H. Stadtland (Hrsg.): Friede auf Erden

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Titel
Friede auf Erden. Religiöse Semantiken und Konzepte des Friedens im 20. Jahrhundert


Hrsg. v.
Stadtland, Helke
Erschienen
Essen 2009: Klartext Verlag
Umfang
306 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Gerster, Department of History and Civilization, European University Institute

Religion und Gewalt – kaum ein Themenkomplex hat im zu Ende gehenden Jahrzehnt einen größeren Aufschwung in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Wahrnehmung erfahren als der genannte. Bedingt durch die Anschläge vom 11. September 2001 war vor allem das Interesse (westlicher Forscher) am Islam als Untersuchungsgegenstand sprunghaft angestiegen. Viel seltener wurde dagegen das Gewaltpotential des Christentums, als Grundlage der europäisch-westlichen Kultur, in den Blick genommen. Ausnahme davon bildete sicherlich die von Jan Assmann angestoßene Debatte über den Zusammenhang von Monotheismus und Intoleranz.[1] Ganz ins Hintertreffen geraten ist dagegen die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Frieden. Besonders mit Blick auf die historische Forschung des 20. Jahrhunderts, die sich bereits im Allgemeinen im Umgang mit Formen des Religiösen ersichtlich schwer tut, ist diese Thematik ein offenkundiges Desiderat. Dies zu ändern, ist vor etwas mehr als zwei Jahren der Arbeitskreis „Historische Friedensforschung“ in Zusammenarbeit mit der Bochumer DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“ angetreten.[2] Die Ergebnisse sind nun in einem Sammelband erschienen.

„Friede auf Erden“ – die „beliebte Chiffre religiösen Friedensdenkens“ (S. 21) – bildet Buchtitel und Ausgangspunkt der einführenden Überlegungen der Bochumer Historikerin und Herausgeberin Helke Stadtland. In dieser Formel spiegele sich einerseits die für das Christentum typische Vorstellung einer Trennung von welt-immanentem und jenseitig-transzendentem Frieden wider. Andererseits erschließe gerade sie das Politisierungspotential religiöser Friedenssemantik – von bürgerlicher Harmonievorstellung bis zur Betonung des Revolutionären der christlichen Botschaft (S. 21, Anm. 3). Diesem historisch-empirischen Befund einer engen Verflechtung religiöser und politischer Friedenssemantiken und -konzepte könne nur durch eine eingehende Untersuchung von Diskursen, Begriffen und Symbolen (S. 31) begegnet werden. Ergänzend zu der herkömmlichen Unterscheidung zwischen christlich geprägten und säkular-aufklärerischen Friedensorganisationen plädiert Stadtland – ganz im Sinne der Neuen Politikgeschichte[3] – dafür, stärker die jeweiligen diskursiven Kontexte in den Blick zu nehmen.

Damit hat Stadtland den theoretischen und methodischen Forschungsrahmen des vorliegenden Sammelbandes skizziert. Anschließend formuliert sie drei Leithypothesen für das Zusammengehen von Frieden und Religion im europäisch-christlichen Kontext des 20. Jahrhunderts: Erstens habe sich die Emanzipation von Friedenskonzepten von religiösen Vorstellungen weiter fortgesetzt. Diese säkularen Initiativen hätten sich jedoch weiterhin religiöser Semantik bedient. Zweitens habe religiöses Friedensdenken das gesamte 20. Jahrhundert hindurch – mit zeitlich und regional erheblichen Unterschieden – Auftrieb erfahren. Es sei dadurch bisweilen einer starken Politisierung unterworfen worden. Drittens hätte trotz aller Abgrenzungsdiskurse eine mitunter sehr intensive Kooperation zwischen den verschiedenen Friedensinitiativen stattgefunden.

Nicht entlang dieser drei Entwicklungshypothesen, sondern chronologisch organisiert der Sammelband im Folgenden seine Beiträge. Den ersten Zeitabschnitt „Im Zeitalter der Weltkriege“ eröffnet Jörg Seiler mit einem multiperspektivischen Blick auf die Rolle Marias im päpstlichen Friedensdenken der Jahre 1854 bis 1954. Beispielhaft für das gesamte katholische Selbstbild gelingt es ihm den Wandel des kirchlichen Friedensverständnisses von einer defensiv, nach innen gekehrten pax catholica zum weltzugewandten Völkerfrieden nachzuzeichnen. Als Gegengewicht dazu nimmt der Beitrag Marie-Emmanuelle Reytiers die Friedenskonzeptionen deutscher Katholiken während der Weimarer Republik in den Blick und setzt sie in Bezug zu deren unterschiedlichen Politik- und Staatsverständnissen. Die Untersuchungstrias zur katholischen Friedenssemantik vervollständigt Till Kössler mit einer eingehenden Betrachtung des Beitrags kirchlicher Kriegs-/Friedenskonzeptionen im spanischen Bürgerkrieg. Kössler gelingt es eindrucksvoll und überzeugend, die bisher weitgehend vernachlässigte „religiöse Dimension“ der Auseinandersetzung herauszuarbeiten.

