Titel
Theological Quodlibeta in the Middle Ages. The Fourteenth Century


Hrsg. v.
Schabel, Christopher
Erschienen
Umfang
xiv, 794 S.
Preis
$ 186.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Lützelschwab, Friedrich-Meinecke Institut, Freie Universität Berlin

An der Theologischen Fakultät der Pariser Universität ruhte der übliche Vorlesungsbetrieb im späten Mittelalter an zwei festgesetzten Terminen vor Ostern und Weihnachten. Die universitäre Öffentlichkeit erhielt die Gelegenheit, den Magistern und ihren Bakkalaren Fragen egal welchen Inhalts – de quodlibet – vorzulegen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ging es dabei aber um mehr als die schlichte Beantwortung mitunter abstruser Fragen aus theologischen Randgebieten. Die Quodlibeta-Disputationen boten den Magistern die willkommene Gelegenheit, einem breiteren Publikum die eigene geistige Potenz vor Augen zu führen. Sicherlich ist in diesem Zusammenhang bei einigen Magistern auch ein fast exhibitionistisches Bedürfnis nach intellektuellem Schaulaufen in Rechnung zu stellen. Die Form des universitären Quodlibet war im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts nicht nur an der Theologischen Fakultät der Universität Paris, sondern auch an den wichtigsten studia der Bettelorden etabliert – vornehmlich in Oxford und Paris.

Nachdem im Jahr 2006 der erste Band über die theologischen Quodlibeta des Mittelalters, fokussiert auf das 13. Jahrhundert, erscheinen konnte[1], liegt nun – dem äußerst effizienten Wirken des Editors sei Dank – der zweite, das 14. Jahrhundert abdeckende Band vor, dessen beeindruckender Umfang von der Breite des behandelten Stoffs zeugt. Obwohl Quellen zur Quodlibet-Praxis nur bis 1330 erhalten sind, ist die Entscheidung, diesem vergleichsweise überschaubaren Zeitraum einen ganzen Band zu widmen, vor allem aus einem Grund zu begrüßen: In nahezu allen Beiträgen wird thematisches Neuland betreten. Dies erklärt, weshalb verglichen mit dem ersten Band sehr viel mehr ungedruckte Quellen bzw. Material, das lediglich in schwer zugänglichen Frühdrucken vorliegt, in die Betrachtungen miteinbezogen wurden. Dies wiederum bedingt zweierlei: Zum einen nehmen Handschriften und deren Überlieferung thematisch einen sehr viel größeren Stellenwert ein, zum anderen werden aufgrund des aktuellen defizitären Forschungsstandes Fragen häufiger nur formuliert, jedoch nicht beantwortet. Damit erfüllt das vorliegende Kompendium jedoch Erwartungen, die legitimerweise an ein Handbuch zu richten sind: Neben die Darstellung des aktuellen Status quo der Forschung tritt die perspektivische Weitung in Hinblick auf noch zu bearbeitende Gebiete. Verweise auf Forschungsdesiderate finden sich denn auch allenthalben. Vielen Artikeln ist eine jahrelange, entsagungsvolle Archivarbeit anzumerken mit dem Resultat, dass nun in vielen Fällen zum ersten Mal überhaupt nähere Informationen zu Gestalt und Inhalt von Quodlibeta und deren Autoren vorliegen. Entstanden sind Referenztexte zu Stellung und Bedeutung universitärer Theologie in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts.

Die 16 einzelnen Artikel sind vier großen Gruppen zuzuordnen und versuchen eine Annäherung an die Thematik, die entweder über das Thema, über den Blick auf Einzelindividuen, über die Behandlung von Personengruppen oder über die Beschreibung einzelner Handschriften erfolgt, die für die Quodlibet-Überlieferung von herausragender Bedeutung sind.

