J. Baberowski: Der Feind ist überall

Cover
Titel
Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus


Autor(en)
Baberowski, Jörg
Erschienen
Umfang
882 S.
Preis
€ 59,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lothar Kölm, Berlin

Jörg Baberowski, Professor und Lehrstuhlleiter für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat ein voluminöses und beachtenswertes Buch vorgelegt. Wer sich mit der Geschichte der Sowjetunion befasst, wird immer wieder darauf zurückgreifen müssen. Dafür sorgt allein der Haupttitel, der als Untertitel eingestuft wurde: „Stalinismus im Kaukasus“.

Für die Abhandlung des Themas sind mindestens fünf Voraussetzungen zu nennen: der Zusammenbruch der UdSSR, die Bildung souveräner Nachfolgestaaten (hier Azerbajdžan), das postsowjetische Chaos, zu dem auch die so genannte Archivrevolution gehörte, die Unterstützung der Archive und Archivare (wer in sowjetischer Zeit in den z.T. gleichen Archiven gearbeitet hat oder dies beabsichtigte, weiß dies insbesondere zu schätzen), die Übersicht, Geduld und das Vermögen des Autors bei der Hebung, Darlegung und Analyse der Archivmaterialien. Die Dokumente stammen aus zentralen und regionalen Archiven in St. Petersburg, Moskau und Baku. Allein die Übersicht der Bestände und Findbücher beeindruckt, und Baberowski schöpft in vollen Zügen aus den Quellen. So verwundert es nicht, dass sich das gehobene Archivgut zu einem Massiv aufbaute und zu einem Faszinosum entwickelte. Damit ist angedeutet, dass ein Verzicht auf eine Quellenkritik – sie wäre entweder als generelle Problemstellung oder aber im Detail wünschenswert gewesen – mitunter zu Schlussfolgerungen und Zuspitzungen geführt hat, die sich erheblich von bisherigen Erkenntnissen und Auffassungen in der russischen/sowjetischen Historiografie z.B. über die drei Revolutionen in Russland unterscheiden. So seien die Streiks von 1905 in Baku kein sozialer Protest, sondern eine interethnische und religiöse Auseinandersetzung gewesen. Deshalb habe es auch keine proletarische Solidarität gegeben. Die Revolution des Jahres 1905 in Baku kam deshalb als Pogrom zum Ausbruch (S. 68). In Baku habe es die Februarrevolution 1917 nicht gegeben (S. 96). Überhaupt hätte sich die Revolution den Muslimen nicht mitgeteilt (S. 100). Dagegen kam 1917, wie Baberowski meint, „die Geißel der Gewalt und des Terrors wie eine Naturkatastrophe über die Gouvernements Transkaukasiens. Die Revolution war hier nichts weiter als ein unablässiger Pogrom. Nirgendwo feierten die Gewalt und die ethnischen Säuberungen solche grausamen Triumphe wie in Transkaukasien, weil sich hier die Vernichtungsphantasien der Eliten mit der Gewaltkultur der Bevölkerung zu einem explosiven Gemisch verbanden“ (S. 84. Die Verwendung des Begriffs „Gewaltkultur“ scheint gewöhnungsbedürftig zu sein; er ist eher ein Oxymoron.). Damit ist zugleich auf die Grundthese des Buches verwiesen, denn Terror und Gewalt (sprich Stalinismus) sollten „an den historischen Ort“ zurückgebracht werden, „aus dem er kam und in dem er sich entfaltete“, d.h. dieser Ort ist Azerbajdžan allgemein, Nachičevan explizit (vgl. S. 536ff.). Zentralasien und Transkaukasien wurden, so lautet die Synthese, „zum Experimentierfeld, auf dem die selbsternannten Heilsbringer ihre Zivilisationsprogramme erproben konnten, bevor sie auch in den übrigen Regionen des Imperiums an Schwung gewannen“ (S. 554). An der Peripherie – gemeint ist der historisch-kulturelle Raum, der mit dem in der russischen Historiografie sowie in der schöngeistigen und politischen Literatur üblichen Begriff „Okraina“ gekennzeichnet wird, hier jedoch keine Berücksichtigung gefunden hat – sei der Gewaltstil erprobt worden, der dann im Rest der Sowjetunion zur Anwendung gekommen sei (S. 773). Baberowski vertritt dezidiert die Auffassung, dass sich der Stalinismus von der Peripherie ins Zentrum der politischen Macht bewegt bzw. entwickelt habe, womit er reichlich Diskussionsstoff geliefert hat. In diesem Kontext stellt sich sofort die Frage, was denn der Stalinismus gewesen ist. Steht das Moment der Gesellschaftskonzeption im Vordergrund, so kann es nur eine „Ausbreitungsrichtung“ geben: vom Zentrum zur Okraina. Liegt der Schwerpunkt bei der Begriffsbestimmung aber auf Gewalt, Terror, „orientalische Despotie“ (S. 773), so ist der Weg von der Peripherie zum Zentrum nicht von der Hand zu weisen. Die Gewalt als „Signum stalinistischer Schreckensherrschaft wurzelte im Konflikt unverstandener Welten“ (S. 588). Baberowski definiert Stalinismus als „eine personifizierte Form terroristischer Gewaltherrschaft mit totalitärem Anspruch unter den Bedingungen kultureller Heterogenität und institutioneller Unterdrückung“ (S. 553, Fußnote 3). Stalinismus sei aber auch eine Zivilisation, ein Zivilisationstyp, dessen historische und kulturelle Wurzeln im russischen und sowjetischen Imperium (sprich Geschichte) liegen. Die Formulierung „personifizierte Form“ lässt die Schlussfolgerung zu, dass mit dem Tod Stalins auch der Stalinismus das Zeitliche gesegnet habe, der Endpunkt also 1953 sei. Dagegen ist einzuwenden, dass das von Stalin geschaffene Gesellschafts- und Herrschaftsmodell nicht zeitgleich mit seinem Schöpfer von der Bildfläche verschwand, sondern erst Jahrzehnte später durch die Perestrojka, die ja eine grundlegende Reform dieses Modells („Zurück zu Lenin“) bewirken sollte, zu Grabe getragen wurde; und die Gewalt kehrte, so möchte man mit Baberowski sagen, an ihren „historischen Ort“ zurück. Das von Stalin geschaffene Gefolgschaftswesen bzw. der „Personenverbandsstaat“ (S. 775) erlebt seit 1990 in vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, darunter in Azerbajdžan, eine (bedrückende) politische Renaissance.

