Titel
Lernfeld DDR-Geschichte. Ein Handbuch für die politische Jugend- und Erwachsenenbildung


Hrsg. v.
Behrens, Heidi; Ciupke, Paul; Reichling, Norbert
Erschienen
Schwalbach im Taunus 2009: Wochenschau-Verlag
Umfang
512 S.
Preis
€ 36,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bert Pampel, Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dresden

Die zeitgeschichtliche Forschung zur DDR kann inzwischen auf reiche Erträge zurückblicken. Trotzdem ist das Geschichtswissen vieler junger Deutscher über die DDR-Vergangenheit oft mangelhaft und das Bild ostdeutscher Jugendlicher von der DDR teilweise verklärt, wie mehrere Studien in den letzten Jahren verdeutlicht haben. Wie schon beim Nationalsozialismus ist zudem eine Diskrepanz zwischen offizieller Erinnerungskultur und Familienerinnerungen konstatiert worden.

Auch aufgrund solcher Befunde rückt die Vermittlung von DDR-Geschichte an Schulen, Hochschulen und in der historisch-politischen Bildung zunehmend ins Blickfeld.[1] Mit der hier besprochenen Veröffentlichung liegt nun erstmals ein umfassender Überblick über Themen, Formen und exemplarische Orte der Vermittlung von DDR-Geschichte in der außerschulischen Erwachsenen- und Jugendbildung vor.[2] Erklärtes Ziel der Herausgeber, die im Bildungswerk der Humanistischen Union Nordrhein-Westfalen beruflich beheimatet sind oder waren, ist es, die Vielzahl der inzwischen bestehenden Möglichkeiten für eine wissenschaftsorientierte und kommunikative Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit aufzuzeigen. Darüber hinaus möchten sie eine intensivere Thematisierung dieser Geschichte anregen, zur fachlichen Verständigung beitragen und die Qualität der politischen Bildungsarbeit zu diesem Thema erhöhen. Dass sich Autoren aus dem Westen Deutschlands so intensiv, differenziert und inzwischen auch kontinuierlich [3] mit diesem Arbeitsgebiet beschäftigen, versteht sich angesichts einer verbreiteten Haltung, die DDR-Geschichte den Ostdeutschen zu überlassen, nicht von selbst.

Der 500 Seiten starke Band umfasst 38 Artikel, die zwangsläufig nicht im Einzelnen besprochen werden können. Nach einleitenden Beiträgen folgen Artikel zu Themen der DDR-Geschichte, die etwa ein Drittel des Gesamtumfangs ausmachen. Das Buch bietet somit auch eine Übersicht über den aktuellen Forschungsstand. Im Weiteren werden verschiedene didaktische Zugänge und Lernangebote beschrieben sowie exemplarische Lernorte vorgestellt (jeweils ca. ein Viertel des Gesamtumfangs). Den Abschluss bildet ein 30-seitiger Anhang, der Institutionen der Aufarbeitung der DDR-Geschichte, Verbände und Initiativen, Gedenk- und Erinnerungsstätten, Museen und Ausstellungen, Archive und Bibliotheken sowie ausgewählte Literatur dokumentiert.[4]

In ihrer Einleitung erörtern die Herausgeber grundlegende Aspekte des "Lernfelds DDR-Geschichte" in der außerschulischen Erwachsenen- und Jugendbildung sowie seinen Kontext. Nach einem Überblick über Vermittlungsangebote in der Erwachsenenbildung thematisieren sie Stärken und Schwächen von Lernangeboten, Desiderate bei den behandelten Themen (Wirtschaft, Arbeit, Staatspartei SED) und didaktische Herausforderungen, wie die Konkurrenz zwischen offizieller Erinnerungskultur und Familienerinnerungen. Sie sprechen sich dafür aus, die nationale Perspektive auf die DDR um die osteuropäische Kommunismusgeschichte zu erweitern und den Vergleich mit anderen Diktaturerfahrungen weniger zu scheuen. Insgesamt, so die Autoren, würde es der außerschulischen Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte an einer systematischen Reflexion über Lernziele, über die Gewichtung von Themen und über Bezüge zu Gegenwart und Zukunft noch mangeln. Dieser Befund wird durch die Beiträge im Band bestätigt.

