Cover
Titel
Handwerk, Zünfte und Gewerbe. Mittelalter und Renaissance


Autor(en)
Schulz, Knut
Erschienen
Umfang
304 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine von Heusinger, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim

Mit diesem Buch legt Knut Schulz als „Altmeister der Zunftforschung“ eine Synthese seiner bisherigen Arbeiten zum Themenkreis Handwerker, Zünfte und Gesellen vor und spannt dabei den großen Bogen vom 10. bis zum beginnenden 17. Jahrhundert. Der Band möchte vor allem eine überaus kenntnisreiche Gesamtschau des Phänomens Zunft bieten und setzt sich weniger mit aktuellen Debatten der Zunftforschung auseinander. „Aus wissenschaftlicher Perspektive zielt das vorliegende Werk auf eine Erfassung und kritische Zusammenschau wesentlicher Forschungsergebnisse und füllt eine Lücke, da es eine moderne Gesamtdarstellung der Handwerksgeschichte bislang nicht gibt.“ (S. 12) Tatsächlich hat Knut Schulz ein Standardwerk vorgelegt, das einen fundierten Überblick über das Thema bietet. Die von ihm postulierte „Lücke“ muss allerdings relativiert werden: Im Jahr 2007 legte Arnd Kluge eine Gesamtdarstellung der Zünfte vor, die sogar von der römischen Antike bis zur Gegenwart reicht.[1] Dass Schulz das Werk Kluges zwar in sein Literaturverzeichnis aufnimmt, es ansonsten aber ignoriert, charakterisiert einen wichtigen Aspekt des Vorgehens von Schulz: Dem Band wurde kein wissenschaftlicher Apparat beigegeben und er wurde nicht in erster Linie für Fachgenossen und -genossinnen verfasst. Vielmehr geht es um eine Synthese der Forschungen von Schulz; dies spiegelt auch das Literaturverzeichnis wieder, dessen meistzitierter Autor mit 19 Einträgen Knut Schulz selbst ist. Wenn er sich mit dem Forschungsstand auseinandersetzt, dann unter wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten, etwa mit der Diskussion der Nationalökonomen im ausgehenden 19. Jahrhundert (S. 146–150) oder mit Pirennes Ansatz aus den 1930er-Jahren (S. 20–22). Der Schwerpunkt des eher kurz gehaltenen Literaturverzeichnisses (vermutlich eine Vorgabe des Verlags) liegt auf Beiträgen bis in die 1990er-Jahre; innovative und kontroverse Beiträge der aktuellen Zunftforschung fanden so gut wie keine Berücksichtigung.[2]

Die Stärke des Bandes liegt in dem großen Kenntnisreichtum des Autors – im Gegensatz zu Kluge kennt sich der Autor in dem behandelten Zeitraum vom 10.–16. Jahrhundert auch wirklich sehr gut aus (das 17. und 18. Jahrhundert werden am Ende eher summarisch abgehandelt). Die Konzentration auf den deutschen Sprachraum ist völlig überzeugend – wird dieser Raum doch weit bis in den Osten des Hanseraums unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten und Fragestellungen umfassend behandelt. „Sie betreffen soziale Konflikte, Zünfte und Verfassungswandel, Vermögensverhältnisse, Sozialstruktur und Gewerbetopographie, das Verhältnis der Stadt zum Umland, Gewerbelandschaften, Verlagswesen, Protoindustrialisierung und Landhandwerk, Wanderungen der Handwerker, Gesellenwesen, die Stellung der Frau in Zunft und Gewerbe, die regionalen und großräumigen Vernetzungen sowie Innovationen und Technologietransfer. Dazu gehören auch die Debatten über Technik und Kunstverständnis, Bildung sowie Religiosität und Bruderschaften, Selbstverständnis und Selbstdarstellung im Handwerk, Lob und Tadel der Zünfte und ihrer Lebensformen.“ (S. 15)

Der Band besteht aus sechs Hauptkapiteln. In Kapitel I klärt Schulz die Grundlagen und führt seine Fragestellung aus, die sehr kurz zusammengefasst dem „Platz des Handwerks in der Geschichte der vorindustriellen Welt“ (S. 16) gilt. Sein Anliegen ist es nicht, einen „enzyklopädische[n] Überblick“ zu bieten, sondern „Entwicklungszusammenhänge sichtbar zu machen“ (S. 16f.). Kapitel II stellt die Entwicklung vom Handwerk zur Zunft vom 10. bis zum 16. Jahrhundert in kompakter Form dar und stellt die Aspekte der gewerblichen Zunft, der Bruderschaft und der politischen Zunft vor (die weiter unten ausführlicher thematisiert wird).

Kapitel III behandelt technische Innovationen und Wandel in Handwerk und Gewerbe an den Themenkomplexen Mühlen, Bergbau, Kunsthandwerk und Bauhandwerk. Hierbei stellt Schulz verschiedene mittelalterliche Autoren und Künstler (im weitest möglichen Sinn) vor, am ausführlichsten Theophilus Presbyter und Villard de Honnecourt. Hier wird Schulz seinem Vorsatz, sich auf den deutschen Sprachraum zu begrenzen, leider untreu, was besonders in Kapitel III.4 zu Irritationen führt. Er stellt vor allem „europäische“ Autoren zu den artes mechanicae vor, vom Pikarden Radulfus Ardens bis zum Bischof von Zamora, Rodrigo Sánchez de Arévalo. Ein inhaltlicher Bezug zum (deutschsprachigen) Reich wird nicht hergestellt, dies wäre beispielsweise in Form einer Rezeptionsgeschichte möglich gewesen. Kapitel IV untersucht Handwerk und Gewerbe in der mittelalterlichen Stadt und legt die Schwerpunkte auf die Textilproduktion, die Metallgewerbe und ergänzt – mit Blick auf die Hanse – Schiffbau, Fischerei, Böttcherei und Brauerei. Damit bieten Kapitel III und IV eine klug gewählte Gesamtschau der wichtigsten mittelalterlichen Handwerke, die durch große Detailkenntnis besticht.

