J. Baur: Die Musealisierung der Migration

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Titel
Die Musealisierung der Migration. Einwanderungsmuseen und die Inszenierung der multikulturellen Nation


Autor(en)
Baur, Joachim
Umfang
404 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
J. Olaf Kleist, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin

Im November 2009 berichtete die „ZEIT“, dass auf Wunsch des Kulturstaatsministers zwei Sätze in einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) ersetzt worden seien.[1] Dies führte zu einem kurzen Aufschrei im Kulturbetrieb und zu einer Auseinandersetzung um die Rolle des Staates in der Geschichtspolitik.[2] Leider ignorierten die Beiträge zur Debatte den Aspekt, dass der kritisierte Vorgang nicht auf eine traditionell umstrittene Vergangenheit zielte, wie die NS-Zeit oder die DDR-Geschichte. Die betroffene Ausstellung ist betitelt „Fremde? Bilder von den ‚Anderen‘ in Deutschland und Frankreich seit 1871“ und behandelt Einwanderungsgeschichte.[3] Migration ist, in Deutschland wenig beachtet, zu einem der spannungsreichsten Felder der Erinnerungspolitik in Europa geworden. In den vergangenen Jahren gründeten sich in diversen europäischen Ländern nationale Institutionen, die sich mit Erinnerungen der Immigration auseinandersetzen. Am prominentesten ist darunter sicherlich das Museum „Cité nationale de l’historie de l’immigration“ in Paris[4], das auch die umstrittene Ausstellung im DHM mit-kuratierte. Doch Debatten über Bedeutung und Möglichkeiten solcher Einrichtungen sind gerade in Deutschland noch weitgehend ausgeblieben.

Selbst in klassischen Einwanderungsländern, wo Einwanderungsmuseen schon lange etabliert und erfolgreich sind, gibt es bisher kaum öffentliche Auseinandersetzungen und wissenschaftliche Untersuchungen zu ihrem gesellschaftlichen Beitrag. Mit „Die Musealisierung der Migration“ hat Joachim Baur nun die erste deutschsprachige, international fokussierte Monographie zu Erinnerung und Migration vorgelegt, in der er drei Einwanderungsmuseen aus den USA, Kanada und Australien vergleichend untersucht. Nach einem theoretischen Problemaufriss analysiert er darin das Ellis Island Immigration Museum in New York, das Pier 21 Museum in Halifax und das Immigration Museum in Melbourne. Dabei zeigt er, wie diese Einrichtungen jeweils zu einer multikulturellen „Re-Vision“ der Nation beitragen. Das Buch, das aus einer Tübinger Doktorarbeit hervorgegangen ist, liefert mithin eine kritische Darstellung, wie Erinnerungen der Migration in eine Aufnahmegesellschaft integriert werden können, wobei damit verbundene Antagonismen und politische Implikationen deutlich problematisiert werden.

Baur zeichnet zu Beginn einige Entwicklungen nach, die zur Entstehung des Einwanderungsmuseums als spezifischer Einrichtung beigetragen haben. Die gleichzeitigen Entwicklungen der Neuen Museologie, der Sozialgeschichte und des Multikulturalismus hätten die Museen der Immigration ermöglicht. Dabei grenzt der Autor seinen Untersuchungsgegenstand hilfreich von thematisch verwandten Ausstellungen sowie Lokal- und Regionalmuseen ab, um auf den dauerhaften und nationalen Stellenwert dieser speziellen Art des Museums zu verweisen. Auch seien sie von Auswanderungsmuseen zu unterscheiden, die zeitgleich entstanden, aber historisch und politisch anders konnotiert seien. Mit Verweis auf den Beitrag der Institution „Museum“ zur Imagination der Nation formuliert Baur daraufhin die Leitthese des Buches, dass das Einwanderungsmuseum neue Nationalvorstellungen unter den veränderten Bedingungen einer globalisierten Welt und diversifizierten Gesellschaft befördere. In den folgenden drei Kapiteln untermauert der Autor diese Annahme mit detaillierten Studien zur Entstehungsgeschichte und zur Dauerausstellung der Museen.

In den geschichtlichen Darstellungen der Museumsprojekte bis zu ihrer jeweiligen Eröffnung hebt Baur insbesondere die sozio-politischen Konflikte und Rahmenbedingungen der Gründungen als Einflüsse auf die ideologische Gestaltung der Museen hervor. Das Ellis Island Museum, entstanden als Public Private Partnership, entwickelte sich im Spannungsfeld von patriotischer Inanspruchnahme seitens der Regierung und der Direktion einerseits sowie einem sozialgeschichtlich-kritischen Anspruch seitens des zuständigen National Park Service und der Historikerkommission andererseits. Pier 21 wurde staatlich mitfinanziert, entstand jedoch aus einer privaten Initiative, die eine touristisch verwertbare und positive Geschichte der Lokalität, der Region und Kanadas darstellen wollte. Ein erster touristisch fokussierter Versuch des australischen Bundesstaates Victoria, ein Immigrationsmuseum in Melbourne zu gründen, scheiterte, während der zweite Anlauf erfolgreich war, der durch professionelle Kuratoren und Historiker unter Einbezug migrantischer Gruppen konzipiert wurde. So entstanden aus unterschiedlichen Situationen Migrationsmuseen, die auf je eigene Art staatliche und gesellschaftliche Ansprüche vermitteln und auf ihre länderspezifischen Begebenheiten eingehen.

Die unterschiedlichen Gründungskontexte schlugen sich auch in der Gestaltung der Dauerausstellungen nieder, mit denen sich Baur durch „close reading“ und in fokussierten Analysen kritisch auseinandersetzt.[5] Der Autor argumentiert überzeugend, dass Ellis Island eine nationale Erfolgsgeschichte der Einwanderung darstelle, in der die Vielfalt der Einwanderer auf nationale Herkunft reduziert werde. Im kanadischen Museum stehe der Multikulturalismus als nationale Idee im Vordergrund der Ausstellung, dessen Geschichte nostalgisch und emotionalisierend präsentiert werde. Im Melbourner Einwanderungsmuseum sei die Darstellung der Einwanderer und der Einwanderungsgeschichte schließlich besonders differenziert, doch ebenfalls von einer nationalen Meistererzählung geprägt. Für alle drei Dauerausstellungen zeigt Baur das jeweilige Verhältnis von Multikulturalismus und nationaler Geschichtsschreibung, wobei er geschickt ideologische Implikationen und Probleme einzelner und gesamter Präsentationen vorführt.

Alle drei Fallstudien sind erhellend und überzeugend. Dennoch wären sowohl bei den historischen als auch bei den analytischen Abschnitten weitere Kontexte zur Einordnung möglich gewesen. Im ersten Abschnitt der Untersuchungen hätten politische Auseinandersetzungen um Migrationspolitik und um „nationale Identität“ als spezifische Einflüsse auf die Gründungsdebatten berücksichtigt werden können. Im jeweiligen zweiten Teil hätten Analysen von Wechselausstellungen eine dynamische Perspektive hinzugefügt, die auch hier Veränderungen in den Migrations- und Nationsvorstellungen hätte fassen können. Während Möglichkeiten und Umfang der Studie überzeugend gegen solche Erweiterungen sprechen, hätten politisch-historische Einordnungen länderspezifische Unterscheidungen im Umgang mit Migrationsvergangenheiten eher ermöglicht. Baur sieht letztlich vor allem Gemeinsamkeiten und kaum Varianz zwischen den Einwanderungsmuseen. Somit eröffnet die Zusammenfassung weniger eine national vergleichende als vielmehr eine transnationale Perspektive, die den nationalen Rahmen von Erinnerung und Migration notwendig problematisiert. Obwohl die Fallstudien detailliert und differenziert Besonderheiten der Museen betonen, ist die Schlussfolgerung zu Möglichkeiten und Grenzen der Musealisierung von Migration aus methodischen Gründen verallgemeinernd und generell, doch damit auch universal und übertragbar.

Das Buch „Die Musealisierung der Migration“ ist eine überfällige Bestandsaufnahme der Erfahrungen und Schwierigkeiten, Einwanderung auszustellen und deren Erinnerungen in einem nationalen Kontext zu integrieren. Joachim Baur bietet eine historisierende und zugleich aktuelle Auseinandersetzung mit einigen der wichtigsten Einwanderungsmuseen der Welt. Dass die drei behandelten Einrichtungen außerhalb Europas gelegen sind, hat historische und gesellschaftliche Gründe, macht die herausgearbeiteten Möglichkeiten und Probleme der Musealisierung von Migration jedoch keineswegs weniger relevant für den europäischen Kontext. Das Buch bietet eine unumgängliche Grundlage für die Diskussion, wie eine nationale Musealisierung der Immigration auch in Deutschland gestaltet werden sollte. Die Geschichtspolitik der Einwanderung darf nicht dem Staat überlassen werden, sondern muss auf einer gesellschaftlichen Debatte und einer kritisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung basieren.

Anmerkungen:
[1] Tobias Timm, Bundesbeauftragter für Propaganda, in: ZEIT, 12.11.2009, S. 48, online unter <http://www.zeit.de/2009/47/Zensur-Fremde> (14.12.2009).
[2] Siehe u.a.: Andreas Kilb, Modifizierung auf Nachfrage, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2009; Zensurvorwurf gegen Staatsminister Neumann, Spiegel Online, 11.11.2009, <http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,660567,00.html> (14.12.2009); Philipp Lichterbeck / Kai Müller, Es gilt das gesprochene Wort, in: Tagesspiegel, 12.11.2009.
[3] Darstellung des Deutschen Historischen Museums: <http://www.dhm.de/ausstellungen/fremde/index.html> (14.12.2009).
[4] Internetpräsenz: <http://www.histoire-immigration.fr> (14.12.2009).
[5] Vgl. demnächst auch: Joachim Baur (Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld 2010 (im Erscheinen).

Zitation
J. Olaf Kleist: Rezension zu: Baur, Joachim: Die Musealisierung der Migration. Einwanderungsmuseen und die Inszenierung der multikulturellen Nation. Bielefeld 2009 , in: H-Soz-Kult, 04.01.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13321>.