A. Hartmann: Zwischen Relikt und Reliquie

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Titel
Zwischen Relikt und Reliquie. Objektbezogene Erinnerungspraktiken in antiken Gesellschaften


Autor(en)
Hartmann, Andreas
Erschienen
Berlin 2010: Verlag Antike
Umfang
846 S.
Preis
€ 109,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Antike Erinnerungsforschung in heutiger Zeit dürfte in sehr hohem Maße auf die von Traditionsquellen bereitgestellte Überlieferung angewiesen sein; man denke bei den Bezügen zwischen Überlieferung und Erinnerung nur an die Bedeutungen des Wortfeldes memoria.[1] Dies leuchtet für die Geschichtsschreibung im Allgemeinen durchaus ein, ist aber auch bei „objektbezogenen Erinnerungspraktiken antiker Gesellschaften“ als „Reaktion der antiken Menschen auf echte Überreste der Vergangenheit“ und „Konstruktion geglaubter Überreste als materielle Konkretionen tatsächlicher oder intentionaler Geschichte“ (S. 18) nicht anders. Diesem Gegenstand widmet sich Andreas Hartmann in seiner – vorsichtig formuliert – materialreichen Studie. Er konzentriert sich auf den Umgang der Antike mit Überresten als Trägern zuerkannter Bedeutungen, doch ist dieser Umgang zumeist nur in antiken Traditionsquellen, also „im Spiegel einer nachgelagerten literarischen Erinnerungskultur“ (S. 16), greifbar. Zudem leistet er diese Untersuchung für so unterschiedlichen Bedingungen unterliegende Kulturen wie die Griechenlands und Roms und bezieht sogar noch den christlichen Umgang mit Überresten in der Spätantike ein: Damit legt er zu dieser Frage also eine umfassende Gesamtstudie vor, die – bei allen Differenzen zwischen den unterschiedlichen Gesellschaften – doch auf deren Gemeinsamkeiten ausgerichtet ist.

Abgesehen von den divergierenden Gesellschafts-, Verfassungs- und allgemeinen Zeitbedingungen, scheint nicht zuletzt angesichts der Fülle und der Verschiedenheit des Materials die Systematisierung des jeweiligen Umgangs mit den Erinnerungsobjekten auf Schwierigkeiten zu stoßen. Erinnerung ist schließlich bildungs- und standpunktabhängig, insofern eine recht individuelle Leistung und gerade deshalb einer Verallgemeinerung nicht ohne große Vorsicht zugänglich. Dieser Problematik sucht Hartmann unter Hinweis auf „das Aufzeigen eines Rahmens des innerhalb eines spezifischen kulturellen Systems […] grundsätzlich Möglichen bzw. Denkbaren“ (S. 28) zu begegnen, will damit also aus den überlieferten Beispielen Schlüsse ziehen, die in die Richtung einer Verallgemeinerung zielen, ohne diese zu überdehnen. Sehr präzise ist das zunächst nicht; auch ist angesichts der von ihm selbst vorgebrachten Bedenken fragwürdig, wie weit er guten Gewissens die Verallgemeinerung der Einzelphänomene treiben darf.

In Anbetracht einer solchen Ausgangslage ist den methodischen Prämissen erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. In dieser Beziehung bleibt Hartmann sehr pragmatisch: Er geht von Anregungen Ciceros (fin. 5,2) zu Bezügen zwischen Objekt und Erinnerung zum Zweck der Vergegenwärtigung aus, spricht Leistungen und Grenzen der Authentizität ebenso wie selektive Wahrnehmung und Intentionalität an. Diese Beobachtungen konfrontiert er recht summarisch mit „jenen Zweigen der neueren Forschung, die sich der Erforschung dessen widmen, was man als kollektives, soziales oder kulturelles Gedächtnis bezeichnet hat“ (S. 35), um sein Anliegen angemessen in modernen Ansätzen der Erforschung von Erinnerungskulturen zu verankern und zugleich Maurice Halbwachs’ Konzeption eines kollektiven Gedächtnisses gegen Leopold von Rankes ereignisgeschichtlich ausgerichtetes Geschichtsverständnis auszuspielen. Abgesehen davon, dass hiermit Leistungen des Historismus auf ein allzu schmales Segment reduziert werden, wäre eine genauere Differenzierung zwischen den verschiedenen Ansätzen und Beiträgen zur Erinnerungsforschung sicher vorteilhaft gewesen, um dem eigenen Ausgangspunkt methodisch-theoretisch ein schärferes Profil zu verleihen. Unter Einsatz eines solchen Selektionsinstruments hätte Hartmann die ungeheure Stofffülle, die er verarbeitet und vorgestellt hat, zugunsten einer knapperen Darstellung ohne qualitative Einbußen bändigen können. Dies ist aber nicht sein Ziel. Zu theoretischen Positionen begnügt er sich mit kurzen Feststellungen und Hinweisen, oftmals in Fußnoten unter Verweis auf Literatur. Seine Aufmerksamkeit gilt anderen Dingen, hinter denen freilich durchaus sichere theoretische Grundlagen aufscheinen.