Alf Christophersen befasst sich in seinem ideengeschichtlich angehauchten Beitrag anhand der Debatten der Vertreter der sogenannten Luther-Renaissance mit dem protestantischen Blick auf Krieg und Frieden während der Zwischenkriegszeit. Im Zentrum steht eine kritische Beleuchtung der kriegsbejahenden Position des Theologen Emanuel Hirsch. Christophersen gelingt es maßgeblich, Nähe und Distanz von Hirschs Metaphorik zu Ideen des religiösen Sozialismus aufzuzeigen. Mit seiner Studie zu den Beziehungen der säkularen War Resisters International (WRI) zu den religiös begründeten Friedensinitiativen der Quäker und des International Fellowship of Reconciliation (IFOR) schlägt Christian Scharnefsky bereits einen Bogen über den zweiten Weltkrieg hinaus. In Rückgriff auf die Ausführungen Helke Stadtlands kommt Scharnefsky zu dem Fazit, dass eine enge Verbindung der drei Gruppen vor allem möglich war, weil die Positionen des WRI von Anfang an einer starken Sakralisierung unterworfen waren.

Der zweite Zeitabschnitt des Sammelbandes wendet sich der Periode des Kalten Krieges zu. Hier richtet sich der Blick zunächst auf die Friedenssemantik politischer und säkularer Akteure. Janosch Steuwer und Jürgen Mittag gehen der Frage nach, ob sich anhand der Äußerungen sozialdemokratischer Bundeskanzler und -präsidenten ein einheitliches Friedenskonzept der SPD herausarbeiten lasse. Der theoretisch fundierte Aufsatz belegt anhand zahlreicher Detailbefunde, dass die Diversität der Friedensverständnisse vor allem lebensweltlichen und biografischen Hintergründen geschuldet ist. Allen gemeinsam sei aber ein sehr sparsamer Rückgriff auf religiöse Semantik, die lediglich dazu diene, die Anschlussfähigkeit der SPD an eine Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen zu gewährleisten. Holger Nehring beschäftigt sich in gewohnt durchdachter Weise mit den religiösen und moralischen Durchflechtungen der politischen Semantiken der westdeutschen und britischen Friedensbewegungen nach 1945. Seine These einer therapeutischen Wirkung religiöser und moralischer Friedenssemantiken in den Diskursen der 1950er- und 1960er-Jahre liest sich als ein sehr erfrischender und überzeugender Befund.

Der Band schließt mit drei anregenden Beiträgen zur Friedenssemantik der 1980er Jahre. Anke Silomon beschreibt die Auseinandersetzungen zwischen der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR und dem SED-Regime um die Konnotation von Friedensbegriffen und -symbolen. Vor allem anhand der umkämpften Chiffre „Schwerter zu Pflugscharen“ gelingt es ihr, den zunehmenden Konflikt der gegensätzlichen Weltanschauungen und ihrer Friedenskonzeptionen anschaulich darzustellen. Über Deutschland hinaus nimmt Katharina Kunters Untersuchung die protestantischen Kontroversen um die Leitideen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung auf europäischer Ebene in den Blick. Anhand der Idee eines gemeinsamen Friedenskonzils illustriert sie kenntnisreich Überschneidungen und Differenzen in thematischer und semantischer Schwerpunktsetzung. In die katholischen Auseinandersetzungen während der Friedensproteste der frühen 1980er-Jahre führt am Ende Ulrich Wenner, heute Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht in Kassel und damals Mitbegründer der Oppositionsbewegung „Initiative Kirche von unten“, in einem Zeitzeugenbericht ein.

Wenners abschließende, skizzenartige Ausführungen zur engen Verwobenheit von Friedenssemantik und Kirchenkritik verdeutlich, welch langer Weg noch zu gehen ist, bis die Thematik „Frieden und Religion“ historiografisch auch nur annähernd aufgearbeitet sein wird. Der vorliegende Sammelband konnte in dieser Hinsicht nur einen ersten, jedoch sehr wichtigen Anstoß liefern. Sicherlich wäre vor diesem Hintergrund wünschenswert gewesen, die von Helke Stadtland bereits in der Einführung vorgenommene Aufgabe, Problemfelder und Forschungshorizonte des Themenkomplexes aufzuzeigen, als Abwägung am Ende des Buches zu platzieren. Dies hätte zugleich die Möglichkeit eröffnet, die eingangs aufgestellten Hypothesen anhand der Aufsätze noch einmal eingehender zu überprüfen und insbesondere deren Aussagekraft einer zeitlichen Differenzierung zu unterziehen. Hierin mag aber auch schon das größte Manko dieses Buches liegen. Dessen Verdienst, sich eines fundamentalen Desiderats deutscher Historiografie angenommen zu haben, indem es – theoretisch fundiert und thematisch differenziert – religiöse Friedenskonzepte und -semantiken untersucht, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, München 1998.
[2] Vgl. Tagungsbericht Religiöse Semantik des Friedens. Diskurse und Netzwerke im 20. Jahrhundert. 03.11.2006-04.11.2006, Bochum. In: H-Soz-u-Kult, 24.11.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1385> (23.06.2009).
[3] Ute Frevert / Heinz-Gerhard Haupt, (Hrsg.), Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Daniel Gerster: Rezension zu: Stadtland, Helke (Hrsg.): Friede auf Erden. Religiöse Semantiken und Konzepte des Friedens im 20. Jahrhundert. Essen 2009 , in: H-Soz-Kult, 30.06.2009, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12358>.
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Veröffentlicht am
30.06.2009
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