Kapitel V widmet sich der Umbruchsphase vom 15. bis zum beginnenden 17. Jahrhundert. Hier werden hoch spannende Wandlungsprozesse vorgestellt, wie beispielsweise das Aufkommen von Störern und Pfuschern, die neu entstehende Konkurrenz durch die Landhandwerke, die Entwicklung neuer Stadttypen wie zum Beispiel Residenzstädte, oder das wachsende Selbstbewusstsein der Handwerksgesellen. Der Band endet mit Kapitel VI zum 18. Jahrhundert, das mit nur sechs Seiten Umfang, unterteilt in fünf Unterkapitel, deutlich abfällt. Indem Knut Schulz nicht nur das Mittelalter, sondern auch die Frühe Neuzeit in den Blick nimmt, gelingt es ihm zu zeigen, wie flexibel Zünfte auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren konnten und wie sie sich damit den Erfordernissen der so genannten „Protoindustrialisierung“ anpassten.

Eine so umfassende Thematik auf rund 250 Druckseiten zu bannen, gelingt nur durch strikte Begrenzung. Dabei sind allerdings einige wichtige Aspekte sehr kurz behandelt worden: Die politische Zunft wird mit Hinweis auf ihre geringe Verbreitung relativ kurz vorgestellt (S. 60–73), dabei räumt Schulz selbst ein: „Dennoch blieb der Raum, in dem das Phänomen der politischen Zunft mit ihrem besonderen Selbstverständnis des bürgerlichen Mittelstands anzutreffen war, in seiner Ausdehnung sehr beachtlich. Vom Niederrhein und Maasgebiet dehnte er sich über die ganze Rheinstrecke, das Mittel- und Oberrheingebiet und die Schweiz aus und reichte bis zum Bodenseeraum und nach Schwaben und in Teile Frankens. Aber auch viele Städte Hessens, Thüringens, Niedersachsens und Westfalens waren davon erfasst.“ (S. 68f.) Ebenfalls überrascht die Kürze des Abschnitts „Das Verlagswesen“, das nicht einmal eine ganze Druckseite umfasst (S. 157f.). Und last not least werden Frauen als Mitglieder der Zunft sehr stiefmütterlich behandelt. Im Abschnitt zum Lehrlingswesen (S. 50–53) wird nicht einmal die Existenz von Lehrtöchtern erwähnt. Auf den rund fünf Seiten, die im gesamten Buch den Frauen gewidmet sind (S. 87–92), bemängelt Schulz, dass die Forschung immer wieder „viel zu optimistische Schlussfolgerungen bezüglich der Frauenarbeit im Zunfthandwerk hervorgerufen“ habe (S. 88). Er selbst lässt aber eine aus den Forschungen von Katharina Simon Muscheid stammende Tabelle folgen, die eindrucksvoll den Anteil an Frauen in einzelnen Zünften an der Gesamtmitgliederzahl von 15–25 % belegt. Gewiss gelten diese relativ hohen Zahlen nicht für alle gewerblichen Zünfte, aber unsere beschränkten Kenntnisse über Frauen in der Zunft sind auch der Quellenlage geschuldet, was Knut Schulz als intimer Kenner der Materie natürlich auch weiß.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Knut Schulz sein Anliegen, ein möglichst facettenreiches Bild von Handwerk, Zünften und Gewerbe entstehen zu lassen, auf kompakte Weise umzusetzen wusste. Der Band wird sicherlich eine große Leserschaft finden, der hier ein anspruchsvoller Überblick über die Thematik geboten wird.

Anmerkungen:
[1] Arnd Kluge, Die Zünfte, Stuttgart 2007, z.B. rezensiert von Anke Sczesny in: Sehepunkte, <http://www.sehepunkte.de/2009/02/14038.html> (6.03.2010).
[2] Im Folgenden werden nur einige einschlägige Titel genannt, die bei Schulz keine Erwähnung fanden: Sheilagh C. Ogilvie, State Corporatism and Proto-Industry. The Württemberg Black Forest. 1580-1797, Cambridge 1997; dies., A Bitter Living. Women, Markets, and Social Capital in Early Modern Germany, Oxford 2003; Anke Sczesn, Zwischen Kontinuität und Wandel. Ländliches Gewerbe und ländliche Gesellschaft im Ostschwaben des 17. und 18. Jahrhunderts, Tübingen 2002; Thomas Buchner, Möglichkeiten von Zunft. Wiener und Amsterdamer Zünfte im Vergleich (17.-18. Jahrhundert), Wien 2004; Mark Häberlein / Christof Jeggle (Hrsg.), Vorindustrielles Gewerbe. Handwerkliche Produktion und Arbeitsbeziehungen in Mittelalter und früher Neuzeit, Konstanz 2004; Maarten Prak u.a. (Hrsg.), Craft Guilds in the Early Modern Low Countries. Work, Power, and Representation, Aldershot 2006; Stephan R. Epstein / Maarten Prak (Hrsg.), Guilds, Innovation, and the European Economy, 1400-1800, Cambridge 2008.

Zitation
Sabine von Heusinger: Rezension zu: Schulz, Knut: Handwerk, Zünfte und Gewerbe. Mittelalter und Renaissance. Darmstadt 2010 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12953>.