M. Handy: Die Severer und das Heer

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Titel
Die Severer und das Heer.


Autor(en)
Handy, Markus
Erschienen
Berlin 2009: Verlag Antike
Umfang
283 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Die severische Dynastie verbindet das römische Kaisertum des 2. mit dem des 3. Jahrhunderts n.Chr. und steht somit zwischen den mit Marc Aurel bzw. dessen Sohn Commodus endenden antoninischen (Adoptiv-)Kaisern und den mit Maximinus Thrax einsetzenden Soldatenkaisern. In ihrer Regierungszeit von 193 bis 235 vermochten die severischen Herrscher eine gewisse Stabilität im Innern aufrechtzuerhalten und äußere Feinde abzuwehren. Dennoch sieht man die Zeit der Severer gern als „Vorspiel“ zu den Soldatenkaisern an.[1] Diese Einschätzung ist nicht zuletzt auf die bemerkenswerte Förderung des Militärs durch die Severer zurückzuführen, wie sie bei Cassius Dio in den an die Söhne Caracalla und Geta gerichteten Worten des Septimius Severus zum Ausdruck kommt: „Bleibt einträchtig, bereichert die Soldaten und schert euch um all das andere den Teufel!“[2] Dem Verhältnis der Severer zum Militär geht Markus Handy in einer Studie nach, die ihr Thema an drei signifikanten Aspekten verfolgt: an der Rolle der einzelnen Kaiser als Soldaten, an der Rolle des Heeres als Machtfaktor für die jeweiligen Kaiser und schließlich an diversen Bereichen der Heerespolitik dieser Zeit. Im Zuge des Literaturberichts stellt Handy fest, es gebe „für viele Bereiche des severischen Militärs Einzeluntersuchungen“, die – so sein mit der Dissertation verfolgtes Ziel – eine Gesamtdarstellung sinnvoll machten, um „alle bisher in der Altertumswissenschaft vertretenen Standpunkte zusammenzuführen“ (S. 18).

Das Kapitel „Der Kaiser als Soldat“ behandelt alle Indizien, die in den Zusammenhang der militärischen Ausbildung und Laufbahn der severischen Kaiser vor ihrem Prinzipat und der militärischen Aktivitäten während ihrer Herrschaft gehören. Nur bei Septimius Severus und bei dem nichtseverischen kurzzeitigen Nachfolger Caracallas, Macrinus, kann von einer Militärlaufbahn vor der Herrschaft gesprochen werden. Beim ersten severischen Kaiser stellt Handy keine sonderliche militärische Kompetenz fest, bei ihm lag der Schwerpunkt vielmehr in einer zivilen Laufbahn. Ähnlich sieht es angesichts der juristischen Qualifikation bei Macrinus aus, auch wenn dieser im Jahre 212 – wohl aus eben diesem Grunde – Prätorianerpräfekt wurde. Mehr Farbe gewinnen diese Aussagen vor dem Hintergrund der Karrieren von Familienangehörigen der severischen Kaiser. Bei ihnen sind durchaus bemerkenswerte Militärlaufbahnen vertreten, und in dieser Beziehung sind sie in bestimmten Situationen zugleich wichtige Stützen des Regimes. Hierzu zählen zum Beispiel Septimius Geta, der Bruder des Septimius Severus, sowie kaiserliche Schwiegerväter wie Plautianus und Macrinianus. Dabei geht Handy durchaus auch letztlich kaum lösbare prosopographische Herausforderungen an, wie sich in seiner Erörterung zu Macrinianus zeigt. In den Aktivitäten der Severer als Heerführer nach Antritt der Kaiserherrschaft bestätigen sich Handys Vorbehalte gegenüber den militärischen Qualitäten der severischen Principes. Auch aus diesem Blickwinkel sind sie also klar von den späteren Soldatenkaisern abzugrenzen. In der Außenpolitik der Severer dominierten Sicherheitsinteressen; Septimius Severus und Caracalla konnten dabei gerade an der Ostgrenze zu den Parthern durch eine gegenüber ihren Vorgängern innovative Politik Erfolge verbuchen.