Baberowski fordert, das „Verhältnis zur Religion, zum Geschlecht, zur Mode und zum Recht in den Mittelpunkt historischen Forschens“ zu stellen, was in der Historiografie über den Stalinismus „bislang kaum Beachtung“ gefunden habe. Denn darin liege der „eigentliche Kern für das Verständnis des Stalinismus verborgen“ (S. 588). Hier steht das Bemühen im Vordergrund, auf kulturgeschichtliche Aspekte des Stalinismus aufmerksam zu machen. Der Leser findet hierzu in dem Buch dann auch reichlich Informationen (vgl. Kapitel sieben, S. 599ff.). Insbesondere sei auf die Ausführungen über die Politik der korenizacija der Bolschewiki aufmerksam gemacht. Erstens wird dem undifferenzierten und tumben Russifizierungsgerede eine Abfuhr durch eine differenzierte Darlegung des Problems erteilt. Dagegen hätten, zweitens, nationale Selbstbestimmung, Nationalitätenpolitik, nationale Republiken, die korenizacija „das Bekenntnis der neuen Machthaber zur Nation als Ordnungsprinzip des Imperiums [symbolisiert]“ (S. 213; generell Kapitel fünf, S. 314ff.).

Die Historiografie über den Stalinismus hat bereits jetzt eine kaum noch zu übersehende Dimension angenommen. Baberowskis Arbeit gebührt aber eine Ausnahmestellung. Es ist eine aus den Quellen gearbeitete Grundlagenforschung, und dies ist vor allem zu würdigen. Auch ist es nicht üblich, dass sich ein Russlandhistoriker mit der Geschichte eines nichtrussischen Volkes des Russischen Reiches/der Sowjetunion beschäftigt, woran es anderen Forschern mangelte, war sicherlich nicht das Interesse, wohl aber an Sprachkenntnissen. Entstanden ist eine Geschichte Azerbajdžans seit dem Zeitpunkt der Zugehörigkeit zum Russischen Reich (Friedensverträge Russlands mit Persien Gulistan 1812 und Turkmančai 1828) mit dem Schwerpunkt auf der Stalinschen Zeit der sowjetischen Geschichte bis Ende der 1930er-Jahre. Insofern haben wir es mit einem Buch in einem Buch zu tun. Azerbajdžan diente Baberowski als Fallbeispiel, um seine Stalinismusauffassung darzulegen. Doch seine Konzeption, den Stalinismus aus der russischen/zarischen Geschichte (vgl. insbesondere Kapitel eins, aber auch Kapitel zwei) herzuleiten, muss Widerspruch hervorrufen. Kennzeichnend für die Stalinismushistoriografie ist, dass der Stalinismus vor allem als Synonym für Terror und Gewalt gilt und insofern ausschließlich als ein Problem und Phänomen der sowjetischen Geschichte angesehen wird (vgl. die Gliederung des Buches). Doch Gewalt, Terror etc. sind ein Charakteristikum des 20. Jahrhunderts. Die Stalinsche Zeit, sie endete – im Gegensatz zum Stalinismus – in der Tat im März 1953, sollte in den Epochenkontext zumindest der europäischen Geschichte eingeordnet werden. Es bereitet offenbar Mühe, den Begriff „Stalinismus“, ursprünglich war er ein politischer Kampfbegriff, als wissenschaftliche Kategorie und als Verständigungsinstrument zu gebrauchen.

Dem Buch sind Verzeichnisse über benutzte Zeitschriften, Abkürzungen, Quellen und Literatur beigefügt. Das Personenregister ist dagegen etwas (kaukasisch) „großzügig“ geraten. Bei einer zweiten Auflage sollte auf „Zuspitzungen und Provokationen“ verzichtet werden, denn die Fakten sprechen für sich. Auch sollte der Begriffsapparat (Nation, Nationalität, Ethnie, Nationalisierung, Gewaltkultur, Peripherie etc.) einer Überprüfung bzw. Präzisierung unterzogen werden. Eingangs seines Buches sprach Baberowski die Hoffnung aus, es möge zum „Verständnis des heute Unverstandenen“ beitragen. In diesem Sinne ist es in der Tat ein zeitgemäßes Buch.

Zitation
Lothar Kölm: Rezension zu: Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus. München 2003 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1196>.
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25.11.2004
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