W. Neuser: Johann Calvin – Leben und Werk in seiner Frühzeit

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Titel
Johann Calvin – Leben und Werk in seiner Frühzeit 1509-1541.


Autor(en)
Neuser, Wilhelm H.
Erschienen
Göttingen 2009: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
352 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Hund, Institut für Europäische Geschichte, Mainz Email:

Der Experte für reformierte Reformationsgeschichte Wilhelm H. Neuser legt mit dieser Veröffentlichung pünktlich zum 500. Geburtstag Calvins eine biographische Beschreibung der Frühzeit des Genfer Reformators (1509-1541) vor, deren Erforschung mit dem Erscheinen des ersten Bandes des Briefwechsels Calvins im Jahre 2005 auf eine völlig neue Basis gestellt wurde. Darüber hinaus identifiziert Neuser zahlreiche neue Quellen für die Frühphase der Biographie Calvins. Daraus ergibt sich für ihn ein neues Calvinbild, nach dem der Genfer Reformator als „suchender, seine Ergebnisse erneut überprüfender, als ein für neue Ergebnisse offener, insgesamt in seiner Frühzeit als ein sich immer wieder wandelnder Theologe“ (S. 5) erscheint.

Im ersten Hauptteil (S. 13-143), der die Phasen der frühen Entwicklung Calvins in Frankreich während der Jahre 1509-1534 zum Thema hat, wählt Neuser vor allem die „Vita Calvini“ des Calvinschülers Theodor Beza in ihren drei Auflagen von 1564, 1565 (überarbeitet von Nikolaus Colladon) und 1575 als Quellenbasis, die er für zuverlässig hält. Aufgrund einer Synopse der vier Reformatoren Luther, Zwingli, Melanchthon und Bullinger setzt Neuser den Eintritt Calvins in die Lateinschule auf 1516 und die Immatrikulation in die Artistenfakultät der Pariser Universität für das Jahr 1523/24 an. Die akademischen Grade des Baccalaureus und des Magister Artium wird er danach in den Jahren 1526 und 1528 erreicht haben.

Die „Bekehrung“ Calvins deutet Neuser im Anschluss an Sprenger [1] gemäß der Selbstauskunft des Reformators in seinem Psalmenkommentar von 1557 als „conversio ad docilitatem“, als Bekehrung zur Gelehrigkeit in der Heiligen Schrift, die nicht zu verwechseln sei mit einer „conversio ad fidem“, sondern vielmehr den Beginn eines Prozesses markiere, an dessen Ende erst der reformatorische Glaube stehe. Diese „conversio ad docilitatem“ sei zeitlich in die Jahre 1527/28 zu verorten und auf ein Gespräch Calvins mit seinem Verwandten Petrus Robert Olivétan in Paris zurückzuführen.

Die Jahre 1528 bis 1532 waren für Calvin geprägt durch das Studium des Kirchen- und Zivilrechts, das er in Orléans aufnahm, um, dem Wunsch seines Vaters folgend, Anwalt oder Richter zu werden. 1530/31 ging Calvin nach Bourges, um dort den Juristen Melchior Volmar zu hören. Nach dem Tod seines Vaters am 26. Mai 1531 intensivierte Calvin seine humanistischen Studien und siedelte dazu nach Paris über, wo er seinen Kommentar zu Senecas Schrift „De clementia“ verfasste, dessen Vorrede auf den 4. April 1532 datiert ist. Dieses Erstlingswerk stellte ein Buch für Fachleute dar, keine humanistische Programmschrift. Es enthielt, dem Thema geschuldet, auch keine reformatorischen Gedanken.

In Paris kam Calvin auch in Kontakt zur geheimen evangelischen Untergrundgemeinde und verteidigte als Jurist ihre verfolgten Mitglieder. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit reformatorischem Gedankengut zeigte sich erstmals in der Rektoratsrede, die Nicolaus Cop 1533 in Paris hielt und deren Verfasser Calvin war. Sie stellte den Versuch dar, vor den versammelten Professoren der Sorbonne die reformatorischen Grundsätze öffentlich zu proklamieren. Dabei nahm Calvin Gedanken aus Melanchthons Römerbriefkommentar von 1532 auf und gliederte die Rede analog zu einer Predigt Luthers. Anders als die Wittenberger Reformatoren hob Calvin jedoch die Wirksamkeit des Gesetzes für Christen auf. Die Weisungen des Evangeliums sind so das einzige Gesetz für Christen. 1533 war Calvin noch Antinomist.

In Angoulême, wohin Calvin infolge der auf die Rektoratsrede hin einsetzenden Turbulenzen in Paris hatte fliehen müssen, verfasste er auf Wunsch des Domherrn du Tillet sechs Predigten, die anonym in die dritte Auflage der Faber Stapulensis zugeschriebenen „Épîtres et Évangiles des cinquante et deux dimenches de l’an“ eingefügt wurden. Dieser Fund, den Neuser überzeugend begründen kann, füllt eine wichtige Lücke in der frühesten Entwicklung Calvins. Calvin gehörte in dieser Zeit zur humanistischen Gruppe von Meaux und gebrauchte deren Terminologie. Die Predigten sind gekennzeichnet vom Antinomismus und von einer Christusmystik, die ihren Ausdruck in Demut und Heiligung fand.