Im nächsten Kapitel über „Das Heer als Machtfaktor“ wird die Bedeutung des Militärs für die Machtübernahme und den Machterhalt der severischen Kaiser dargelegt. Nach Behandlung der Akzeptanz- und der Legitimitätsthematik infolge der Usurpation [3] verbindet Handy den Erfolg des Septimius Severus mit seinen dem Griff nach der Macht vorausgehenden Organisationsleistungen und personalpolitischen Weichenstellungen. Während sein Sohn Caracalla ebenfalls Truppen und deren Kommandanten geschickt auf seine Anliegen zu verpflichten wusste, konnten Macrinus, aber auch Elagabal und Severus Alexander ihre Erhebung nicht auf eine wirklich breite militärische Basis stellen: Zwar gelang der Thronwechsel, nicht aber die dauerhafte Verankerung der Macht in allgemeiner Truppenakzeptanz. Als ausschlaggebend für den Erfolg einer Machtübernahme von Prätendenten, die – wie die Severer – keine begabten militärischen Taktiker waren und aufgrund eigener Leistungen als Heerführer kaum Akzeptanzpotential anzusammeln vermochten, erscheint die Bindung einflussreicher Militärangehöriger an die Kaiser bzw. das Kaiserhaus. Die Leistungsfähigkeit dieses Führungspersonals und die daraus erwachsenden Einflussmöglichkeiten galt es für das Ansehen der Herrscher bei den Soldaten zu nutzen. Daher stellt Handy in diesem Zusammenhang die Ergebnisse prosopographischer Untersuchungen über in Frage kommende Militärs vor, um insbesondere von den diesbezüglichen Resultaten aus das Verhalten bestimmter Legionen einzuschätzen. Handy hebt dabei sowohl die Bedeutung kluger kaiserlicher Personalpolitik auf der Ebene der Provinzstatthalter und Legionskommandeure als auch die über die Standesschranken hinausführende Förderung des Offiziersnachwuchses hervor. Angehörige des Ritterstandes fanden über ihre Militärlaufbahn jetzt immer häufiger Zugang in den Senat. Dass es Macrinus, Elagabal und Severus Alexander nicht dauerhaft gelang, das Heer als Mittel der Herrschaftssicherung erfolgreich einzusetzen, führt Handy allgemein auf fehlendes Interesse dieser Herrscher am militärischen Leben und im besonderen auf Versäumnisse zurück, den Truppen angesichts ihrer Beteiligung an der Kaisererhebung dauerhaftes Entgegenkommen zu zeigen, im Falle des Severus Alexander auch auf grobe personalpolitische Fehler.

Die beiden Kapitel über den Kaiser als Soldat und das Heer als Machtfaktor kulminieren in einem dritten Abschnitt zur Heerespolitik, der die eher prosopographisch orientierten bisherigen Ausführungen unter systematischen Gesichtspunkten abrundet. Handy stellt für die Severerzeit die Teilung großer Provinzkommanden und Maßnahmen zur Trennung von ziviler und militärischer Gewalt fest; er nennt die Aufstellung neuer Legionen, die Umstrukturierung der stadtrömischen Truppen, die Formierung von Vexillationen als Einsatzreserven, die steigende Bedeutung der Reiterei, die Integration reichsfremder Kontingente ins Heer und die Ausweitung des Kundschafterwesens. In organisatorischen Maßnahmen dieser Art sieht er sinnvolle Umstellungen zugunsten einer defensiven Politik, die die Bildung eines Bewegungsheeres vorbereiteten. Dementsprechend wurden auch die Laufbahnen der Offiziere professionalisiert, was die Entstehung einer Militärgesellschaft begünstigte, die aufgrund größerer sozialer Durchlässigkeit auch in den höheren Chargen mehr und mehr von Berufsoffizieren und ihrem laufbahnbedingten militärischen Ethos geprägt war. Hinzu traten Maßnahmen, die die Lebensbedingungen für die Soldaten attraktiver machten: die Aufhebung des Eheverbots, die Urbanisierung der canabae, Solderhöhungen, die Zunahme von Sonderzuwendungen und Verbesserungen im militärischen Versorgungswesen. Gerade in den Grenzgebieten trug diese Politik ebenfalls zur allmählichen Herausbildung einer geschlossenen Militärgesellschaft bei.

