J. Zimmermann: Pflicht zum Untergang

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Titel
Pflicht zum Untergang. Die deutsche Kriegführung im Westen des Reiches 1944/45


Autor(en)
Zimmermann, John
Erschienen
Paderborn 2009: Schöningh
Umfang
526 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wigbert Benz, Werner-von-Siemens-Schule Karlsruhe

Während die Zahl der Studien zum deutschen Krieg im Osten schon seit Jahren ganze Bibliotheken füllt und der Strom dieser Veröffentlichungen unverändert andauert [1], bleibt das Quantum wissenschaftlicher Arbeiten zum Krieg im Westen, vor allem im letzten Kriegsjahr, doch sehr begrenzt. Das erscheint schon deshalb befremdlich, weil in dem knappen Zeitraum von der Invasion der Alliierten im Juni 1944 bis zur Kapitulation im Mai 1945 noch zweieinhalb Millionen deutsche Soldaten ihr Leben verloren, so viele wie in den fünf Kriegsjahren vorher zusammen. Ganz zu schweigen von den in den letzten zwölf Kriegsmonaten 600.000 umgekommenen deutschen Zivilisten und acht Millionen durch den Luftkrieg obdachlos Gewordenen. Dass diese „Pflicht zum Untergang“, zum Massensterben im Land des Aggressors, letzten Endes ein fatalistisches Verhalten der Verantwortlichen in Politik und Militär auf der Basis der strukturellen Defizite des Regimes widerspiegelt, war bislang die vorherrschende Forschungsauffassung. Noch eine 2005 ebenfalls vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt veröffentlichte Studie zu den letzten Kriegsjahren kam zu dem Schluss: „der Kampf der Wehrmacht folgte keiner rationalen Logik, keinem politischen und strategischen Kalkül“ und entfaltete durch die nun entstehende „Eigendynamik des Krieges einen unkontrolliert freien Lauf in den Untergang“.[2]

Auf der Basis einer immensen, aber schwierigen, weil aus vielen zunächst unzusammenhängenden Puzzleteilen bestehenden Quellenbasis schreibt John Zimmermann, Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam, nun die erste grundlegende Gesamtdarstellung dieser letzten zwölf Kriegsmonate bis zum Zusammenbruch. So fand er im Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA) Freiburg kaum noch zu überschauende Aktenberge, die punktuell mit seinem Thema zu tun hatten, aber ein Bestand, der sich gezielt mit dem Kriegsende und seinem zeitlichen Verlauf auseinandersetzte, existiert nicht. Zwar konnte er auf entsprechende Studien zugreifen, die einzelne Befehlshaber im Auftrage der „Historical Division“ anfertigten, die aber aufgrund ihrer apologetischen Implikationen mit anderen Dokumenten quellenkritisch abgeglichen werden mussten, was in noch größerem Umfang für die nach Kriegsende verfassten Memoiren der deutschen Generäle gilt. Durch dieses gegenseitige Aufeinanderbeziehen und Abgleichen, unter anderem auch mit den Beständen des Public Record Office (PRO) in London, gelingt es Zimmermann dann doch überzeugend, aus der Flut an Material das Wesentliche für seine Arbeit herauszufiltern.

Die Kernfrage seiner Studie lautet, warum die Wehrmacht den Kampf, der spätestens Mitte 1944 aussichtslos geworden war, auch im Westen bis zum katastrophalen Ende fortführte. Dieses Erkenntnisinteresse berührt sowohl die Lagebeurteilungen der Generalität als auch ihre professionellen Qualitäten, ihre Motive und ihre Handlungsspielräume. Zimmermann steckt zunächst den politischen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Rahmen ab, der für die letzten Monate im Westen von Relevanz war, die militärische Lageentwicklung ebenso wie die Rolle des NS-Propaganda- und Terrorapparates sowie den immer schlechter werdenden personellen und materiellen Zustand der deutschen Truppen, ehe er die Motive und Motivationen nicht nur der politischen und militärischen Führung, sondern auch der einfachen Soldaten und der Frauen untersucht.