Die eigentliche Leistung dieser Darstellung liegt in der umfassenden Dokumentation: Die um Vollständigkeit bemühte Vorstellung des in vier Kapiteln ausgebreiteten Materials der objektbezogenen Erinnerungspraktiken bestimmt ungeachtet gelegentlicher Hinweise auf Fortlassung eigentlich behandelnswerter Aspekte (vgl. etwa S. 468, 497 u. 667) den Inhalt dieses voluminösen Buches. Der umfangreichste Abschnitt hat den „Umgang mit Relikten“ zum Gegenstand (S. 52–408). Hier geht es zunächst um Identifikation und Authentifikation von Relikten, die oftmals unverstanden blieben und, „sobald ihre ursprüngliche Bedeutung aus dem kommunikativen Gedächtnis verschwunden ist, in vielen Fällen neue Bedeutungen aus dem Bestand des kulturellen Gedächtnisses an sich ziehen“ (S. 83). Das gilt – um nur zwei Beispiele zu nennen – für die deutende Einordnung von Überresten der mykenischen Kultur ebenso wie für die von Fossilien, indem sie etwa mit Mythen in Verbindung gebracht wurden. An die Deutung schließen sich Ausführungen über Sammlung und Ausstellung von Relikten etwa in Tempeln oder in der Öffentlichkeit an. Zur Sprache kommen ferner der Handel mit Relikten, der Ausbau von Gedenkstätten, die Konservierung von Relikten und unterschiedlichste Maßnahmen zum Schutz von Denkmälern. Zentrale Gesichtspunkte bietet das Unterkapitel zum antiken Tourismus, etwa die Besichtigungsreise durch Ägypten oder durch Griechenland, das seit dem 2. Jahrhundert v.Chr. von Römern auf der Suche nach dem „alten“ Hellas entdeckt wurde. Für eine solche Suche nach der Vergangenheit im Kontext gegenwartsbezogener politischer Ambitionen standen bestimmte Städte wie Troia und Lavinium. Ob man das spätantike Rom in derartige Tendenzen zur Musealisierung von Städten einbeziehen kann, ist inzwischen hochumstritten; von dem eher Kontinuitäten verfolgenden Autor in diesem Zusammenhang nicht untersuchte zeitbedingte Veränderungen der Funktion von memoria in der Spätantike lassen daran denken, dieses Konzept für Rom abzulehnen.[2] Weitere Aspekte des Umgangs mit Relikten sind Translationen von Gebeinen (wie denen des Orestes und des Theseus) sowie vielfach und in unterschiedlichsten Kontexten überlieferte, von Hartmann differenziert dargestellte und schließlich mit Konstantin christianisierte kultische Verehrung mythischer und historischer Persönlichkeiten am Grab; ergänzend treten noch der Verstorbenen entgegengebrachte Kult außerhalb des Grabes und überlieferte Wunder hinzu.

Im Kapitel „Überreste der Vergangenheit in der antiken Literatur“ (S. 409–496) geht es um die Funktionalisierung der Relikte in der Überlieferung. Hartmann thematisiert hier die Auswirkung der Bedeutung von Relikten auf das Verhältnis von Mythos und Geschichte und untersucht die Rolle von Überresten (wie zum Beispiel der spolia opima) in der antiken Geschichtsschreibung. Auf dieser Grundlage geht er sodann auf die „Bedeutung und Funktion von Relikten“ (S. 497–592) ein, unter denen er Identitätsstiftung, Schutz und Rettung vor vielfältigen Gefahren sowie Legitimation durch Tradition besonders hervorhebt. Das letzte Kapitel „Von Athen nach Jerusalem: neue Erinnerungen in alten Formen“ (S. 593–660) gilt dem spezifisch christlichen Verständnis bestimmter Relikte in der Spätantike. Die Heiliglandwallfahrten boten Anknüpfungspunkte an jüdische Traditionen im Umgang mit Gedächtnisorten, aber auch an pagane Reisepraxis und mündeten in die Christianisierung der vorhandenen Erinnerungstopographie ein. Als einen wichtigen Gesichtspunkt stellt Hartmann Parallelen zwischen paganen Heroenkulten und christlichem Heiligen- bzw. Märtyrerkult heraus. Allerdings nimmt Hartmann im Licht neuerer Forschungen [3] Abstand von der alten These der Kontinuität zwischen heidnischem und christlichem Totenkult. Zwar kann anhand der Verehrung für die Hinterlassenschaften der paganen Heroen und der christlichen Heiligen der fließende Übergang zwischen Relikt und Reliquie verdeutlicht werden, doch sieht Hartmann für den christlichen Reliquienkult eher Anleihen bei antiken Praktiken der Magie als beim Heroenkult.