Martin Pickavé liefert in seinem Beitrag einen luziden Überblick über die Behandlung der Individuations-Problematik innerhalb der Quodlibeta (The controversy over the principle of individuation in Quodlibeta (1277–ca.1320). A forest map, S. 17–79). Tatsächlich trieb die Frage, was Individuen eigentlich zu Individuen macht, nicht nur die Pariser Universitätstheologen um. Deutlich wird, dass trotz allen Bemühens um ein Zusammenführen und Ausgleichen unterschiedlicher Positionen es weniger darum ging, einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben, man im Gegenteil eher bemüht war, die Verbindung des Individuations-Problems mit noch komplexeren Fragen wie etwa derjenigen nach der Natur des Hylemorphismus oder der nach den aristotelischen Kategorien zu verbinden. Die Individuations-Thematik erscheint so als Spitze eines Eisbergs und Resultat unterschiedlicher ontologischer Konzeptionen ihrer Vertreter. Unstimmigkeiten waren auch den Zeitgenossen bewusst, wurden jedoch in den seltensten Fällen nivelliert. Insofern zeitigte die universitäre Debatte ein wichtiges Ergebnis: Die Kontrahenten konnten ihren eigenen Standpunkt, der gegen beständige Kritik von Kollegen zu verteidigen war, verfeinern. Ohne die in den Quodlibeta dokumentierte Debatte im Hintergrund wäre Johannes Duns Scotus wohl kaum in der Lage gewesen, seinen berühmten Individuations-Entwurf zu präsentieren. Einzelindividuen bzw. -autoren stehen im Zentrum der Ausführungen von Chris Schabel (The Quodlibet of Peter of Auvergne, S. 81–131), Timothy B. Noone und H. Francie Roberts (John Duns Scotus’ Quodlibet, S. 131–199), Ludwig Hödl (The Quodlibeta of John of Pouilly, S. 199–231), Cecilia Trifogli (The Quodlibet of Thomas Wylton, S. 231–267) und Lauge Olaf Nielsen (The Quodlibet of Peter Auriol, S. 267–333). Bei nahezu allen Beiträgen geht es an erster Stelle darum, den Status quo abzuklären, die Überlieferungssituation zu beschreiben und den Aufbau der einzelnen Quodlibeta inhaltlich zu erläutern. Dazu werden häufiger komplette Quaestionen-Listen mitgeliefert. Im Falle von Johannes Duns Scotus und Thomas Wylton schließen sich kleinere kritische Editionen einzelner Quaestionen an, die eines verdeutlichen: Die Forschung kann nur weitergehen, wenn die behandelten Quodlibeta ihrem handschriftlichen Schattendasein entrissen und in kritische Editionen überführt werden. Folgerichtig brechen deshalb nahezu alle Autoren eine Lanze für bereits existierende oder noch einzurichtende Editionsunternehmen.

Den wichtigsten, innerhalb des Bandes immer wieder zitierten Sammelhandschriften mit Quodlibeta unterschiedlicher Verfasser sind zwei Beiträge von Sylvain Piron (Nicholas of Bar’s Collection, S. 333–345) und William J. Courtenay (Reflections on Vat. Lat. 1086 and Prosper of Reggio Emilia, S. 345–359) gewidmet. Insbesondere Courtenay liefert bedenkenswerte Vorschläge in Hinblick auf Datierung und Zuweisung anonym überlieferter Texte an Autoren wie beispielsweise Jacques Fournier. Mit Spannung darf auf zukünftige Arbeiten gewartet werden, die diese Anregungen aufgreifen: Das intellektuelle Profil so mancher Persönlichkeit dürfte dadurch an Schärfe gewinnen.

Das, was das vorliegende Kompendium in ganz besonderer Weise auszeichnet, ist der detaillierte Blick auf den Beitrag, den die Vertreter des Regularklerus leisteten, waren doch auch sie in die Produktion von Quodlibeta an prominenter Stelle mit eingebunden. Thomas Sullivan beschreibt nicht nur die Situation in den Pariser Studienhäusern der Regularkanoniker und Orden, sondern geht detailliert auf die zwischen 1250 und 1330 entstandenen Quodlibeta aus der Feder von 17 Regularkanonikern bzw. Mönchen ein (The Quodlibeta of the Canons Regular and the Monks, S. 359–401). Dabei wird ein breiter Bogen ausgehend von den Kanonikern von Mont-Saint-Éloi über die Benediktiner bis hin zu den Zisterziensern geschlagen und ein beeindruckendes Tableau intellektueller Tätigkeit in den einzelnen Studienhäusern entworfen. Weitere Forschungen dürften insbesondere von den im Appendix angeführten Quaestionen-Listen profitieren. Aufgelistet finden sich die Quaestionen von Pierre Roger, dem späteren Clemens VI. und den Zisterziensern Guy de l’Aumône und Nicolas de Vaux-Cernay. Der Quodlibet-Produktion dominikanischer Provenienz nimmt sich Russel L. Friedman in seinem Beitrag an (Dominican quodlibetal literature [ca. 1260–1330], S. 401–491). In den Blick geraten hier 20 aus dem Orden stammende Magister, die in ihren Quodlibeta die Lehren des Thomas von Aquin verarbeiteten. Allerdings korrespondierte nicht in allen Fällen das thomistische Etikett mit dem tatsächlichen Inhalt, im Gegenteil legten einige Autoren einen erstaunlich kreativen Umgang mit thomistischen Lehrmeinungen an den Tag. Wohl am charakteristischsten ist die Existenz sogenannter „Anti-Quodlibeta“. Dabei handelt es sich um oftmals als reprobationes bezeichnete Texte, in denen Quodlibeta anderer Autoren angegriffen und deren Inhalte widerlegt wurden. An prominenter Stelle ist hier Bernard d’Auvergne zu nennen, der in seinen um 1315 entstandenen reprobationes die von Autoren wie Godefroy de Fontaines, Johannes von Viterbo oder Heinrich von Gent stammenden Quodlibeta einer kritischen Analyse unter- und sie schließlich verwarf. Dankbar ist man für die im Appendix angefügten Beispiele jeweils einer quaestio aus den reprobationes des Bernard d’Auvergne (S. 481–488) und Robert von Orford (S. 489–491). Die von Karmelitern verfassten Quodlibeta stehen im Zentrum der Betrachtungen von Chris Schabel (Carmelite Quodlibeta, S. 493–543). Ordenshistorikern dürfte dieser Beitrag besonders willkommen sein, tritt in ihm doch ein Orden in den Blickpunkt des Interesses, der es aus unterschiedlichen Gründen niemals geschafft hat, das Maß an Forschungsintensität auf sich zu lenken, dessen sich Zisterzienser oder die großen Bettelorden wie selbstverständlich nach wie vor erfreuen können. Schabel tut gut daran zu betonen, dass er gleichsam auf den Schultern eines Riesen ruht, denn niemand kannte die komplexe Thematik besser als Bartomeu Xiberta (1897–1967), ein katalanischer Karmelitertheologe, dessen Neigung, ausschließlich auf Katalanisch und Latein zu publizieren, die Rezeption seiner Forschungen nicht unbedingt beförderte. Schabel greift die Ergebnisse Xibertas auf und führt sie entscheidend weiter. Deutlich wird die Mittlerposition der Karmeliter zwischen den großen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner, die sich mit ihren Lehrstreitigkeiten – erwähnt seien nur die divergierenden Auffassungen in Hinblick auf die Unbefleckte Empfängnis – gegenseitig blockierten. Karmeliter hatten augenscheinlich keinerlei Probleme damit, Thomas zu zitieren, ohne sich dabei als strenge Thomisten zu gebärden, gleichzeitig aber auch Aussagen eines Johannes Duns Scotus in ihre Betrachtungen mit einfließen zu lassen, ohne dessen Standpunkt kategorisch zu verteidigen. Dieser intellektuellen Mittlerposition der Karmeliter wird auch in Zukunft noch mit großem Gewinn nachzugehen sein.