Für die Artikel zum Forschungsstand über zentrale Themen der DDR-Geschichte - unter anderem "Herrschaft und Repression", "Widerstand und Opposition", "Teilung", "Arbeit, Wirtschaft, und Gesellschaft" und "Alltag" - konnten anerkannte Experten gewonnen werden. Diese skizzieren prägnant und sachkundig Grundzüge und Entwicklung der Forschung zum jeweiligen Thema, wobei sie einerseits Ergebnisse festhalten, über die in der Geschichtswissenschaft Konsens besteht, andererseits auch Kontroversen benennen. Am Ende der Beiträge stehen Hinweise auf die einschlägige Literatur sowie Überlegungen zu Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen in der Bildungsarbeit. Leider kommt in Monika Gibas' an sich lesenswertem Artikel über die marxistisch-leninistische Ideologie und ihre Vermittlung in der DDR die Frage der Rezeption zu kurz und bedauerlicherweise fehlt es ihm auch an Überlegungen zu Lernangeboten bei dieser Thematik. Dabei stellt gerade das Fortleben von Elementen der marxistisch-leninistischen Weltanschauung, zum Beispiel das Postulat sozialer Gleichheit bei gleichzeitiger Geringschätzung individueller Freiheit, in Ostdeutschland eine besondere Herausforderung für die historisch-politische Bildung dar. Zu kurz kommen im Abriss des Forschungsstandes auch für die Bildungsarbeit wichtige Themen wie "Jugend in der DDR", "Antifaschismus" und "Kultur" (Literatur, Theater, Kino). Auch wäre ein Beitrag, der die "Aufarbeitung der DDR-Diktatur" jenseits der Geschichtswissenschaft seit 1989 nachzeichnet (Elitentausch, Stasi-Überprüfung, strafrechtliche Aufarbeitung etc.), sinnvoll gewesen.

Im 3. Teil wird das breite Spektrum an Methoden (unter anderem Quellenarbeit, Befragung von Zeitzeugen, multimediales Lernen), didaktischen Zugängen (biographischer Ansatz, Alltags- und Lebensweltorientierung) und Lernangeboten (unter anderem didaktische Materialien, Geschichtskoffer, Schreibwerkstätten) anhand von Beispielen (wie Schulmuseum Leipzig, Gedenkstätte Berliner Mauer) beschrieben. Exemplarische Lernorte - darunter ehemalige DDR-Gefängnisse (Bützow), Orte mit so genannter doppelter Vergangenheit ("Roter Ochse" Halle, Lager Fünfeichen), Heimatmuseen, das Archiv der DDR-Opposition und der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau - werden im 4. Teil vorgestellt.[5] Auch weniger bekannte Lernarrangements, zum Beispiel historisch-politische Radtouren, der Berliner Stadtraum und seine Architektur oder evangelische Kirchen und Pfarrhäuser finden sich in diesem Kapitel. Paul Ciupke plädiert in seiner Einführung zu diesem Teil für eine stärkere diskursive Öffnung der Angebote (statt eindimensionaler Faktenvermittlung, die ohnehin nicht funktioniere) und zugleich für eine stärkere Reflexion des pädagogischen Tuns durch die nachfragenden Multiplikatoren.

Viele der beschriebenen Angebote sind Beobachtern der Szene zwar bekannt, gleichwohl ist man von dem großen Angebot in seiner gesamten Bandbreite auch überrascht. Das Lernfeld DDR-Geschichte ist in den vergangenen 20 Jahren durch ehrenamtliches Engagement und staatliche Erinnerungspolitik mit einer für den Einzelnen kaum noch zu überblickenden Vielzahl an Möglichkeiten bestellt worden. Zugleich werden in der Zusammenstellung die weißen Flecken sichtbar. Angebote zur Auseinandersetzung mit Tätern (Grenzer, hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter des MfS, Gefängnispersonal etc.) sowie mit Anpassung und Mitläufertum in der Bevölkerung fehlen anscheinend weitgehend. Ein weiteres Desiderat bleibt augenscheinlich weiterhin die Rezipientenseite, das heißt die Aneignung erinnerungskultureller und geschichtsdidaktischer Angebote zur DDR-Geschichte. Was kommt bei den Nutzern überhaupt an? Und schließlich zeigt sich auch, dass es im Westen Deutschlands nur sehr wenige Angebote zu diesem Thema gibt.