Schließlich liefert Hartmann zur Selbstvergewisserung und Einordnung der geleisteten Arbeit einige Überlegungen zu den Überresten und ihrer Bedeutung für die Erinnerungspraxis der antiken Gegenwart nach („Ergebnisse und Kontexte“, S. 661–670). Dabei reflektiert er die Kommunikationszusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart [4] mittels der Relikte und somit die Bemühungen um Identitätskonstruktion und Legitimation bei Griechen wie Römern durch die Rezeption von Zeugnissen aus alter Zeit. Er weist auf die sich dabei ergebende Schnittmenge memorialer und religiöser Bezüge hin, die sich in kultischer Praxis verdichten; daher war auch „das Christentum hinsichtlich der Phänomene Pilgerwesen und Reliquienkult innerhalb des konzeptionellen Rahmens paganer Religiosität der Hohen Kaiserzeit fassbar und verständlich“ (S. 665). Der im Relikt enthaltene Anspruch auf Wahrheit des Vergangenen ermöglicht dessen Vergegenwärtigung durch Erinnern; erst darüber hinausführende Vorstellungen können das Relikt zur Reliquie machen.

Theoretische Überlegungen spielen in dieser Studie keine prominente Rolle. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die mit Tendenz zur vollständigen Erfassung des Materials vorgestellten objektbezogenen Erinnerungspraktiken in Griechenland und Rom. Diese sind nach plausiblen Kriterien wohlgeordnet und in der logischen Folge vom Umgang mit Relikten über ihre Rolle in der antiken Literatur bis zu ihrer Bedeutung und Funktion sowie der schließlichen Adaption des Gedenkens mit Hilfe von Relikten und Reliquien durch das Christentum ausführlich dargestellt. Dabei scheint die Absicht zugrunde zu liegen, die Genese des christlichen Umgangs mit Erinnerungsobjekten aus den paganen Praktiken im Vergleich zu entwickeln, auch wenn das entsprechende Kapitel mit etwa 70 Seiten vergleichsweise kurz ausfällt. Hartmann bedenkt zwar durchaus die Unterschiede, die zwischen griechischem und römischem, zwischen paganem und christlichem sowie zwischen antikem und modernem Umgang mit Erinnerungsobjekten bestehen, dokumentiert demgegenüber aber weitaus deutlicher als die Brüche die Analogien, wenn nicht die Kontinuitätslinien – anders als etwa Steffen Diefenbach, der mit seinem Ansatz zur Erforschung der christlichen memoria in der Stadt Rom und ihrer Veränderungen gegenüber dem paganen Umgang mit Erinnerung ein zunehmendes Potential ausmacht, das nach und nach zur Ablösung der Antike durch eine neue Epoche führt. So dokumentieren beide Althistoriker auf je eigene Weise zugleich die Verankerung des Christentums in der Antike und dessen Mitwirkung an der Entstehung einer neuen Zeit.

Gerade in seinen vielfältigen Einzelheiten bietet Hartmanns Werk zahlreiche Anregungen, wirkt aber gelegentlich auch ausufernd, als ob sich der Stoff mit Mühe nur hätte bändigen lassen. Ungeachtet dessen nötigt die Leistung Respekt ab: die Durchmusterung des reichhaltigen Quellenbestandes ebenso wie die Bewältigung fast unübersehbarer Literatur, die in einem Verzeichnis von 140 Seiten – leider ohne sachliche Binnengliederung – zusammengestellt ist. Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis und Register erschließen die Studie gut. Damit empfiehlt sie sich als praktisches Nachschlagewerk zu behandelten Einzelthemen. Wer dem Thema insgesamt und seiner Fragestellung nach dem Umgang mit und der Deutung von Relikten und Reliquien in aktueller kulturwissenschaftlicher Perspektive nachgehen will, wird auf der Suche nach geschichtsbildformenden Kräften in der Antike auch die gesamte Abhandlung mit Gewinn lesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Dieter Timpe, Memoria und Geschichtsschreibung bei den Römern, in: ders., Antike Geschichtsschreibung, hrsg. v. Uwe Walter, Darmstadt 2007, S. 64–85.
[2] Vgl. Steffen Diefenbach, Römische Erinnerungsräume, Berlin u.a. 2007, S. 23 u. 113; Ralf Behrwald, Die Stadt als Museum? Die Wahrnehmung der Monumente Roms in der Spätantike, Berlin 2009.
[3] Vgl. Diefenbach, Erinnerungsräume, S. 38–80.
[4] Einschließlich der S. 662 mit Anm. 4 unter Berufung auf Uwe Walter, Memoria und res publica, Frankfurt am Main 2004, S. 24–26, angeführten Kritik an Jan Assmanns Konzeption der Trennung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf die griechisch-römische Antike.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Hartmann, Andreas: Zwischen Relikt und Reliquie. Objektbezogene Erinnerungspraktiken in antiken Gesellschaften. Berlin 2010 , in: H-Soz-Kult, 21.06.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14026>.
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21.06.2010
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