Handys Untersuchung bestätigt, was man im Großen und Ganzen aus unterschiedlichsten Einzelforschungen schon wusste (vgl. S. 18): In der severischen Epoche setzte eine Militarisierung der römischen Gesellschaft ein, durch die mittels Erhöhung der Anziehungskraft des Soldatenberufs wie der Offizierslaufbahn Maßnahmen initiiert wurden, die nicht nur die Herrschaft der Severer wirksam absichern sollten, sondern auch manche der für die Soldatenkaiserzeit kennzeichnenden Entwicklungen des 3. Jahrhunderts möglich machten: solche, die zur krisenhaften Zuspitzung führten, ebenso wie solche, aus denen Mittel zur Konsolidierung des Römischen Reiches erwuchsen. Die Studie erarbeitet eine einsichtige Zusammenschau aller wesentlichen militärpolitischen Gesichtspunkte der Zeit von 193 bis 235 n.Chr. Leider geht Handy auf Verbindungslinien, die aus dem 2. Jahrhundert in die severische Zeit führen, nur gelegentlich, auf die Auswirkungen der severischen Politik für die Soldatenkaiserzeit so gut wie gar nicht ein. Gerade im Schlusskapitel hätte er, statt sich auf eine bloße knappe Zusammenfassung des Besprochenen zu beschränken, im Anschluss an seine Ausführungen den Blick aufs Ganze richten und die Bedeutung der severischen Militärpolitik für die Entwicklung des Prinzipats und des Römischen Reiches vor dem Hintergrund der vorausgehenden Adoptivkaiser und der nachfolgenden Soldatenkaiser einordnen und so Eigenarten der Severerzeit umso besser vergleichend herausstellen können. Doch darauf verzichtet er, sieht man von knappen Andeutungen ab.

Auch in formaler Hinsicht fehlt es an einer letzten Abrundung der Untersuchung. Regelrecht lesehemmend wirken die häufig willkürlichen Worttrennungen. Auf Grund weiterer Druckfehler und der gelegentlichen stilistischen Schwächen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gründliche Schlusskorrektur unterblieben ist. Dies verwundert nicht zuletzt im Hinblick auf die sonst so sorgfältige äußere Präsentation der Veröffentlichungen des Antike-Verlags. Eines bleibt jedoch unangefochten: Handy bietet eine genaue Erarbeitung der militärpolitischen Maßnahmen der Severer und damit einen kompakten Zugang zu zentralen Aspekten römischer Geschichte der Jahre von 193 bis 235. Die Bedeutung dieser Maßnahmen ist freilich nicht zufriedenstellend in die Geschichte des Prinzipats eingebettet worden. Damit steht die Militärpolitik der Severer in dieser Studie ein wenig isoliert da; ein Eindruck, der durch eine gezieltere Historisierung zu vermeiden gewesen wäre.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Michael Sommer, Die Soldatenkaiser, Darmstadt 2004, S. 23–29.
[2] Cass. Dio 77,15,2 (Übersetzung von Otto Veh).
[3] Handy (S. 100) beruft sich auf Egon Flaig, Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im römischen Reich, Frankfurt am Main 1992; dens, Für eine Konzeptionalisierung der Usurpation im Spätrömischen Reich, in: François Paschoud / Joachim Szidat (Hrsg.), Usurpationen in der Spätantike, Stuttgart 1997, S. 15–34, und Joachim Szidat, Usurpationen in der römischen Kaiserzeit. Bedeutung, Gründe, Gegenmaßnahmen, in: Heinz E. Herzig / Regula Frei-Stolba (Hrsg.), Labor omnibus unus. Gerold Walser zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1989, S. 232–243, ohne die unterschiedlichen Ansätze zu problematisieren.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Handy, Markus: Die Severer und das Heer. Berlin 2009 , in: H-Soz-Kult, 10.08.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12834>.
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10.08.2009
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