H. Berghoff u.a. (Hrsg.): Wirtschaft im Zeitalter der Extreme

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Titel
Wirtschaft im Zeitalter der Extreme. Beiträge zur Unternehmensgeschichte Österreichs und Deutschlands. Im Gedenken an Gerald D. Feldman


Hrsg. v.
Berghoff, Hartmut; Kocka, Jürgen; Ziegler, Dieter
Erschienen
München 2010: C.H. Beck Verlag
Umfang
415 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Hilger, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der amerikanische Historiker Gerald D. Feldman (1937–2007) gehörte zu den angesehensten Vertretern der internationalen Wirtschafts- und Sozialgeschichtsschreibung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Als Professor an der University of California in Berkeley zählte er seit den 1960er-Jahren, zusammen mit Hans Rosenberg, zu den Begründern der "New Critical History".[1] Wie bei nur wenigen seiner Landsleute verbindet sich Feldmans umfangreiches wissenschaftliches Lebenswerk mit Forschungen zur Wirtschafts-, Banken- und Unternehmensgeschichte Deutschlands und Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es kann darum kaum verwundern, wenn vor allem deutsche Freunde und Weggefährten nun eine Gedenkschrift vorlegen, die zeitlich und inhaltlich überwiegend die wichtigsten Forschungsfelder des Historikers – die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs und der Nachkriegsinflation, die Geschichte der Großbanken in der Zwischenkriegszeit und die Geschichte von Unternehmen und Unternehmern in der Zeit des Nationalsozialismus – berühren.

Themengebiete wie diese lassen sich trefflich unter das von Eric Hobsbawm geprägte Bild vom "Zeitalter der Extreme"[2] fassen, obgleich der Band darüber hinaus keinerlei Auseinandersetzung mehr mit den Hobsbawm’schen Arbeiten bietet. Eher fallen biographische Parallelen zwischen den beiden Ausnahmegelehrten ins Gewicht, ihre jüdische Abstammung und der gemeinsame Fokus auf die Auflösung des "alten Europa", weniger wohl teilte Feldman die marxistische Orientierung Hobsbawms.

Doch ist dies ist nicht Gegenstand des Sammelbandes. Vielmehr geht es darum, einen Historiker und sein Lebenswerk zu ehren, das mit der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen der Wendepunkte der Moderne beschrieb. Insbesondere "The Great Disorder", Feldmans rund 1.000 Seiten umfassende Analyse der deutschen Inflation der Nachkriegszeit, gehört verdientermaßen zu den Standardwerken der Geschichtsschreibung.[3] Sie zeigt, was Wirtschaftsgeschichtsschreibung leisten kann, wenn sie, kompetent, einfühlsam und mit Blick für das Ganze, Politik, Gesellschaft, Kultur und Mentalitäten, die "öffentliche Moral" (Jürgen Kocka, S. 13), in die Betrachtung mit einbezieht. Und zu welchen Antworten sie kommen kann auf die "Frage, […] warum es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so schwierig und letztlich erfolglos war, in Deutschland eine krisenfeste demokratische politische und gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, warum es nicht gelang, die autoritären, nationalistischen, militaristischen und auch antisemitischen Grundeinstellungen der großen Mehrheit der Deutschen zu überwinden" (Reinhard Rürup, S. 245).

Der anzuzeigende Sammelband geht zurück auf eine von den Herausgebern in Kooperation mit der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und der Deutschen Bank sowie der Dresdner Bank organisierte Gedenkveranstaltung für Gerald Feldman, die im Oktober 2008 in Berlin stattfand. Die Publikation gliedert sich im Anschluss an die von Jürgen Kocka verfasste Würdigung mit jeweils neun Beiträgen in zwei chronologisch determinierte Teilbereiche, nämlich die Jahrtzehnte vom späten 19. Jahrhundert bis zur Weltwirtschaftskrise und die Zeit des "Dritten Reichs". Sie bilden, wie in Sammelbänden wohl selten zu vermeiden, eine heterogene Mischung von unterschiedlichem Umfang und abweichender Qualität. Nicht jeder Autor/jede Autorin verfügt über das Feldman’sche Themengespür, seine didaktische Kompetenz oder auch den sprachlichen Esprit. Doch demonstriert die Bandbreite der Beträge und auch der Autoren und Autorinnen, unter denen sich neben etablierten Kollegen und Angehörigen des so genannten wissenschaftlichen Nachwuchses auch Archivare finden, die von den Herausgebern in ihrem Vorwort gewürdigte Offenheit Gerald Feldmans (S. 8). Anstelle des fünf Seiten umfassenden biographischen Anhangs zu den Autoren hätte dem ansonsten redaktionell gut betreuten Band allerdings eher ein ausführliches Werkverzeichnis der Feldman'schen Schriften angestanden, das Fest- und Gedenkschriften üblicherweise auszeichnet.