Der zweite Hauptteil (S. 144-252) hat den Baselaufenthalt im Jahre 1535 zum Gegenstand, der durch eine Reihe reformatorischer Veröffentlichungen Calvins gekennzeichnet ist, den Traktat über die Wachsamkeit der Seele nach dem Tod, die Psychopannychia, die theologischen Einführungen in die drei Teile der Bibel, die 1535 mit Calvins lateinischem Vorwort in Olivétans französischer Bibel erschienen, und einem Widmungsschreiben an König Franz I. vom 23. August 1535, das durch die erneut einsetzende Verfolgung der Evangelischen veranlasst war. Neuser schreibt alle diese Schriften überzeugend Calvin zu und erweitert so die Quellenlage für den jungen Calvin nach seinem Bruch mit dem Kreis von Meaux. Calvin nimmt jetzt deutlich Stellung gegen den Antinomismus. Christus ist jetzt zum Ziel der Gesetzesforderungen geworden und wird nicht mehr als deren Ende verstanden. Das Gesetz bleibt somit auch für Christen in Geltung. Calvin vertritt fortan die reformatorische Theologie im klaren Bruch zu seiner eigenen humanistischen Vergangenheit.

Ebenfalls ein Werk der Basler Zeit stellte die Erstauflage der „Institutio“ von 1536 dar, die wie der Widmungsbrief den evangelischen Glauben verteidigen sollte. Ihre sechs Kapitel enthielten noch keine doppelte Prädestinationslehre. Im Abendmahlsartikel nahm Calvin erstmals Stellung zum Abendmahlsstreit und kritisierte die Abendmahlslehre zwinglianischer Provenienz. 1536 war Calvin näher bei Luther und Melanchthon als bei Zwingli und Bullinger zu finden.

Der dritte Hauptteil des Buches (S. 253-301) hat den ersten Genfer Aufenthalt von 1536 bis 1538 zum Thema. Die Reformation war am 21. Mai 1536 in Genf eingeführt worden, die kirchlichen Reformen standen aber noch ganz am Anfang; Calvin sollte bei ihnen mithelfen. Er verfasste dazu seinen Genfer Katechismus, eine gekürzte Bearbeitung der „Institutio“ von 1536. Konflikte mit dem Genfer Rat über die Wiedereinführung der in Bern noch im Gebrauch gebliebenen vorreformatorischen, beziehungsweise lutherischen Zeremonien, wie der Gebrauch der Oblate bei der Abendmahlsfeier, führten zur Entlassung Calvins und Farels aus Genf.

Der vierte Hauptteil (S. 302-348) thematisiert Calvins Zeit in Straßburg von 1538 bis 1541, in die auch die Begegnung Calvins mit Melanchthon im Kontext des Frankfurter Bundestags von 1539 gehörte. Calvin verfolgte dort das Ziel, dass es nicht zu dem im Frankfurter Anstand vom 19. April 1539 von kaiserlicher Seite intendierten Bruch zwischen dem Reich und den Schweizern kam und hatte damit durchaus Erfolg. Melanchthon verfasste die „Confessio Augustana variata“ und man sagte sich gegenseitig zu, dass die unterschiedlichen kirchlichen Riten keine trennende Wirkung haben sollten. So konnte Calvin als offizieller Delegierter an den Religionsgesprächen in Hagenau, Worms und Regensburg (1540/41) teilnehmen, die jedoch letztlich an dem Insistieren der altgläubigen Seite auf der Transsubstantiationslehre scheiterten.

Aus der Straßburger Zeit sind als Veröffentlichungen der Sadoletbrief (1539), die „Institutio“ von 1539, die bisher in keinem Nachdruck vollständig enthalten war und von der Neuser wichtige, in der Letztausgabe von 1559 nicht mehr enthaltene Teile bietet, der Römerbriefkommentar von 1540 und der Kleine Traktat über das Abendmahl (1541) zu nennen, für die Neuser die Autorschaft Calvins teils erstmals begründet. Am 13. September 1541 ging Calvin zurück nach Genf, nachdem er vom Rat rehabilitiert worden war. „Blickt man zurück, so lag ein langer theologischer Weg hinter ihm voller Wandlungen. Es ist ein Weg unablässigen Suchens und Findens neuer Erkenntnisse.“ (S. 348)

Sieht man von dem schlechten Lektorat des Buches und dem Fehlen eines Sach- und Ortsregisters und eines Literaturverzeichnisses einmal ab, so stellt Neusers Biographie des jungen Calvin neben den anderen zum Calvinjubiläum erschienenen und noch erscheinenden Veröffentlichungen [2] einen wertvollen Beitrag dar, der vor allem durch die durchweg überzeugenden Identifizierungen von Quellen, die Nutzung des neu edierten Calvin-Briefwechsels und die fachkundige Analyse der theologischen Entwicklungen des jungen Calvin dessen Biographie in der Frühphase auf eine völlig neue Grundlage stellt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Paul Sprenger, Das Rätsel um die Bekehrung Calvins, Neukirchen 1960.
[2] Vgl. vor allem die biographischen Darstellungen bei Peter Opitz, Leben und Werk Johannes Calvins, Göttingen 2009; Christoph Strohm, Johannes Calvin. Leben und Werk des Reformators, München 2009 sowie die biographischen Abschnitte in Herman J. Selderhuis (Hrsg.), Calvin Handbuch, Tübingen 2008, 24–57; Volker Reinhardt, Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. München 2009. Einen Einblick in die neuesten Forschungen auch zur Biographie Calvins geben die Beiträge in Herman J. Selderhuis (Hrsg.), Calvinus sacrarum literarum interpres. Papers of the International Congress on Calvin Research, Göttingen 2009.

Zitation
Johannes Hund: Rezension zu: Neuser, Wilhelm H.: Johann Calvin – Leben und Werk in seiner Frühzeit 1509-1541. Göttingen 2009 , in: H-Soz-Kult, 17.09.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12900>.
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17.09.2009
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