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Titel
Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler


Autor(en)
Reimann, Aribert
Erschienen
Göttingen 2009: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
392 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Sonnenberg, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Zwei Punkte sollten bei einer Besprechung des vorliegenden Buches gleich eingangs festhalten werden. Erstens: Dieter Kunzelmann lebt – trotz seiner von ihm 1998 öffentlichkeitswirksam fingierten Todesanzeige! Den Beobachtungen des Magazins „Der Spiegel“ zufolge gleicht er heute jenen Rentnern, die von ihm in den bewegten Jahren um 1968 erschreckt wurden (S. 290). Laut einem damaligen Mitstreiter der legendären Kommune 1 vergnügt er sich nun beim Hüten seiner Enkelkinder (ebd.). Zweitens: Aribert Reimanns gekürzt veröffentlichte Habilitationsschrift ist keine Biographie des „subversive[n] Rebell[en]“ (S. 42) – jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Der Versuch, Person und Persönlichkeit Kunzelmanns nahezukommen, wurde in dem Werk ausdrücklich nicht unternommen.

Stattdessen versteht Reimann den Lebensweg Kunzelmanns als „zentrale[s] Medium“ für eine weit über den Wirkungskreis des „lebenslange[n] Berufsprovokateur[s]“ (S. 306) hinausgehende „Analyse der Strukturen und der Praxis von Avantgarde, Protest und Radikalismus in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft“ (S. 19). Das ist plausibel – schließlich hat sich Kunzelmann (geb. 1939) seit den 1950er-Jahren wie kein Zweiter „am Puls der jeweils aktuellen kulturrevolutionären Subversion“ befunden und war dabei bis in die 1970er-Jahre „immer Pionier des jeweils nächsten Radikalisierungsschrittes“ (S. 293) innerhalb jener „radikale[n] Kehrseite der neo-bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft“ in Westdeutschland (S. 19). Anhand der einzelnen Stationen dieses Lebensweges in Bamberg, Paris, München, West-Berlin und ab dem Schlüsseljahr 1969 eindrucksvoll auch anhand des „langen Marsch[es] durch die Radikalismen“ (S. 210) zeichnet Reimann den Wandel Kunzelmanns vom „kommunikative[n] Außenseiter zum subversiven Insider einer Protestkultur“ nach (S. 293). Der wichtigste Befund der Untersuchung klingt zwar unangenehm medizinisch, ist aber bemerkenswert: Am Beispiel Kunzelmanns beobachtet Reimann eine „Pathologie der paradoxen Ungleichzeitigkeiten in der [westdeutschen] Nachkriegsmoderne“, die als Epoche erst um 1980 „endgültig zuendegegangen“ sei (S. 295f.). Mit der maoistischen KPD löste sich zu diesem Zeitpunkt Kunzelmanns damalige politische Heimat auf.

Innerhalb der Alternativen Liste West-Berlins bewegte er sich fortan als parlamentarischer Arm der gerade entstehenden Hausbesetzerbewegung. Nach seinem demonstrativen Austritt aus der Wählergemeinschaft machte er in den 1990er-Jahren als „Aktionspolitologe“ (S. 286-290) durch den gezielten Gebrauch von Eiern gegen politische Repräsentanten der Bundesrepublik wieder von sich reden. Den weitaus umfangreichsten Raum der Arbeit nimmt jedoch die Darstellung und Analyse von Kunzelmanns Aktivitäten in den 1960er-Jahren ein. Damals flog er in nicht einmal acht Jahren fünfmal aus „radikal-oppositionellen Zirkeln“ heraus (S. 293), die er mal inspiriert, mal dominiert oder gegründet hatte. Das waren die „Situationistische Internationale“, die „Subversive Aktion“, der Münchener und der Berliner SDS sowie schließlich mit der Kommune 1 auch die medialen „Stars der Revolte“ [1]. Mit der Künstlergruppe „SPUR“ und der „Viva-Maria“-Gruppe durchlief er noch weitere Gruppierungen. Kunzelmann übersetzte die sie verbindende subversiv-antiautoritäre Traditionslinie aus der europäischen Protestgeschichte heraus und personifizierte sie in den westdeutschen Verhältnissen. Dass er – obwohl schon tief in die Aktionen der „Tupamaros“ West-Berlins involviert – Anfang der 1970er-Jahre persönlich „keine Aktionen zu verantworten habe, denen Menschen zum Opfer fielen“, verzeichnete Kunzelmann rückblickend als eine „glückliche Fügung des Schicksals“ (zitiert auf S. 255).

Aufgrund methodischer Unwägbarkeiten und in der Annahme von „gesprächstaktischen Verzerrungen“ (S. 16) vor dem Hintergrund des bereits jetzt hohen Streitwerts der Biographie Kunzelmanns hat Reimann von vornherein auf Zeitzeugengespräche verzichtet. Stattdessen vertieft er sich unter anderem in die Akten des Sozialistischen Anwaltskollektivs (Horst Mahler, Hans-Christian Ströbele und Klaus Eschen). Interessanterweise war es Kunzelmann selbst, der die Bestände 1994 im Auftrag des Hamburger Instituts für Sozialforschung ordnete. In seinen Erinnerungen bewertete er sie als „eine wahre Fundgrube für Historiker der Antiautoritären Bewegung“.[2]

Wer bisher nur eine ungefähre Ahnung davon hatte, welch hohe Bedeutung etwa die Urbanismus-Kritik der Situationistischen Internationale oder ihre Techniken des Umherschweifens („dérive“) und der Zweckentfremdung („détournement“) für die westdeutsche Studentenbewegung und ihre Ausläufer hatten, der wird die von Reimann gründlich recherchierten Ausführungen mit Erkenntnisgewinn lesen. Zweifel sind jedoch angebracht, wenn Reimann Dieter Kunzelmann als „letzte[n] deutsche[n] Bohèmien des 20. Jahrhunderts“ kennzeichnet (S. 306ff.). In Anlehnung an die Schlussstrophe von Mackie Messers Moritat aus der „Dreigroschenoper“ gesprochen, würden damit diejenigen, die abseits lichter Selbstinszenierungen stehen, nicht gesehen. Andererseits ist es ein großes Verdienst der Arbeit, Kunzelmann überhaupt in den „eigenständigen sozialen Kontext der Fundamentalopposition“ (S. 17) einer europäischen Bohème seit dem 19. Jahrhundert gestellt zu haben. Der Horizont sozialhistorischer Biographieforschung wird damit erweitert. Insgesamt ist Reimanns Arbeit ein gelungener Beitrag der Historisierung kulturrevolutionärer Bewegungen in der alten Bundesrepublik.

Anmerkungen:
[1] Detlef Siegfried, Stars der Revolte: Die Kommune 1, in: Daniela Münkel / Lu Seegers (Hrsg.), Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert. Deutschland, Europa, USA, Frankfurt am Main 2008, S. 229-246.
[2] Dieter Kunzelmann, Leisten Sie keinen Widerstand – Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998, S. 110.

Zitation
Uwe Sonnenberg: Rezension zu: Reimann, Aribert: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler. Göttingen 2009 , in: H-Soz-Kult, 04.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13964>.
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04.03.2010
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