Dem Gedenkschriftencharakter mag es auch geschuldet sein, dass die Herausgeber sich thematisch und teilweise auch inhaltlich überschneidende Beiträge, etwa zur Geschichte der Kriegsgesellschaften im Ersten Weltkrieg (Harald Wixforth und Stefanie van de Kerkhof) wie auch zur Geschichte der "Arisierungen" im "Dritten Reich" (Christopher Kopper und Ingo Köhler), aufgenommen haben. Hier hätte eine Intervention zu einer stärkeren Differenzierung beitragen können.

Angesichts der großen Anzahl an Kontributionen sollen im Folgenden einige Beiträge herausgegriffen, die nicht nur Nähe zu Feldmans Oeuvre aufweisen, sondern sein Werk darüber hinaus als Forschungsauftrag verstanden haben. Dazu gehören für den ersten Teil etwa die quellengesättigten Detailstudien von Peter Hertner zu deutschen Auslandsinvestitionen in Argentinien, von Phil Cottrell zur österreichischen Wirtschaftsgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg oder zur deutsch-österreichischen Bankengeschichte in der Zwischenkriegszeit von Fritz Weber. Hier wird deutlich, dass gerade die Geschichtsschreibung zu transnationalen Kapitalbewegungen zwischen den Weltkriegen immer noch am Anfang steht.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus fällt in die späte Arbeitsphase von Gerald Feldman. Dabei profitierte er wie manch anderer Kollege von der Öffnung der privaten Archive von Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen, die insbesondere in seinen Beiträgen zur Unternehmensgeschichte der Deutschen Bank und der Allianz-Versicherung Niederschlag fand.[4] Wie Johannes Bähr seinen Beitrag "zum persönlichen Faktor im unternehmerischen Handeln der NS-Zeit" einleitet (S. 275), gehörte Feldman zu denjenigen Historikern, die neben dem Bemühen um eine typisierte, vom ökonomischen Kalkül geprägte unternehmerische Handlungslogik auch individuelle Handlungsmuster im Sinne einer "moralische[n] Ökonomie unternehmerischen Handelns" in den Fokus nahmen.[5] Ähnlich bricht auch der von Bähr durchgeführte Vergleich zwischen Paul Reusch und Friedrich Flick mit dem zuletzt vielfach bemühten Schema von staatlichem Anreiz und unternehmerischem Kalkül, da sich Beziehungs- und Kontaktpflegeusancen, Personalentscheidungen wie auch die Partizipation an "Arisierungs-"-Maßnahmen "zu einem erheblichen Teil" auf "individuelle Dispositionen" zurückführen ließen (S. 296).

Die wissenschaftliche Öffentlichkeit verbindet mit dem Namen Gerald D. Feldmans vorrangig wirtschafts- und unternehmensgeschichtliche Forschungen. Indessen engagierte sich der Historiker, wie Reinhard Rürup in seinem Beitrag unterstreicht, auch für die "Erforschung der NS-Wissenschaftsgeschichte" (S. 246).[6] Wie so oft in Feldmans Werk standen dabei nicht nur politisch-systemische, sondern individuelle, letztlich menschliche Fragen der persönlichen Moral im Vordergrund. Diese Haltung machte ihn zu einem Ausnahmegelehrten, der – der vorliegende Band unterstreicht dies eindrucksvoll – nicht zuletzt aufgrund seines "Ethos als Wissenschaftler", eines "Ethos der Genauigkeit, der Verlässlichkeit, der Fairness und der Kontextualisierung" (S. 17), Vorbild und Orientierung bot und weiterhin bieten wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe den Nachruf von Margaret Lavinia Anderson, Thomas A. Brady und John Connelly, In Memoriam Gerald D. Feldman. Jane K. Sather Professor of History, Emeritus. UC Berkeley. 1937 – 2007, in: <http://www.universityofcalifornia.edu/senate/inmemoriam/geraldfeldman.html> (30.01.2011).
[2] Eric Hobsbawm, Age of Extremes. A History or the World, 1914-1991, London 1994.
[3] Gerald D. Feldman, The Great Disorder. Politics, Economics, and Society in the German Inflation, 1914-1924, Oxford 1997.
[4] Gerald D. Feldman, Einleitung, in: Lothar Gall u.a., Die Deutsche Bank 1870-1995, München 1995, S. XIII-XXI; ders., Die Deutsche Bank vom Ersten Weltkrieg bis zur Weltwirtschaftskrise 1914-1933, in: ebd., S. 138-314; ders., Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft 1933-1945, München 2001.
[5] Feldman, Allianz, S. 11.
[6] Gerald Feldman, Historische Vergangenheitsbearbeitung. Wirtschaft und Wissenschaft im Vergleich, Berlin 2003.

Zitation
Susanne Hilger: Rezension zu: Berghoff, Hartmut; Kocka, Jürgen; Ziegler, Dieter (Hrsg.): Wirtschaft im Zeitalter der Extreme. Beiträge zur Unternehmensgeschichte Österreichs und Deutschlands. Im Gedenken an Gerald D. Feldman. München 2010 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14141>.
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Veröffentlicht am
02.03.2011
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