Chris Schabel zeichnet zusammen mit William J. Courtenay auch für einen Beitrag über die Quodlibeta von Vertretern des Augustinerordens verantwortlich (Augustinian Quodlibeta after Giles of Rome, S. 545–568), während sich William O. Duba in einem umfangreichen Beitrag der Quodlibet-Produktion franziskanischer Provenienz annimmt (Continental Franciscan Quodlibeta after Scotus, S. 569–649), dabei auf die komplexe Problematik der Handschriftenüberlieferung verweist und auf 16 Theologen dezidiert eingeht. Rondo Keele behandelt abschließend drei Quodlibet-Sammlungen, verfasst in den 1320er- und 1330er-Jahren des 14. Jahrhunderts von den in Oxford tätigen Theologen William Ockham, Walter Chatton und Robert Holcot (Oxford Quodlibeta from Ockham to Holcot, S. 651–692). Neben biografischen Details kommen Datierung, Aufbau, Überlieferung und philosophisch-theologischer Gehalt der Texte zur Sprache. Die Charakterisierung der einzelnen quaestiones als „exquisite intellectual buffet, with delicacies both rare and strange“ (S. 652) ist wohl zutreffend. Abschließende Bemerkungen von William J. Courtenay (Postscript: The demise of quodlibetal literature, S. 693–699) runden den Band ab, fassen grundsätzliche Beobachtungen zusammen und versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben, weshalb just um 1330 die Quodlibet-Überlieferung abbricht. Entschieden wendet sich Courtenay dabei gegen die Auffassung, Magister seien nach 1330 in die Abhaltung von Quodlibeta nicht mehr involviert gewesen und begründet das Fehlen jedweder Überlieferung stattdessen mit einer bewussten Entscheidung der Magister, auf die Publikation von Texten zu verzichten, deren Inhalt nicht mehr die einstige Bedeutung zugebilligt wurde. Richard Cross zeichnet für einen ausgedehnten Anhang verantwortlich (Appendix. Natural philosophy: an analytical index, S. 705–758), der unter anderem einen analytischen Index der in den Quodlibeta behandelten Themenkomplexe enthält – das Spektrum reicht dabei von „accidents“ über „discontinous existence“ und „limit-decision problems“ bis hin zu „universal hylomorphism“. Wie in einem solchen Band nicht anders zu erwarten, sind auch die Indices (1. auctorum quodlibetarum; 2. manuscriptorum; 3. nominum et locorum) mit äußerster Sorgfalt erstellt worden.

Die Forschungen zur intellektuellen Produktion im Umfeld der mittelalterlichen Universitäten sind damit auf eine neue Grundlage gestellt worden. Die beiden Bände zu den Quodlibeta des Mittelalters werden zweifellos auf lange Sicht ihren Status als Standardwerk behalten.

Anmerkung:
[1] Christopher Schabel (Hrsg.), Theological Quodlibeta in the Middle Ages. The Thirteenth Century, Leiden 2006. Vgl. dazu Ralf Lützelschwab: Rezension zu: Schabel, Christopher (Hrsg.): Theological Quodlibeta in the Middle Ages. The Thirteenth Century. Leiden 2006, in: H-Soz-u-Kult, 20.02.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-143> (18.06.2009).

Zitation
Ralf Lützelschwab: Rezension zu: Schabel, Christopher (Hrsg.): Theological Quodlibeta in the Middle Ages. The Fourteenth Century. Leiden 2007 , in: H-Soz-Kult, 15.07.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11704>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.07.2009
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation