Titel
Die Schmeisser-Affäre. Herbert Blankenhorn, der "Spiegel" und die Umtriebe des französischen Geheimdienstes im Nachkriegsdeutschland (1946-1958)


Autor(en)
Elzer, Herbert
Erschienen
Stuttgart 2008: Franz Steiner Verlag
Umfang
373 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Erik Lommatzsch, Leipzig

Mit einem im Misthaufen grunzenden Schwein sei der CSU-Politiker Josef Müller („Ochsensepp“) zu vergleichen. Konrad Adenauer soll dies gesagt haben, Herbert Blankenhorn, einer der engsten Mitarbeiter des Kanzlers, insbesondere auf dem Feld der Außenpolitik, ließ es den in französischen Diensten stehenden Agenten Hans-Konrad Schmeisser wissen und der wiederum gab es bei einem Verhör durch deutsche Stellen im Oktober 1952 zu Protokoll. Die so zutage tretende Äußerung Adenauers über den bayerischen Politiker war jedoch nur eine Peinlichkeit am Rande der Angelegenheiten, die mit dem Namen Hans-Konrad Schmeisser verbunden waren.

Das für die Öffentlichkeit vor allem sichtbare Hauptproblem war der am 9. Juli 1952 im Spiegel erschienene Beitrag „Am Telefon vorsichtig“. Durch Aussagen Schmeissers wurden insbesondere Blankenhorn und Adenauer darin massiv belastet. Man habe in den Jahren vor Gründung der Bundesrepublik mit dem französischen Geheimdienst zusammengearbeitet und diesem bereitwillig Informationen zur Verfügung gestellt. Von der französischen Seite habe man sich unter anderem finanzielle Unterstützung des CDU-Wahlkampfes für die erste Bundestagswahl versprochen. Die ganze Angelegenheit sei über Blankenhorn gelaufen, der sich von den Franzosen zudem persönlich mit Geld und Annehmlichkeiten aus dem Genussmittelbereich habe versorgen lassen. Natürlich gab es reichlich gegenseitige Beschuldigungen, Zurückweisungen, Rechtfertigungen, ausführliche Verhöre der Beteiligten und einen Prozess. Überraschenderweise endete die erst drei Jahre später geführte gerichtliche Auseinandersetzung bereits am zweiten Tag mit einer Einigung der beiden Parteien. Auch eine im Bundestag im Dezember 1955 geführte Debatte verlief erstaunlich zurückhaltend.

Bislang ist die so genannte Schmeisser-Affäre in der Literatur kaum präsent. Abgesehen von einem kürzeren Kapitel in einer unlängst erschienenen Blankenhorn-Biographie[1] und von zeitgenössischen, politisch-intentional geprägten Veröffentlichungen[2] wird diesem Aspekt der Vor- bzw. Frühgeschichte der Bundesrepublik nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Henning Köhler konstatiert in seiner Adenauer-Biographie, dass die Wahrheit dieser Angelegenheit „nie ans Licht“ gekommen sei.[3] Herbert Elzer geht in seiner Studie der „Schmeisser-Affäre“ nach und versucht diese aufzuklären. Sehr schnell wird deutlich, dass die seinerzeit durch den Spiegel-Artikel ins Licht der Öffentlichkeit gerückten vermeintlichen oder tatsächlichen Geschehnisse nur Teil eines wesentlich umfangreicheren Komplexes waren.

Zentrale Figur der Angelegenheiten, deren Vorgeschichte bis zur Münchener Regierungsbildung vom Dezember 1946 zurückreicht, war laut Elzer neben Schmeisser der ebenfalls für die französische Seite tätige Jürgen Christian Ziebell. Im Zuge der Bestrebungen, eine Stabilisierung und Erstarkung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg zu verhindern, bemühte sich Frankreich bzw. bemühten sich in diesem Fall dessen Geheimdienste um die Förderung separatistischer Bewegungen, etwa in der Pfalz. Später konzentrierte man sich darauf, einen Anschluss des Saarlandes an Deutschland zu verhindern. Dabei schreckte man auch nicht davor zurück, rechtsextreme Kräfte fälschlich mit den Anschlussbefürwortern in Verbindung zu bringen, um diese zu diskreditieren. Ziebell agierte zunächst von Saarbrücken, später von Wiesbaden aus, wo er im Amt für Verfassungsschutz unterkam. Dies verdankte er der Protektion des dortigen Leiters Paul Schmidt, der wahrscheinlich ebenfalls im Dienste der Franzosen und möglicherweise weiterer Geheimdienste stand. Ziebell unterhielt eine Vielzahl von Kontakten, steuerte Agenten oder bediente sich durch äußerst erfolgreich initiierte Verwirrspiele verschiedener Beamter und Politiker. Dabei hatte er auch stets den eigenen Vorteil im Auge. So versuchte er vom betrügerischen Bankrott eines Kaufhauses zu profitieren. Zudem erhoffte er für sich eine hohe Beamtenposition, vorzugsweise nach einer von ihm verursachten Personalverschiebung. Schmeisser hingegen wird als Agent von wesentlich geringerem Format dargestellt, der allerdings die Kontakte zu Blankenhorn unterhalten hatte. Letztendlich war es wahrscheinlich Ziebell, der hinter der Spiegel-Veröffentlichung stand. Ziel Ziebells bzw. der Franzosen war es, Blankenhorns Position zu schwächen, ihn jedoch nicht zu stürzen, um vor allem in der Saarfrage, für die er als einer der wichtigsten außenpolitischen Berater Adenauers zuständig war, Konzessionen zu erzielen. Beim Spiegel hingegen war man der Meinung, man müsse die – nach Ansicht der Redaktion und wahrscheinlich auch großer Bevölkerungskreise – in der besagten Zeit unnötig frankreichfreundliche Politik Adenauers, die ihren Ausdruck unter anderem in den Geheimdienstkontakten gefunden hatte, anprangern und den Kanzlerberater zudem als persönlich bestechlich entlarven. Unruhe gestiftet hatte Ziebell reichlich, große Erfolge blieben aber aus und bekanntlich entschied sich die Saar-Bevölkerung am 23. Oktober 1955 gegen das Saarstatut und damit für die Anbindung an Deutschland. Das überraschende Versanden der „Schmeisser-Affäre“ und die fast gütliche Einigung erklärt sich zum einen mit der Tatsache, dass Hans-Konrad Schmeisser eher ein Getriebener Ziebells war, der eigentlich schon vor Beginn der Angelegenheit nach einer auskömmlichen Existenz jenseits des Agentenlebens strebte; zum anderen aber wohl auch damit, dass Ziebell neben den Spiegelredakteuren und vielen anderen die SPD, die ihn im übrigen zu ihren Mitgliedern zählte, in seine Machenschaften verstrickt hatte. Die Sozialdemokraten hatten somit wenig Interesse an einer langwierigen Diskussion und Ausleuchtung der Geschichte.

Rekonstruiert werden in der Studie die mannigfachen Stränge und Verästelungen sowie die Rolle einer großen Anzahl von Personen mit verschiedenen Interessen. Den Agenten, die nicht alle oder nicht ausschließlich im Dienste Frankreichs standen, allen voran Ziebell, gelang es, eine Vielzahl von Politikern und Beamten, aber auch Journalisten zu täuschen und für ihre Zwecke einzuspannen. Dies betraf gerade auch die Seite, die eigentlich gegen den Separatismus arbeitete und die anschlussfreundlichen Parteien an der Saar unterstützte, etwa im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen.

Herbert Elzer folgt, nach einer knappen Skizze über die französischen und deutschen Geheimdienste, im Prinzip dem zeitlichen Ablauf der Ereignisse. Die Kapitel sind aber auf die geographischen Wirkungszentren und Schwerpunkte der „Umtriebe“ konzentriert – „Saar“, „Rheinland“, „Hessen“ usw. –, wodurch sich chronologische Überschneidungen nicht vermeiden lassen. Die Zusammenhänge werden vor allem anhand der Aussagen der Beteiligten herausgearbeitet. Diese entstanden zum Teil als Aufzeichnungen, wenn die Agenten Gespräche mit Beamten oder Politikern geführt hatten, zumeist aber bei polizeilichen oder staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen zu Beginn der 1950er-Jahre. Derartige Quellen haben zwar den Vorteil der Zeitnähe, sind aber natürlich nicht in erster Line vom Bestreben geprägt, der Nachwelt die Abläufe und Zusammenhänge korrekt zu überliefern. Folglich steht man einem Konglomerat von sich widersprechenden Aussagen der Beteiligten gegenüber. Diese werden in der Studie ausführlich präsentiert und zunächst nebeneinandergestellt, um dann jeweils eingeordnet und bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit bewertet zu werden. Die eigentliche Zusammenführung der das zentrale Anliegen des Buches betreffenden Stränge versteckt sich im Kapitel IX („Im Zangengriff Ziebells: Was steckt hinter dem Artikel ‚Am Telefon vorsichtig’?“, S. 280-289). In der "Schlussbetrachtung" (S. 325-335) wird noch einmal kurz auf die zentralen Punkte verwiesen: „Geheimdienste“, „Agenten“, „Adenauer, Blankenhorn und Frankreich“ sowie die „Verborgene Macht der Westalliierten“. Der Gedanke, einen wertenden Abschnitt über „Politik und Moral“ (S. 331-334) einzufügen, ist bei einer Arbeit über Agenten und Bestechlichkeit naheliegend und Elzer urteilt abwägend. Aber ein Erkenntnisniveau wie beispielsweise "mit Samthandschuhen ist noch niemand Kanzler geworden" (S. 334) ist für den ansonsten sehr positiven Gesamteindruck der Arbeit, von der zurecht gesagt werden kann, dass sie eine Forschungslücke schließt, nicht förderlich.

Unter Betonung der Tatsache, dass mit dem zeithistorisch-wissenschaftlichen Ertrag Neuland erschlossen wird, sei es erlaubt, noch darauf zu verweisen, dass das Buch so ziemlich alles enthält, was auch einen klassischen Agententhriller ausmachen würde: Neben zwielichtigen Doppelagenten, korrupten Politikern, Erpressungen und verschiedenen Wirklichkeiten gibt es einen Aktendiebstahl mit einer abenteuerlichen Flucht, verräterische Strichjungen, einen misshandelten Agenten, eine versuchte Entführung usw. Dies dürfte einen zusätzlichen Anreiz darstellen, das Buch Elzers zur Hand zu nehmen.

Kleinere Schnitzer sind der Arbeit nicht unbedingt abträglich; sicher spricht vieles dafür, dass es Reinhard und nicht Arnold Gehlen (S. 237) war, der Adenauer im August 1952 auf dem Bürgenstock besuchte. Auch hätte man vielleicht den zentralen Spiegel-Artikel, der lang und breit ausgelegt und diskutiert wird, selbst aber nicht ganz drei Magazin-Seiten füllt, mit abdrucken können. Ein wirklich großes Manko ist das fehlende Register, was sich gerade bei der Vielzahl der erwähnten und nicht allzu geläufigen Personen äußerst störend bemerkbar macht.

Anmerkungen:
[1] Birgit Ramscheid, Herbert Blankenhorn (1904-1991). Adenauers außenpolitischer Berater (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte, Bd. 49), Düsseldorf 2006, S. 182-186.
[2] Vgl. etwa Gerd Hover (d.i. Friedrich-Victor Risse), Der Fall Schmeisser ohne Schminke, Oberammergau 1956.
[3] Henning Köhler, Adenauer. Eine politische Biographie, Bd. 2, Berlin 1997, S. 74.

Zitation
Erik Lommatzsch: Rezension zu: Elzer, Herbert: Die Schmeisser-Affäre. Herbert Blankenhorn, der "Spiegel" und die Umtriebe des französischen Geheimdienstes im Nachkriegsdeutschland (1946-1958). Stuttgart 2008 , in: H-Soz-Kult, 19.02.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11771>.
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19.02.2009
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