Nach Zimmermanns Ergebnissen war dem Offizierskorps und auch der deutschen Bevölkerung spätestens nach den Niederlagen im Sommer 1944 die unabwendbare endgültige Niederlage klar. Professionelles Handeln der militärischen Führung hätte also darin bestehen müssen, zum Schutz von Heimat und Bevölkerung sinnlos gewordene Kämpfe zu vermeiden und so gut es geht auf eine Beendigung des Krieges hinzuarbeiten. Professionelles Handeln bestand nun aber in den Augen des Offizierskorps nicht darin, weitere Millionen von Toten, Verwundeten, Flüchtlingen und Obdachlosen zu vermeiden. Sie verkehrten den notwendigen Schutz der Heimat ins Gegenteil, weil sie über die Kapitulation hinausdachten und als Teil der Funktionseliten frühzeitig ihre Chance suchten, auch nach dem Krieg unter anderen Bedingungen wieder gebraucht zu werden, indem sie ihre handwerklichen Fähigkeiten selbst unter den widrigen Bedingungen der letzten Kriegsphase unter Beweis stellten. Dazu bedienten sie sich, wie Zimmermann dezidiert nachzeichnet, schon in der Weimarer Republik vorhandener Pläne, die unter anderem durch einen Vortrag Joachim von Stülpnagels aus dem Jahre 1924 belegt werden. Oberstes Credo war die Verhinderung der Situation von 1918. Weiterkämpfen unter allen Umständen galt als Devise. Dazu sollte praktisch alles als Hindernis oder Kampfmittel ausgenutzt werden, bis zur Vernichtung der Infrastruktur, der eigenen Häuser, Dörfer und Städte.

Während aber die Pläne der 1920er-Jahre einen Zeitgewinn für die Aufstellung neuer kampfkräftiger Truppen zum Ziel hatten, ging es nun um die Demonstration militärischer Kompetenz, in der Hoffnung auf das spätere Verständnis der Gegner und der Chance, mit eben dieser Kompetenz auch nach Kriegsende wieder gefragt zu sein. Während die einfachen Soldaten hauptsächlich weiterkämpften, um im tatsächlichen oder vermeintlichen Schutz der soldatischen Gemeinschaft Gefahren nicht allein gegenüberzustehen und Sanktionen zu vermeiden, wurden die Offiziere nicht nur mit Strafen an einer Einstellung der Kämpfe gehindert, sondern auch durch ein bis zuletzt existierendes, ausuferndes Dotations-, Beförderungs- und Belobigungssystem motiviert und korrumpiert. Die Rede von der Pflichterfüllung diente der Rechtfertigung. Die „Pflicht zum Untergang“ führte eben nicht zum Untergang der militärischen Eliten, sondern der Kampf bis zur letzten Patrone machte den Mythos der kampfkräftigen, unpolitischen und loyalen, sich bis zum Schluss heldenhaft „verteidigenden“ Wehrmacht möglich. Es sollte eine Heldengeschichte geschrieben werden, an der sich nachrückende Generationen noch stolz orientieren würden. Zimmermann verweist darauf, dass dieses Ziel zumindest partiell erreicht wurde. Zum einen stuften die Besatzer und späteren Beschützer diese „scheinbaren Werte und Tugenden für die neue Konfrontation im bipolaren Konflikt zwischen Ost und West als nützlich ein“ (S. 472). Zum anderen galt die Wehrmacht bis in die 1990er-Jahre als im Kern saubere, kampfkräftige und einem zeitlosen soldatischen Ethos verpflichtete militärische Organisation.

Es ist ein großes Verdienst der Studie John Zimmermanns, gängige Klischees von Befehl, Gehorsam und Pflichterfüllung nicht nur hinterfragt, sondern auch neue Sichtweisen gewagt und überzeugende Antworten gefunden zu haben. Dass die letzten Endes karriereorientierte Haltung der Mehrheit des Offizierskorps den Durchhalteparolen der NS-Führung in die Hände spielte, ist evident. Zimmermann stellt aber auch klar, dass es eine wie auch immer geartete Dichotomie der Haltungen und Einstellungen von Männern und Frauen oder auch von der politischen und militärischen Führung auf der einen und der Zivilbevölkerung auf der anderen Seite nicht gab. Für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung – das gilt für Männer wie Frauen – war zwar der Krieg irgendwann zwischen September 1944 und Mai 1945 verloren, doch gerade dem NS-Regime wurde eben nicht das Vertrauen entzogen. Dies erklärt den bis heute verstörenden Umstand, warum ein großer Teil der Deutschen bis weit in die Nachkriegszeit an den vermeintlich guten Seiten des Nationalsozialismus festhalten wollte und die Verbrechen im Wesentlichen auf die absolute Führungsspitze zu begrenzen suchte.

Anmerkungen:
[1] Wissenschaftliche Literatur zum Ostkrieg bis zum Jahre 2000 wird gelistet, reflektiert und vorgestellt von Rolf-Dieter Müller / Gerd R. Ueberschär, Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht. Darmstadt 2000; zu den in den letzten Jahren hinzugekommenen neuen Forschungsergebnissen vgl. die instruktive Einleitung von Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2008.
[2] Andreas Kunz, Wehrmacht und Niederlage. Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944 bis 1945, München 2005, S. 328.

Zitation
Wigbert Benz: Rezension zu: Zimmermann, John: Pflicht zum Untergang. Die deutsche Kriegführung im Westen des Reiches 1944/45. Paderborn 2009 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13998>.
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05.02.2010
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