So interessant der Überblick und die Praxisberichte bei den vorgestellten Angeboten auch sind, so mangelt es doch vielen Beiträgern an einer weitergehenden Reflexion ihrer Erfahrungen. Zu selten blicken die Autoren über den Tellerrand ihrer eigenen Projekte, so wie etwa Leonard Schmieding und Michael Sturm, die anhand einer Ausstellung über Hip Hop in der DDR weitergehende Überlegungen für die Vermittlung von DDR-Geschichte in Museen und Ausstellungen zur Diskussion stellen. Unter anderem plädieren sie dafür, den Besuchern mehr Räume für ihre eigenen Vorstellungen und Erzählungen zu bieten.

Die Problematik, die sich daraus ergibt, dass es sich überwiegend um Selbstdarstellungen der Akteure handelt, hätte man durch eine stärkere Einbeziehung externer, auch wissenschaftlicher Perspektiven abmildern können. Auch eine größere Zahl von Beiträgen, die Lernformen oder Arbeit an bestimmten Lernorten (zum Beispiel Gedenkstätten mit so genannter doppelter Vergangenheit oder mit Speziallagergeschichte) über das konkrete Beispiel hinaus beschreiben, hätte den Wert des Handbuches erhöht. Die systematischen, orientierenden und reflektierenden Beiträge der Herausgeber können diese Schwäche leider nur teilweise kompensieren. Der Band ist daher eher Bestandsaufnahme und Erfahrungsbericht, weniger eine Problemanalyse.

Dies mindert jedoch nicht seinen Nutzen als Wegweiser. Der Wert außerschulischer Bildung zur DDR-Geschichte kann angesichts der Grenzen bei der schulischen Vermittlung von Geschichtswissen (Zwangscharakter, oftmals Lebensweltferne, teilweise durch "Staatsnähe" "belastete" Lehrerschaft) und bei der familiären Überlieferung (Tradierung von Mythen) gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Das Handbuch ist daher uneingeschränkt empfehlenswert für all diejenigen, die sich einen Überblick über die inzwischen beeindruckende Vielfalt an Möglichkeiten in diesem Feld verschaffen möchten.

Anmerkungen:
[1] Jens Hüttmann / Ulrich Mählert / Peer Pasternack (Hrsg.), DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, Berlin 2004; Ulrich Arnswald / Ulrich Bongertmann / Ulrich Mählert (Hrsg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse - Schülerbefragung - Modellcurriculum, Berlin 2006.
[2] Vgl. ergänzend den nahezu zeitgleich erschienenen Katalog von Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hrsg.), Bildungskatalog SED-Diktatur und deutsche Teilung, Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit, Schwalbach im Taunus 2009.
[3] Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte in der politischen Erwachsenenbildung, Werkhefte für politische Bildung und Arbeitnehmerweiterbildung, Bd. 8, Essen 2006.
[4] Er wird durch die Internetseite <http://www.ddr-geschichte-vermitteln.de> (01.11.2009) ergänzt, die auf übersichtliche Weise Link-Tipps auf Materialien, Medien, Handreichungen und Praxisreflexionen zur politischen Bildung über das Thema "DDR-Geschichte" präsentiert.
[5] Siehe auch ergänzend: Heidi Behrens / Andreas Wagner (Hrsg.): Deutsche Teilung, Repression und Alltagsleben. Erinnerungsorte der DDR-Geschichte. Angebote zum historisch-politischen Lernen. Leipzig 2004.

Zitation
Bert Pampel: Rezension zu: Behrens, Heidi; Ciupke, Paul; Reichling, Norbert (Hrsg.): Lernfeld DDR-Geschichte. Ein Handbuch für die politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Schwalbach im Taunus 2009 , in: H-Soz-Kult, 27.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13530>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.11.2009
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation